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Lorsch oder Fulda?: Die Markenschmiede der Franken

Die Ulfberht-Schwerter galten als schärfste Klinge des Mittelalters. Doch wer war Ulfberht, und wo stand seine Schmiede? Die Spur führt nach Deutschland.
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Wer im frühen Mittelalter ein Ulfberht-Schwert schwang, hatte gute Chancen, siegreich zu sein. Die Klingen waren scharf, hart und elastisch zugleich. Sie hielten deshalb mehr Hiebe aus als ein gewöhnliches Schwert. Zudem waren sie leicht. Ein geübter Krieger konnte die Waffe lange führen, ohne erschöpft die Kraft – und den Kampf – zu verlieren.

Nicht ohne Grund waren Ulfberht-Schwerter also der Dauerbrenner unter den mittelalterlichen Handwaffen. Die ältesten Exemplare stammen aus der Mitte des 8. Jahrhunderts. Die letzten tauchten um 1200 auf. Die Bezeichnung der Schwerter geht auf den rätselhaften Namen zurück, der in die Klingen eingelassen wurde: Ulfberht. Wer Ulfberht auch gewesen sein mag, das biblische Alter von 300 Jahren wird er kaum erreicht haben. Forscher vermuten daher, dass der Schmied Nachahmer hatte, die seine Technik kopierten – und den Namen gleich dazu. Die Markenfälschung gelang jedoch nicht immer. Während die häufigste Schreibweise +VLFBERH+T lautet, tragen andere Schwerter die Buchstaben in verdrehter Reihenfolge oder lassen sogar Zeichen vermissen.

Ulfberht, der Wikinger – oder der Franke?

Das schien seinerzeit niemanden zu stören. Ulfberht-Schwerter waren über weite Teile Europas bekannt und verbreitet. Die verrosteten Reste von etwa 170 Klingen wurden in 23 Ländern entdeckt, darunter England, Frankreich, Spanien, Belgien, Italien, Deutschland, Kroatien und vor allem Norwegen, Dänemark und Schweden. Die meisten dieser Regionen gehörten zu einem von zwei Kulturkreisen: entweder dem der Franken oder dem der Wikinger. In diese beiden Lager sind auch Historiker gespalten. Während die einen überzeugt sind, Ulfberht sei Franke gewesen, meinen die anderen, die Schwerter seien aus dem Norden gekommen.

Die geografische Verteilung der Waffen scheint die Antwort nahezulegen. 147 Ulfberht-Klingen wurden bislang in Skandinavien entdeckt. Nur 19 tauchten im ehemaligen Frankenreich auf. Vier stammen aus England. Die Schlussfolgerung liegt nahe, dass Ulfberhts Schmiede bei den Wikingern stand. Doch wer nur auf die Fundorte schaut, gerät auf einen Irrweg. Im Norden herrschte lange Zeit die Sitte, Kriegern Waffen mit ins Grab zu legen. Entsprechend häufig findet man dort Schwerter bei Ausgrabungen. Die christianisierten Franken hingegen bestatteten ihre Toten ohne Beigaben. Ihre Ulfberht-Schwerter sind meist in Flüssen entdeckt worden, wo ihre Träger sie vielleicht verloren hatten. Deshalb könnte die Zahl der im Frankenreich gefundenen Klingen geringer sein.

Für die Herkunft der Schwerter aus dem Frankenreich spricht der Schriftzug »Ulfberht« – ein fränkischer Name in lateinischer Schrift. Die Kreuze, die die Buchstaben flankieren, könnten die Werkstatt eines Kirchenfürsten bezeichnen. Doch bis heute ist kein Bischof Ulfberht in Urkunden aufgetaucht. Den Wikingern lassen sich die Buchstaben nicht zuordnen, sagt Daniel Föller, der an der Goethe-Universität in Frankfurt am Main sowohl die Wikingerzeit als auch das fränkische Kriegswesen erforscht. »Die Skandinavier benutzten die lateinische Schrift im 8. Jahrhundert noch nicht, sondern hatten mit den Runen ein eigenes Schriftsystem«, erklärt Föller. »Und selbst wenn in den folgenden Jahrhunderten einige wenige das Wort lesen konnten: Wer hätte das Kommunikationsziel sein sollen?«

