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Südamerikanische Kulturen: Entdeckung am Silberfluss

Bislang konnte in Südamerika nur die Andenregion für sich beanspruchen, Heimat blühender Hochkulturen gewesen zu sein. Der Rest des riesigen Kontinents galt vor Ankunft der Europäer als kulturelle Wüste. Eine vielleicht etwas voreilige Einschätzung.
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Als der spanische Seefahrer Juan Díaz de Solís im Jahr 1516 auf der Suche nach einer Passage zum Pazifik in der Mündung des Río de la Plata landete, musste er seine Entdeckung mit dem Leben bezahlen. Die hier heimischen Indios waren wohl nicht davon zu überzeugen, zukünftig als treue Untertanen der spanischen Krone zu dienen – und erschlugen kurzerhand die europäischen Eindringlinge.

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Los Ajos | Der Grabhügelkomplex Los Ajos in der Ebene des Río de la Plata zeugt von einer über 4000 Jahre alten landwirtschaftlichen Kultur.
Für die spanischen Eroberer, die das Gebiet später blutig in ihren Besitz nahmen, waren die Indios lediglich "primitive Wilde", fernab jeder Zivilisation. Und diese Einschätzung teilten weit gehend auch Archäologen späterer Zeiten: Nur den präkolumbischen indianischen Hochkulturen in den Anden wurde eine gewisse zivilisatorische Leistung zugestanden; archäologische Funde aus anderen Gebieten Südamerikas, wie beispielsweise in den Wäldern Amazoniens, galten dagegen als Randerscheinungen. Das La-Plata-Becken, das seinen Namen vermeintlicher Silbervorkommen verdankt und heute mit den Millionenstädten Buenos Aires und Montevideo zu den dicht besiedelsten Regionen der Erde zählt, sollte demnach archäologisch vollkommen uninteressant sein – fristeten doch vor den Europäern nur Jäger und Sammler hier ihr Leben.

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Pfeilspitze | Verschiedene Artefakte, wie diese Pfeilspitze, konnten die Archäologen bei Los Ajos bergen.
Diese Einschätzung könnte sich als ein wenig voreilig erweisen. Denn die Forscher um José Iriarte vom Smithsonian Tropical Research Institute beschreiben jetzt archäologische Funde, welche die Region in einem völlig neuen Licht erscheinen lassen. Im Südosten Uruguays, unweit der brasilianischen Grenze, liegen mehrere Grabhügelkomplexe, die seit den 1990er Jahren näher untersucht werden. Und mit einem dieser Komplexe, namens Los Ajos, hat sich Iriarte und sein Team beschäftigt.

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Stärkekörner | Überreste von Stärkekörnern zeigen die landwirtschaftlichen Produkte der prähistorischen Kultur: Bohne (A), Blumenrohr (B), Mais (C, D, F) und Kürbis (E); Maßstab: 10 Mikrometer
Die Grabungen zeugen nicht von einer primitiven Kultur rastlos umherziehender Jäger und Sammler. Im Gegenteil: Los Ajos scheint vielmehr eine prähistorische dauerhafte Siedlung gewesen zu sein, bei der sich die Behausungen auf einem etwa zwölf Hektar großen Gelände um einen zentralen Platz gruppiert haben. Pflanzliche Überreste deuten auf eine erfolgreiche Landwirtschaft hin, mit Grundnahrungsmitteln wie Mais, Kürbis und Bohnen. Die Radiokarbondatierung ergab, dass die Geschichte von Los Ajos irgendwann vor 4800 bis 4200 Jahren begonnen haben muss – und damit erheblich früher als bisher vermutet.

Während dieser Zeit war das Klima wesentlich trockener als heute. Die Archäologen vermuten daher, dass die Menschen in den noch verhältnismäßig feuchten Regionen der La-Plata-Ebene Zuflucht fanden und hier zu sesshaften Bauern wurden – mit weit reichenden Folgen. "Los Ajos war bei Weitem kein isoliertes Gemeinwesen in Südosturuguay", betont Iriarte. "Allein in den zehn Quadratkilometern um Los Ajos liegen zehn andere große und räumlich komplexe Hügelanlagen. Es handelte sich um blühende Gesellschaften, die vermutlich in einem regionalen Netzwerk von Städten und Dörfern zusammengeschlossen waren."

Der Anthropologe Peter Stahl von der Universität Binghamton teilt Iriartes Einschätzung einer prähistorischen Blüte der La-Plata-Ebene: "Die Annahme einer randständigen und verkümmerten Entwicklung ist Teil einer fehlgeleiteten historischen Perspektive. Unsere Erwartungen über indigene Leistungen sollten größer sein."
02.12.2004

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 02.12.2004

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