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Dreißigjähriger Krieg: Der Gotteskrieger aus Bayern

Sein Machtstreben und Fanatismus kosteten Millionen das Leben: Wie Maximilian von Bayern beharrlich dafür sorgte, dass ein regionaler Konflikt zum Dreißigjährigen Krieg wurde.
Zeitgenössisches Gemälder der Schlacht am Weißen Berg.

Im Grunde war es nur eine unbedeutende Handgreiflichkeit. Obendrein ging sie für die Opfer recht glimpflich aus: Die beiden Statthalter des katholischen Habsburgerkaisers Matthias, von erzürnten Vertretern der böhmischen Stände aus einem Fenster der Prager Burg geworfen, zogen sich bei ihrem Sturz in die Tiefe keine lebensbedrohlichen Blessuren zu. Doch für den Rest des Kontinents waren die Folgen epochal. Der Prager Fenstersturz, der sich am 23. Mai 2018 zum 400. Mal jährt und allgemein als Beginn des Dreißigjährigen Kriegs angesehen wird, katapultierte Europa für drei Dekaden in einen Mahlstrom der Gewalt. Einmal entfesselt, ließ sich Bellona, die mythische Verkörperung eines wilden und unbezähmbaren Kriegsgeistes, nicht mehr einfangen.

Gemessen an der Tatsache, dass der Dreißigjährige Krieg in der Gelehrtendiskussion noch bis vor Kurzem als »unterbelichtet« galt, sind in den letzten Monaten eine erstaunlich große Zahl von erhellenden Publikationen erschienen, welche die »Ur-Katastrophe der Frühen Neuzeit« unter verschiedenen Perspektiven heraus und unter verschiedener thematischer Schwerpunktsetzung beleuchten. Sie alle eint die Prämisse, dass eine Verkettung mehrerer Faktoren den Weltenbrand auslösten: Es ging um Religions- und Machtfragen, die sich gegenseitig durchdrangen und stimuliert haben. Der Oxforder Historiker Peter Wilson spricht von einem »Amalgam aus Verfassungskonflikt, Bürgerkrieg, Religionskrieg und europäischem Hegemonialkrieg«, bei dem unterschiedliche Mächte und -gruppen um politische, dynastische und wirtschaftliche Interessen rangen.

Der Dreißigjährige Krieg, so die übereinstimmende Gelehrtenmeinung, sei weder nur ein Religionskrieg noch unausweichlich gewesen, zumal mit dem Augsburger Religionsfrieden von 1555 ein »konfessionelles Agreement« existierte, das eine tragfähige Basis für ein einvernehmliches Neben- und Miteinander von Katholiken und Protestanten hätte sein können.

Ja sogar lange nach Ausbruch des »Großen Kriegs« gab es mehrere Gelegenheiten, das Schlachten zu beenden – wäre es nicht im Sinne der handelnden Akteure gewesen, den Konflikt weiter am Leben zu halten. Wie groß der Einfluss solcher Einzelpersonen auf den Lauf der Dinge tatsächlich war, wird in der kollektivistisch geprägten modernen Geschichtswissenschaft unterschiedlich beantwortet. Allerdings – und das lehrt die Geschichte auch – gibt es Persönlichkeiten, die in einem ganz bestimmten historischen Moment durch ihr individuelles Handeln maßgeblichen Einfluss auf die Geschichte genommen und dadurch deren Lauf eine ganz andere Wendung gegeben haben.

Mitunter geißelte sich Maximilian selbst: Die Instrumente dafür fand man nach seinem Tod

Eine dieser Personen ist der bayerische Herzog Maximilian I., ein durch und durch prinzipienfester Katholik, der durch sein religiöses Sektierertum die konfessionell aufgeheizte Stimmung am Vorabend des Dreißigjährigen Kriegs befeuerte. Der Wittelsbacher gehörte, wie der spätere Kaiser Ferdinand II., einer Generation von strenggläubigen Fürsten an, die um 1600 die politische Bühne im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation (die Geschichtswissenschaft spricht kurz vom »Alten Reich«) betraten. Anders als ihre Vorgänger, die um einen Ausgleich zwischen den Konfessionen bemüht waren, vertraten sie einen kompromisslosen Katholizismus.

