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Covid-19: Die Generation »Pandemie«

Hat die Pandemie Auswirkungen auf Hirnentwicklung und Verhalten von Babys und Kleinkindern? Viele Entwicklungspsychologen sammeln Hinweise, für verlässliche Schlussfolgerungen ist es aber noch zu früh.
Mädchen und Erzieherin mit Gesichtsmasken spielen in Zeiten der Pandemie

Als das Coronavirus sich zum ersten Mal auf der Kinderstation von Dani Dumitriu eingeschlichen hatte, achtete die Kinderärztin wie viele Kollegen zunächst vor allem auf die Folgen und Nebenwirkungen der Infektion. Immerhin ist bekannt, dass manche Viren, etwa Zika, Neugeborenen schaden können. Die meisten Babys im Krankenhaus stecken Covid-19 recht gut weg, stellte Dumitriu wie andere Mediziner erleichtert fest.

Bald darauf allerdings verdichtete sich ein schwer fassbarer, aber Besorgnis erregender Trend. Dumitriu hatte mit ihrem Team am Presbyterian Morgan Stanley Children’s Hospital in New York City Daten ausgewertet, die sie über zwei Jahre hinweg gesammelt hatten: Seit Ende 2017 beobachte das Team Entwicklung, Kommunikationsverhalten und motorische Fähigkeiten von bis zu sechs Monate alten Säuglingen.

Es könne sich womöglich lohnen, die Ergebnisse von vor und während der Pandemie geborenen Kindern zu vergleichen, dachte Dumitriu. So bat sie ihre Kollegin Morgan Firestein von der Columbia University, nach etwaigen Unterschieden bei der neurologischen Entwicklung zwischen beiden Gruppen zu schauen.

Nach ein paar Tagen später rief Firestein ziemlich aufgeschreckt zurück. »Sie sagte: ›Wir stecken in einer Krise! Keine Ahnung, was wir tun sollen: Die Pandemie hat einen Einfluss, und zwar einen erheblichen!‹«, erinnert sich Dumitriu. Sie schlug sich einige Nächte um die Ohren und analysierte die Daten. Tatsächlich schnitten die während der Pandemie geborenen Kinder bei Tests der Grob- und Feinmotorik sowie der Kommunikationsfähigkeiten im Durchschnitt schlechter ab als vor der Pandemie zur Welt gekommene Gleichaltrige. Bei beiden Gruppen hatten die Eltern Daten mit Hilfe eines vorgegebenen Fragebogens gesammelt.

Wie tödlich ist das Coronavirus? Was ist über die Fälle in Deutschland bekannt? Wie kann ich mich vor Sars-CoV-2 schützen? Diese Fragen und mehr beantworten wir in unseren FAQ. Ausführliche Antworten zu den Varianten lesen Sie hier. Mehr zum Thema finden Sie auf unserer Schwerpunktseite »Wie das Coronavirus die Welt verändert«. Die weltweite Berichterstattung von »Scientific American«, »Spektrum der Wissenschaft« und anderen internationalen Ausgaben haben wir zudem auf einer Seite zusammengefasst.

Für das Ergebnis spielte keine Rolle, ob die Eltern der Kinder selbst mit dem Virus infiziert waren oder nicht: Nicht die Ansteckung, sondern irgendeine pandemiebedingte Veränderung im Umfeld schien der Auslöser zu sein. Dumitriu war wie vor den Kopf geschlagen: »Wir dachten«, erinnert sie sich, »mein Gott, hier sprechen wir von hunderten Millionen Babys!«

Im Allgemeinen geht es vielen mit Sars-CoV-2 akut infizierten Kindern recht gut. Erste Forschungsergebnisse deuten aber darauf hin, dass der pandemiebedingte Stress während der Schwangerschaft die Entwicklung des Gehirns von Babys im Mutterleib womöglich negativ beeinflusst. Es könnte zudem sein, dass gestresste Eltern und Betreuer anders oder weniger mit ihren kleinen Kindern interagieren, was sich vielleicht auf die körperlichen und geistigen Fähigkeiten auswirkt. Wie so oft dürften soziale und wirtschaftliche Ungleichheiten eindeutig mit darüber bestimmen, wie stark Einzelne von den gesundheitlichen Nebenwirkungen der Pandemie betroffen sind.

