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Staatenbildung: Forscher simulieren Weltgeschichte

Simulation

Wie sich aus kleinen Ackerbau treibenden Gemeinschaften die vieltausendköpfigen Großreiche der Geschichte entwickelten, haben Forscher um Peter Turchin von der University of Connecticut in Storrs nun mit Hilfe eines Computermodells nachvollzogen: In ihrem Modell breiten sich simulierte Gemeinschaften auf einer realistischen Landkarte Afrikas und Eurasiens aus, treten miteinander in Wettstreit und werden und vergehen. Wie sich zeigt, kann das Modell die tatsächlichen historischen Verhältnisse von 1500 v. Chr. bis 1500 n. Chr. erstaunlich akkurat wiedergeben, Großreiche wie das alte Ägypten oder China bilden sich beispielsweise an der richtigen Stelle und in einem realistischen Zeitrahmen.

Turchin und Kollegen haben dazu die Weltkarte in ein 100-Kilometer-Raster eingeteilt, wobei sich in Feldern, in denen Ackerbau möglich ist, ein Gemeinwesen befinden kann, das mit seinen Nachbarn interagiert. Jede Veränderung und jede Interaktion der simulierten Gruppen ist dazu von den Forschern mit einer festen Auftrittswahrscheinlichkeit belegt.

© Turchin P, Currie T, Turner E, Gavrilets S
Vergleich zwischen Simulation und Realität
Die Forscher erarbeiteten aus historischen Atlanten die Verteilung von größeren Gemeinwesen und ihre Entwicklung über die Zeit. Im Modell wie in der Wirklichkeit scheinen die militärischen Innovationen, die in den Steppenrandgebieten ihren Ausgang nehmen, die Geschichte voranzutreiben.

Alle Gemeinwesen sind überdies durch zwei zentrale Merkmale definiert: zum einen die Anzahl ihrer militärisch-technischen Fähigkeiten und zum anderen die Anzahl ihrer "ultrasozialen" Eigenschaften. Darunter verstehen die Wissenschaftler diverse Eigenschaften und Werte einer Gesellschaft, die für den inneren Zusammenhalt auch über Verwandtschaftsgrenzen hinweg förderlich sind (Vertrauen, Bürokratie, Bildung et cetera). Diese Eigenschaften betrachten die Wissenschaftler als sehr kostenintensiv: Die Wahrscheinlichkeit, dass sie von selbst wieder verschwinden, ist viel höher als die Wahrscheinlichkeit, dass eine Gesellschaft sie hinzugewinnt. Allerdings senkt eine hohe soziale Komplexität die Wahrscheinlichkeit, dass ein Gemeinwesen wieder auseinanderfällt.

Während die Kriegstechnologie durch zufallsgesteuerte Diffusion zu den Nachbarfeldern wandert, verbreitet sich im Modell der Forscher die soziale Komplexität nur durch Krieg – je unterlegener der Nachbar, desto eher wird er assimiliert oder vernichtet, sein Areal fällt dem Hoheitsgebiet des Angreifers zu. Wie die Forscher beobachteten, wachsen dadurch militärisch hochgerüstete, große Gemeinwesen mit der Zeit immer weiter an, sofern sie in einem geografischen Gebiet entstanden sind, das ihre Ausbreitung fördert. Gebirgige Landschaften erschweren die Eroberung benachbarter Felder.

Zu den bedeutendsten militärischen Innovationen des betrachteten Zeitraums gehören Technologien, die im Zusammenhang mit der Pferdenutzung stehen – wie Streitwagen und Kavallerie. Sie entstanden in Regionen am Rand der eurasischen Steppe, weshalb das Team um Turchin im Modell den Steppenanrainern eine hohe militärisch-technische Komplexität mit auf den Weg gab. Die Diffusion dieser Technologien aus dem zentralasiatischen Raum sorgt schließlich dafür, dass Großreiche an den historisch bekannten Orten und Zeiten auftreten: je weiter entfernt vom Steppenrand, desto später tauchen sie in der Simulation auf.

Als treibende Kraft des Geschehens erwies sich den Wissenschaftlern zufolge die Intensität der kriegerischen Auseinandersetzung, gemessen am technologischen Entwicklungsgrad der Gegner. Ein alternatives Modell, in dem immer gleich starke Gruppen aufeinandertreffen, produzierte kaum Ähnlichkeit mit den historischen Verhältnissen.

In solchen Schlussfolgerungen sehen die Wissenschaftler die Stärke ihres Ansatzes: Er diene dazu, Annahmen über das Wechselspiel von Ursache und Wirkung explizit und testbar zu machen, indem sie in die Grundannahmen eines Simulationsmodells einfließen. Der Vergleich von Modellen kann so möglicherweise dabei helfen, zwischen konkurrierenden Theorien zu entscheiden.

39. KW 2013

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 39. KW 2013

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