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Impfstoffe: Geschlecht bestimmt über Impfwirkung

Ein weiblicher Körper reagiert stärker auf eine Impfung - zumindest bei Mäusen. Aber warum? Und muss die Medizin das bei der Impfstoffentwicklung berücksichtigen?
T-Zelle des Immunsystems

Bei der Entwicklung von Impfstoffen wird womöglich zu selten bedacht, dass das Geschlecht der Geimpften die Wirksamkeit eines Vakzins beeinflussen kann. Das schließen Wissenschaftlerinnen um Sabra Klein von der Johns Hopkins University in einer in »PNAS« publizierten Studie, bei der sie die Impfwirkung bei männlichen und weiblichen Mäusen verglichen haben. Das Immunsystem von weiblichen Tiere reagierte dabei anders und deutlich stärker, nachdem ihr Immunsystem testweise mit einem Impfstoff gegen das Schweinegrippevirus angekurbelt wurde.

Die Forscher hatten zunächst einfach nur die Reaktion von Mäusen auf eine Infektion mit der 2009 kursierenden Variante des Schweinegrippeerregers H1N1 beobachtet. Dabei zeigte sich, dass im Blut der Weibchen anschließend stets mehr Antikörper gegen das Virus und mehr B-Immunzellen vorhanden waren, die die spezifischen Anti-H1N1-Antikörper produzieren. Dies war nicht völlig überraschend: Schon in früheren Studien hatten Indizien nahegelegt, dass Weibchen womöglich stärker von einer Impfung profitieren können. Klein und Co stellten nun bei einer zweiten Infektion der geimpften Tiere aber fest, dass beide Geschlechter dann doch ähnlich gut gegen eine zweite Infektion mit H1N1 geschützt waren: Die Virusattacke wurde bei Männchen wie Weibchen im Wesentlichen nach einem Alarm von bei der Impfung gebildeten T-Gedächtniszellen niedergekämpft, wonach zellvermittelte Reaktionen vom Virus infizierte Körper Zellen rasch und effizient mit Zytokinen abtöten.

Dies wirft für die Forscherinnen die Frage auf, warum das Immunsystem weiblicher Tieren dann überhaupt derart viele Antikörper und B-Zellen aufwändig bildet und vorhält, sie im Ernstfall dann offenbar aber nicht unbedingt zu benötigen scheint. Womöglich, so spekulieren sie, hängt der Geschlechtsunterschied mit der Schwangerschaft zusammen: Denkbar sei, dass die Weibchen Antikörper vorhalten, um sie in den Blutkreislauf der Plazenta oder in die Muttermilch auszuschütten und damit auch den Nachwuchs mit Antikörpern gegen ein Virus zu schützen.

Festzuhalten sei in jedem Fall, dass männliche und weibliche Körper bei einer Impfung anders arbeiten, so die Wissenschaftlerinnen. Die stärkere Antikörperproduktion bei Weibchen – aus welchen biologischen Gründen auch immer sie erfolgt –, korreliert dabei mit einer stärkeren Aktivität eine bestimmten Immunrezeptors auf Antikörper produzierenden Zellen, dem toll-like-Rezeptor 7 (Tlr7), der nach der Impfung nur bei Weibchen epigenetisch dauerhaft reguliert. Die Antikörper von Weibchen sind daher nicht nur häufiger, sondern zudem auch wirkungsvoller als die von Männchen gegen Viren. Dies sollte man auch in der Humanmedizin im Auge behalten: Womöglich sind ähnliche Prozesse dafür verantwortlich, dass antikörpervermittelte Autoimmunerkrankungen wie Lupus, die Badsedowsche Krankheit oder die rheumatoide Arthritis bei Frauen häufiger einen schweren Verlauf haben als bei Männern.

47/2018

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 47/2018

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