Schwer durchschaubare Konfliktbündelung

»Für den tieffrommen Maximilian, dem das Seelenheil seiner Untertanen sehr am Herzen lag, besaß die Verteidigung des katholischen Glaubens oberste Priorität«, sagt der Historiker Marcus Junkelmann in seiner neuen Biografie über den Bayernherzog. Wie kaum ein anderer fühlte sich Maximilian berufen, die Gläubigen wieder unter dem Dach der »allein selig machenden katholischen Kirche« zu vereinen. Notfalls auch mit dem Schwert. Deshalb stand Bayern am Vorabend des Dreißigjährigen Kriegs an der Spitze der gegenreformatorischen Kräfte im Reich.

Reiterstatue von Maximilian.
Religiöser Extremist und Machtmensch | Maximilian I. von Bayern wollte die katholische Gegenreformation zum Sieg über den Protestantismus führen – und stürzte das Reich in die Katastrophe des Dreißigjährigen Kriegs.

Dieses Reich war ein schwer zu regierendes Herrschaftsgebilde. Es besaß keine politische Hauptstadt und nicht einmal klare Grenzen. Rund 300 Reichsstädte, Grafschaften und Fürstentümer waren darin unter einem Herrscher vereint: dem von sieben Kurfürsten gewählten Kaiser. Er war der oberste Lehnsherr und Richter und Beschützer der Christenheit. Allerdings bestanden neben ihm mächtige Institutionen wie etwa der Reichstag, in dem die Reichsstände – Vertreter des Adels, der Geistlichkeit und des Stadtbürgertums – Sitz und Stimme hatten. Der Kaiser war somit kein Alleinherrscher, sondern musste sich mit den Ständen im Reichstag arrangieren. Und er war konfrontiert mit immer selbstbewusster auftretenden geistlichen und weltlichen Landesfürsten, die nach einer nahezu uneingeschränkten Landeshoheit strebten und die kaiserliche Zentralgewalt weiter schwächten.

Dieses äußerst heterogene, von politischer Kleinteiligkeit und divergierenden Machtinteressen geprägte Staatengebilde in der Mitte Europas bereitete den Boden, auf dem sich der Flächenbrand des Dreißigjährigen Kriegs entzündete. Befeuert wurde er durch ein Ereignis, das wie kein anderes die geistliche und weltliche Ordnung dieses zersplitterten Staatengebildes erschütterte – die Reformation.

Schattenseite der Reformation

1517 löste der Wittenberger Augustinermönch Martin Luther mit seinen 95 Thesen zur Reform der Kirche eine »theologische Revolution« aus, welche die Spaltung der abendländischen Christenheit zur Folge hatte. Die neue Lehre fiel im Alten Reich auf fruchtbaren Boden. In den folgenden Jahren breitete sich der Protestantismus besonders stark in den Reichsstädten aus, und einige Fürsten hatten bereits den neuen Glauben für ihre Länder übernommen.

Nach heftigen, zum Teil auch kriegerischen Auseinandersetzungen um den wahren Glauben im Reich einigten sich die beiden großen Konfessionen des christlichen Abendlands im Augsburger Religionsfrieden von 1555 auf ein friedliches Miteinander. Nach dem Prinzip »cuius regio eius religio«, »wessen Herrschaft, dessen Religion«, konnten sich die Landesfürsten fortan frei zu einer der beiden nun reichsrechtlich anerkannten Konfessionen bekennen, diese auf ihrem Territorium selbst festlegen und damit auch über den Glauben ihrer Untertanen bestimmen. In den Reichsstädten hingegen, in denen Protestanten und Katholiken gemeinsam lebten, sollten diese künftig »friedlich und ruhig bei- und nebeneinander wohnen«.

Doch was von den Zeitgenossen im Überschwang des Erreichten als »Sieg der Toleranz« gepriesen wurde, war letztlich nur eine Übereinkunft auf Zeit, das Grundprinzip des Religionsfriedens mithin kaum praktikabel. Zu sehr hatte die Reformation die Christenheit aufgewühlt, zu tief war der Graben zwischen den beiden Glaubensgemeinschaften, als dass ihn das in der Fuggerstadt ausgehandelte Agreement zuzuschütten vermochte. »In den 100 Jahren zwischen dem Thesenanschlag Luthers 1517 und dem Prager Fenstersturz 1618 kam das in zwei konfessionelle Lager aufgefächerte Reich nicht zur Ruhe«, schreibt Peter Wilson. »Der Dreißigjährige Krieg ist die Schattenseite der Reformation.«

