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Naturschutz: Esst Dromedare!

Als zähe Nutztiere für kontinentale Eroberungszüge ins Land geholt, entpuppen sich die heutigen Nachfolger als veritable Plage. Nun sollen die Australier anfangen, Dromedare zu essen, um so ihre Natur zu schützen.
Dromedare im australischen OutbackLaden...
Grillen ist der Australier liebste Freizeitbeschäftigung: "Barbies", kurz für Barbecue, sind so populär, dass vor über zwanzig Jahren "Crocodile Dundee"-Star Paul Hogan in einem TV-Werbespot Australientouristen mit dem Versprechen anlocken sollte: "I'll slip an extra shrimp on the barbie for you" – "Ich werfe für euch ne Extrakrabbe auf den Grill". Geht es nach australischen Wissenschaftlern, dann sollen die Australier in Zukunft statt Shrimps Dromedarsteaks aufs Barbie werfen. Denn: "Esst Dromedare" lautet die eindringliche Empfehlung einer im Dezember 2008 veröffentlichten Studie des Desert Knowledge Center in der Outbackmetropole Alice Springs über Australiens Dromedare.

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Dromedar | Vom Nutztier zur Plage: Dromedare sollten einst helfen, die australischen Wüsten zu erobern. Heute gelten ihre verwilderten Nachkommen als Landplage.
Tatsächlich streifen seit einigen Jahrzehnten Vertreter dieser nordafrikanischen Kamelart über den fünften Kontinent. Nach konservativer Schätzung leben etwa eine Million Höckertiere in den endlosen, trockenen 3,3 Millionen Quadratkilometer großen Halbwüsten des Outback. Damit ist Australien schon jetzt Heimat der größten Herde von Wilddromedaren in der ganzen Welt. "Wenn die Dromedarpopulation weiterhin ungebremst wächst, dann wird sich in spätestens neun Jahren der Bestand verdoppelt haben", warnt allerdings Glenn Edwards, der Autor der Studie.

Denn die wilden Dromedare sind eine Katastrophe. Sie zerstören das fragile Ökosystem des dürren Outback, sie trinken der einheimischen Fauna das Wasser weg, und durch ihren unverwüstlichen Appetit bringen sie seltene Pflanzen an den Rand der Ausrottung. Sie trampeln Zäune von Farmen nieder und verursachen immer wieder schwere Unfälle auf den endlos langen Straßen durch Zentralaustralien. Edwards nennt den "massiven Schaden" an den Mulgas – einer einheimischen Akazienart, die das dominierende Gewächs im Outback ist – als Beispiel für die Umweltschädlichkeit der Dromedare: Die Tiere fressen die Pflanzen auf großen Flächen kahl. Noch schlimmer steht es um die Frucht Quandong, die mittlerweile fast an den Rand der Ausrottung getrieben wurde. In Zeiten des weltweiten Klimawandels erwächst aus den Tieren zudem eine noch viel umfassendere Gefahr, so Edwards und seine Kollegen: "Das Klima ändert sich, und unser Kontinent wird immer trockener. Da verschärfen die Dromedare den Druck auf unsere knappen Wasservorräte."

Als Pferdeersatz importiert

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Geschädigte Akazie | Die einheimische Pflanzenwelt Australiens kennt Pflanzenfresser wie die Dromedare ursprünglich nicht – und kann ihnen nichts entgegensetzen. Schwere Fraßschäden und sogar die Ausrottung mancher Arten sind möglich.
Aber wie ist das Dromedar überhaupt nach Australien gekommen? Als die Australier Ende des 19. Jahrhunderts damit begannen, ihr Outback zu erforschen und zu besiedeln, kamen sie im heißen, roterdigen Herz des trockensten Kontinents der Erde mit dem Pferd nicht weit. Deshalb importierten sie damals aus Afghanistan Dromedare samt Treibern. Bis in die 1930er Jahre waren die Wüstenschiffe dann das Transportmittel der Wahl in Zentralaustralien – bis sie durch Auto, Eisenbahn und Flugzeug arbeitslos wurden. Kurzerhand wurden die nutzlos gewordenen Tiere durch die Entlassung in die freie Wildbahn entsorgt in der falschen Hoffnung, die einhöckrigen Kamele würden über kurz oder lang aussterben.

