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Der wahre Münchhausen: »Den tiefen Verdruss hat er nie verwunden«

Immer grotesker, immer derber und immer anonym. Mit jedem Buch, das ihm neue Erzählungen in den Mund legte, wurde klarer: Aus diesem Sumpf kann sich Münchhausen nie mehr befreien.
Münchhausen erzählt, ein Holzstich von 1889 nach einem Gemälde von Vincent Stoltenberg Lerche (1837-1892)Laden...

Was der Mann nicht alles kann! Er ist ein brillanter Schütze und famoser Jäger, ein verwegener Kürassier und glänzender Reiter, der selbst auf einem halben Pferd oder einer Kanonenkugel noch eine gute Figur macht. Gerät er in den Sumpf, zieht er sich selbst am eigenen Zopf heraus. Gehen ihm die Gewehrkugeln aus, lädt er die Flinte eben mit Kirschkernen. Er trinkt Wein mit dem Sultan, schlägt Hand und Bett der Zarin aus, segelt über die Weltmeere und reist sogar ins Weltall – tour-retour. Kurz: Er war überall, weiß immer Rat, kennt jeden, kann alles. Gerät er trotzdem hie und da in die Bredouille, ist ihm Göttin Fortuna stets gewogen. Denn was er aus eigener Kraft nicht schafft, gelingt ihm dank seines allzeit verlässlichen Glücks.

So kennt die Welt den Freiherrn von Münchhausen, dessen Geschichten vor rund 250 Jahren erstmals veröffentlicht und seither immer wieder neu aufgelegt wurden. Die Abenteuer des so genannten Lügenbarons sind so übertrieben und aufschneiderisch bis ins Groteske, dass man kaum glauben mag, sie beruhten auf den Erzählungen – geschweige denn den Erlebnissen – eines Menschen, der auch tatsächlich gelebt hat. Und doch gab es ihn. Hieronymus Carl Friedrich von Münchhausen verbrachte freilich sein Leben in weit geruhsameren Bahnen als sein literarisches Alter Ego. Auch gibt es bedeutend weniger Aufzeichnungen über dieses echte Leben als über das erdichtete. Immerhin blieben einige Dokumente, einzelne Briefe, Eintragungen im Kirchenbuch und sogar die eine oder andere mündliche Überlieferung erhalten.

Ein Umstand, der vor allem Albrecht Friedrich von Münchhausen zu verdanken ist. Dieser nachgeborene Sohn der Familie veröffentlichte 1872 eine »Geschlechts-Historie derer von Münchhausen von 1740 bis in die neueste Zeit«, die auch heute noch die ergiebigste Quelle zum Leben des Hieronymus darstellt. Als Chronist konnte Albrecht Friedrich nicht nur aus dem Familienarchiv schöpfen, sondern auch auf die Erinnerungen seines Vaters bauen, der seinerseits als junger Mann noch persönlichen Umgang mit dem alten Freiherrn gehabt hatte.

Hieronymus also erblickte vor 300 Jahren, am 11. Mai 1720, in Bodenwerder an der Weser im Kurfürstentum Braunschweig-Lüneburg das Licht der Welt. Er war Spross der so genannten schwarzen Linie des alten Adelsgeschlechts Münchhausen. Im Alter von 13 Jahren schickte ihn seine Familie entsprechend den Gepflogenheiten seines Standes und seiner Zeit als Page an den braunschweigischen Hof nach Wolfenbüttel. Im Winter 1737 brach der junge Mann schließlich nach Russland auf, um dort im Gefolge des Herzogs Anton Ulrich von Braunschweig sein Glück zu machen. Er trat 1739 als Fähnrich in dessen nahe Riga stationiertes Regiment, die Braunschweig-Kürassiere, ein und folgte seinem Herrn in den Russisch-Österreichischen Türkenkrieg.

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Der junge Freiherr | Seine Zeit bei einem braunschweigischen Kürassierregiment brachte Münchhausen im heute lettischen Riga zu – offenbar weitgehend ohne nennenswerte Vorfälle.

