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Inseln: Geheimnis des »Atlantis«-Vogels geklärt

Die Insel Inaccessible trägt ihren Namen zu Recht - sie ist kaum erreichbar. Dennoch lebt hier ein flugunfähiger Vogel, dessen Herkunft lange unbekannt war.
Atlantisralle

Nach Brasilien sind es 3600 Kilometer, nach Südafrika immer noch 2800 – damit gehört Inaccessible Island zu den am weitesten vom Festland gelegenen Inseln der Erde. In der Nähe befinden sich nur weitere, kleine Eilande, die alle zu Großbritannien gehören. Dennoch existiert hier die kleinste flugunfähige Vogelart, die es momentan noch auf der Welt gibt. Doch wie die Atlantisralle (Atlantisia rogersi) hierhergelangt ist, ließ Biologen seit der Entdeckung vor rund 100 Jahren rätseln. Martin Stervander von der Universität Lund und seine Kollegen legen jetzt in »Molecular Phylogenetics and Evolution« Belege vor, woher die gerade einmal sperlingsgroßen Vögel auf Inaccessible stammen könnten.

Erstmals beschrieben wurden die Rallen 1923 von Percy Lowe, der damals Kurator der Vogelsammlung des British Museum for Natural History war. Er gab der Art den Gattungsnamen Atlantisia, weil er annahm, dass die Vorfahren der Tiere über eine in der Zwischenzeit im Meer versunkene Landbrücke nach Inaccessible gekommen waren. Dagegen sprechen jedoch alle danach gewonnenen geologischen Erkenntnisse. Denn die Insel ist erst drei bis sechs Millionen Jahre alt und entstand durch einen mittlerweile erloschenen Vulkan, der nie kontinentale Anbindung besaß.

Die Vögel mussten also geflogen sein – oder hatten das Meer auf Treibgut überquert. Nur: von wo aus? Dazu analysierten Stervander und Co die DNA der Atlantisrallen und verglichen die Daten mit verwandten Spezies aus Afrika und Amerika. Das Ergebnis war eindeutig, denn die phylogenetische Analyse spricht klar dafür, dass die Insulaner vom Fleckensumpfhuhn (Porzana spiloptera) aus Südamerika abstammen. Ihre Vorfahren kamen wahrscheinlich bei einem einmaligen Ereignis über den Ozean und besiedelten die Insel.

Die Analyse zeigte zudem, dass wohl beide Arten einer falschen Gattung zugeordnet wurden und stattdessen in Laterallus verortet werden müssten – einer Gruppe kleiner, eher düster gefärbter Rallen, deren Vertreter zumeist schlecht fliegen können. Die Atlantisralle verlor diese Eigenschaft komplett, als sie sich an die Umweltbedingungen anpasste. Starke Winde drohen kleine Vögel beim Fliegen auf das Meer hinauszuwehen; gleichzeitig fehlen Fressfeinde, vor denen man fliegend fliehen müsste. Einen Teil ihrer Entdeckung bedauern die Biologen allerdings, so Stervander: »Es tut uns leid, dass der Name Atlantisia dadurch verschwinden muss. Aber die südamerikanischen Verwandten der Gattung wurden früher beschrieben.« Und nach biologischer Namensgebung definieren sie nun den neuen Gattungsbegriff.

45/2018

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 45/2018

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