Doch das Gegenteil passierte. Vergessen von den Australiern fühlte sich der Verwandte des zentralasiatischen Trampeltiers Dromedar im Outback wie zu Hause, war fruchtbar und vermehrte sich. Das gelang ihm auch deshalb problemlos, weil es vor Ort keine natürlichen Feinde fürchten musste. Nicht einmal die australischen Ureinwohner jagten es, aus religiösen Gründen, denn die Spiritualität der Aborigines ist eng mit ihrer Umwelt verbunden. "Wir haben immer im Einklang mit der Natur gelebt, sie nie ausgenutzt", sagt Bob Taylor, der zum Stamm der Arrernte gehört, welcher seit mehreren zehntausend Jahren in der Gegend von Alice Springs lebt. "Tiere sind unsere Freunde und Verwandten. Wir haben immer nur so viele Tiere gejagt, wie wir zum Überleben brauchten. Wenn wir ein Lebewesen töten, dann entschuldigen wir uns in bestimmten Zeremonien dafür."

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Geschädigter Zaun | Auch die Farmer leiden unter den Kameltieren: Diese fressen nicht nur ihrem Vieh das Futter weg, sondern beschädigen auch die Infrastruktur der Farmen wie Zäune, Windräder oder Viehtränken.
Dass die Aborigines heute mehrheitlich christlich sind, hat ihre Achtung vor den Dromedaren noch verstärkt. "Weil es biblische Tiere sind, haben sie Bedenken, diese zu fangen und zu töten", bedauert Peter Seidel, der Pionier der australischen Dromedarwirtschaft. Die Vorbehalte unter den Aborigines gegen die Bejagung aber beginnen sich zu legen – ironischerweise ebenfalls aus religiösen Gründen. Denn die Tiere sind nicht nur umweltschädlich und Wasserkonkurrenten, sie zertrampeln auch die heiligen Stätten der Ureinwohner. Petronella Vaarzon-Morel, die im Rahmen einer Studie das Verhältnis der Aborigines zu der tierischen Invasion aus Afghanistan erforscht hat, weiß, dass die Aborigines deshalb mittlerweile ein Vorgehen gegen die Dromedare sehen wollen.

Dromedarsafaris und Wollsocken

Auf Initiative des in Alice Springs lebenden Seidel haben findige Geschäftsleute und Farmer vor über zehn Jahren begonnen, aus der Not eine profitable Tugend zu machen. Dromedarsafaris durchs Outback sind inzwischen ein Renner der Tourismusbranche zwischen Uluru – dem heiligen Berg der Aborigines, der in Europa besser als Ayers Rock bekannt ist – und Alice Springs. Aus Dromedarwolle lassen sich Pullover und Socken stricken; aus Dromedarhaut lässt sich Leder für flotte Gürtel, schicke Handtaschen und rustikale Schuhe produzieren.

Kein DurchkommenLaden...
Kein Durchkommen | Wasser im Outback ist rar – und Quellen sind ein überlebensnotwendiges Gut. Drängen sich Dromedare um das Nass, gibt es für die heimische Tierwelt meist kein Durchkommen.
Das größte wirtschaftliche Potenzial aber haben die Dromedare als Fleischlieferanten. Etwa 4000 Tiere werden bereits jährlich von Darwin im Norden Australiens lebend zu Schlachthöfen im Nahen Osten verschifft. Das aber ist nur ein bescheidener Anfang. "Große Order wären solche von 20 000 Tieren pro Jahr. Aber so weit sind wir noch nicht", sagt Seidel. Und selbst die Traumquote von 20 000 geschlachteten Dromedaren pro Jahr wäre nicht einmal ein Tropfen auf den heißen Outbacksand. Um den Bestand auf ein umweltverträgliches Maß zu reduzieren, müsse die "Dromedardichte" auf "0,1 bis 0,2 Dromedare pro Quadratkilometer" reduziert werden, empfehlen die Wissenschaftler. Glenn sagt: "Dazu müssten etwa 400 000 Exemplare entfernt werden." Das bleibt aber so lange Wunschdenken, bis die Behörden die Empfehlungen der Studie der Experten umsetzen und ein "effektives, strategisches Dromedarmanagement" einführen.

Die Australier könnten dazu einen wesentlichen Beitrag leisten, wenn sie auf den Geschmack von Dromedarfleisch kämen. Das irgendwo zwischen Rind und Wild schmeckende Dromedar kommt bisher hauptsächlich für Touristen auf den Tisch und hat noch nicht seinen Weg in die Fleischtheken der Supermärkte zwischen Sydney und Perth gefunden. Aber bis die Aussies sonntags Dromedarbraten servieren und zur Grillparty statt Lammkoteletts und Shrimps Dromedarsteaks aufs Barbie werfen, muss noch viel Überzeugungsarbeit geleistet werden. Denn die Australier beginnen gerade erst zaghaft, Kängurufleisch zu essen: Was in Europa als Delikatesse gilt, war den meisten Aussies bisher gerade mal gut genug für Hund und Katze. Und Dromedar wäre besonders geeignet für große Barbies: Eine einzige Keule macht 50 Leute satt.
2. Woche 2009

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 2. Woche 2009

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