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Covid-19: Funktionieren die Impfungen bei Kindern?

Bisher gibt es keine Impfung für Kinder unter zwölf. Das soll sich jetzt ändern. Doch wie prüft man Impfstoffe an Kindern? Und wie sicher ist das? Wir beantworten die wichtigsten Fragen.
Ein Kind mit Maske wird von einer Ärztin geimpftLaden...

Manche Eltern versuchen alles, um ihren Nachwuchs in der ersten klinischen Studie eines Covid-19-Impfstoffs bei kleinen Kindern unterzubringen. »Jemand hat mir erzählt, dass sie immer und immer wieder angerufen haben, bis sie schließlich teilnehmen durften«, sagt Kawsar Talaat, Ärztin und Impfstoffexpertin an der Johns Hopkins Bloomberg School of Public Health in Baltimore. Sie ist an einer Studie beteiligt, bei der seit Ende März Kinder unter zwölf Jahren mit der Biontech-Präparat Comirnaty geimpft werden.

Kinder, die älter sind als zwölf, dürften die Impfung schon bald bekommen: Das Unternehmen beantragte am 30. April bei der Europäischen Medikamentenbehörde EMA die entsprechende Zulassung. Bei jüngeren Kindern dagegen beginnen die entsprechenden Versuche gerade erst.

Der Grund dafür sind die zusätzlichen Sicherheitsvorkehrungen, die bei medizinischer Forschung an Kindern nötig sind. »Kinder sind nicht einfach kleine Erwachsene«, erklärt Talaat. Fachleute haben deswegen noch keine definitiven Antworten, wie sicher und effektiv die Impfungen bei Kindern wirklich sind.

Muss man Kinder überhaupt impfen?

Kinder entwickeln selten schwere Verläufe von Covid-19, und noch seltener sterben sie daran. Aber in seltenen Fällen – eine Schätzung beziffert es auf einen Fall in 1000, es könnten aber noch weniger sein – entwickeln Kinder sogar nach einer milden Infektion eine gelegentlich tödliche Erkrankung namens Multisystemisches Entzündungssyndrom bei Kindern (MIS-C). »Ich habe genug davon, kranke Kinder zu sehen. Ich will, dass sie geschützt werden«, sagt James Conway, Impfexperte und Spezialist für pädiatrische Infektionen an der University of Wisconsin-Madison.

Außerdem zeigen immer mehr Daten, dass die Impfungen vermutlich Sars-CoV-2 daran hindert, sich zu verbreiten – Kinder zu impfen, dürfte sich deshalb für die gesamte Bevölkerung lohnen. »Wenn wir wirklich zurück zur Normalität wollen, müssen wir Herdenimmunität in allen Gruppen erreichen, die potenziell zur Verbreitung beitragen«, sagt Conway.

Kinder, besonders jüngere, sind wohl nicht in gleicher Weise Superüberträger für Sars-CoV-2, wie sie es bei Influenza sind. Aber neu aufgetauchte, sich schneller verbreitende Varianten sowie die steigende Zahl der Geimpften könnten bedeuten, dass Kinder möglicherweise bald mehr zur Verbreitung beitragen. »Covid-19 verbreitet sich inzwischen am schnellsten unter jüngeren Menschen. Das Virus wird Möglichkeiten finden, zu überleben und sich zu verbreiten, wenn wir ihm nicht alle Wege verbauen«, sagt Talaat.

Wie funktionieren klinische Studien bei Kindern?

In mancher Hinsicht laufen die Tests an Kindern genauso ab wie die ersten Impfstoffprüfungen bei Erwachsenen. Die ersten Versuchspersonen werden vermutlich eher vom oberen Ende des Altersspektrums sein, auch wenn die Studien schließlich alle Altersgruppen bis hinab zu sechs Jahren erfassen werden. Sie bekommen den Impfstoff in verschiedenen Dosierungen, um herauszufinden, welche Dosis eine ausreichende Immunreaktion bei möglichst wenigen Nebenwirkungen erzeugt. »Manche Dosierung ist zu viel, manchmal zu wenig. Man sucht dabei den perfekten Mittelweg«, sagt Conway.

»Unsere Kinder sind auf dem Laufenden, die verstehen das«(Kawsar Talaat, Ärztin und Impfstoffexpertin)

Sobald eine optimale Dosis gefunden ist, werden mehrere tausend Teilnehmerinnen und Teilnehmer entweder zweimal geimpft oder erhalten stattdessen Placebo-Injektionen. Fachleute werden die Kinder dann über Monate oder gar Jahre begleiten, um Sicherheit und Wirkung der Impfung zu untersuchen.

Der wesentliche Unterschied zu Studien an Erwachsenen ist, dass dort die Beteiligten der Studie zustimmen. Bei Kindern dagegen müssen die Erziehungsberechtigten ihr Einverständnis geben. Allerdings seien die Fachleute angehalten, auch die Kinder um ihre Zustimmung zu bitten, sofern sie alt genug sind, die Studie zu verstehen, sagt Beate Kampmann von der London School of Hygiene & Tropical Medicine. »Unsere Kinder sind auf dem Laufenden, die verstehen das. Sie hören davon ja schon seit einem Jahr«, sagt Talaat, die für gewöhnlich schon die Zustimmung von Kindern ab fünf Jahren einholt – und darunter, abhängig vom Kind.

Reagieren Kinder und Erwachsene anders auf die Impfstoffe?

