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Paläontologie: Fürsorgliche Saurier

Waren die Sprösslinge der Dinosaurier nach dem Schlüpfen ganz auf sich allein gestellt, oder kamen sie in den Genuss elterlicher Hege und Pflege? Eine versteinerte Kinderschar lässt tief in die Lebensweise der altertümlichen Geschöpfe blicken.
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Nach dem Durchbruch der umhüllenden Eierschale sind Vogelküken und Krokodiljunge zunächst außer Stande, selbstständig zu überleben. So leisten die Eltern nicht nur beim Schlüpfen Hilfestellung, sondern schirmen die hilflosen Nachkommen auch vor Räubern ab und sorgen für gefüllte Bäuche. Aber rätselhaft blieb bislang, ob die Brutpflege in diesen beiden Gruppen unabhängig voneinander entstanden ist. Denn die Fossilien ausgestorbener Verwandter wie den Dinosauriern schweigen sich bezüglich dieses Verhaltens aus – zumindest in den meisten Fällen.

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Psittacosaurus spec. | Auf diesem 0,5 Quadratmeter großen Fundstück drängen sich 34 Junge dicht um ein erwachsenes Exemplar des Dinosauriers Psittacosaurus spec. – vermutlich kamen sie in den Genuss elterlicher Fürsorge.
Nun liefert jedoch eine Versteinerung aus der Unteren Kreidezeit neue Einblicke in die Kinderstube der altertümlichen Reptilien. Zu Tage befördert wurde das Fundstück in Nordchina in der Provinz Liaoning, deren Yixian-Formation für ihre außergewöhnlich gut erhaltenen Vögel und gefiederten Dinosaurier berühmt ist. Wie die Forscher um Qingjin Meng vom Dalian Natural History Museum bei ihrer "Knochenarbeit" enthüllten, handelt es sich um die Überreste von Psittacosaurus spec., einem kleinen Vertreter der Vogelbecken-Dinosaurier (Ornithischia) – und zwar in stattlicher Individuenzahl: Auf einer Fläche von 0,5 Quadratmeter drängen sich 34 gleich große Jungtiere dicht um ein einzelnes erwachsenes Exemplar.

Die Wissenschaftler spürten indes keine isolierten Knochen oder unvollständigen Skelette auf – abgesehen von jenen, die durch Erosion oder Ausgrabungsfehler beschädigt wurden. Alle Dinosaurier-Sprösslinge zeigen zudem ein einheitliches Erhaltungsmuster: Ihre Knochengerüste bestehen aus Rückenwirbeln, Rippen und Becken, wobei die dorsale Seite nach oben weist. Die Vorder- und Hinterextremitäten ruhen in einer naturgetreuen Pose, die Oberarmknochen und die 30 bis 34 Millimeter langen Oberschenkelknochen sind gespreizt, während die verbliebenen Teile darunter gefaltet sind. Die Schädel bleiben hingegen frei von überlappenden Skeletten.

Auch der erwachsene Saurier verharrt in einer aufrechten Pose. Von ihm sind jedoch nur Schädel, Rückenwirbel, Rippen sowie die dorsalen Teile des Schulterblatts sichtbar, der hintere Teil des Körpers fehlt hingegen – wahrscheinlich ist er der Erosion zum Opfer gefallen. Wie bei den Kleinen ist sein Kopf leicht angehoben und nicht bedeckt. Dieser Umstand und die natürliche Haltung der Individuen legen nahe, dass die Tiere schnell bei lebendigem Leibe begraben wurden – ohne jegliche Chance, reagieren und entkommen zu können. Vielleicht – so malen die Forscher mögliche Todesszenarien aus – wurde die "Dinosaurierfamilie" durch vulkanische Ablagerungen bestattet, in einer einstürzenden unterirdischen Höhle eingeschlossen oder in ihrem Nest überflutet.

Doch einerlei, welche "Naturkatastrophe" den Reptilien zum Verhängnis wurde: Die enge Gruppierung der Jungen um das ausgewachsene Tier lässt darauf schließen, dass selbst der Saurier-Nachwuchs "mütterliche" Zuwendung genießen durfte. Und die Brutpflege dürfte ausgedehnt gewesen sein, denn die Psittacosaurus-Sprösslinge waren gut entwickelt und wesentlich größer als nach dem Schlüpfen. Aber erst weitere ähnliche Entdeckungen können bestätigen, dass es sich bei der elterlichen Fürsorge um einen Wesenszug der Vorfahren handelt, den die modernen Archosauria – Krokodile und Vögel – mit den Dinosauriern teilen, betonen die Wissenschaftler um Meng.
09.09.2004

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 09.09.2004

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