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Fortpflanzung: Hummeln auf Abwegen

Immer nur sozial sein und auf eigenen Nachwuchs verzichten – das hält doch keine Hummel aus! Irgendwann revoltieren einige Arbeiterinnen gegen die Unterdrückung des Fortpflanzungstriebs seitens der Königin und legen auch Eier – und das nicht nur ins eigene Nest.
Die Erdhummel (Bombus terrestris) ist ein friedfertiger Geselle: In Staaten von bis zu 600 Tieren lebt sie im freundlichen Einvernehmen getreu dem Motto "Eine für alle, alle für eine". Im Frühjahr sucht sich eine im Vorjahr befruchtete Jungkönigin eine kuschelige Niststatt – weich ausgepolsterte Mäusenester sind besonders beliebt.

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Bombus terrestris | Die Erdhummel (Bombus terrestris) lebt in Staaten von bis zu 600 Tieren zusammen.
Dort macht sie sich sogleich an die Arbeit und legt Eier und füttert die daraus ausschlüpfenden Larven. Doch kaum haben sich diese zu fertigen Hummeln weiterentwickelt, widmet sich die Königin ausschließlich dem Eierlegen – eine für alle – und überlässt die Sorge um ihren Nachwuchses sowie die Verteidigung des Nestes allein ihren jungen Arbeiterinnen – alle für eine. Die Untertanen fügen sich in ihr Schicksal, schließlich dienen sie bei der Aufzucht ihrer Geschwister – zumindest teilweise – auch bei der Verbreitung eigener Gene.

Damit die Arbeiterinnen aber auch ja nicht auf die Idee kommen, eigene Nachkommen haben zu wollen, unterdrückt die Königin deren Fortpflanzungswillen per Pheromon. Ist das Volk zu stattlicher Größe herangewachsen, beginnt die Königin, unbefruchtete Eier zu legen, aus denen männliche Drohnen entstehen.

Fast zeitgleich legt sich ein Hauch von Revolution über den Staat: Einige der Arbeiterinnen werden aufmüpfig und ignorieren kaltschnäuzig die strenge Fortpflanzungskontrolle. Sie werden aggressiv gegen ihresgleichen, aber auch gegen die Königin; sie greifen sogar deren Eier an, fressen sie auf und legen Eier – endlich eigener Nachwuchs!

Doch die Staatschefin schaut dabei keineswegs untätig zu: Sie sucht ihrerseits nach den Eiern ihrer Untertanen und verzehrt diese. Diesem Kampf um das Recht auf Nachwuchs fallen einige Eier zum Opfer – der Fortpflanzungserfolg der Arbeiterinnen ist also vermutlich eher gering.

Welches Ausmaß er tatsächlich annimmt, wollten jetzt Andrew Bourke und seine Kollegen von der Zoological Society of London wissen. Im benachbarten Park gingen die Biologen auf Hummelpirsch und kehrten mit 32 Königinnen heim, die sie in hölzerne Nistkästen umsiedelten. Als Serviceleistung boten sie 14 Tage lang zusätzliches Futter, statteten jeden Kasten mit einer komfortablen Landeplattform aus und markierten als Orientierungshilfe jede Behausung mit einer eigenen Farbe.

Die wachsenden Kolonien standen unter täglicher Überwachung; jede frisch geschlüpfte Hummel wurde umgehend auf dem Brustschild mit einem Punkt in der jeweiligen Hausfarbe gekennzeichnet. Besonders aggressive Exemplare sowie eierlegende Arbeiterinnen bekamen einen zusätzlichen Klecks aufs Hinterteil. Für genetische Vergleichsstudien kappten die Wissenschaftler den Hummeln eine Fußspitze.

Im Laufe des Sommers beobachteten die Forscher in den Kolonien neben den in heimischer Farbe markierten Tieren auch solche anderer Farben oder gänzlich unmarkierte – ganz offensichtlich gab es ein paar Herumtreiber, die sich in fremde Staaten verirrten.

Anhand der genetischen Analyse identifizierten die Biologen anschließend, von wem die Drohnen der Nester abstammten: In allen beobachteten Kolonien zusammengenommen sorgten die Königinnen für 95,7 Prozent des männlichen Nachwuchses, der Rest entfiel auf Arbeiterinnen. In 17 der 32 Hummelstaaten stammten insgesamt 81 Drohnen von Arbeiterinnen ab.

Überrascht waren die Wissenschaftler vom Wohnort der Eltern dieser Drohnen: Nur 28 von ihnen waren Kinder von Arbeiterinnen aus dem eigenen Heim, die anderen 53 stammten eindeutig von Herumtreibern ab. Die meisten dieser Fremdlingskinder erwiesen sich als Nachwuchs markierter Hummeln aus benachbarten Behausungen, wenige waren die Nachkommen unmarkierter Arbeiterinnen, die aus der näheren Umgebung einen Abstecher in die Nester gemacht haben, die unter wissenschaftlicher Beobachtung standen.

Ein Ausflug in fremde Hummelstaaten ist zwar gefährlich – einige farblich gekennzeichnete Exemplare wurden tot in andersfarbigen Nestern aufgefunden – aber es lohnt sich, das Risiko auf sich zu nehmen: Die besonders aggressiven Herumtreiber legten mehr Eier als ihre Kolleginnen, die sich im heimischen Brutkasten fortzupflanzen versuchten. Solch sozialer Parasitismus ist offensichtlich eine spezielle Taktik der Erdhummelarbeiterinnen, um ihre eigenen Gene zu verbreiten; sie könnte aber auch bei anderen sozial lebenden Insekten verbreitet sein. Insgesamt bleibt der Fortpflanzungserfolg der Untertanen aber erwartungsgemäß gering.
29.07.2004

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 29.07.2004

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