Direkt zum Inhalt

Bestandsaufnahme: Die Welt unterschätzt die Bedrohung durch invasive Arten

Der Weltbiodiversitätsrat hat den Schaden quantifiziert, den eingeschleppte Arten anrichten. Gegenmaßnahmen müssten dringend ergriffen werden, mahnt die Einrichtung.
Invasiver Japankäfer
Der invasive Japankäfer gilt als Fraßschädling, der vor allem in der Landwirtschaft erhebliche Schäden anrichten kann. Er wurde im 20. Jahrhundert aus Ostasien verschleppt und breitet sich inzwischen in Europa aus. Auch in Süddeutschland gab es bereits erste Sichtungen.

Die gute Nachricht zuerst: Zu jeder Bedrohung durch eine eingeschleppte Art gebe es eine erprobte und wirksame Methode, um den Eindringling zumindest zurückzudrängen. Das schreiben die Fachleute des Weltbiodiversitätsrats (IPBES) in einem Statement anlässlich der Veröffentlichung ihres jüngsten Berichts am Montag in Bonn.

Insgesamt jedoch ziehen die 86 Expertinnen und Experten aus 49 Ländern ein niederschmetterndes Fazit aus ihrer viereinhalbjährigen Untersuchung. Demnach haben sich die weltweiten Kosten, die durch die Ausbreitung invasiver Arten entstehen, in jedem Jahrzehnt seit 1970 vervierfacht, auf zuletzt knapp 400 Milliarden Euro pro Jahr.

Ohne entschiedenes Gegensteuern würde sich das Problem in naher Zukunft immer weiter verschärfen. Der Klimawandel, die Degradation natürlicher Lebensräume und das globale Wirtschaftswachstum würden mit der Verbreitung invasiver Arten in Wechselwirkung treten und sich gegenseitig befeuern – teils sogar im engeren Wortsinn: So wurden die verheerenden Buschbrände auf Hawaii im August 2023 durch vertrocknete invasive Gräser angetrieben, die verbrannte Biomasse setzte wiederum große Mengen an Kohlendioxid frei.

Wenn sich eine Art außerhalb ihres Verbreitungsgebiets ausbreitet, dann führt dies in 85 Prozent der Fälle zu negativen Auswirkungen. Laut Auswertung des IPBES-Teams waren invasive Arten an zwei von drei Aussterbeereignissen als Hauptfaktor beteiligt. In 16 Prozent der Fälle waren sie sogar alleinige Ursache.

Auch für den Menschen bedeuten invasive Arten eine Verringerung der Lebensqualität, zum Beispiel durch die Verbreitung von Insekten, die Krankheiten übertragen. Hinzu kommen wirtschaftliche Einbußen, die im Gefolge der eingeschleppten Arten auftreten. So fangen die Fischer am ostafrikanischen Viktoriasee immer weniger Tilapia, weil der wichtige Speisefisch durch eine eingeschleppte Wasserhyazinthe verdrängt wird. Betroffen seien überdies Menschen, die eng von und mit der Natur leben: Über 2300 eingeschleppte, invasive Arten fänden sich in Arealen, die unter der Aufsicht indigener Gemeinschaften stehen.

Jede zehnte fremde Art erweist sich als schädlich

»Es ist der erste Bericht, der das Problem so global und umfassend behandelt«, sagte Sven Bacher, Professor für Ökologie und Evolution an der schweizerischen Universität Freiburg, der Deutschen Presse-Agentur. »Jetzt haben wir endlich eine Datengrundlage, mit der wir zeigen können, wie groß das Ausmaß dieses Phänomens ist.« Als vorsichtige Schätzung beziffern die Autorinnen und Autoren des Berichts die Gesamtzahl der vom Menschen in ein anderes Gebiet verschleppten Arten auf 37 000. Nicht alle davon verhalten sich jedoch invasiv, verbreiten sich also von allein und auf Kosten der ursprünglichen Flora und Fauna. Das gelte nur für rund 3500 Spezies.

Während verwilderte Ziersträucher, die aus heimischen Gärten entkommen sind, zu den augenfälligsten Neubürgern gehören, sind es oftmals die unscheinbareren Arten, die die schwerwiegendsten Schäden anrichten – zum Beispiel Pilze, die derzeit komplette Bestände einheimischer Baumarten wie Esche oder Ulme auszurotten drohen.

»Im Prinzip wissen wir, was wir tun müssen«, sagt der IPBES-Autor und Ökologe Sven Bacher von der Universität Freiburg der »Zeit«. Vielerorts seien eingeschleppte Tier- und Pflanzenarten bereits erfolgreich bekämpft worden, etwa durch Pestizide oder dadurch, dass Fressfeinde aus der Heimat der Eindringlinge eingeführt wurden, um sie so zu kontrollieren. Allerdings bemängeln die Fachleute des Weltbiodiversitätsrats in ihrem Bericht, dass nicht einmal die Hälfte aller Länder in das Management der biologischen Invasoren investiere. Wichtig sei insbesondere die Prävention: Man müsse verhindern, dass fremde Arten durch den globalen Warentransport, aber auch durch Tourismus verschleppt werden.

Wer invasive Spezies als das Problem anderer Leute betrachte, begehe einen sehr teuren Fehler, sagt Anibal Pauchard, ein Koautor des Berichts. Neben dem Chilenen Pauchard leiteten die Britin Helen Roy und der Kanadier Peter Stoett die Erstellung des IPBES-Reports. Das Dokument kann auf der Webseite der Einrichtung heruntergeladen werden.

Schreiben Sie uns!

Wenn Sie inhaltliche Anmerkungen zu diesem Artikel haben, können Sie die Redaktion per E-Mail informieren. Wir lesen Ihre Zuschrift, bitten jedoch um Verständnis, dass wir nicht jede beantworten können.

Partnerinhalte

Bitte erlauben Sie Javascript, um die volle Funktionalität von Spektrum.de zu erhalten.