Kaderschmiede des Katholizismus

Vor allem die Katholiken fürchteten um ihren Einfluss im Ringen um Macht und Seelen. »Unbegründet war das nicht, denn bis zum letzten Drittel des 16. Jahrhunderts schrumpfte die Zahl der altgläubigen Fürstentümer immens«, konstatiert der Jenaer Neuzeithistoriker Georg Schmidt. Es drohte eine Verschiebung des Machtgefüges im Reich. Seine Mehrheit im Reichstag konnte der katholische Reichsteil nur noch dank des »Geistlichen Vorbehalts« behaupten. Diese auf den Augsburger Religionsfrieden zurückgehende Vereinbarung legte fest, dass Kirchenfürsten, die als weltliche Machthaber regierten, ihre Herrschaftsrechte aufgeben mussten, wenn sie zum Protestantismus übertraten.

Als Reaktion auf die Ausbreitung des lutherischen Glaubens hatte sich, ausgehend vom Konzil von Trient (1545-1563), eine Glaubensbewegung formiert, welche die katholische Kirche gegenreformatorisch auf Kurs brachte. Ihre Speerspitze war der 1539 von dem Basken Ignatius von Loyola gegründete Jesuitenorden, der auf revolutionäre Weise für den wahren Glauben kämpfte. Die »Gesellschaft Jesu«, eine straff organisierte, intellektuell gebildete und durch Exerzitien an Körper und Geist gedrillte Organisation, wurde zur wirkungsvollsten Waffe Roms im Kampf gegen die Reformation.

In Ingolstadt, dort, wo die Jesuiten mit fester Hand den adligen Nachwuchs Süddeutschlands zu prinzipienfesten Katholiken erzogen, fand – neben dem späteren Kaiser Ferdinand II. – auch Maximilian seine ideologische Prägung. In dieser Kaderschmiede des Katholizismus wurden ihm Drill und Gottesfurcht eingeimpft, war doch der Orden Jesu seinerzeit oft wenig mehr als eine »fromme Wehrsportgruppe mit paramilitärischer Disziplin«, so der historische Publizist Bernd Rill.

Andacht im Stundentakt

1573 in München als Sohn Herzogs Wilhelm V. von Bayern und Renatas von Lothringen geboren, wächst Maximilian in einer Zeit auf, in der religiöse Fragen zweifellos eine wichtige Rolle spielen, allerdings immer mit politischen verknüpft sind. Machtpolitik zum Vorteil des eigenen Territorialstaats ist auch Maximilian nicht fremd, in dessen Brust zwei Herzen schlagen: das des Fürsten im beginnenden Absolutismus und das des gläubigen Katholiken.

Als 14-Jähriger war der Jesuitenzögling von München nach Ingolstadt gegangen, wo er an der Universität zusammen mit seinem Vetter Ferdinand II., dem späteren Habsburgerkaiser, seine strenge Ausrichtung auf den Katholizismus vertieft hatte. Vor allem die in Ingolstadt in den Vordergrund gestellte Marienverehrung hinterlässt bei ihm tiefe Spuren: In einem Tabernakel, den Maximilian dem Kloster Altötting gestiftet hatte, stieß man auf ein Dokument, geschrieben mit dem Blut des Herzogs: Er, »der Sünder größter«, weihe sein Leben der Jungfrau Maria. Und er erhebt die Mutter Gottes zur »Patrona Bavariae«, zur Schutzheiligen Bayerns. 1620 werden die katholischen Truppen Tillys, den man auch den »Mönch im Harnisch« nennt, mit dem Schlachtruf der Heiligen Maria auf den Lippen gegen die Protestanten in den Kampf am Weißen Berg ziehen.

Maximilian war ein zutiefst gottesfürchtiger Mann, der, seinem Beichtvater Johann Vervaux zufolge, Tag für Tag die Nähe zu Gott suchte. Entsprechend streng durchgetaktet war sein Tagesablauf: Dieser startete frühmorgens mit einem einstündigen Gebet, gefolgt von zwei Messen am Vormittag, die Maximilian bußfertig auf Knien absolvierte. Am Nachmittag hielt der Bayernherzog eine weitere Stunde Andacht und erneut vor dem Schlafengehen. Selbst die Nächte sind erfüllt mit Rosenkranzgebeten. Befand sich Maximilian auf Reisen, wurde die Kutsche zum Gebetsraum. Mitunter geißelte sich der fromme Büßer: Die Instrumente dafür, darunter eine Stachelkette, verwahrte er samt einem härenen Hemd in einer Schatulle, die man nach seinem Tod fand.