Im selben Jahr heiratete Herzog Anton Ulrich auf Wunsch der Zarin Anna deren Nichte und designierte Nachfolgerin Anna Leopoldowna. Und bereits im Jahr darauf konnte Münchhausen seiner Mutter in einem Brief stolz sein Vorankommen verkünden: »Den 13. November haben ihro Hoheit der Prinz von Braunsweig als ein Generahl Lissimus über ganz Russland, mir die Extra Überaus Grosse Gnade gethan und mir zum Leutnant bey ihrem Cuirassir regiment bei der Leib Compagnie ernannt.« Einem Dutzend anderen Fähnrichen sei er bei der Beförderung vorgezogen worden »und wann das Glück favorable ist sowerde mit mehren bald aufwärts können«, frohlockte der junge Mann.

Nah am inneren Zirkel

Inzwischen aber waren in Russland unruhige Zeiten angebrochen. Nach dem Tod der Zarin im Oktober 1740 hatte Anna Leopoldowna als Großfürstin die Regentschaft für ihren noch minderjährigen Sohn übernommen. So fand sich Münchhausen als Gefolgsmann ihres Gemahls plötzlich wenn auch nicht mittendrin, dann doch am Rand des innersten Zirkels der Macht wieder. Doch schon im folgenden Jahr kam die Tochter Peters des Großen, Elisabeth Petrowna (1709–1762), durch einen Staatsstreich als Elisabeth I. auf den Zarenthron. Anna Leopoldowna und ihr Braunschweiger Gemahl wurden mitsamt ihren Kindern verschleppt und zum Teil über viele Jahrzehnte in diversen Festungen festgesetzt. Die unglückliche Regentin und ihr Mann verstarben in Gefangenschaft, ihr Sohn, der rechtmäßige Nachfolger auf den Zarenthron, wurde ermordet, und die übrigen Kinder endeten im Exil.

Münchhausen selbst kam weitgehend unbeschadet durch die bedrohlichen Machtkämpfe am Anfang der 1740er Jahre. Er diente zu jener Zeit im Russisch-Schwedischen Krieg und blieb von den Palastintrigen verschont. Die glänzende Laufbahn in der russischen Armee aber, auf die er zu Recht gehofft hatte, geriet ins Stocken. Erst nach zehn Jahren Wartezeit erklomm Hieronymus die nächste Stufe der Karriereleiter, als er im Februar 1750 »seinen Verdiensten gemäß« zum Rittmeister befördert wurde. Noch im selben Jahr nahm er sich einen einjährigen Urlaub, den er im Jahr darauf nochmals verlängerte – bis zu seinem endgültigen Abschied.

Münchhausen ließ ein zweistöckiges Gartenhaus errichten, genannt die Grotte. Hier erzählte er in ausgesuchter Runde seine Geschichten

Aus der Dekade im Militärdienst vermag auch die »Geschlechts-Historie« nur wenig zu berichten. Alles in allem dürfte Münchhausen eine recht ereignislose Zeit in Riga verbracht haben. Die Kriege gegen die Türken und Schweden waren mit den Friedensverträgen von Belgrad (1739) respektive von Åbo (1743) beendet. Immerhin weiß der Familienchronist von Hieronymus' Hochzeit 1744 in Livland zu berichten. Mit Jacobine von Dunten führte Münchhausen über vier Jahrzehnte eine »kinderlose, übrigens sehr glückliche Ehe«. Wann genau der Kürassier aus der Armee schied, ist nicht mehr zu eruieren. Anscheinend war er aber nach dem Urlaubsantritt 1750 nicht mehr nach Riga oder überhaupt ins Zarenreich zurückgekehrt, sondern lebte fortan mit seiner Gemahlin auf dem Erbgut in Bodenwerder westlich von Braunschweig.

