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Klima-Rollenspiel: Dieses Spiel soll die Welt retten

Seit mehr als zwei Jahrzehnten wird über den Klimaschutz debattiert, mit wenig messbarem Erfolg. Die Warnungen der Wissenschaft vor der drohenden Klimakatastrophe scheinen die Menschen eher zu lähmen als wachzurütteln. Ein Rollenspiel soll das ändern, indem es Emotionen weckt.
Eingang zur Klimakonferenz von ParisLaden...

In wenigen Augenblicken wird er die Eröffnungsrede halten. Es steht viel auf dem Spiel, und es gilt nicht noch mehr Zeit zu verlieren. Für seinen Auftritt hat er ein hellblaues Hemd, ein dunkelblaues Sakko und eine Nadelstreifenhose gewählt. Er schaut noch einmal auf die Uhr, dann tritt UN-Generalsekretär António Guterres vor die Delegierten: »Ich begrüße Sie in Katowice zum 24. Weltklimagipfel!« Guterres fordert, den Ausstoß von Treibhausgasen drastisch zu senken, und mahnt zur Eile. Er lässt ein Bild an die Wand projizieren: Sahelzone. Verdorrte Erde, vertrocknete Sträucher und das Gerippe eines Huftiers. Am Ende seiner Ansprache sagt er: »Zukünftige Generationen werden Sie daran messen, was Sie hier heute Abend erreichen.«

Tatsächlich befinden wir uns nicht im polnischen Katowice, sondern in einem Seminarraum in Reutlingen bei Stuttgart. »Welches Klima hinterlassen wir unseren Kindern?« lautet der Titel der Veranstaltung. Der UN-Generalsekretär heißt in Wirklichkeit Florian Kapmeier und ist Professor für Strategie und Internationales Projektmanagement an der ESB Business School der Hochschule Reutlingen. Für einen Abend lässt er Bürger in die Rolle von Klimadelegierten schlüpfen. »Seit 25 Jahren sprechen die Völker über den Klimawandel miteinander, dennoch geht es beim Klimaschutz nur schleppend voran«, sagt Kapmeier. Das Rollenspiel »World Climate« soll für die Dringlichkeit der Klimafrage sensibilisieren – indem es Perspektivwechsel fördert, Emotionen erzeugt und Handlungsoptionen aufzeigt.

Vom Bürger zum Klimadelegierten

Bei »World Climate« verhandeln mehrere Teams darüber, wie das im Klimavertrag von Paris vereinbarte Zwei-Grad-Ziel erreicht werden soll. Industriestaaten und Entwicklungsländer verteidigen ihre nationalen Interessen, Umweltaktivisten und Öllobbyisten versuchen, Einfluss zu nehmen. In Reutlingen entscheiden heute Abend knapp 40 Personen über die Zukunft der Erde. Zum Beispiel Julie Biem. Die 20-Jährige studiert internationales Management und sitzt tagsüber in Kapmeiers Vorlesungen. Daneben sitzen an den Tischen vor allem Frauen und Männer der Generation Ü50, wie der 61-jährige Klaus Fink in grünem Hemd und Cordhose. Er arbeitet als Umweltschutzingenieur und ist Vorsitzender eines Vereins für erneuerbare Energien. Heute Abend muss er die Interessen Indiens vertreten.