Auch Lockdowns könnten einen Einfluss gehabt haben: Sie halfen zwar entscheidend mit, die Ausbreitung des Coronavirus zu kontrollieren; gleichzeitig zwangen sie aber junge Familien in eine größere Isolation, was womöglich zu weniger Zeit fürs gemeinsame Spielen mit Freunden und Geschwistern und zu selteneren Sozialkontakten geführt hat. Viele gestresste und überforderte Betreuer konnten sich Babys und Kleinkindern vielleicht nicht so ausgiebig widmen, wie es nötig wäre.

Zeit geben, die wichtig ist

Wie sich das alles auf die kindliche Entwicklung, die Eltern-Kind-Beziehungen und die Beziehungen zu Gleichaltrigen auswirkt – das wollten »alle gerade herausfinden«, sagt der Entwicklungspsychologe James Griffin: Jeder mache sich Sorgen. Ein paar Teams haben erste Untersuchungsergebnisse veröffentlicht; weitere Studien sind angelaufen, eindeutige Antworten sind aber schwer zu finden.

Das liegt nicht zuletzt daran, dass viele Forschungseinrichtungen für Entwicklungspsychologie während der Pandemie zugemacht haben. Nicht so das Advanced Baby Imaging Lab der Brown University: Es blieb in der Covid-19-Pandemie geöffnet – mit etwas weniger Besuchsverkehr und etwas hochgeschraubten Hygieneregeln. Der Medizinbiophysiker Sean Deoni und seine Kollegen untersuchen dort mit Hilfe der Magnetresonanztomografie (MRT) und anderer Techniken, wie Umweltfaktoren die Hirnentwicklung bei Säuglingen beeinflussen. Sie testen dabei die motorischen, visuellen und sprachlichen Fähigkeiten von Babys im Labor; ein Teil einer siebenjährigen Studie der National Institutes of Health der USA über frühkindliche Entwicklung und ihre Auswirkungen auf die spätere Gesundheit.

Im Lauf der Pandemie bekam Deoni nach und nach mehr Besorgnis erregende Kommentare von seinen Kollegen mit. »Unsere Mitarbeiter erzählten mir anekdotisch: ›Mann, diese Kinder brauchen viel länger für die Tests‹«, erinnert sich Deoni. Aufmerksam geworden, bat er sein Team, die durchschnittlichen Neuroentwicklungswerte der Kinder von Jahr zu Jahr systematisch zu vergleichen und nach Abweichungen zu suchen.

Es stellte sich heraus, dass die Resultate während der Pandemie deutlich schlechter ausfielen als in den Jahren davor. »Die Ergebnisse sausten ab Ende des letzten und Anfang dieses Jahres in den Keller«, sagte er Ende 2021. Beim Vergleich aller Teilnehmer schnitten die Pandemie-Babys bei einer Reihe von IQ-Test-ähnlichen Messungen um fast zwei Standardabweichungen schlechter ab als die vor Coronazeiten geborenen. Kinder aus einkommensschwachen Familien hatten die größten Einbußen, Jungen waren stärker betroffen als Mädchen, und insgesamt waren vor allem die grobmotorischen Fähigkeiten beeinträchtigt.

Zunächst nahm Deoni an, dass hinter den Ergebnissen eine Verzerrung auf Grund einer sehr speziell zusammengesetzten Gruppe von getesteten Kinder handelte: Hatten sich in der Pandemie vielleicht vor allem Familien für den Test beworben, bei deren Kinder schon Entwicklungsprobleme aufgefallen waren oder drohten? Das schloss Deoni im Lauf der Zeit aus: Die Kinder, die zur Untersuchung kamen, unterschieden sich in Herkunft, Geburtsereignissen oder sozioökonomischem Status nicht von den Teilnehmern früherer Jahre. Ihre Defizite, so ein Besorgnis erregender Trend in der Auswertung, häuften sich zudem mit der Dauer der Pandemie zunehmend an. »Das Ausmaß ist gewaltig. Einfach erschreckend«, sagt Deoni.

Wird das bleiben?

Die Auswirkungen wirken drastisch. Immerhin aber könnten sie nur vorübergehend sein. Überdies ließen sich Vorhersagen über langfristige Probleme daraus nicht ziehen, geben andere Forscher zu bedenken. Es sei echt schwer zu sagen, was das für die Zukunft der Babys bedeutet, sagt etwa die Entwicklungspsychologin Marion van den Heuvel von der Universität Tilburg in den Niederlanden. Denn: »Der IQ von Säuglingen sagt nicht viel voraus.« Das belegt etwa eine Studie zur Entwicklung von Mädchen, die in Rumänien zunächst in Waisenhäusern lebten und dann vor dem Alter von 2,5 Jahren von Pflegefamilien adoptiert wurden. Im Alter von 4,5 Jahren hatten diese seltener psychiatrische Probleme als Mädchen, die in Heimen untergebracht waren. Diese Situation unterscheidet sich von einer Pandemie, die Beobachtung lässt aber vermuten, dass Härten, die Babys erfahren, sich später ausgleichen könnten, wenn die problematischen Auslöser weggefallen sind.