Ein Landedelmann des Rokoko

Hier verbrachte Hieronymus nun seine Tage in Muße als typischer Landedelmann seiner Epoche, des Rokoko. Er bestellte und erweiterte sein Gut, stritt mit dem Bodenwerder Bürgermeister um diverse Baumaßnahmen, besuchte Nachbarn, empfing Gäste und widmete sich darüber hinaus am liebsten seinen Hunden, Pferden und gemeinsam mit diesen überaus gerne der Jagd. Außerdem frönte er einer weiteren Leidenschaft: dem Erzählen von fantastisch übertriebenen Geschichten. »Er war ein durchaus reeller, wahrheitsliebender Mann, wusste aber aus den gewöhnlichen Jagd- und Reiseereignissen mit schlagendem Witz Phantasiebilder zu schaffen«, notierte Albrecht Friedrich in der »Geschlechts-Historie« über Hieronymus' erzählerisches Talent.

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Stracks durchs Kutschenfenster | »Einst setzte ich hinter einem Hasen her. Eine Kutsche mit zwey schönen Damen fuhr diesen Weg zwischen mir und dem Hasen. Mein Gaul setzte so schnell mitten durch die Kutsche hindurch, daß ich kaum Zeit hatte, meinen Huth abzuziehen, und die Damen wegen dieser Freyheit unterthänigst um Verzeihung zu bitten.« (Auszug aus Gottfried Bürgers »Münchhausen«, 1786, und Illustration von Gottfried Franz, 1895).

Auf dem seinem Adelshof gegenüberliegenden Ufer der Weser ließ Münchhausen ein zweistöckiges Gartenhaus errichten, genannt die Grotte, in welcher er in ausgesuchter und geselliger Runde mit Freunden und Bekannten zusammenkam. »Fast nur in dem vertrautesten Kreise war er zum Erzählen zu bringen, gewöhnlich nur nach dem Abendessen, nachdem sein kolossaler Meerschaumkopf mit kurzem Rohr in Rauch gesetzt war und ein dampfendes Glas Punsch neben ihm stand«, zitiert der Autor der Familienchronik eine biografische Skizze, die, »nach Inhalt, Schrift und Papier zu urtheilen, aus der Zeit seines Ablebens herrühren wird«. Hatte der Baron erst einmal Schwung genommen, wurde auch sein Vortrag temperamentvoller: »So wirbelten auch die Wolken aus seiner Pfeife immer dicker empor; seine Arme wurden immer unruhiger; das kleine Stutzperückchen fing an auf dem Kopfe herumzutanzen, das Gesicht ward lebhafter und rother.«

Ob Münchhausen seine Geschichten tatsächlich nur im »vertrautesten Kreise« zum Besten gab, ist heute natürlich nicht mehr zweifelsfrei festzustellen, scheint allerdings fraglich. Auf einen Anhaltspunkt dafür, dass der Baron seine erzählerische Passion gerne auch vor Fremden auslebte, stieß der Münchhausen-Kenner Werner R. Schweizer in den 1960er Jahren. Der Germanist der University of Nottingham entdeckte in der Autobiografie des heute beinahe komplett vergessenen Schriftstellers und Bibliothekars Heinrich August Ottokar Reichard (1751–1828) eine aufschlussreiche Anekdote. Demnach hatte Reichard während des Jahres 1767 als Student in Göttingen mehrmals mit Münchhausen gespeist, »dem seine Gewandtheit im Lügen Weltberühmtheit erworben«. Bei einer dieser Gelegenheiten habe sich ein durchreisender Offizier, der ebenfalls an der Tafel saß, den Baron aber nicht kannte, durch dessen maßlos übertriebenen Geschichten verspottet gefühlt, »und weil auf der anderen Seite Herr von Münchhausen durch das öftere Erzählen an seine eigenen Märchen wie an ein Evangelium glaubte, so entspann sich ein Wortwechsel«. Der Disput habe schnell an Fahrt aufgenommen und hätte nach Reichards Einschätzung sein Ende wohl »im Kugelwechsel« gefunden, wenn nicht der fremde Offizier diskret und gerade noch rechtzeitig über die Marotte des Freiherrn aufgeklärt worden wäre.