Bayern – Bollwerk der Gegenreformation

Mit den Reformierten steht Maximilian zeitlebens auf Kriegsfuß. In seinen lateinisch niedergeschriebenen Ratschlägen an den Sohn und Nachfolger, den »väterlichen Ermahnungen«, rät er: »Solche, die in Religionssachen Neuerungen beginnen, musst Du meiden, und beschränken so viel Du kannst, sowohl Gott zuliebe, als auch deshalb, weil durch dergleichen Neuerungen müßige Leute zum Umsturz des Bestehenden angetrieben werden, woraus Verschwörung, Aufruhr und andere große Übel entspringen.« Der stockkonservative Wittelsbacher, der das Heilige Römische Reich als ein hierarchisches System von Gottes Gnaden ansah, macht Bayern zum Bollwerk der Gegenreformation in Deutschland.

»Kleine, lokale Konflikte wirkten plötzlich wie ein Brandbeschleuniger«
(Herfried Münkler)

Nachdem er am 15. Oktober 1597 als Herzog von Bayern seine Regierungsgeschäfte aufgenommen hat, ändert sich vieles im Land. Um das Seelenheil seiner Untertanen bemüht, will der neue Regent aus den Bayern ein Gott wohlgefälliges Volk machen. Zahlreiche Verordnungen sollen »die Üppigkeit und die schlechten Sitten in strenger Aufsicht halten«. Zum Leidwesen seiner Untertanen: »All das, was heute als Folklore in Bayern zelebriert wird, lässt der Bayernherzog verbieten«, so der für die »Süddeutsche Zeitung« schreibende Kolumnist Hans Kratzer. Den Männern beispielsweise ist von nun an der Besuch von Wirtshäusern und Biergärten nur noch an Sonn- und Feiertagsnachmittagen erlaubt. Ausgelassene Volkstänze stellt Maximilian ebenso unter Strafe wie das Tragen der bis dahin üblichen engen Hosen der Bauern. Als unzüchtig verboten wird auch das südlich des Weißwurst-Äquators praktizierte Fensterln.

Peinlichst genau achtet der Landesvater darauf, dass seine katholischen Untertanen die von ihm verordneten religiösen Vorschriften auch einhalten. Kontrolleure durchstreifen die bayerischen Lande, durchsuchen Häuser nach lutherischen Schriften, führen Namenslisten über die obligatorische Teilnahme an der österlichen Kommunion und fahnden an Fastentagen in Kochtöpfen nach Fleisch. Das war keine Schikane, um den Bayern jegliche Lebensfreude zu nehmen, sondern entsprang einem tief verwurzelten religiösen Glauben, wonach zu viel Amüsement einem gottgefälligen Leben zuwiderliefe.

Hart geht Maximilian gegen »das hochverbotene Laster der Leichtfertigkeit und unehelichen Schwängerung« vor. Als ein anderes »hochsträfliches Laster« gilt ihm der Ehebruch, auf den nun fünf- bis siebenjährige Landesverweisung steht, im Wiederholungsfall der Scharfrichter. Der Herr in Bayern ist nicht zimperlich. Auch als eifriger Hexenverfolger macht er sich einen Namen. Die Angeklagten werden grausam gefoltert, bis sie ihren Pakt mit dem Teufel gestehen. Anschließend verbrennt man sie, um durch diese gute Tat sich selbst und auch den Seelen der Angeklagten das ewige Leben zu verschaffen.

Ganz anders ist Maximilians Finanzverwaltung: modern, beinahe der Zeit voraus. Früh erkennt der Bayernherzog, dass ohne Geld, ohne gesunde und sichere wirtschaftliche Verhältnisse, kein Staat zu machen ist. Er steigert allmählich die Einnahmen und kürzt vor allem die Ausgaben. Nach zehn Jahren hat Maximilian sein erstes Etappenziel erreicht: 1608 ist der bayerische Staat schuldenfrei. Vier Jahre später weist die Staatskasse ein Plus von einer Million Gulden auf. Bayern floriert. Zu Recht wird Maximilian als Vertreter des modernen Merkantilismus bezeichnet. Die Staatseinnahmen sind, gemessen an der Größe des Landes, enorm. Maximilian kann bauen. München verwandelt sich in eine Residenzstadt. Bayern wird zum finanzstarken Zentrum des deutschen Katholizismus.