Die Immunsysteme von Kindern wimmeln von Zellen, die noch nie mit Krankheitserregern in Kontakt gekommen sind. Deswegen neigen sie dazu, nach einer Impfung eine starke Immunantwort zu erzeugen, sagt Donna Farber, Immunologin an der Columbia University in New York City. »Das sind die ersten paar Lebensjahre, in denen man über Pathogene lernt.«

Vorläufige Studienergebnisse zeigen, dass 12- bis 15-Jährige nach zwei normalen Dosen des Biontech-Impfstoffs Comirnaty wesentlich höhere Level neutralisierender Antikörper haben als 16- bis 25-Jährige. Farber fragt sich, ob noch jüngere Kinder die gleiche Immunantwort durch eine niedrigere Dosis bekommen.

Die starke Immunreaktion bei Kindern bedeutet auch, dass sie nach einer Impfung häufiger Fieber kriegen als Erwachsene, sagt Talaat. Deswegen müssen die Impffachleute die richtige Balance zwischen starker Immunantwort und den entstehenden Nebenwirkungen finden. Das sei aber womöglich kein allzu großes Problem, erklärt Farber, denn Fieber scheint Kindern weniger auszumachen als Erwachsenen.

Während die Impfstoffe bei immer jüngeren Kindern getestet werden, wollen die Fachleute gleichzeitig sicherstellen, dass sie nicht mit den Immunreaktionen durch Routineimpfungen in Konflikt kommen, sagt Kampmann. Die Pfizer-Biontech-Studie wird nach und nach auch Kinder unter fünf Jahren einschließen, die möglicherweise noch eine Auffrischungsimpfung gegen Polio oder andere Impfungen wie die die MMR-Impfung gegen Masern, Mumps und Röteln brauchen. Talaat sagt, die an der Studie teilnehmenden Kinder müssten all diese vorgesehenen Impfungen bekommen. Wie man die Covid-19-Impfung am besten in die Impfpläne integriert, müsse die Zukunft zeigen.

Wie wird man erkennen, ob die Impfungen auch bei Kindern wirken?

Wir wissen, dass die Covid-19-Impfstoffe bei Erwachsenen funktionieren, weil die klinischen Studien dafür konzipiert waren, genau das nachzuweisen. Dabei bekamen zehntausende Menschen zufällig entweder die Impfung oder ein Placebo, und es gab überzeugende Unterschiede in den Ansteckungszahlen beider Gruppen.

Dagegen dürfte es in den Studien an Kindern, die nur wenige tausend Personen umfassen, zu wenig symptomatische Infektionen für eine solche Analyse geben. Es sei deswegen sinnvoller, sagt Talaat, nach der Impfung die Immunparameter im Blut anzusehen. »Wenn wir sehen, dass die Immunreaktion bei Kindern ähnlich stark oder sogar stärker ist als jene bei Erwachsenen, können wir daraus den Schluss ziehen, dass die Impfung wirkt.« Die Studien sowohl von Biontech als auch von Moderna nutzen diese Marker als wichtigstes Maß für den Erfolg.

Zusätzlich würde Conway aber gerne gute Belege sehen, dass die Impfungen tatsächlich Covid-19 bei Kindern verhindern können. Die Biontech-Studie an Jugendlichen verzeichnete 18 Fälle in der Placebogruppe, aber keinen einzigen bei Geimpften. Es sei also nicht ausgeschlossen, dass die Studien in jüngeren Kindern ebenfalls eine Wirkung nachweisen, sagt Talaat, aber das hänge von der Zahl der Infektionen in der Bevölkerung ab.

Wenn allerdings das Ziel ist, durch die Impfung von Kindern auch die Übertragung der Krankheit zu stoppen, dann sollten die Studien das auch nachweisen, sagt die an Impfungen forschende Ärztin Christiane Eberhardt von der Universität Genf. Idealerweise würde man die Kinder dafür regelmäßig mit Abstrichen testen – was bei ihnen vermutlich keine Begeisterungsstürme auslösen würde –, ebenso wie nicht geimpfte Familienmitglieder. Stattdessen ist bei den Studien von Moderna und Biontech geplant, im Blut nach den Markern asymptomatischer Infektionen zu suchen. Das sei unter den gegebenen Umständen akzeptabel, sagt Eberhardt. »Das ist das Beste, das wir kriegen.«

Woher weiß man, on die Impfungen bei Kindern sicher sind?

Sicherheit ist entscheidend in klinischen Studien mit Kindern, und die beteiligten Fachleute wissen, dass die Versuche mit Covid-19-Impfstoffen unter genauer Beobachtung stehen. »Alles was Impfstoffe allgemein diskreditiert oder dazu führt, dass Leute ihre Sicherheit bei Kindern in Fragen stellen, ist ein Schritt zurück aus Sicht der allgemeinen Gesundheitsvorsorge«, sagt Conway.

Frühe Impfstoffstudien bei Erwachsenen legten ein deutliches Augenmerk auf die Möglichkeit, dass Geimpfte nach einer Ansteckung eine verschärfte Form der Krankheit entwickeln. Die Untersuchungen fanden kein Indiz für diesen als antikörperabhängige Verstärkung (ADE) bezeichneten Effekt. Conway sagt aber, die Studien müssten gezielt nach solchen Immunreaktionen suchen, die die Krankheit verstärken, ebenso wie Anzeichen, dass Beteiligte Immunreaktionen analog zu MIS-C entwickeln.

Unklar ist derweil, wie sich Bedenken über Blutgerinnsel wie Sinusvenenthrombosen, die mit den Impfstoffen von Johnson & Johnson in Verbindung gebracht werden, Studien an Kindern beeinflussen werden. Die University of Oxford hat deswegen eine kleine Studie bei Kindern zwischen 6 und 17 Jahren vorläufig gestoppt. Johnson & Johnson hatte Anfang April angekündigt, eine Studie bei Jugendlichen zu starten, doch auch bei dem Unternehmen ruhen alle Studien, während die Gerinnsel untersucht werden.

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