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Historischer Papagei: Humboldt hatte einen Vogel

Ein ausgestopfter Vasapapagei ist das Aushängeschild des Berliner Naturkundemuseums. Das wahrhaft Besondere an ihm: Er gehörte dem Universalgenie Alexander von Humboldt.
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Jakob ist ein besonderer Vogel. Der Vasapapagei (Coracopsis vasa) hat ein fast schwarzes Federkleid und unterscheidet sich so von den allermeisten kunterbunten Papageienarten. Außerdem stammt er aus Madagaskar. »Das ist eine spezielle Herkunft, denn bei Papageien denken viele zuerst an Südamerika oder Australien«, sagt Sylke Frahnert. Die Ornithologin ist Kuratorin der Vogelsammlung am Naturkundemuseum Berlin. Für sie ist Jakob aber auch deshalb ein besonderes Exemplar, weil er Alexander von Humboldt gehörte, dessen Geburtstag sich am 14. September zum 250. Mal jährt. Der Universalgelehrte war fasziniert von dem Tier, das er bei sich zu Hause hielt und zu dem er eine innige Beziehung pflegte.

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Humboldts Papagei | Jakob, der Papagei Alexander von Humboldts, von seiner Schokoladenseite (rechts) mit dem verbliebenen Flügel.

Alexander von Humboldt sah Jakob das erste Mal in Weimar. Er machte dort im Dezember 1826 Station auf dem Rückweg von Berlin nach Paris. In Weimar besuchte er Johann Wolfgang von Goethe und dessen Förderer, den Großherzog Carl August von Sachsen-Weimar-Eisenach. Goethe, selbst Universalgelehrter, war sehr an Humboldts Arbeit interessiert und stand in regem Briefwechsel mit ihm.

Von Paris nach Berlin

Humboldt dürfte ein wenig wehmütig zu Mute gewesen sein auf dieser Reise. Denn seine Zeit in Paris neigte sich rasant dem Ende zu. Mehr als 20 Jahre hatte er in der französischen Hauptstadt verbracht, seit er als weltberühmter Mann im Jahr 1804 von seiner Forschungsreise durch Amerika zurückgekehrt war. Die vielen Kisten, die er von seiner Expedition mitgebracht hatte, gingen in der Sammlung des Muséum national de l'histoire naturelle in Paris auf. Zu einer Zeit, als es in Berlin nicht einmal eine Universität gab, bot ihm die französische Hauptstadt außerordentlich gute Bedingungen. Von Paris aus konnte er sein Netzwerk von Forschern in ganz Europa und über den Atlantik hinweg aufbauen und verbreitern.

In Paris schrieb Humboldt mit seinem Kompagnon Aimé Bonpland seine »Ideen zu einer Geographie der Pflanzen« auf, die die beiden 1807 veröffentlichten. Sie beschrieben darin erstmals in großer Genauigkeit, welche zahlreichen Faktoren dafür sorgen, dass an unterschiedlichen Orten verschiedene Pflanzen wachsen. Dazu zählte Humboldt geologische Strukturen und die Bodenbeschaffenheit ebenso wie die Höhe über dem Meeresspiegel, die Temperatur, die Lichtintensität und die Luftqualität. »Das Gleichgewicht geht aus dem freyen Spiel der Kräfte hervor.« Ein Jahr später brachte er sein Lieblingsbuch heraus: die »Ansichten der Natur«. Darin verband er wissenschaftliche Informationen mit literarischen Landschaftsbeschreibungen.

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Alexander von Humboldt | Die Kopie einer Daguerreotypie von 1857 zeigt den weltberühmten Wissenschaftler und Forschungsreisenden im Alter von 88 Jahren.

Auch bei den Lesern hatte er damit den größten Erfolg. Humboldt war ein Star der Wissenschaft. Es folgten zahlreiche Bände, in denen der Gelehrte seine amerikanische Reise aufarbeitete. Er schrieb viel und oft an mehreren Büchern gleichzeitig – ein Arbeitstier ohne familiäre Verpflichtungen. Nur gelegentlich holten ihn die politischen Geschehnisse in Europa oder Gesuche der preußischen Regierung ein. Obgleich die französische Geheimpolizei jahrelang seine Post mitlas und er den preußischen König immer wieder auf Reisen begleiten musste, schaffte er es, stets unabhängig von den Kräften auf beiden Seiten des Rheins zu bleiben.

