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Verena Brunschweiger: Die Kinder und der Klimaschutz

Eine kinderlose Lehrerin wirbt für »Kinderfreiheit« unter anderem mit dem Argument, der Verzicht auf Nachwuchs sei der größte Hebel für Umweltschutz. Doch die Studie, auf die sie sich bezieht, hat einige Mängel.
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Verena Brunschweiger hat es satt, sagt sie. Sie wolle als kinderlose Frau nicht mehr scheel angeschaut werden und als Lehrerin nicht mehr erleben, dass ihr Kolleginnen mit Nachwuchs bei der Versetzung an die Wunschschule vorgezogen werden. Mit einem Manifest für »Kinderfreiheit« hat sich die 38-Jährige auf den Buchmarkt begeben und tritt seither auch in Talkshows auf. Viele ihrer Argumente betreffen Lebensmodelle, Grundwerte oder Erziehungsfragen, über die man trefflich streiten, die man aber kaum sachlich und wissenschaftlich beurteilen kann. Doch bei einer zentralen Aussage ist das anders: Wer Kinder bekomme, so Brunschweiger, füge besonders dem Klima großen Schaden zu – es sei »das Schlimmste, was man der Umwelt antun kann«.

In einem Interview mit dem Magazin »Focus« benennt die Buchautorin den Effekt bis auf die erste Nachkommastelle genau: Forscher hätten herausgefunden, »dass wir 58,6 Tonnen CO2 einsparen können, wenn wir nur ein Kind weniger in die Welt setzen. 58,6 Tonnen – das muss man sich mal vorstellen!« Ihre These, sagt sie, »beruht 1 : 1 auf der Studie, die die University of British Columbia in Vancouver durchgeführt hat«.

Diese Studie aus Kanada genauer zu betrachten, ist eine lohnende Aufgabe, auch wenn sie schon 18 Monate alt ist. Sie enthält nämlich einige Annahmen und Abkürzungen in der Argumentation, die die Grundaussage mit vielen Fragezeichen versehen und am Ende praktisch wertlos machen.

Die Untersuchung ist im September 2017 in den »Environmental Research Letters« erschienen, sie stammt von Seth Wynes und Kimberly Nicholas und enthält jene Aufsehen erregende, für viele gar aufrührerische oder empörende Zahl. 58,6 Tonnen CO2-Äquivalente – übrigens pro Jahr – sind fast das Dreifache dessen, was selbst die Bürger der USA im Jahr direkt und indirekt ausstoßen, und mehr als das Fünffache des deutschen Werts. Wie kann das sein? Schon die Zahl deutet darauf hin, dass man die Methode genau analysieren muss.

Eine spektakuläre Maßnahme?

Die genannte Menge stellt fast alle anderen möglichen Verhaltensänderungen weit in den Schatten. Autofrei zu leben bringt demnach »nur« 2,4, der Umstieg von einer fleischhaltigen auf eine vegane Ernährung 0,8 Tonnen pro Jahr. Man müsste sich schon sechs (eigentlich geplante) Flüge über den Atlantik pro Monat sparen, um auf die gleiche Größenordnung zu kommen wie beim Verzicht auf ein Kind.

Angesichts dieser Zahlen geben sich die Autoren entrüstet: Nirgendwo in den reichen Nationen gehöre der Verzicht auf Kinder zu den Empfehlungen von Regierungen. Im Gegenteil, mindestens in den Industrieländern Europas fördert der Staat sogar das Kinderkriegen.

Man müsste sich schon sechs Flüge über den Atlantik pro Monat sparen, um auf die gleiche Größenordnung zu kommen wie beim Verzicht auf ein Kind

Tatsächlich hat sich auch die Wissenschaft bisher kaum damit beschäftigt, was Kinderverzicht bewirkt. Wynes und Nicholas haben nur eine einzige Studie gefunden, als sie das Basismaterial für ihre Überblicksarbeit zusammensuchten. Diese Vorlage stammt aus dem Jahr 2009 und ist von Paul Murtaugh und Michael Schlax von der Oregon State University im Fachmagazin »Global Environmental Change« veröffentlicht worden. Die beiden haben für die elf bevölkerungsreichsten Länder der Erde zu berechnen versucht, welche Emissionen mit der Entscheidung verbunden sind, ein Kind in die Welt zu setzen. Eine europäische Nation ist nicht dabei, das macht die Vergleichbarkeit mit Deutschland schon mal schwierig.