Derweil verhärten sich im Reich die konfessionellen Fronten. »Kleine, lokale Konflikte werden plötzlich symbolisch überhöht und wirken wie ein Brandbeschleuniger«, beschreibt der Berliner Politikwissenschaftler Herfried Münkler die religiös aufgeheizte Stimmung in der abendländischen Christenheit. Reibungsflächen gibt es besonders dort, wo Anhänger beider Konfessionen gewissermaßen Tür an Tür leben, wie etwa in der Freien Reichsstadt Donauwörth, damals Schwäbischwerd.

Sündenfall Donauwörth

Am 25. April 1606 kam es in der mehrheitlich von Protestanten bewohnten Stadt zu Unruhen, weil Angehörige der katholischen Minderheit anlässlich einer Prozession zum Gedenktag des Apostels Markus mit ausgerollten Fahnen durch die Stadt zogen. Die Protestanten empfanden diese Respektlosigkeit als Provokation, zerrissen die Kreuzesfahne, warfen die mitgeführten katholischen Reliquien in den Straßendreck und lösten den Aufzug auf Befehl des Stadtmagistraten gewaltsam auf. Damit verstießen sie gegen den Augsburger Religionsfrieden, der für alle konfessionell gemischten Reichsstädte das Recht auf freie Religionsausübung garantierte.

Die Katholiken legten beim Augsburger Bischof Beschwerde ein. Der wandte sich daraufhin an den kaiserlichen Hofrat mit der Aufforderung, gegen Donauwörth einzuschreiten. Im August 1607 sprach Kaiser Rudolf II. die Reichsacht über den Ort aus und übertrug die Exekution dieser Strafe dem katholischen Herzog Maximilian von Bayern. Das war eine einseitige Parteinahme, wenn nicht ein Rechtsbruch des Kaisers, denn Donauwörth gehörte nicht dem bayerischen, sondern dem schwäbischen Reichskreis an, so dass für die Durchsetzung des kaiserlichen Mandats nicht der katholische Herzog von Bayern, sondern der protestantische Herzog von Württemberg zuständig gewesen wäre. Dass der katholische Habsburger ausgerechnet einen religiösen Hardliner und erbitterten Gegner des Protestantismus wie Maximilian mit dieser Aufgabe betraute, irritierte die protestantischen Fürsten in Deutschland zutiefst.

Nicht zu Unrecht, denn Ende 1607 rückte bayerisches Militär in Donauwörth ein, und bayerische Kommissare übernahmen die Verwaltung. Die vormals Freie Reichsstadt wurde zu einer bayerischen Provinzstadt. Unter Berufung auf seine landesherrschaftliche Kirchenhoheit verbot Maximilian, das protestantische Bekenntnis in der Stadt weiter auszuüben. Die protestantische Pfarrkirche wurde den Jesuiten übergeben, evangelische Gottesdienste untersagt. Wer aufbegehrte, wurde vertrieben oder zum römischen Glauben zwangsbekehrt.

Union und Liga – die Militarisierung des Konflikts

»All das«, so der an der Universität Erlangen-Nürnberg lehrende Neuzeithistoriker Axel Gotthard, »musste Deutschlands Protestanten empören und auch, zumal in Süddeutschland, ängstigen.« Bestürzt forderten die evangelischen Stände auf dem Regensburger Reichstag im Januar 1608 die Bestätigung ihrer Rechte. Nachdem der katholische Reichsteil, der dank des Geistlichen Vorbehalts die Mehrheit im Reichstag besaß, dies ablehnte, löste sich der Reichstag ergebnislos auf. »Damit war das wichtigste Organ der Reichsverfassung, das im Konfessionsstreit hätte vermitteln können, handlungsunfähig, die politische Kommunikation im Reichssystem mithin großflächig gestört«, so der Mainzer Historiker Heinz Duchhardt. Der Ton wird rauer, die Positionen unversöhnlicher, weil es die katholischen Habsburger auf dem Kaiserthron versäumen oder nicht gewillt sind, die Reichsstände durch mehr Mitsprache in die Entscheidungsprozesse einzubinden. Ein Manko, das Verhandlungen zunehmend erschwert. »Es ist der Zeitpunkt«, so der schottische Historiker Peter Marshall, »an dem die Diplomaten zu Gunsten der konfessionellen Hardliner abdanken.«