Ein weiterer Hinweis darauf, dass die Schnurren Münchhausens durchaus außerhalb seiner engsten Umgebung die Runde machten, findet sich in der »Geschlechts-Historie«. Sein Vater, so berichtet der Autor, habe ab 1772 zu alljährlichen Saujagden geladen und ihm selbst davon erzählt, »dass, wenn bei Tisch in der gehobenen Stimmung die Jäger bei der Aufzählung ihrer Heldenthaten den Mund sehr voll nahmen, von anderen, als Dämpfer eingeworfen ist: wie der Herr von Bodenwerder doch noch ganz andere Thaten gethan«.

»… ganz cavalierement, mit militärischem Nachdruck und Feuer, aber mit der leichten Laune des Weltmanns«
(Albrecht Friedrich von Münchhausen)

Wie dem auch sei – ob nun im vertrauten Kreis erzählt oder im Gasthof: Die Aufschneidereien des Barons stießen offenbar auf ein zumeist dankbares, stetig wachsendes Publikum. Die Geschichten wurden weitererzählt und fanden so letztlich auch den Weg zwischen Buchdeckel. Bereits 1761 stellte Rochus Friedrich zu Lynar (1708–1781), ein deutscher Diplomat in dänischen Diensten, zur moralischen Erbauung seiner Dienerschaft unter dem Titel »Der Sonderling« ein kleines Bändchen mit diversen Erzählungen zusammen, von denen drei offenbar aus dem Repertoire des Barons von Münchhausen stammten, wenngleich sein Name nicht genannt wurde. 20 Jahre darauf wurde es schon etwas konkreter: Die Berliner Zeitschrift »Vade Mecum für lustige Leute« veröffentlichte 1781 unter dem Titel »M-hs-nsche Geschichten« 16 scherzhaft-abenteuerliche Anekdoten eines anonymen Autors. Der Geologe und Übersetzer Rudolf Erich Raspe nennt schließlich den vollen Namen. Zwischen 1785 und 1789 bringt er in London insgesamt sieben Auflagen seines Buchs »Baron Munchhausens Narrative of His Marvellous Travels and Campaigns in Russia« heraus – allerdings ebenfalls anonym. Er hatte die Stücke aus dem »Vade Mecum« frei übersetzt und zwei neue Anekdoten hinzugefügt.

Anonyme Autoren, geklaute Geschichten

Es war nicht Raspes erster Akt der Selbstbedienung. Der 1736 in Hannover geborene Sohn eines Bergbaubeamten wurde 1767 zum Kurator und Professor der Altertümer an das Collegium Carolingum in Kassel berufen, wo er unter anderem die Münz- und Kunstsammlung unter seinen Fittichen hatte. Was dann geschah, wollen wir wieder der Geschlechts-Historie entnehmen: »Er war ein bedeutendes Genie, wie seine vielen und vielseitigen Druckwerke beweisen, übrigens ein verkommener gemeiner Mensch, der von Kassel flüchten musste, weil er jene Sammlungen bestohlen hatte, auf erlassenen Steckbrief ergriffen wurde, aber entsprang und nach England gelangte.«

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Ritt auf der Kanonenkugel | »Vor Muth und Diensteifer fast ein wenig allzu rasch, stellte ich mich neben eine der größten Kanonen, die so eben nach der Festung abgefeuert ward, und sprang im Hui auf die Kugel, in der Absicht, mich in die Festung hineintragen zu lassen.«

1786 endlich erschien die bis heute bekannteste Sammlung der Erzählungen: »Wunderbare Reisen zu Wasser und zu Lande, Feldzüge und lustige Abenteuer des Freiherrn von Münchhausen: wie er dieselben bei der Flasche im Zirkel seiner Freunde selbst zu erzählen pflegt« von Gottfried August Bürger (1747-1794). Der Dichter der »Leonore« wollte seinen Namen allerdings auch nicht auf dem Buchumschlag gedruckt sehen. Bürger hatte die englische Vorlage von Raspe seinerseits frei übertragen, bearbeitet und erheblich erweitert.