Den beiden Wissenschaftlern aus Oregon geht es nicht darum, wie viel mehr Treibstoff, Lebensmittel oder Konsumgüter ein typisches Paar A und B verbraucht, wenn ein Baby, Kleinkind, Grundschüler und schließlich ein Teenager C bei ihm lebt. Sie setzen einfach voraus, dass der neue Erdenbürger sein Leben lang rechnerisch so viele Treibhausgase wie der Durchschnitt seiner Mitbürger ausstößt. Und dass sie oder er dann selbst Kinder bekommt, also aus dem Blickwinkel von A und B Enkel, die wiederum dann Urenkel zeugen. Murtaugh und Schlax rechnen den Eltern, die vor der Entscheidung für oder gegen Nachwuchs stehen, jeweils die Hälfte der Emissionen des Kindes zu, ein Viertel von jedem Enkel, ein Achtel von jedem Urenkel und so weiter. Die übrigen Anteile entfallen dann auf die anderen Groß- und Urgroßeltern.

Mit dieser Methode ergeben sich in der Oregon-Studie von 2009 große Summen. Jede Amerikanerin ist zum Beispiel pro Kind für im Mittel 470 Lebensjahre ihrer direkten Nachkommen verantwortlich und für sage und schreibe 9441 Tonnen CO2-Äquivalente – fast das Sechsfache dessen, was sie selbst über ihr ganzes Leben an Ausstoß bewirkt. Die beiden Forscher aus Vancouver teilen im Jahr 2017 dann diese Summe durch die Lebenserwartung der US-Bürger, 80,2 Jahre, und kommen so auf die Emissionen pro Jahr, die an der Entscheidung zur Fortpflanzung hängen. Im Fall der USA sind es 118 Tonnen pro Jahr, die zitierten 58,6 ergeben sich als Mittelwert mit den beiden anderen Industriestaaten in der ursprünglichen Studie, Russland und Japan. Die Entwicklungs- und Schwellenländer von Bangladesch über Nigeria und Indonesien bis China bleiben außen vor.

Kinderwunsch mit langen Nachwirkungen

Man muss sich einmal klarmachen, was das heißt. Das Elternpaar ist mit seiner Entscheidung verantwortlich für Treibhausgase, die zum Teil Jahrhunderte nach dem eigenen Tod ausgestoßen werden – die Studie betrachtet den Zeitraum bis 2400. (Darüber hinaus sind nur weniger als fünf Prozent der direkten Familienlinien noch zu sehen, jeweils ausschließlich auf der weiblichen Seite betrachtet, also von Mutter zu Tochter zu Enkelin und so weiter; würden auch männliche Nachkommen betrachtet, ließe sich die Abstammung weiter verfolgen. Aber immerhin ein gutes Drittel der Stammbäume erstrecken sich mindestens ins 22. Jahrhundert und damit über die momentanen politischen Bemühungen hinaus, den Temperaturanstieg bis spätestens 2100 zu stabilisieren.)

Mehrere Jahrhunderte – in dieser Zeit ändern sich vermutlich die Fruchtbarkeit der Völker und womöglich auch der Umgang mit fossilen Brennstoffen. Für beides machen die Autoren Murtaugh und Schlax im Jahr 2009 Annahmen, die einen entscheidenden Einfluss auf die Ergebnisse haben. Die Fertilität setzen sie zum Beispiel ab dem Jahr 2025 auf 1,85 Kinder pro Frau fest; diese Entscheidung wird aber erst wirksam, wenn sich die Generation der Kinder fortpflanzt. Sie stoppt überall auf der Welt das Bevölkerungswachstum, wäre aber etwa aus Sicht von europäischen Staaten sowie für Japan und Russland eine Steigerung. Die damit errechneten 9441 Tonnen CO2-Äquivalente für die US-Bürger beziehen sich auf diese leicht verminderte Fertilität und auf Emissionen, die bis 2400 auf dem Niveau von 2005 bleiben. Das ist Stand heute und bei allem Pessimismus über die globalen Klimaverhandlungen eigentlich undenkbar.

Nehmen die Autoren hingegen an, dass alle Völker der Welt es schaffen, ihren Ausstoß bis 2100 um 85 Prozent zu reduzieren und dann konstant zu halten, fallen die Emissionen der Nachkommen der heutigen Amerikaner auf 562 Tonnen pro zusätzlichem Kind. Dann wäre die Entscheidung für oder gegen Nachwuchs eine Frage von sieben Tonnen pro Jahr. Im Durchschnitt der drei betrachteten Industrieländer ginge es um 4,6 Tonnen pro Jahr.