Ann Feuerbach, Historikerin an der Hofstra-University im US-Bundesstaat New York, hält es für möglich, dass es sich nicht um den Namen eines Menschen handelte, sondern um eine Art Beschwörungsformel. »Damals glaubte man, dass Gegenständen Kräfte innewohnen, die man anrufen könnte«, sagt die Historikerin und verweist auf Leitsprüche der Gegenwart: »Noch heute drucken wir auf den US-Dollar die Worte ›In God we trust‹ (Auf Gott vertrauen wir).« Doch Feuerbach verfolgt noch eine andere Spur. Und die führt in den Orient.

Schwerter mit wenig Schlacke

Schon 2009 fand der englische Archäometallurge Alan Williams von der University of Liverpool heraus, dass das Metall einiger Ulfberht-Klingen von einer Qualität war, wie sie sonst in Europa zu dieser Zeit nicht vorkam. Denn mittelalterliches Eisen weist meist Einschlüsse von Schlacke auf. Sie entstehen, wenn das Eisenerz in den Ofen gegeben wird, um das Metall bei hohen Temperaturen aus dem Gestein auszuschmelzen. Heute geschieht das rückstandsfrei in speziellen Öfen bei Temperaturen von 3000 Grad Celsius. Vor mehr als 1000 Jahren erreichten die Schmiede nicht einmal halb so hohe Temperaturen. Daher blieb stets ein Rest Schlacke im Eisen zurück – je mehr, umso brüchiger waren die Waffen, die man daraus schmiedete.

Unter dem Mikroskop konnte Williams bei den Ulfberht-Schwertern keinerlei Einschlüsse von Schlacke im Metall erkennen. Auch war der Gehalt an Kohlenstoff höher als bei herkömmlichen Waffen. Die richtige Menge Kohlenstoff macht Eisen zu Stahl. Er gelangt ins Eisen, wenn man das Feuer mit Kohlen anheizt oder Knochen darin verbrennt. Williams stellte fest, dass der Anteil an Kohlenstoff in einigen Proben von Ulfberht-Schwertern dreimal höher war als in herkömmlichen Schwertern der Zeit.

Stahl von solcher Güte konnte nur Gussstahl sein. Bei dieser Technik wird das Eisen in luftdichten Behältern, so genannten Tiegeln, so lange erhitzt, bis sich die Schlacke fast vollends vom Metall gelöst hat. Aber diese Technik war im frühmittelalterlichen Europa unbekannt. Woher kam dann der Stahl für die Ulfberht-Schwerter?

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Stätte der Ulfberht-Schmiede? | Materialuntersuchungen legen nahe, dass die Schwerter in den Klöstern Lorsch oder Fulda gefertigt wurden. Vom Kloster Lorsch steht heute nur noch die Torhalle aus karolingischer Zeit (um 900).

Ann Feuerbach glaubt, dass das Rohmaterial einen weiten Weg nehmen musste, bevor es in Europa zu Schwertern geschmiedet werden konnte. »Tiegelstahl aus jener Zeit ist im heutigen Turkmenistan und Usbekistan gefunden worden«, sagt die Historikerin. Vom 9. bis zum 11. Jahrhundert kontrollierte die persische Samaniden-Dynastie diese Regionen. »Silbermünzen der Samaniden wurden an vielen Stellen im Ostseeraum gefunden. Die Wikinger haben mit dem Orient Handel getrieben«, erklärt Feuerbach. »Der Stahl für die Ulfberht-Schwerter muss von dort gekommen sein.«

Dem widerspricht der Archäometallurge Robert Lehmann, der als Chemiker am Helmholtz-Institut in Ulm arbeitet. Lehmann untersuchte ein Ulfberht-Schwert, das 2012 bei Erdarbeiten in der Nähe von Hameln gefunden wurde. »Alan Williams hat nur nach den Schlacke-Einschlüssen gesucht«, sagt Lehmann. »Wir haben die chemische Zusammensetzung des Stahls analysiert.« Und die spricht dafür, dass Ulfberhts Schmiede mitten im heutigen Deutschland stand.

