Direkt zum Inhalt

Ornithologie: Von wegen geistige Tiefflieger

Dumme Gans? Weit gefehlt: Vögel sind viel schlauer als gedacht, denn für ihre geistigen Fähigkeiten gilt eher klein, aber fein als "Spatzenhirn". Gerade wenn es ums tägliche Futter geht, legen sie bemerkenswertes strategisches Denken an den Tag.
Die Geier warten schon – aber nicht darauf, dass ein Löwe sein Mahl beendet oder ein Verdurstender in der Wüste seinen letzten Atemzug macht. Nein, sie lauern an Simbabwes Minenfeldern auf Bäumen sitzend auf unschuldige Gazellen. Denn unbedarft, wie diese sind, jagen sie sich dort schon mal selbst in die Luft und liefern damit den Aasvertilgern leichte Beute.

Gar nicht dumm von den Geiern: Warum auch stundenlang in der Luft kreisen und sich mit mürrischen Hyänen um die Reste einer Beute balgen? Es ist doch so viel einfacher, sich an den mundgerechten Happen einer explodierenden Antilope zu delektieren.

Vielleicht ist das aber nur eine Anekdote eines britischen Soldaten aus dem Kampf um das damalige Rhodesien, die es in die Fachpresse schaffte – und damit ein weiteres Beispiel für den bisweilen bizarren Humor des Inselvolks. Dabei haben sie weitere Fälle von Vogel-Raffinesse zu bieten – sogar filmisch dokumentiert.

So war gute britische Tradition – und ein Stück Komfort – die morgendliche Auslieferung von Milch. Dachten sich auch Blaumeisen, die das tägliche Kommen und Gehen des Milchmanns abpassten. Stand die Flasche dann jungfräulich vor der Tür, lüpften sie noch vor dem verschlafenen Hausherrn den Deckel der Flasche und schöpften die anscheinend geistig anregende Rahmschicht der Plörre ab. Diese Innovation war derart erfolgreich, dass sie sich epidemisch über das gesamte Königreich ausgebreitet hatte. Manch Meisen-Sahnejunkie war derart süchtig nach dem Stoff, dass er der Tour des Lieferanten folgte und sich so seine Extraportion Milch gleich an mehreren Haustüren reinzog. Erst neue Flaschenverschlüsse machten dieser Innovation anscheinend ein Ende.

Wenn es um die Wurst – oder andere Naturalien geht – legen Piepmätze also ganz schöne kognitive Höhenflüge hin. Diese Meinung hat sich jetzt unter anderem bei Louis Lefebvre von der McGill-Universität in Montreal verfestigt, nachdem er mehr als 2000 in Fachpublikationen beschriebene nette Tiergeschichten und wissenschaftliche Beobachtungen ausgewertet hatte [1].

Das Spektrum der dadurch erfassten Mahlzeit-Strategien ist erstaunlich weit. Sie reichen von ordinären Diebstählen bis hin zu ausgeklügelten Taktiken, um an begehrte Delikatessen zu kommen: Antarktische Skuas etwa – eine große Raubmöwenart – passen die Fütterungszeit von Robbenjungen ab und hängen sich dann ebenfalls an freie Zitzen des Muttertiers. Nicht schlecht. Besser: Afrikanische Schmutzgeier knacken die Eier von Straußen, indem sie immer wieder Steine auf die gleiche Stelle schmettern – bis die Schale knackt und es Rührei satt gibt.

Den Vogel schießen allerdings Japanische Rabenkrähen ab. Sie schwärmen für Walnüsse – dumm nur, dass ihr Schnabel als Nussknacker denkbar ungeeignet ist. Nicht umsonst stuft Lefebvre Krähenarten aber auf seiner gefiederten Intelligenzbestien-Rangliste als die Einsteins unter den Vögeln ein: Geschickt passen sie an Ampeln Rotphasen ab, um die harten Nüsse auf dem Zebrastreifen zu platzieren. Springt das Signal auf Grün, räumen sie für die anfahrenden Autos das Feld und hoffen, dass ihnen diese die Schalen öffnen. Schlägt der Versuch fehl, wird beim nächsten Ampelrot die Nuss einfach neu ausgerichtet.

