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Artenvielfalt: Die Geierkrise weitet sich aus

Die neue Rote Liste der gefährdeten Arten belegt: Aasfresser gehören mittlerweile zu den am stärksten bedrohten Tiergruppen der Erde.
Geier

Geier spielen im Kreislauf der Natur eine Schlüsselrolle: Sie beseitigen Kadaver nahezu restlos; selbst Knochen werden noch verwertet. Damit verhindern sie, dass sich Tierseuchen ausbreiten können, und führen Nährstoffe wieder ins Ökosystem zurück. Welche Folgen es hat, wenn die Aasverwerter verschwinden, zeigte sich deutlich in Indien: Ausgelöst durch ein in der Tiermedizin verwendetes Medikament mit dem Wirkstoff Diclofenac kam es zu einem großflächigen und massiven Geiersterben, das Millionen der Tiere das Leben kostete. Totes Vieh bleibt daher in der Landschaft liegen und ernährt eine wachsende Zahl verwilderter Haushunde, die jedoch für Tollwut anfällig sind und die Krankheit auch auf Menschen übertragen. Mindestens 20 000 Menschen sterben jährlich in Indien an Tollwut, und die Zahl der Toten stieg infolge des Geiersterbens.

Noch vor wenigen Jahrzehnten gehörten Indiens Geierarten zu den häufigsten Greifvögeln der Erde, heute gelten drei von ihnen als vom Aussterben bedroht. Und diese Artenschutzkrise weitet sich zunehmend auf Afrika aus, wie die neue Rote Liste der gefährdeten Vogelarten von Birdlife International belegt: Sechs der elf afrikanischen Geierspezies gelten mittlerweile als akut im Bestand bedroht, obwohl sie auch in Afrika ein sehr wichtiger Bestandteil der Natur und der ökologischen Gesundheit sind. In Westafrika sind demnach seit Ende der 1980er Jahre 98 Prozent der Geier außerhalb von Schutzgebieten verschwunden. In Südafrika verschwanden 60 bis 70 Prozent aller Kapgeier während der letzten Jahrzehnte.

Schildhornvogel
Schildhornvogel | Ein Dinosaurier? Nein, ein Schildhornvogel im Flug. Sein Schnabel gilt mittlerweile als Statussymbol in China – was die Art stark bedroht.

Die Gründe für diesen Verlust sind allerdings vielfältiger als in Indien, wo weit gehend die Verwendung von Diclofenac das Sterben ausgelöst hat. In Afrika verbreitet sich das Medikament ebenfalls, spielt aber zumindest momentan noch eine untergeordnete Rolle. Gravierender sind vor allem direkte und gezielte Vergiftungen: Viehzüchter präparieren Kadaver, um damit Raubtiere zu töten, die ihre Herden bedrohen, aber als Kollateralschaden werden auch die Geier getroffen. Wilderer versetzen wiederum tote Elefanten oder Nashörner mit Gift, um die Aasfresser auszuschalten – wenn die Vögel am Himmel kreisen, könnten sie Ranger aufmerksam machen und so die Elfenbein- und Nashornschlächter verraten. Zudem gelten tote Geier als Wundermittel in der traditionellen afrikanischen Medizin: Sie werden geschossen und gefangen, um an bestimmte Körperteile zu gelangen.

Insgesamt wurden 40 Vogelarten neu in die Rote Liste aufgenommen oder ihr Status hat sich verschlechtert. Der asiatische Schildhornvogel (Rhinoplax vigil) beispielsweise wurde ebenfalls in die höchste Gefährdungsstufe eingruppiert: Er besitzt einen beeindruckenden Schnabel, der in China mittlerweile ebenso begehrt ist wie Elfenbein und im entsprechenden Handwerk "kunstvoll" geschnitzt wird. Kritisch sieht die Situation auch zunehmend für Watvögel aus, von denen gleich mehrere Arten stärker gefährdet sind – darunter der Knutt (Calidris tenuirostris) und die Pfuhlschnepfe (Limosa lapponica). Vor allem in Ostasien verlieren sie wertvolle Rastplätze auf dem Zugkorridor von Sibirien nach Australien.

Immerhin können Vogelschützer auch einige Erfolge aufweisen: 23 Spezies haben sich im Bestand wieder so weit erholt, dass sie herabgestuft werden konnten. Der Seychellen-Rohrsänger (Acrocephalus sechellensis) war vor wenigen Jahrzehnten einer der seltensten Vögel der Erde. Mittlerweile besiedeln wieder mehrere tausend Individuen verschiedene Inseln der Seychellen.

44/2015

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 44/2015

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