Es ist unwahrscheinlich, dass Bürger jemals in der »Grotte« zu Bodenwerder saß und dem Baron beim Erzählen lauschte. Wie viele der dutzenden Geschichten tatsächlich von Hieronymus selbst stammen, ist unbekannt. Der Schweizer Kunsthistoriker Bernhard Wiebel, ein ausgewiesener Münchhausen-Experte, berichtete vor einigen Jahren in der »Neuen Zürcher Zeitung«, ein Angehöriger der Familie Münchhausen schätze, dass höchstens zwei oder drei authentisch seien. Mögen es auch mehr sein, sicher ist, dass nicht alle münchhausenschen Angebereien auch auf Münchhausen zurückgehen. Manche der Anekdoten findet man schon beim antiken Satiriker Lukian (um 120–nach 180), andere in Schwankbüchern aus dem 16. Jahrhundert.

Eher brachial als kokett

In seiner »Kulturgeschichte der Neuzeit« charakterisierte der österreichische Autor und Philosoph Egon Friedell (1878–1938) das Rokoko als »immer vielsagend lächelnd, aber selten eindeutig lachend; amüsant, pikant, kapriziös; feinschmäckerisch, witzig, kokett; anekdotisch, novellistisch, pointiert; plaudernd und degagiert«. Das alles trifft auf die münchhausenschen Episoden zu – und gleichzeitig auch nicht. Denn von Esprit und verfeinerten Sitten, wie wir sie im Rokoko vermuten, ist kaum etwas zu erkennen in den Prahlereien des Lügenbarons. Hin und wieder blitzt die noble Lebensart zwar auf – etwa wenn der Baron mit dem Pferd durch die aufgezogenen Fenster einer Kutsche springend die Zeit findet, »meinen Hut zu ziehen und die Damen wegen dieser Freiheit untertänigst um Verzeihung zu bitten«. Der Tenor der meisten Geschichten ist dann aber doch eher derb – einen Wolf kehrt der Held »wie einen Handschuh« um, einen Bär sprengt er auseinander, und mit dem Ladestock seiner Flinte schießt er sieben Hühner zugleich, »die sich wohl wundern mochten, so früh am Spieße vereinigt zu werden«.

Auch der Stil des Vortrags ist eher brachial als kokett. Alle Ausgaben der Geschichten handeln die Erzählungen letztlich als niedergeschriebene Monologe ab. Der Ich-Erzähler hebt zum Vortrag an – und findet kaum ein Ende. Ohne Überschrift und Zwischentitel folgt ein Abenteuer dem anderen, jeder Übertreibung eine nächste, absurdere – von den Zuhörern, dem Publikum, dem diese Erzählungen gelten, fehlt hingegen jede Spur. »Dass der ›Zirkel der Freunde‹ in den Buchtitel eingebaut ist, wirkt wie Hohn«, meinte der 1991 verstorbene Schweizer Literaturwissenschaftler Max Lüthi in seinem sonst liebevollen Nachwort für die aktuelle Ausgabe des bürgerschen Werks. »Diese Trinkgemeinschaft kommt nie zu Wort, wir hören keine Zwischenrufe oder Zwischenfragen.«

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Aufs halbe Pferd gesetzt | »Ich ritt meinen athemlosen Lithauer zu einem Brunnen auf dem Marktplatze und ließ ihn trinken. Er soff ganz unmäßig. Als ich mich nach meinen Leuten umsah, was meint Ihr wohl, Ihr Herren, was ich da erblickte? Der ganze Hintertheil des armen Thieres war fort. So lief denn hinten das Wasser wieder heraus.«

Das kann ermüden – und doch gefiel und gefällt es bis heute. »Seit 1786 sind 4000 Münchhausen-Ausgaben in 100 Sprachen mit einer Gesamtauflage von sechs Millionen Exemplaren erschienen«, hielt Kunsthistoriker Wiebel fest. Erst 2012 brachte die ARD den Stoff mit Jan Josef Liefers in der Hauptrolle als Zweiteiler im Weihnachtsprogramm. Populärer ist aber auch heute noch Hans Albers als Münchhausen in dem legendären Film von 1943, dessen Drehbuch Erich Kästner verfasste, der, weil er von den Nazis mit Schreibverbot belegt war, unter dem Pseudonym Berthold Bürger schrieb.