»Wachstum hat für uns oberste Priorität. Dafür benötigen wir billige Energie«, betont der indische Premierminister Modi. Er will hunderte Millionen Menschen aus der Armut führen. Am Nebentisch diskutiert die Delegation aus China über mehr Solarstrom statt Kohleabbau. Vertreter der übrigen Entwicklungsländer belagern derweil die Delegierten der Industriestaaten. Sie fordern Milliardenhilfen aus dem Verkauf von CO2-Zertifikaten, um sich gegen Dürren und den steigenden Meeresspiegel zu wappnen. »Sonst werden sich Millionen Klimaflüchtlinge zu euch auf den Weg machen.« Angela Merkel stellt EU-Gelder in Aussicht, warnt aber vor Protesten der Bürger gegen höhere Energiepreise. Mitten im Raum steht eine Vertreterin der Umweltverbände. »Es reicht, jetzt handeln!«, hat sie auf ein Plakat geschrieben. Die Trump-Delegation sieht keinen Handlungsbedarf. Die Modelle der Klimaforscher seien fehlerhaft, heißt es hier. Zustimmung erhält sie von Vertretern der Öl- und Gasindustrie. Man habe viel Geld in die Förderung fossiler Brennstoffe investiert. Ein Umstieg auf Erneuerbare wäre volkswirtschaftlicher Unsinn.

Der Tisch der USA ist heute Abend ein beliebter Treffpunkt. Hier ist die Getränkeauswahl am größten, und es gibt Blätterteigtaschen, gefüllt mit Schafskäse. Ähnlich gut versorgt ist die EU. Die Delegierten aus China und Indien können zumindest ihren Durst löschen, wohingegen die der übrigen Entwicklungsländer weder Tische noch Stühle haben und ihre Verhandlungsstrategie auf dem Fußboden erarbeiten. »World Climate« soll auch die Kluft zwischen armen und reichen Staaten simulieren, die sich bei echten Klimagipfeln offenbart, sagt Kapmeier. »Dort laden wohlhabende Länder oft zu Events ein, an riesige Messestände, wo wichtige Seitengespräche stattfinden.«

Mehr als 50 000 Menschen in 85 Ländern haben »World Climate« bereits gespielt, darunter Schüler, Politiker, Nobelpreisträger und Vertreter der Ölindustrie. Es wurde von der NGO Climate Interactive entwickelt, gemeinsam mit Wissenschaftlern der MIT Sloan School of Management und der University of Massachusetts. Florian Kapmeier hat mehrfach am MIT geforscht und das Spiel nach Deutschland importiert. Das Spiel soll leisten, woran Lehrbücher, Klimaberichte und mediale Berichterstattung häufig scheitern: Bewusstsein für den Klimawandel erzeugen und helfen, die Lethargie des Nichtstuns zu durchbrechen. Das Kultusministerium von Baden-Württemberg bietet »World Climate« inzwischen als offizielle Ressource für den Schulunterricht an.

Kein leichtes Spiel für den Klimaschutz

In Reutlingen verhandeln die Teilnehmer, wann Chinas CO2-Ausstoß seinen Höchststand erreichen soll, wie viele Bäume in Indien noch gefällt werden dürfen, um wie viel Prozent die Emissionen der EU jährlich sinken müssen und welche Summe die USA in den Klimafonds einzahlen. 45 Minuten lang wird laut debattiert, gefeilscht, gedroht, geschmeichelt und nach Verbündeten gesucht. Dann unterbricht der UN-Generalsekretär den Klimabasar. Das Ergebnis der ersten Verhandlungsrunde: Die USA wollen weder ihre Emissionen senken noch Geld an die Entwicklungsländer überweisen. Die Öllobby applaudiert. Die EU bietet immerhin 50 Milliarden Euro und will ab 2035 weniger CO2 ausstoßen. »So viel Zeit haben wir nicht mehr«, ruft eine Umweltschützerin in der hintersten Reihe. »Unsere Emissionen werden bis 2050 ansteigen«, verkündet Indien. Zudem will es Geld aus dem Klimafonds, genauso wie China. Im Topf fehlen 750 Milliarden Euro.