Und nimmt man an, dass die Europäer den Japanern und Russen in ihrem Verhalten deutlich ähnlicher sind als den Amerikanern, dann sinkt die Zahl für die deutsche Diskussion vielleicht sogar unter 4,0 Tonnen pro Jahr – das ist dann nur noch etwa das Anderthalbfache bis Doppelte des Verzichts auf ein SUV-Auto. So erfolgreich wie in diesem Szenario wird die Klimapolitik vielleicht nicht werden, aber dass sie eine wichtige Rolle für den »Klimafaktor Kind« spielt, lassen sowohl die Kanadier Wynes und Nicholas im Jahr 2017 als auch jetzt die deutsche Buchautorin Verena Brunschweiger unter den Tisch fallen.

Einen weiteren Einwand gegen die Berechnung über alle folgenden Generationen hinweg hatten schon 2018 nach Erscheinen der kanadischen Studie zwei Forscher aus England und Schweden erhoben: Warum soll eigentlich die heutige Elterngeneration für das ganze Leben aller Nachkommen verantwortlich sein? Haben die Kinder, Enkel, Urenkel denn keine eigene Verantwortung? Treffen sie denn keine eigenen Entscheidungen? Und wenn doch: Werden dann die Emissionen nicht vielleicht mehrfach gezählt, fragten Philippe van Bassenhuysen von der London School of Economics und Eric Brandstedt von der Universität Lund. Richtig beantworten konnten das die kritisierten Kanadier auch nicht. Die heutigen Erdbewohner seien doch die letzte Generation, brachten sie vor, die noch selbst entscheiden könnte, ob sie den Ausstoß von Treibhausgasen auf verträgliche Werte begrenzt. Das spreche für eine herausgehobene Rolle.

Umweltbewusstes Verhalten lernen und weitergeben

Ein weiterer Faktor ist die Frage, was für Eltern die Eltern sind, konkret: welches Verhalten sie ihrem Kind vorleben und so mitgeben. Und ob sie selbst durch die neue Rolle vielleicht größeres Umweltbewusstsein entwickeln. Zu Letzterem gibt es in der Forschung keine klare Meinung. Die Umweltbewussten werden eher noch konsequenter, zeigt eine britische Studie des Teams um Lorraine Whitmarsh von der Cardiff University. Aber viele junge Eltern belasten offenbar die Umwelt etwas mehr als vor der Schwangerschaft. Sie kaufen zum Beispiel ein (größeres) Auto. Später ändert sich das Verhalten aber auch wieder zurück, ergibt sich aus anderen Analysen. Wenn die Kinder dann in der Schule etwas über den Umweltschutz lernen, erreicht und beeinflusst das auch das Verhalten der Eltern, belegen weitere Untersuchungen, etwa aus Japan. Und wenn der Nachwuchs immer freitags zum Streik marschiert, um für eine effektive Klimapolitik zu kämpfen, verändert sich in der Familie womöglich auch so manches.

Zusammengefasst spricht viel dafür, dass an dem Argument »Kind als Klimakiller« viel weniger dran ist, als Verena Brunschweiger vorträgt

Die Studie aus Kanada lässt übrigens auch einfach links liegen, was auf globaler Ebene durchaus über Geburtenzahlen und Bevölkerungswachstum zu sagen wäre. Natürlich ist die schiere Zahl der Menschen, die nach Auskommen und sogar Wohlstand streben, ein Faktor für die Umwelt. In der Regel bezieht sich diese Diskussion auf Entwicklungsländer, und die Rezepte, wie sich die Zahl der Kinder generell und ohne dirigistische Eingriffe ins individuelle Leben reduzieren ließe, sind bekannt: Wenn Frauen eine bessere Bildung ermöglicht wird, sinkt die Familiengröße schnell. Auch der Zugang zu Verhütungsmitteln, ein verbessertes Gesundheitssystem und soziale Sicherung für das Alter verringern die Neigung, viel Nachwuchs zu bekommen. Nichts davon wird Wirklichkeit, bloß weil die Bürger der Industriestaaten weniger Töchter und Söhne haben.

Zusammengefasst spricht viel dafür, dass an dem Argument »Kind als Klimakiller« viel weniger dran ist, als Verena Brunschweiger vorträgt. Die erste Studie macht Annahmen mit Diskussionsbedarf, die zweite verschweigt sie, und das »Manifest der Kinderfreiheit« nimmt alles für bare Münze. Der Einfluss auf den eigenen CO2-Fußabdruck ist sicherlich vorhanden, aber nicht überragend groß. Es ist eine wichtige, keine zentrale Lebensentscheidung für die globale Erwärmung – kein An-Aus-Schalter für Umweltschutz. Wenn die Lehrerin gegen die von ihr empfundene Diskriminierung der Kinderlosen protestieren will, sollte sie das Klima besser außen vor lassen.

Dieser Artikel ist ursprünglich im RiffReporter-Projekt »KlimaSocial« erschienen.

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