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Erdtrabant: Der Mond pfeift aus den letzten Löchern

Nicht genug damit, dass kein Leben auf dem Mond zu finden ist - seit langem gilt der Mond selbst als tot. Mindestens eine Milliarde Jahre soll keine Lava mehr über seine Oberfläche geflossen sein, weshalb Wissenschaftler ihn längst als ausgekühlten Gesteinsbrocken ansehen. Neue Bilder mit hoher Auflösung stellen dieses vermeintlich sichere Wissen nun in Frage. In wenigstens einem Krater war das Material gerade noch in Bewegung - vor "nur" zehn Millionen Jahren.
Mond
Verwandte meinen wir gut zu kennen. Und verwandt ist der Mond mit unserer Erde allemal. Aktuellen Modellen zufolge entstand der Trabant nämlich in der Frühzeit des Planeten, als ein herumirrender Brocken von der Größe des Mars mit der Vorerde kollidierte, dabei ein gewaltiges Stück aus ihr herausriss und die in einer Umlaufbahn gefangenen Trümmer sich schließlich zum kleineren Begleiter zusammenschlossen. Es folgte ein heftiges Spiel der Gravitations- und Fliehkräfte, das die Mondgesteine eine Weile flüssig hielt, mit der Zeit aber doch abflaute, als der Mond sich auf einen größeren Abstand zur Erde zurückzog und ihr in seiner gekoppelten Rotation nur noch die immer gleiche Seite zuwandte. Im Inneren kühlte er daraufhin ab. Immerhin 3,2 Milliarden Jahre soll es her sein, dass die Phase verbreiteter vulkanischer Aktivität ihr Ende nahm, und die letzten dünnen Lavaströme sind wohl vor rund einer Milliarde Jahren versiegt. Wir wissen also ausgezeichnet Bescheid.

Ein D auf dem Mond | Die Bilder der Apollo 15-Mission zeigen die D-förmige Struktur "Ina", bei der es sich womöglich um den Krater eines Vulkans handelt. Sie zeichnet sich durch das Fehlen kleiner Einschlagkrater und eine kontrastreiche Oberflächenstruktur voller Wälle aus.
Vielleicht aber nicht ganz so gut, wie wir bislang dachten. Eine kleine Struktur mit Namen Ina wirkt in den Augen des Geowissenschaftlers Peter Schultz von der Brown-Universität und seiner Kollegen erstaunlich frisch. So frisch, dass sie wohl kaum auf eine Milliarde Jahre langsamen Zerfalls zurückblickt. Dabei hat Ina als mutmaßlicher Vulkankrater mit nur 2,8 Kilometern Durchmesser und 60 Metern Tiefe wahrlich keine auffallenden Dimensionen. Dafür erstrecken sich an ihrem Grund jedoch zahlreiche Wälle von 5 bis 25 Metern Höhe oder noch weniger, Plateaus von unter 10 Metern und fast keine Anzeichen von Einschlägen kleiner Meteorite. Wäre Ina ein so alter Vulkankrater, wie sie sein sollte, hätten ständige Minikollisionen mit Weltraumsteinchen in einer Art "Sandpapier-Erosion" längst alle Strukturen abflachen und etwas kräftigere Brocken neue Marken setzen müssen. So aber wirkt Inas glatter Teint im Vergleich mit anderen Strukturen des Mondes, als blicke sie höchstens auf zehn Millionen Jahre zurück – nach bisherigem Denken viel zu jung für Schönheit, die aus dem erkalteten Inneren stammen soll.

Falschfarben verraten Frische | Die Raumsonde Clementine konnte mit ihren Instrumenten magmatisches Gestein aufspüren. In diesem Bild sind die Daten in Falschfarben über ein Foto der Apollo-Mission gelegt. Das Innere des Vulkankraters Ina ist hell blau – deutliches Anzeichen für magmatisches Material mit hohem Titan-Anteil, wie es für junge Krater typisch ist.
Doch auch die spektroskopische Untersuchung mit den Instrumenten der Raumsonde Clementine rückt Ina in die Nähe nachweislich junger Einschlagskrater, die den Blick auf kaum gealtertes Gestein freigeben. Danach weisen sowohl diese Krater als auch Inas Oberflächematerialien große Mengen Titan-reichen Basalts (Mafit) auf. Die normale Hülle des Mondes besteht hingegen aus mehr als zwölf Meter dickem Regolith-Gestein.

Wie kommt also das frische Material in Ina an die Oberfläche? Einen richtigen Vulkanausbruch in jüngerer Zeit schließen die Wissenschaftler aus. Ansonsten wäre die Verteilung anders und vor allem großflächiger. Stattdessen sprechen die schwachen Wallringe mit den niedrigen Erhebungen eher für einen Prozess mit relativ wenig Energie, der das ansonsten überlagernde Gestein "wegpustet". Das würde auf einen Gasausstoß in dem ansonsten inaktiven Vulkan sprechen. Und tatsächlich hatten bereits die Apollo-Missionen Anzeichen dafür gefunden, dass dem Mond gelegentlich etwas Gas entweicht. Anders wäre die gefundene Menge Radon, die auch später nachgewiesen wurde, schwer zu erklären.

Es sieht also ganz so aus, als liege der Mond gewissermaßen in den letzten Zügen, die er über Ina abgibt. Und nicht nur hier. Mindestens vier andere Strukturen stehen ebenfalls im Verdacht, womöglich Kohlendioxid und gar Wasserdampf entweichen zu lassen. Sie alle befinden sich an fragilen Stellen wie beispielsweise den Kreuzungen von Mondrillen. Dort geht dem Mond anscheinend die Luft aus. Was der Forschung die Chance bietet, einen indirekten Blick in die innere Chemie des Trabanten zu werfen. Trifft sich gut, wo wir doch sowieso demnächst einen Besuch beim Verwandten geplant haben.

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