Offizieller Preview von World Climate

Was ihre Zugeständnisse wert sind, können die Teilnehmer umgehend überprüfen. »World Climate« nutzt ein Computerprogramm namens C-Roads (Climate Rapid Overview and Decision-support Simulator), das die zukünftige Erderwärmung in Sekundenschnelle berechnet. Es wurde anhand der IPCC-Szenarien kalibriert und etwa von der Obama-Administration bei offiziellen Klimaverhandlungen genutzt. »Die Spieler sehen sofort die Konsequenzen der ausgehandelten Emissionsverläufe und können so für sich selbst lernen«, erklärt Kapmeier. So auch Vertreter der Ölindustrie, die Klimaschutz und uneingeschränkte Ölförderung für miteinander vereinbar halten. »World Climate« hätte ihnen gezeigt, dass der Pariser Klimavertrag ohne sinkende Ölverkäufe nicht einzuhalten ist, sagt Kapmeier.

Würden die heute Abend in Reutlingen verhandelten Klimaschutzmaßnahmen umgesetzt: 2100 wäre die Erde drei Grad heißer als im vorindustriellen Zeitalter. Der UN-Generalsekretär projiziert eine Karte an die Wand, die Küstenlinien Europas in einer wärmeren Zukunft. Große Teile der Niederlande und Norddeutschlands sind von Wasser bedeckt. Ebenso der Süden von Bangladesch und zahlreiche Pazifikinseln. Durch den Klimawandel werden viele Menschen ihre Heimat verlieren. Um das zu illustrieren, entfaltet er eine blaue Plane und lässt die am Boden sitzenden Vertreter der Entwicklungsländer darunter verschwinden.

Gemeinsam mit Kollegen aus den USA und Argentinien hat Kapmeier die Fragebogen von mehr als 2000 Teilnehmerinnen und Teilnehmern des Rollenspiels ausgewertet. Die Ergebnisse veröffentlichten sie 2018 in »PLoS One«. Laut der Studie vermittelt »World Climate« nicht nur Wissen zu Ursachen und Folgen des Klimawandels, sondern erreicht die Spieler auch auf emotionaler Ebene. Es spricht ihre Gefühle an. Nach dem Spiel seien viele motivierter, sich mit dem Thema zu beschäftigen und sogar aktiv zu werden, so die Forscher.

Der Lerneffekt ist messbar

»Selbst Klimaskeptiker und Marktliberale, die staatliche Eingriffe in die Wirtschaft ablehnen«, betont Kapmeier. »World Climate« spreche ein breites politisches Spektrum an. Für viele seiner Studierenden spiele das Thema keine besonders große Rolle, sagt er. »Die fragen mich vor dem Spiel, warum sie sich mit dem Klimawandel befassen sollen.« Sie studierten schließlich BWL, um zu lernen, wie man ein Produkt verkauft. »Hinterher heißt es dann oft: Dessen war ich mir gar nicht bewusst. Was kann ich tun?«

Von den Zielen des Pariser Klimavertrags ist die Staatengemeinschaft aktuell weit entfernt. Laut »Climate Action Tracker«, einer von drei Forschungsorganisationen betrieben Website, steuert die Erde aktuell auf ein Plus von 3,3 Grad bis 2100 zu. Ein IPCC-Sonderbericht vom Herbst 2018 warnt, dass sich das Zeitfenster für das Erreichen des 1,5-Grad-Ziels rapide schließe. Deutschland – auf Platz sechs der Weltrangliste in Sachen CO2-Ausstoß – wird das Ziel, seine Emissionen bis 2020 um 40 Prozent gegenüber 1990 zu reduzieren, vermutlich verfehlen.

An blumiger Rhetorik und Absichtserklärungen mangelt es nicht, konkrete Maßnahmen zur Rettung des Klimas hinken allerdings weit hinterher. Wie erreicht man, dass guten Vorsätzen Taten folgen? Indem man die Gefühle der Menschen anspricht, ist Kapmeier überzeugt: »Vier von fünf Spielern sind durch »World Climate« motivierter, sich für mehr Klimaschutz zu engagieren. Das ist geradezu revolutionär!« Doch ob die durch das Rollenspiel geweckten Emotionen tatsächlich in Aktionen münden, lässt sich nur in einer Langzeitstudie beantworten. An der arbeitet Kapmeier derzeit.

