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News: Erlernte Abhängigkeit

Will ein ehemaliger Alkoholiker trocken bleiben, darf er nicht mal eine winzige Weinbrandbohne essen. Denn er hat gelernt, dass die kleine Dosis nur der Vorbote der großen Seligkeit ist.
Für ehemals Süchtige ist es sehr schwer, der Versuchung dauerhaft zu widerstehen und nicht wieder rückfällig zu werden. Äußere Signale, etwa eine mit der Sucht assoziierte Umgebung, können bereits die Sehnsucht nach der Droge entfachen. Frühere Raucher leiden deshalb meist in der Kneipe oder beim Genuss eines Milchkaffees, weil diese Situationen oft in Gesellschaft von Zigaretten verbracht wurden.

Neben den äußeren Signalen reagiert der Körper aber auch auf innere Hinweise, wie Shepard Siegel und seine Kollegen von der kanadischen McMaster University in Hamilton in einer neuen Studie an Ratten beobachten konnten. Um zu diesem Ergebnis zu gelangen, setzten sie die Nager für einige Tage unter Drogen, indem sie ihnen täglich eine Morphiuminfusion verabreichten. Noch bevor die Wirkung des Schmerzmittels richtig einsetzen konnte, spürten die Nager die ersten zaghaften Drogeneffekte. Und dieses ersten Kribbeln merkten sich die Ratten offensichtlich und verbanden es dauerhaft mit der erst viel später einsetzenden Morphiumwirkung.

Nachdem die Forscher den Tieren über mehrere Tage hinweg Morphiuminfusionen verabreicht hatten, reduzierten sie die Dosis dramatisch. Die nun gespritzte "Probedosis" enthielt nur zehn Prozent des sonst üblichen Schmerzmittels. Eigentlich sollten die Ratten von dieser Winzigkeit nicht das geringste spüren, da sie bereits gegen die hohe Konzentration tolerant geworden waren. Doch dem war nicht so: Die Tiere wussten genau, was sie von der Probedosis zu erwarten hatten – nämlich mehr.

Denn im Vergleich zu drogenfreien Nagern zogen diese Tiere ihre Rattenschwänze wesentlich schneller aus einem Warmwasserbecken – der in der Forschung anerkannte Test zur Prüfung von Schmerzempfindlichkeit. Diese Ratten, die eine hohe Konzentration des Schmerzkillers gewöhnt waren, kompensierten dies in der Gegenwart der kleinen Dosis durch ein gesteigertes Schmerzempfinden. Hieraus schlussfolgerten die Forscher, dass die Nager auf die kleine Drogenmenge reagierten, als ob sie wüssten, dass die richtige Wirkung gleich einsetzen würde. So war es doch bisher immer gewesen.

In anderen Worten: Die Ratten lernten, die Minidosis als ein Zeichen für die spätere Morphiumwirkung zu deuten. Und deshalb ist es für ehemalige Alkoholiker auch so schwer, mal einen Tropfen zu trinken. Genauso wie für frühere schwere Raucher in netter Gesellschaft mal eine Zigarette zu rauchen, ohne danach gleich wieder päckchenweise zum Glimmstengel zu greifen.

Die Forscher hoffen, diese Ergebnisse bei der Drogenentwöhnung erfolgreich integrieren zu können. Denn geheilt ist erst, wer sich den suchtgefährdenden Signalen aussetzt, ohne rückfällig zu werden. Eine mögliche erfolgreiche Therapie könnte sein, die Drogendosen reguliert zu reduzieren, um den inneren Hinweis damit auf Normalmaß zu schrumpfen.

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