»Das Ausmaß ist gewaltig. Einfach erschreckend«
(Sean Deoni, Biophysiker)

Deoni überarbeitet seine Ergebnisse gerade für eine Publikation in »JAMA Pediatrics«. Zunächst hatte er die Arbeit auf einem Preprint-Server veröffentlicht, worauf eine Flut besorgter Medienberichte und Reaktionen aus der Forschergemeinde laut wurden. Es herrschte »echte Besorgnis darüber, dass diese Ergebnisse ohne ordnungsgemäßes Peer-Review veröffentlicht wurden«, sagt Griffin, der die Entwicklungspsychlogische Abteilung des National Institute of Child Health und Human Development in Bethesda leitet.

Aber angenommen, die Ergebnisse entpuppen sich schließlich als stichhaltig: Warum überhaupt sollten die während der Pandemie geboren Babys kognitive und insbesondere motorische Defizite zeigen?

Deoni vermutet, die Probleme könnten auf einen Mangel an zwischenmenschlichen Interaktionen zurückzuführen sein. Er und sein Team überprüfen dies in noch nicht veröffentlichten Folgeuntersuchungen, bei denen der Umgang von Eltern und Kindern zu Hause dokumentiert wurde. Wie sich zeigt, sank die Zahl der zwischen Vater, Mutter und Kindern gewechselten Worte in den letzten zwei Jahren im Vergleich zur Zeit davor. Vielleicht, spekuliert Deoni, bekommen Säuglinge und Kleinkinder weniger Möglichkeiten zum Trainieren ihrer Grobmotorik als üblich, weil sie nicht regelmäßig mit anderen Kindern herumtollen oder auf Spielplätze gehen. Das wäre eine unglückliche Entwicklung, denn die dabei sonst trainierten Fähigkeiten »bilden ein Fundament für alle weiteren«, sagt Deoni.

Die Gefahr verlangsamter Entwicklung wegen eines Mangels an Interaktionen mit Gleichaltrigen scheint real, wie andere Forschungsergebnisse nahelegen. Für eine Anfang 2022 veröffentlichten Studie haben Forscher im Vereinigten Königreich 189 Eltern von Kindern im Alter von acht Monaten bis drei Jahren befragt, ob ihre Kinder während der Pandemie eine Kindertagesstätte oder eine Vorschule besucht haben, um dann die sprachlichen und exekutiven Fähigkeiten der Kinder zu testen. Diese schnitten besser ab, wenn sie während der Pandemie in einer Gruppe betreut worden sind.

Dies wirkte sich bei Kindern aus einkommensschwachen Schichten noch deutlich aus. Gefährdet scheinen neben diesen Kindern solche mit nicht weißer Hautfarbe. Passend dazu deuten mehr und mehr Forschungsergebnisse darauf hin, dass Fernunterricht bei Kindern im Schulalter die ohnehin bestehenden Lern- und Entwicklungsunterschiede weiter verstärken; etwa solche zwischen Kindern aus wohlhabenden und einkommensschwachen Verhältnissen oder unterschiedlicher Hautfarbe.

In den Niederlanden fanden Forscher heraus, dass Kinder im Jahr 2020 bei landesweiten Tests zum Lernfortschritt schlechter abschnitten als in den drei Jahren zuvor. Bei Kindern aus vom formalen Bildungssystem schwer erreichten Familien fiel der Effekt teils um 60 Prozent stärker aus.

In verschiedenen Subsahara-Staaten Afrikas – etwa Äthiopien, Kenia, Liberia, Tansania und Uganda – könnten manche Kinder den Lerninhalt von bis zu einem ganzen Schuljahr verloren haben, wie Untersuchungen zeigen. Für die USA hat eine Studie des Beratungsunternehmens McKinsey nach dem ersten Lockdown ergeben, dass Schüler mit nicht weißer Hautfarbe bei Schulbeginn im Herbst drei bis fünf Monate im Rückstand waren – und damit noch rund ein bis drei Monate mehr als ihre ebenfalls zurückhängenden Klassenkameraden mit weißer Hautfarbe.