Für die Protestanten wurde Donauwörth zum Sündenfall, zum Beweis, dass die Gegenseite nur eines im Sinn hatte: die Auslöschung des Protestantismus. Am 14. Mai 1608 schlossen in Auhausen bei Nördlingen mehrere protestantische Reichsfürsten einen Sicherheits- und Militärpakt. Bei katholischen Angriffen auf einen Bündnispartner verpflichtete sich diese protestantische »Union«, eine gemeinsame Armee aufzustellen. Im Jahr darauf, am 10. Juli, bildeten katholische Reichsstände in München auf Initiative des Bayernherzogs Maximilian eine Allianz zur »Defension und Erhaltung der wahren katholischen Religion«. Dieser katholischen »Liga« gehörten neben Bayern unter anderem die süddeutschen Fürstbischöfe von Augsburg, Konstanz, Regensburg und Passau sowie später die geistlichen Kurfürsten von Köln, Mainz und Trier an.

Mit dem Geld des Bayernherzogs wird die Liga in der Folgezeit zu einer schlagkräftigen Armee unter der militärischen Führung des kampferprobten Feldherrn Tilly ausgebaut. Der Bayernherzog mischt kräftig mit, heizt die Stimmung weiter an, so dass im Reich keine Ruhe mehr einkehrt. Donauwörth sollte nur ein erster Schritt auf dem Weg zur Rekatholisierung des Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nation sein. Doch es ging Maximilian nicht bloß um Glaubensfragen, sondern auch um handfeste Interessen: Bayern sollte größer und er mächtiger werden. Am großen Krieg, der schon bald beginnen wird, macht er sich so von Anfang an mitschuldig.

Funkenschlag aus Böhmen

Doch zunächst sind es die böhmischen Stände, die die Lunte ans Pulverfass legen, indem sie 1618 in Prag gegen ihren österreichisch-habsburgischen König rebellieren. Sie werfen dessen Gesandte aus einem Fenster der Hofburg und wählen sich im darauf folgenden Jahr kurzerhand den Kurfürsten Friedrich von der Pfalz zum neuen König von Böhmen – einen Protestanten.

Kurfürst Friedrich von der Pfalz
Kurfürst Friedrich von der Pfalz | Als Ersatz für den abgesetzten Ferdinand ernannten die böhmischen Rebellen Friedrich zu ihrem König – doch der verlor die Schlacht am Weißen Berg gegen den Feldherrn Tilly.

Fast zeitgleich wird der von ihnen gestürzte Habsburger – Maximilians einstiger Studienkollege Ferdinand II. – in Frankfurt zum Kaiser des Heiligen Römischen Reichs gekrönt. Um seinen Einfluss über Böhmen zurückzuerlangen, wendet er sich Hilfe suchend an den Bayernherzog. Und der wittert seine Chance, sein Land zu vergrößern und mehr Einfluss im Reich zu gewinnen. Maximilian verspricht Hilfe, verlangt dafür aber vom Kaiser volle Entschädigung für alle Aufwendungen. Als Pfand soll Maximilian alle habsburgischen Länder behalten dürfen, die er den Rebellen entreißen kann – so lange, bis Ferdinand alles auf Heller und Pfennig zurückbezahlt hat. Es wird besiegelt. Außerdem fordert der Bayernherzog die Kurfürstenwürde und die Pfälzischen Lande, die ihm durch Waffengewalt zufallen – beides ginge auf Kosten des Pfalzgrafen Friedrich, seines nun in Prag herrschenden Wittelsbacher Vetters. Auch das sagt ihm der Kaiser zu, allerdings nur mündlich, denn es ist ein klarer Bruch des Reichsrechts.

Prompt lässt Maximilian das Liga-Heer in Böhmen einmarschieren – mit Erfolg. Die Aufständischen werden 1620 in der Schlacht am Weißen Berg geschlagen, Kaiser Ferdinand ist wieder böhmischer König, der Konflikt scheint beigelegt. Doch gelingt es nicht, Frieden zu machen, weil Maximilian seinen Preis einfordert: die Oberpfalz und die Pfälzer Kurwürde. Nicht der Rechtsbruch an sich erregt die Gemüter. Entscheidend ist die damit verbundene Machtverschiebung zu Gunsten der Katholischen und der Gegenreformation. Ein Kurfürstentitel für Maximilian würde bedeuten, dass der oberste Gegenreformator in den siebenköpfigen Kreis der mächtigsten Reichsfürsten aufrückt und ein Protestant dafür gehen muss. Die Katholischen hätten somit ein erdrückendes Übergewicht im Kurfürstenkollegium, das unter anderem den Kaiser wählt. Schon der Versuch kommt einer Kriegserklärung an den europäischen Protestantismus gleich.