Immerhin: Studien zu ähnlichen Simulationsspielen über den Klimawandel oder begrenzte Ressourcen deuten darauf hin, dass Rollenspiele einen nachhaltigen Lerneffekt bieten. So schreiben US-Wissenschaftler um Danya Rumore, die an der University of Utah ein Programm zur Lösung von Umweltkonflikten leitet, in »Nature Climate Change«: »Die Rollenspiele steigerten das Bewusstsein für den Klimawandel besonders bei den Teilnehmern, die zuvor wenig darüber wussten oder sich kaum Gedanken darüber machten. […] Die Simulationen erhöhten Verständnis und Empathie der Teilnehmer für unterschiedliche Perspektiven.« Das Fazit der Wissenschaftler: Rollenspiele fördern soziales Lernen und können als Katalysatoren für Klimaschutzmaßnahmen dienen.

Mordgelüste und Minikompromisse

Auch an der Reutlinger Business School bewirke das Rollenspiel bereits Veränderungen, berichtet Kapmeier. »World Climate« inspiriere viele Studierende, etwa ihre Abschlussarbeit über Nachhaltigkeit zu schreiben. »Das Spiel verändert ihr Denken über ihr Studium und ihre Präsenz auf diesem Planeten.«

Es läuft jetzt die zweite Runde des Reutlinger Klimagipfels. Der UN-Generalsekretär hat die Delegierten zu größeren Zugeständnissen für den Klimaschutz aufgerufen. Der Lärmpegel im Raum ist merklich gestiegen und von Kompromissbereitschaft wenig zu spüren. Vor allem die USA weigern sich. Emissionen runter? Nicht verhandelbar. Mehr Geld für die Entwicklungsländer? Nur wenn die im Gegenzug ihre Zölle senken. Eine Frau mit grau-blondem Haar, die Indien vertritt, zischt: »Bei dem Trump könnte man richtig Mordgelüste bekommen.«

Wie beim echten Klimagipfel sind die Verhandlungen zäh wie Rohöl. Kaum jemand wagt den ersten Schritt. Unterschiedliche Interessen und die Angst vor wirtschaftlichen Nachteilen lässt Länder zögern, stärker auf erneuerbare Energien zu setzen, vermutet Kapmeier. Weil viele Win-win-Situationen nicht erkannt würden. Etwa, dass weniger Öl und Gas weniger dreckige Luft bedeuten würden und damit weniger Asthma- und Krebskranke. Warum? »Weil es keinen Preis gibt für CO2-Emissionen und externe Effekte.«

Nach knapp drei Stunden und einem neuerlichen Appell des UN-Generalsekretärs haben sich die erschöpften Delegierten dem Pariser Klimaziel angenähert: 2,2 Grad Erwärmung.

Und damit endet das Spiel. Kapmeier ist jetzt wieder Kapmeier. Er löst seine Krawatte, legt das Jackett ab und wendet sich an seine Studierenden: »Wer möchte einmal Kinder haben? In was für einer Welt sollen Ihre Kinder aufwachsen? Wie können Sie hier so ruhig sitzen?«

Er sei optimistisch, sagt Kapmeier, dass die Menschheit den Klimawandel begrenzen kann, um für zukünftige Generationen einen gesunden Planeten zu erhalten: »Mein Sohn hat mich vor einiger Zeit gebeten, ihm den Klimasimulator C-Roads zu zeigen. Er hat eine Weile das Jahr verändert, ab dem die CO2-Emissionen sinken, sowie die Abnahme pro Jahr und schließlich gesagt: Papa, wir müssen alle mitmachen, und wir müssen jetzt starten!« Das sei eine großartige Erkenntnis für einen Elfjährigen, die ihm Hoffnung gebe, dass wir es tatsächlich schaffen werden.

22/2019

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 22/2019

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