Dennoch wurde das persönliche Klima für Alexander von Humboldt harscher: Sowohl in Frankreich wie in Preußen gewannen Erzkonservative bis reaktionäre Kräfte an Einfluss. Der Wissenschaftler hatte finanzielle Sorgen. Sein ererbtes Geld hatte er für die Veröffentlichung seiner Bücher weitgehend aufgebraucht und war dringend auf die jährliche Pension als preußischer Kammerherr angewiesen.

Der König befahl ihm zurückzukehren

Friedrich Wilhelm III. von Preußen schrieb ihm im Herbst 1826 nach Paris: »Sie müssen nun mit der Herausgabe Ihrer Werke fertig sein, die Sie nur in Paris bearbeiten zu können glauben.« Er erwarte Humboldts baldige Rückkehr. Dieser folgte dem Befehl, erhielt aber die Erlaubnis, jedes Jahr mehrere Wochen in Paris zu verbringen.

Ehe er endgültig nach Berlin umzog, fuhr der Gelehrte Ende 1826 also noch einmal dorthin. Er war Mitte 50, ergraut, der rechte Arm von Rheuma schwer in Mitleidenschaft gezogen. Als Humboldt auf jener Reise im Dezember am Hof des Großherzogs Carl August von Sachsen-Weimar-Eisenach auf Jakob, den Papagei, traf, konnte er nicht ahnen, dass der Vogel ihn die nächsten 30 Jahre seines Lebens begleiten würde. Der Wissenschaftler erfreute sich sehr daran, wie gelehrig der grauschwarze Vasapapagei war. Der betagte Großherzog war wiederum beeindruckt von Humboldts Faszination und vermachte ihm den Vogel in seinem Testament.

Wann Jakob seinen Namen bekommen hat – ob Humboldt ihn so nannte oder bereits der Großherzog –, ist nicht überliefert. Vielleicht hieß er sogar schon so, als Carl August ihn erhielt, denn der Papagei hatte bereits zahlreiche Vorbesitzer gehabt. Historiker vermuten, dass ein französischer Soldat ihn auf dem Rückweg von der Kolonie Pondicherry an der indischen Ostküste bei einem Zwischenstopp auf Réunion erwarb und mit nach Straßburg brachte. Dort lebte der spätere bayerische König Maximilian I. in den 1780er Jahren während seiner Ausbildung, sieben Jahre lang – und kam in Kontakt mit der französischen Einheit. Er erwarb den Papagei zusammen mit mehreren anderen Vögeln. Die Tiere landeten in der königlichen Menagerie, dem Privatzoo des Monarchen. Später schenkte Maximilian den Vogel Carl August.

Keine zwei Jahre nach Humboldts Besuch starb der Großherzog von Sachsen-Weimar-Eisenach. Jakob zog zu seinem neuen Besitzer nach Berlin. Alexander von Humboldt hasste Berlin, wie seine Biografen schreiben. Der preußische König Friedrich Wilhelm III. hatte seinen weit gereisten Kammerherrn in den inneren höfischen Zirkel aufgenommen. Das verschaffte Humboldt aber weniger politischen Einfluss als vielmehr gehörigen Stress. Er sah sich »Pendelschwingungen« ausgesetzt, wie er es nannte, denn der König – und damit Humboldt in dessen Schlepptau – zog ständig umher: zwischen den Residenzen, dann wieder nach Berlin. Der Wissenschaftler musste ihn unterhalten und ihm vorlesen. Humboldt schleppte kistenweise Manuskripte, Bücher und Aufzeichnungen mit, um wenigstens zwischen Mitternacht und drei Uhr morgens nach Erfüllung seiner Pflichten ein paar Stunden an seinen Büchern zu arbeiten.

»Viel Zucker, viel Kaffee, Herr Seifert!«(Jakob, laut Überlieferung)

Jakob dürfte von seinem neuen Besitzer also nicht allzu viel zu sehen bekommen haben. Der Vogel hat aber offenbar genug zu hören bekommen, um auch von ihm neue Sätze zu lernen. Einer davon ist überliefert. Es wird berichtet, Jakob habe seinen Besitzer und dessen Besucher immer wieder mit »Viel Zucker, viel Kaffee, Herr Seifert!« unterbrochen: jenen Worten, mit denen Humboldt bei seinem Diener Johann Seifert seinen Kaffee bestellte.