Internationalisierung des Kriegs

Maximilian interessiert das nicht: 1621 sichern sich seine Truppen die Oberpfalz sowie Oberösterreich und plündern die Ländereien rücksichtslos aus. Dass er Oberösterreich nach acht Jahren Besetzung wieder aufgibt, ist Kalkül: Das Land ist ausgebrannt und verspricht keinen Gewinn mehr. Er tauscht es ein gegen die endgültige Übertragung der Oberpfalz, inklusive der Pfalz östlich des Rheins. Aber der auf Böhmen und andere Teile des Alten Reichs begrenzte Regionalkrieg wächst sich nun zu einem europäischen Krieg auf deutschem Boden aus. Und Maximilians kompromissloses Verhalten gegenüber den Protestanten hält den Konflikt am Köcheln.

Maximilians politischer Bumerang ruft Schweden und Frankreich auf den Plan

»Dabei hätte man mit etwas mehr Fingerspitzengefühl 1621 durchaus den Deckel auf den dampfenden Kriegskessel legen und Frieden mit dem besiegten Gegner machen können«, erklärt der britische Militärhistoriker Geoffrey Parker. Anstatt den damals noch regionalen Konflikt zu beenden, gießt man allerdings weiter Öl ins Feuer. Im Winter 1623/24 wird die Liga-Armee nicht abgedankt. Stattdessen zieht sie ins Feldlager in den evangelischen Norden, ins Hessische und nach Westfalen. Das schreckt die Protestanten in Norddeutschland auf, was wiederum König Christian von Dänemark als Herzog von Holstein auf den Plan ruft.

Als Führer der Liga rüstet der zwischenzeitlich mit der begehrten Kurfürstenwürde belehnte Maximilian wacker gegen die sich formierende europäische Nordkoalition der Protestanten mit Dänemark und erringt durch seinen General Tilly 1626 auch achtbare militärische Erfolge. Mit dem kaiserlichen Feldherrn Wallenstein ist ihm inzwischen jedoch ein mächtiger Gegner im eigenen Lager erwachsen. Wallenstein versteht sich als General des Kaisers, nicht der Liga, und verfolgt eine Politik, die eine Stärkung der kaiserlichen Zentralgewalt im Reich anstrebt. Auf Kosten der Fürsten. Zwar gelingt es dem Bayernherzog, den kränkelnden Kaiser 1630 dazu zu bewegen, Wallenstein zu entlassen, weil die katholischen Kurfürsten unter seiner Führung das zur Bedingung machen für ihre Zustimmung zur Wahl von Ferdinands Sohn zum römischen König. Doch der Triumph währt nur kurz.

Verpasste Friedenschance

Denn schon bald nimmt der Krieg paneuropäische Dimensionen an. Und Maximilian hat daran einen nicht unwesentlichen Anteil. Auf sein Betreiben hin hatte Kaiser Ferdinand II. am 6. März 1629 das so genannte Restitutionsedikt erlassen, nach dem die protestantischen Reichsstände sämtliche nach 1552 in protestantische Hand gelangten Kirchengüter an die Katholiken zurückgeben sollen. Maximilian habe dem Kaiser glaubhaft plausibel machen können, so der kürzlich verstorbene amerikanische Historiker Robert Bireley, dass Gott den katholischen Mächten durch die auf den Schlachtfeldern errungenen Siege die Mittel in die Hand gab, die frühere Stellung der Kirche im Reich wiederherzustellen.

Doch das Dekret, das der Kaiser im Überschwang militärischer Erfolge ausgegeben hat, erweist sich bald als politischer Bumerang. Nicht nur provoziert er damit den erbitterten Widerstand der kaisertreuen Protestanten im Reich, sondern sorgt auch dafür, dass sich der Religionskrieg weiter verschärft – und ein neuer Hegemonialkrieg erwächst. So wurde im Frühjahr 1629 die bis dahin wohl größte Chance vertan, den Krieg in allen seinen Ausprägungen zu beenden. Stattdessen rief die Politik der Restitution die nächsten Interventionsmächte auf den Plan: Schweden mit Gustav Adolf II. und in dessen Hintergrund das Frankreich Richelieus.

