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Ornithologie: Ermöglicht großes Hirn Vögeln das Überwintern?

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Europäische Singvogelarten, die über ein im Vergleich zur Körpermasse großes Gehirn verfügen, sind im Winter eher ortstreu als Spezies mit kleinem Denkapparat, die dagegen häufig nach Süden ziehen.

Dies erbrachte eine große Literaturstudie von Ornithologen um Daniel Sol von der McGill-Universität in Québec, in der die Wissenschaftler das Zugverhalten, die Gehirngröße und von den Tieren während der letzten Jahrzehnte neu entwickelte Wege der Nahrungssuche von 123 Singvogelarten aus Nord- und Mitteleuropa verglichen. Zu diesen Innovationen zählten etwa das bei Amseln (Turdus merula) entdeckte Schneeräumen mit Zweigen, um an verstecktes Futter zu gelangen, oder Gimpel (Pyrrhula pyrrhula), die das Fleisch verendeter Hühner und Enten fraßen.

Dabei zeigte sich, dass die meisten derartigen Neuentwicklungen während des Winters nachgewiesen wurden – obwohl die Gesamtzahl der Beobachtungen zu dieser Jahreszeit am geringsten war. Da dann das Nahrungsangebot starken Schwankungen unterliegt, reagieren die Vögel folglich oft rasch auf diesen Wandel, während Zugvögel diesen Problemen durch Ausweichen in tropische Winterquartiere entgehen. Aber auch im Sommer, wenn die Langstreckenzieher in ihren Brutgebieten in Europa waren, zeigten sich die Standvögel einfallsreicher als die Zugvögel, die nur selten neue Nahrungsquellen erschließen.

Diese Innovationsfähigkeit hängt für die Forscher eng mit dem Hirnvolumen zusammen, und tatsächlich weisen ortsfeste Arten in der Regel größere Hirne auf als ziehende und gibt es in Familien mit durchschnittlich eher großen Denkapparaten weniger Zugvögel als in anderen. Jedoch entwickelte sich nach Meinung der Wissenschaftler das größere Hirn nicht als Folge der Überwinterungsstrategie, sondern war umgekehrt eher der Auslöser dieses Verhaltens. Denn das größere Hirnvolumen verbessert die kognitiven Fähigkeiten der Tiere, und damit können sie – wie bei der Nahrungssuche – flexibler auf saisonale Veränderungen reagieren als Vögel mit kleinerem Gehirn.

Sol und seine Kollegen geben allerdings zu, dass es etwa in arktischen Regionen Faktoren gibt, die noch wichtiger sind als die Hirngröße, diese folglich überlagern und viele Vögel generell zu einem Ortswechsel während des Winters zwingen – etwa eintönige Lebensräume mit wenigen Nischen oder sehr strikte Nahrungsvorlieben. Wegen ihrer mangelhaften Flexibilität sind die Zugvögel wohl auch stärker negativ von Umweltveränderungen betroffen, da sie sich nur schlecht an neue Lebensbedingungen anpassen können. Dies könnte folglich einer der Gründe für den großräumig zu beobachtenden Rückgang an Zugvögeln sein, so die Wissenschaftler.

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