Schadet das Tragen von Masken in Schule und Alltag?

Eine Reihe von Studien hat untersucht, ob die emotionale Entwicklung durch die allgegenwärtigen Gesichtsmasken verändert wurde. Kinder sahen sich pandemiebedingt in den Schulen oder anderen Gruppeneinrichtungen regelmäßig einem Mund-Nasen-Schutz gegenüber. Die Masken verdecken Teile des Gesichts, die für den Ausdruck und die optische Vermittlung von Gefühlen und Sprache wichtig sind – und so war wichtig zu klären, ob es die emotionale und sprachliche Entwicklung von Kindern beeinträchtigt, wenn diese Signale unter der Maske wegfallen.

Spielen und kommunizieren auch mit Maske | Kleine Kinder bemerken natürlich die Maske im Gesicht der Eltern – ein ernsthaftes Hindernis für die Kommunikation ist der Mund-Nasen-Schutz aber nicht, wie Forschungsergebnisse nahelegen.

Der Psychologe Edward Tronick von der University of Massachusetts in Boston ist durch E-Mails von Eltern und Kinderärzten mit dieser Frage geradezu bombardiert worden. Tronick ist für sein »Still Face«-Experiment berühmt: Er zeigte damit im Jahr 1975 die Reaktion von Säuglingen auf Eltern, die plötzlich nur noch mit einem eingefrorenen, starren Gesichtsausdruck mit den Babys interagierten. Typischerweise versuchen Säuglinge dann erst verstärkt, Aufmerksamkeit zu erlangen – anschließend aber ziehen sie sich, bei ausbleibendem Erfolg, allmählich immer mehr in sich zurück und reagierten zunehmend verstört und misstrauisch.

In der Pandemie untersuchte Tronick mit seiner Kollegin Nancy Snidman, ob Masken eine ähnliche Wirkung haben: In Experimenten werteten die Psychologen Smartphone-Videos aus, die Eltern bei der Interaktion mit ihren Babys vor, während und nach dem Aufsetzen der Gesichtsmasken zeigen. Zwar bemerkten die Babys, wenn ihre Eltern die Masken aufsetzten – sie änderten kurz ihren Gesichtsausdruck, schauten weg oder zeigten auf die Maske –, dann setzten sie die Interaktion mit ihren Eltern aber wie zuvor fort. Die Maske blockiere nur einen Kommunikationskanal, sagt Tronick: »Der Elternteil, der eine Maske trägt, vermittelt weiterhin: ›Ich interagiere mit dir, ich bin immer noch für dich da, ich bin immer noch mit dir verbunden‹.« Die Studie von Tronick und Snidman ist noch nicht abschließend von Fachkollegen geprüft worden.

Auch die Wahrnehmung von Sprache oder emotionalen Botschaften scheint durch Gesichtsmasken nicht allzu beeinträchtigt zu sein. Eine im Mai 2020 veröffentlichten Studie berichtet, dass Zweijährige Wörter gut verstehen, die Erwachsenen mit undurchsichtigen Gesichtsmasken sprechen. Kinder »kompensieren Informationsdefizite leichter, als wir denken«, sagt der Hauptautor der Studie, der Psychologe Leher Singh von der National University of Singapore. US-Forscher ermittelten, dass Kinder im Schulalter durch Gesichtsmasken zwar die Emotionen von Erwachsenen weniger leicht einordnen konnten: Das wird dann etwa so schwierig wie bei Erwachsenen mit Sonnenbrille. Im Wesentlichen aber gelangen den Kinder dennoch größtenteils zutreffende Schlussfolgerungen. »Es gibt viele andere Anhaltspunkte, die Kinder nutzen können, um die Gefühle anderer Menschen zu erkennen – etwa die Stimme, die Körperhaltung, den Kontext«, sagt Studienautorin Ashley Ruba von der University of Wisconsin-Madison.

Schwangerschaft und der Stress der Pandemie

Die Pandemie könnte auch die vorgeburtliche Entwicklung von Kindern beeinträchtigen. Nach Hinweisen in diese Richtung haben verschiedene Teams gesucht, auch die Psychologin Catherine Lebel, von der University of Calgary in Kanada. Mit ihren Kollegen befragte sie während der Pandemie mehr als 8000 Schwangere. Fast die Hälfte gab an, unter Angstsymptomen zu leiden, ein Drittel wies Symptome einer Depression auf – ein deutlich höherer Prozentsatz als in den Jahren vor der Pandemie. Wie wirkte sich dieser Stress auf die Babys im Mutterleib aus?