Kaiser Ferdinand II.
Ferdinand II. | Abgesetzt von den böhmischen Ständen, wurde Ferdinand II. zum Kaiser gekrönt – und ließ die Truppen der Liga in Böhmen einmarschieren.

Wie bei vielen anderen europäischen Machthabern ist der Kriegseintritt des Schwedenkönigs mehr machtpolitisch als konfessionell motiviert. Vor allem richten sich seine imperialen Begehrlichkeiten auf die Schweden gegenüberliegende Küste Pommerns. Nach seinem Beitritt zur protestantischen Nordallianz setzt sich im Jahr 1630 eine gewaltige Streitmacht unter Führung des Schwedenkönigs in Bewegung, die schnell ganz Norddeutschland für die Union zurückerobert und bald schon die Stammlande der Gegenreformation bedroht – Bayern und das Habsburgerreich. Hier erlebt Maximilian nun nicht nur, wie sein politischer Gegner Wallenstein knapp zwei Jahre nach seiner Entlassung erneut in Amt und Würden gesetzt wird, sondern muss auch mit ansehen, wie zum ersten Mal sein eigenes Land zum Kriegsschauplatz wird.

Gemischte Kriegsdividende

Maximilians Politik ist gescheitert. Einerseits bietet Bayern keine ausreichende Basis für europäische Machtpolitik. Andererseits ist der Kurfürst zu sehr im Denken der alten Zeit verhaftet: Beseelt davon, die Einheit der Christenheit unter dem Dach Roms wiederherzustellen, ist er nicht fähig, über seinen konfessionellen Schatten zu springen. Modern genug zwar, um in beschränktem Maß Territorialpolitik zu betreiben und aus Bayern einen frühabsolutistischen Staat zu machen. Aber zu bajuwarisch und zu sehr in alte Glaubensfragen verrannt, um Macht und Religion strikt zu trennen, wenn es um Politik geht.

Und dennoch steht der Wittelsbacher am Ende des Dreißigjährigen Kriegs nicht mit leeren Händen da: Maximilian bleibt deutscher Kurfürst, und Bayern geht als einziges katholisches Territorium mit Gebietsgewinnen aus dem Frieden von Osnabrück hervor. Allerdings ist das weniger sein eigenes Verdienst als vielmehr der Gunst der Stunde geschuldet: Den Siegermächten des Westfälischen Friedens – Frankreich und Schweden – lag sehr viel an starken Partikulargewalten im Reich und an einer Schwächung von dessen Zentralmacht. Als Maximilian am 27. September 1651, drei Jahre nach Friedensschluss, in Ingolstadt stirbt, hinterlässt der 78-Jährige ein weitgehend entvölkertes Land, dessen Einwohner schwer unter den langen Jahren des Kriegs gelitten haben.

»Der Weg in die Katastrophe des Dreißigjährigen Krieges«, so der Titel eines Buches von Heinz Duchhardt, führte über Bayern und seinen frommen Landesherrn. Sein Einmarsch in Donauwörth hatte erheblich zur Vergiftung des politischen Klimas am Vorabend des Kriegs beigetragen, die »Pfalz-Frage« war der Motor des Kriegsgeschehens in den 1620er Jahren und das von ihm vorangetriebene Restitutionsedikt wichtiger Auslöser dafür, dass der Schwedenkönigs Gustav Adolf II. mit seinem Kriegseintritt einen Krieg am Wüten hielt, der 1629 eigentlich schon entschieden war.

Zwar drehte Maximilian I. von Bayern nicht am ganz großen Rad der Geschichte. Doch durch seinen Einfluss auf die kaiserliche Politik gab er dieser in den entscheidenden Momenten eine Richtung vor – und beeinflusste den Lauf der Geschichte, die ohne sein Zutun gewiss eine andere Wendung genommen hätte. In einer Zeit, die es an Gewalt und Absurdität mit den Verwerfungen der Moderne jederzeit aufnehmen konnte, beeinflusste Maximilian den Verlauf des Dreißigjährigen Kriegs mehr, als es der Größe seines Landes eigentlich entsprach.

21/2018

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 21/2018

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