Mittlerweile wurde diese Innovation, wie so vieles aus Asien, in die Vereinigten Staaten exportiert, wo sie nun auch von dortigen Raben begierig aufgenommen wird. Dabei müssen die amerikanischen Krähen und Häher ihr Licht ganz und gar nicht unter den Scheffel stellen. Findet sich doch unter ihnen der Kiefernhäher, der bis zu 30 000 Kiefernsamen als mobile Speisekammern vergräbt und davon im Laufe des Winters auch bis zu neunzig Prozent wieder findet. Aber das ist noch nicht alles: Fühlt er sich beim Vergraben beobachtet, spielt er den Ahnungslosen. Später kehrt er jedoch wieder zurück, um dann das gute Stück umzutopfen.

Ginge es nur um das tägliche Brot, würden nach Lefebvre neben den Rabenvögeln die Falken die Elite der gefiederten Denker bilden, gefolgt von Habichten, Spechten und Reihern. Wobei er durchaus berücksichtigt, dass über manche Federtiere häufiger berichtet wird als über andere. Was aber ist mit den beliebten plappernden Papageien oder an Autobahnen navigierenden Tauben?

In der Tat gibt es auch hier erstaunliche Geistesblitze in der Vogelwelt: Afrikanische Graupapageien können mit Zahlwörtern umgehen und eigenständig Sätze bilden. Bei Tauben darf man sich nicht von jenem vermeintlich nur dumpf gurrenden Lumpenproletariat unserer Großstädte täuschen lassen, denn es gibt unter ihnen ebenso durchaus feinsinnige Kunstexperten, die kubistische Gemälde von impressionistischen unterscheiden können. Und Darwin-Finken und Neukaledonische Krähen nutzen teils selbst angefertigte Werkzeuge.

All diese kognitiven Fähigkeiten der ganz und gar nicht dummen Spatzenhirne veranlassten deshalb Wissenschaftler um Erich Jarvis von der Duke-Universität, eine Neueinteilung und Neubenennung des Vogeldenkapparats einzuführen [2], der endlich der wahren Intelligenz der Tiere Rechnung tragen soll. Ursprünglich ging man nämlich davon aus, dass sich das Gehirn im Laufe der Evolution Schicht um Schicht vergrößert hat und dadurch leistungsfähiger wurde: Die kleinen grauen Zellhaufen der Vögel waren demnach recht dumm.

Stimmt aber nicht, sagen jetzt die Forscher: Dem Vogelhirn fehlt zwar der Neokortex, der den Menschen denken lässt. Und während unser Hirn zerklüftet und gewunden ist, erscheint das der Vögel nahezu glatt. Dennoch sind viele von ihnen bemerkenswert klug – die "alten" Abschnitte des Gehirns haben einfach die wichtigen kognitiven Funktionen übernommen.

Und dass auch ein sehr großes Gehirn keine Garantie für ewige Weisheit ist, zeigt noch eine Anekdote zum Schluss: Da er – unbegründet – Angst hatte, sein Dach könnte ihm auf den Kopf fallen, verließ der große hellenische Tragikomiker Aischylos der Legende nach seine Heimstatt und suchte Zuflucht auf einem nahen Berg. Dort aber verwechselte ein Adler sein kahles Haupt mit einem Fels und ließ ihm eine Schildkröte auf den Schädel krachen, um sie derart zu knacken – eine bis heute von Adlern in den Bergen des Mittelmeers ähnlich praktizierte Technik, um an den begehrten Inhalt von gepanzerten Reptilien oder Knochen zu kommen. Was nie ein Problem bei Steinen ist, war aber zu viel für des Denkers Kopf: Er hauchte seinen Geist aus.
24.02.2005

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 24.02.2005

Lesermeinung

Beitrag schreiben

Wir freuen uns über Ihre Beiträge zu unseren Artikeln und wünschen Ihnen viel Spaß beim Gedankenaustausch auf unseren Seiten! Bitte beachten Sie dabei unsere Kommentarrichtlinien.

Tragen Sie bitte nur Relevantes zum Thema des jeweiligen Artikels vor, und wahren Sie einen respektvollen Umgangston. Die Redaktion behält sich vor, Leserzuschriften nicht zu veröffentlichen und Ihre Kommentare redaktionell zu bearbeiten. Die Leserzuschriften können daher leider nicht immer sofort veröffentlicht werden. Bitte geben Sie einen Namen an und Ihren Zuschriften stets eine aussagekräftige Überschrift, damit bei Onlinediskussionen andere Teilnehmer sich leichter auf Ihre Beiträge beziehen können. Ausgewählte Lesermeinungen können ohne separate Rücksprache auch in unseren gedruckten und digitalen Magazinen veröffentlicht werden. Vielen Dank!

Partnervideos