Humboldt hatte das große Ganze im Blick

Wie viele Naturforscher seiner Zeit war Humboldt nicht ausschließlich an einer bestimmten Disziplin interessiert, sondern an allen gleichzeitig. Wie schon in »Ansichten der Natur« wollte er das große Ganze in den Blick nehmen und verstehen, wie die Dinge miteinander in Verbindung stehen. Außerdem wollte er sein Wissen und seine Erkenntnisse einem möglichst breiten Publikum vorstellen.

Dieser Idee blieb er auch in Berlin treu. Sechs Monate nach seiner Rückkehr begann der Gelehrte eine Vorlesungsreihe an der Universität und im Konzerthaus der Berliner Singakademie Unter den Linden, dem heutigen Maxim-Gorki-Theater. Er zog bei jedem Termin hunderte Besucher an. Diese »Kosmos-Vorträge« brachten ihn auf die Idee zu seinem einflussreichsten Buch: »Ich habe den tollen Einfall, die ganze materielle Welt in Einem Werke darzustellen.« Der inzwischen 65-Jährige wollte alle Dinge im Himmel und auf Erden zusammenfassen und konnte dafür aus seinem riesigen Netzwerk aus Kollegen auf der ganzen Welt schöpfen. Sie lieferten ihm Informationen, die er zu einem Gesamtbild verwob.

Jakob war in Wahrheit eine Jakobine

Wie bei vielen Projekten Humboldts uferte auch die Arbeit am »Kosmos« schnell aus. Der erste Band erschien im April 1845 und wurde, wie der zweite, ein Bestseller. Zwei weitere Bände erschienen in den 1850er Jahren, und obwohl er das Alter zunehmend zu spüren bekam, arbeitete der Wissenschaftler verbissen weiter an seinem Werk. Im Januar 1859 starb Jakob. Wie sehr Humboldt trauerte, ist nicht überliefert. Offenbar sollte Jakob aber nach seinem Tod zumindest der Wissenschaft von Nutzen sein, denn Humboldt schenkte den toten Vogel dem Naturkundemuseum. Erst beim Präparieren bemerkte man dort, dass Jakob in Wahrheit eine Jakobine war. Männchen und Weibchen lassen sich bei diesen Papageien äußerlich nämlich nicht unterscheiden. Noch heute sieht man dem Vogel die lange Zeit in Gefangenschaft an: Er hat Schwielen unter den Zehen und extrem verlängerte und verformte Klauen.

Große Vasapapageien sind immer noch häufig

»Aus ornithologischer Sicht ist Jakob nicht besonders interessant«, bemerkt Sylke Frahnert, die heute die Vogelsammlung am Museum Berliner Naturkundemuseum betreut. Große Vasapapageien sind immer noch weit verbreitet in Madagaskar und auf den Komoren – so weit, dass sie dortigen Obstbauern lästig werden. Sie fangen die Vögel, um ihr Fleisch zu verzehren oder sie zu verkaufen. Allerdings geraten die Großen Vasapapageien auf Madagaskar zunehmend in Bedrängnis, weil die Menschen die Wälder abholzen und ihren Lebensraum zerstören.

Über Jakobs Lebensgeschichte war viel bekannt. Darum konnten Wissenschaftler einiges über die Lebensspanne von Vögeln im Allgemeinen und Papageien in Gefangenschaft im Besonderen lernen. Sie schätzen, dass das Tier an die 75 Jahre alt geworden ist. Dieses hohe Alter entfachte bei Alexander von Humboldt selbst Interesse: Er schrieb einen verloren gegangenen Aufsatz über den Vogel, den er am 14. April 1859 fertig stellte und dem Zoologen Wilhelm Peters zusandte. Wenige Tage darauf, am 19. April, schickte er das Manuskript für den fünften Band des »Kosmos« an seinen Verleger. Zwei Tage später brach er zusammen, und am 6. Mai 1859 starb er im Alter von 89 Jahren.

»Mein persönlicher Eindruck ist, dass Alexander von Humboldt nicht spezifisch ornithologisch interessiert war«, sagt Sylke Frahnert. Die Berliner Sammlung enthält gerade einmal fünf Vögel, die der Gelehrte von seiner Reise nach Russland mitgebracht hat. Auch in Paris gibt es kaum ornithologische Objekte von ihm.