Um dies herauszufinden, untersuchten die Forscher das Gehirn von 75 Babys drei Monate nach der Geburt mit Hilfe von bildgebenden Verfahren im Magnetresonanztomografen. In ihrer im Oktober 2021 online gestellten Vorabveröffentlichung belegen sie einen Unterschied: Berichteten die Mütter von stärkerem pränatalem Stress wie häufigeren Angst- oder Depressionssymptomen, dann traten bei ihren Kindern auch häufiger bestimmte Unterschiede bei strukturellen Verbindungen im Hirn auf – jenen zwischen der Amygdala, einer Hirnregion, die an der emotionalen Verarbeitung beteiligt ist, und dem präfrontalen Kortex, einem Bereich, der exekutive Fähigkeiten verarbeitet.

Zuvor war Lebel und ihrem Team in einer kleineren Studie schon ein Zusammenhang zwischen pränataler Depressionen und den gleichen Unterschieden in der Gehirnkonnektivität aufgefallen. Sie vermuteten, dass diese Hirnveränderungen bei Jungen mit aggressivem und hyperaktivem Verhalten im Vorschulalter korrelieren. Andere Forschende haben Konnektivitätsveränderungen bei Erwachsenen untersucht: Dort scheint ein Risikofaktor für Depressionen und Angstzustände zu sein.

Auch die spätere Entwicklung von in der Pandemie ausgetragenen Kindern könnte durch pränatalen Stress beeinflusst sein. Darauf deuten Forschungsarbeiten wie eine Studie des Psychologen Livio Provenzi von der IRCCS Mondino Foundation im italienschen Pavia hin. Sein Team beobachtete zwölf Wochen alte Babys von Müttern, die Angaben zu ihrem Stress- und Angstpegel während der Schwangerschaft gemacht hatten. Die Auswertung zeigte, dass Babys mit stärker gestressten und verängstigten Eltern im Alter von drei Monaten Emotionen und Aufmerksamkeit weniger gut regulieren konnten – sie verloren etwa rascher das Interesse an sozialen Reizen und ließen sich schwerer beruhigen.

Moriah Thomason von der New York University Grossman School of Medicine untersucht ebenfalls die Auswirkungen vom mütterlichen Stress auf das kindliche Gehirn und Verhalten in einer eigenen Studie. Sie war Anfang 2022 noch nicht abgeschlossen. Einen Punkt hebt die Kinder- und Jugendpsychologin hervor: Zwar gebe es allerlei Bedenken über die möglichen Auswirkungen von pränatalem Stress auf in der Pandemie geborene Säuglinge – aber aus den ersten frühen Studien könne keineswegs abgeleitet werden, dass Babys für den Rest ihres Lebens Probleme haben werden. »Kinder sind sehr anpassungsfähig und flexibel. Die Lage wird sich bessern, und wir gehen davon aus, dass Kinder viele Geschehnisse werden gut verkraften können«, sagt Thomason. Sie erwarte nicht, irgendwann konstatieren zu müssen, die Pandemie habe eine ganze Generation geschädigter Kindern heranwachsen lassen.

Die Forschung über die Folgen von zurückliegenden Katastrophen scheint das zu bestätigen: Stress im Mutterleib kann demnach zwar schädlich für Babys sein, muss aber keine Auswirkungen auf Dauer haben. Das belegt etwa eine Studie zu den Folgen schwerer Überschwemmungen im australischen Queensland 2011: Kinder von im Zuge der Katastrophe erheblich gestressten Müttern fielen im Alter von sechs Monaten durch Defizite bei der Problemlösung und den sozialen Fähigkeiten auf, wenn sie mit Gleichaltrigen von wenig betroffenen Müttern verglichen wurden. Das änderte sich aber mit der Zeit: Im Alter von 30 Monaten war dieser Effekt nicht mehr erkennbar. Die Kleinkinder schnitten zudem umso besser ab, je mehr die Eltern auf die Bedürfnisse der Babys eingegangen waren.

Was ist zu tun, wo ist Vorsicht angeraten?