Waffen aus dem Kloster?

Im Stahl des Hameln-Schwerts stellte Robert Lehmann einen Mangangehalt von 1,5 Prozent fest. »Das ist recht viel«, sagt der Chemiker. »Tiegelstahl aus dem Orient wäre sauberer und hätte weniger Einschlüsse.« Statt in Usbekistan verortet Lehmann das Rohmaterial im Siegerland, wo auch zahlreiche Hüttenplätze und Bergbauspuren dokumentiert wurden. Bislang aber noch keine, die vor dem 10. Jahrhundert datieren. Im Siegerland kommt jedoch manganreiches Eisen vor. Das könnten Ulfberht und seine Nachahmer gewusst und gezielt genutzt haben. Denn anders als Schlacke schützt Mangan das Eisen vor Korrosion. »Als wir die Rostschicht entfernten, waren wir überrascht, wie gut der Stahl des Hamelner Schwerts erhalten war«, berichtet Robert Lehmann.

Der Archäometallurge hält es für möglich, dass die Schmiede des Schwerts in den Klöstern Fulda oder Lorsch stand. Beide Klöster gab es zur fraglichen Zeit bereits, für beide ist eine Waffenproduktion dokumentiert, und beide erhielten von den Ländereien, die sie besaßen, Abgaben in Form von Eisen, den so genannten Eisenzins. Ein Ulfberht ist allerdings an keinem der beiden Orte verzeichnet.

Franken oder Wikinger? Die Schmiede der Ulfberht-Schwerter ist nach wie vor nicht gefunden. Doch auch dafür gibt es eine Erklärung. »Das eine schließt das andere nicht aus«, sagt Daniel Föller. »Die Geschlossenheit einer Produktion – so etwas sind wir heutzutage von der Industrie gewohnt.« Aber vor 1000 Jahren sei das anders gewesen. Womöglich hatten die Franken Ulfberht-Schwerter aus lokalen Erzen hergestellt. Und die Skandinavier kopierten die Klingen mit dem Tiegelstahl, den sie aus dem Orient bezogen, meint der Historiker. »Vielleicht stehen wir vor einem Rätsel, das gar keins ist.«

Die singende Klinge

Vorerst bleibt Ulfberht ein Unbekannter. Das könnte sich allerdings bald ändern, denn in der Archäometallurgie reifen neue Methoden heran. Mit der Heliumanalyse hoffen Chemiker eine Möglichkeit gefunden zu haben, Eisen genau zu datieren. Und die Analyse von Osmiumisotopen soll die Herkunft von Metallen verraten und Erzlagerstätten identifizierbar machen. Im Augenblick fehlen dazu aber noch genügend große Datenbanken, in denen die chemischen Eigenschaften aller Lagerstätten verzeichnet sind. »In einigen Jahren«, ist Robert Lehmann überzeugt, »wissen wir mehr.«

Die Waffen selbst schweigen. Doch ganz still sind sie nicht. »Als wir das Ulfberht-Schwert aus Hameln untersuchten und die Klinge anstießen, fing das Metall an zu vibrieren«, berichtet Robert Lehmann. Dabei sei ein Ton erklungen. »Man hätte meinen können, das Schwert singt«, so Lehmann weiter. »Das muss ein beeindruckender Effekt gewesen sein, wenn man die Klinge aus der Scheide zog.«

1/2020 (März/April)

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum Geschichte, 1/2020 (März/April)

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