Jakob hat eine Sonderrolle im Naturkundemuseum

Das bringt Jakob eine Sonderrolle ein. Er – beziehungsweise sie – ist das ornithologische Objekt, das am engsten mit dem weltberühmten Forscher verbunden ist. Und es hatte auch nach seinem Tod eine wechselvolle Geschichte. Wie es Mitte des 19. Jahrhunderts üblich war, montierten die Präparatoren den Vogel damals aufrecht auf einer Stange sitzend, die sie wiederum auf einem hölzernen quaderförmigen Sockel befestigten. »Er hat in der Sammlung gestanden mit etwa 20 000 anderen Standpräparaten«, erzählt Frahnert. Dadurch war er ständig dem Licht ausgesetzt. Das hat den Farben von Schnabel und Federn zugesetzt. Doch dieser schleichende Schaden ist nichts gegen das, was das Museum und unzählige Sammlungsstücke während des Zweiten Weltkriegs erlitten haben: »In den Saal mit den Standpräparaten ist eine Granate eingeschlagen und hat große Zerstörung angerichtet«, berichtet Frahnert.

Der Ornithologe Erwin Stresemann, Kustos der ornithologischen Sammlung und Direktor des Museums in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg, stellte fest, dass mindestens 1000 Exemplare vollständig verloren gegangen und viele mehr stark beschädigt worden seien.

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Humboldts Papagei von links | An der linken Seite des Vogels sieht man, welche Schäden die Granate angerichtet hat, die im Zweiten Weltkrieg das Naturkundemuseum traf.

Eine Granate beschädigt den Papagei und das Museum schwer

Jakob fehlte nach dem Vorfall ein Flügel, am Kopf hatte er kahle Stellen, am Bauch war die Haut stellenweise ganz weggerissen, seine Schwanzfedern waren zerbrochen. Wie mehr als 10 000 andere Exemplare nahm man ihn zwischen 1945 und 1947 aus der Aufstellung heraus. Hätte Jakob nicht Alexander von Humboldt gehört – man hätte seine Überreste damals wohl auf den Müll geworfen. »Ich kenne Jakob in Einzelteilen liegend in einem Kasten«, erinnert sich Sylke Frahnert an ihren ersten Eindruck von dem Tier.

Erst 1999, 140 Jahre nach Humboldts Tod, erwachte das Interesse an dem Papagei erneut. Die Präparatoren des Naturkundemuseums setzten die Einzelteile, so gut es ging, wieder zusammen. Betrachtet man Jakob von seiner Schokoladenseite, fällt erst mal gar nicht auf, dass mit dem Vogel etwas nicht stimmt. So reiste Jakob bereits zu zahlreichen Ausstellungen über den Universalgelehrten.

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Humboldts Papagei nimmt an wichtigen Anlässen teil | Für Johannes Vogel, den Direktor des Berliner Museums für Naturkunde (im Hintergrund), ist Humboldts Vasapapagei Jakob ein Symbol für die Geschichte seines Hauses: Wie der ausgestopfte Vogel hat auch das Gebäude an der Invalidenstraße eine Schokoladenseite und viele Stellen, die noch immer Zerstörungen aus dem Zweiten Weltkrieg zeigen.

»Jakob ist ein Symbol für das Museum«

»Jakob war das am meisten ausgeliehene Präparat unserer Sammlung im Zusammenhang mit Humboldt«, sagt Frahnert. Das ist im aktuellen Humboldt-Jahr anders: »Er hat wegen seines Zusammenhangs mit Humboldt einen großen Wert für das Museum«, betont Sylke Frahnert, »er ist ein Symbol für das Museum an sich und seine Geschichte geworden.« Wann immer Museumsdirektor Johannes Vogel in diesen Tagen ein Interview über sein Haus gibt, ist auch Jakob dabei. Man schmückt sich jetzt gern mit dem schmucklosen Vogel, der so eng mit dem Universalgenie verbunden ist.

Dieser Artikel ist ursprünglich im RiffReporter-Projekt »Flugbegleiter« erschienen.

Eine Video-Serie zu Humboldts Forschungsreisen finden Sie hier.

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