»Durch Bürgers Bosheit vor aller Welt prostituiert«

Populär waren die Erzählungen schon zur Zeit ihrer ersten Veröffentlichung – davon künden allein die zahlreichen Auflagen. Hieronymus selbst bekam durch Bürgers Buch »die erste Kunde von dem Druck seiner wirklichen oder vorgeblichen Geschichten«, hält Albrecht Friedrich in der »Geschlechts-Historie« fest. »Den tiefen Verdruss darüber hat er nie verwunden, auch meinem Vater mehrfach bitterlich geklagt: dass er durch Bürgers Bosheit vor aller Welt prostituiert werde.« Immer misstrauischer und wortkarger sei der Baron geworden, von dem es doch einst hieß, er »habe seine Geschichten ganz cavalierement, mit militärischem Nachdruck und Feuer, aber mit der leichten Laune des Weltmanns zum Besten gegeben, als Sachen, die sich von selbst verstehen«.

Dass der Freiherr vom Münchhausen in hohem Alter schweigsam und griesgrämig wurde, hat aber wohl nur am Rand mit den ihm zugeschriebenen Lügengeschichten zu tun. 1790 starb seine geliebte Gattin, und der Freiherr gelangte schon bald nach ihrem Tod zu dem Schluss, »dass er bei seiner zunehmenden Altersschwäche größerer Pflege bedürfe«. 1794 schien eine perfekte Lösung gefunden: Im Januar heiratete der Greis ein 20-jähriges Mädchen namens Berhardine Brun, genannt Bärne. Die Ehe wurde alles andere als glücklich. »Es ist ein trauriger Roman, wie der alte treuherzige Ehrenmann fiel in die schmutzigste Umgarnung«, erfahren wir aus der »Geschlechts-Historie«.

Das Unglück kündigte sich demnach schon in der Hochzeitsnacht an, die zu keiner wurde. Die junge Braut tanzte ungeachtet der Vorhaltungen des alten Bräutigams bis in den Morgen und ward erst »durch die etwas kräftige Vorstellung der Haushälterin, Frau Nolte, bewogen, das Fest zu verlassen«. Die gewiss parteiische, aber durchaus glaubhafte »Geschlechts-Historie« zählt weitere Verfehlungen des Mädchens auf. Angeblich hatte Bärne eine voreheliche Liebschaft nicht aufgegeben und ging darüber hinaus auch noch Affären mit anderen jungen Männern ein – teilweise sogar in aller Öffentlichkeit und mit dem Wissen ihrer Eltern. Außerdem gab sie Münchhausens Geld mit einem derartigen Eifer aus, dass er ihr schon nach wenigen Wochen »die Kassenschlüssel abnehmen musste«. Sie wusste sich ihrerseits mit heimlichen Verkäufen aus dem Haushalt zu helfen. Schon im Herbst 1794, kein volles Jahr nach der Hochzeit, hatte der Freiherr genug und leitete die Scheidungsverfahren ein – ein jahrelanger, schmach- und qualvoller Prozess nahm seinen Anfang, der den Baron finanziell und gesundheitlich ruinierte.

Das bodenwerdersche Kirchenbuch kennt keine Ausschmückungen: Hieronymus von Münchhausen starb am 22. Februar 1797 »an Krampf und Schlagfluss, alt 76 Jahre, 9 Monate«.

2/2020 (Mai/Juni) Denisovaner

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum Geschichte, 2/2020 (Mai/Juni) Denisovaner

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