Die Forschung zu den Folgen der Pandemie auf Babys liefert Anfang 2022 ein gemischtes, weiter vorläufiges Bild: Es sei, meinen viele Wissenschaftler, eben noch zu früh für verlässliche und aussagekräftige Interpretationen. Es könne sich herausstellen, dass die ersten Hinweise aus frühen und unveröffentlichten Studien sich am Ende nicht bestätigen, sagt etwa die Medizinpsychologin Catherine Monk, eine Kollegin von Dimitriu am NewYork-Presbyterian. Dies könne verschiedene Ursachen haben. Denkbar wäre zum Beispiel, dass jene Eltern keine repräsentative Stichprobe bildeten, die sich für die Teilnahme an ersten Studien entschieden haben. Sie könnten beispielsweise schon Verhaltensänderungen der Kinder bemerkt und daher besonders in Sorge gewesen sein. Womöglich hatte es auch einen vielleicht kleinen, aber doch störenden Einfluss, dass in Pandemiezeiten Menschen Gesichtsmasken bei den psychologischen Tests tragen mussten, bei denen ein persönliches Erscheinen nötig war, sagt Monk.

Hinzu kommt, dass erste, schnell durchgeführte Studien zum Thema dem Anreiz unterliegen können, vor allem besonders interessante Ergebnisse zu veröffentlichen. Thomason wies darauf schon 2021 in einem Meinungsstück im Fachblatt »JAMA Pediatrics« hin. Wissenschaftler seien »schnell dabei, wenn es darum geht, gesundheitsschädliche Veränderungen aufzudecken. Solche Sachen sorgen für Aufmerksamkeit in den der Medien, und sie lassen sich in hochrangigen Zeitschriften veröffentlichen«, sagt sie.

»Kinder sind derart anpassungsfähig – sie dürften vieles von dem, was um sie herum geschehen ist, wegstecken können«
(Moriah Thomason, Kinderpsychologin)

Ein klareres Bild dürften große Studien und Kooperationen zeichnen, die von verschiedenen Forschern und Geldgebern schon initiiert werden. Das US National Institute on Drug Abuse finanziert Untersuchungen im Rahmen der »Healthy Brain and Child Development Study«: Erforscht wird etwa, wie sich mütterlicher Stress und Drogenkonsum während der Pandemie auf die Entwicklung des Kindes auswirken. Neu gegründete Netzwerke und Konferenzen sollen Forscher zusammenzubringen und den Austausch neuer Daten fördern. Im März 2020 hatte Thomason bereits die internationale COVID Generation Research Alliance ins Leben gerufen: Angesprochen sind Wissenschaftler, die Familien mit kleinen Kindern während der Pandemie untersuchen. Der Allianz, die im November 2021 einen Forschungsgipfel veranstaltete, gehören Forscher aus 14 Ländern von Nord- und Südamerika über Europa, Australien, Asien, dem Nahen Osten und Afrika an.

Hilfe beim Wachsen und Abschütteln

Selbst für den Fall, dass die Pandemie Kinder wirklich verändert: Das Gehirn von Sechsmonatskindern sei formbar, sagt Dumitriu, man könne ihre Entwicklung fördern, und es gebe in jedem Fall genug Zeit, mögliche Schäden wieder in Ordnung zu bringen und ein Krisenszenario der öffentlichen Gesundheit zu umschiffen. Dazu können auch Eltern beitragen, indem sie regelmäßig mit ihren Kleinkindern spielen und sprechen und ihnen Gelegenheit geben, in einer sicheren Umgebung Umgang mit anderen zu haben. Einen Unterschied kann auch die Förderung von Programmen zur Unterstützung von Familien und Kindern machen. Lebels Studie belegt, dass die pränatale Belastung von werdenden Müttern deutlich sinkt, wenn sie während der Schwangerschaft sozialen Beistand durch nahestehende Bezugspersonen erfahren. Hier, im und um das Ökosystem der Schwangerschaftsbetreuung, stecke ohnehin noch viel Potenzial, sagt Monk.

Am Ende verdichtete sich in der Forschung die Vermutung, dass die meisten Kinder die Nebenwirkungen der Pandemie wahrscheinlich wegstecken werden – wenn sie wohl auch mehr als bisher zu kämpfen haben werden. Bei schwierigen Fällen sollten wir möglichst bald gegensteuern, warnt Deoni: »Kinder sind zweifelsohne sehr widerstandsfähig, wir wissen aber auch, wie wichtig die ersten 1000 Tage im Leben eines Kindes sind. Hier formen sich die entscheidenden Grundlagen.« Anfang 2022 sind die im März 2020 geborenen ersten Pandemiebabys schon über 650 Tage alt. Diese Kinder sind ein Produkt ihrer Umgebung, sagt Deoni: Am Ende werde den Ausschlag geben, welchen Input wir ihnen schenken, wie wir mit ihnen spielen, ihnen vorlesen und sie lieb haben.

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