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Kadaverökologie: Tod bringt Leben

Kadaver sind als Nahrungsquelle vieler Insekten, Vögel und Säugetiere ein wichtiger Baustein der Artenvielfalt. Trotzdem werden große tote Tiere meistens aus der Natur entfernt. Manche wollen das ändern.
Fuchs frisst toten Rehbock

Der Tod hat viele Gesichter. Bei einem Hirsch, der frisch erlegt wurde, ist der Leib noch intakt, man sieht das glänzende Fell und die Schönheit der Kreatur. Wurde der Hirsch dagegen in einem harten Winter von Hunger oder Kälte dahingerafft, ist das Bild ein anderes: der Körper ausgemergelt, die Rippen treten hervor – jeder Knochen ein Beleg für die Entbehrungen des Lebens. Nach dem Tod treten die verschiedenen Verfalls- und Verwertungsstadien ein: Große Aasfresser wie Wölfe oder Seeadler öffnen zunächst den Kadaver. Nun können sich auch Raben, Krähen, Elstern und Füchse über das Aas hermachen und um die besten Brocken streiten. Wird das tote Tier schnell von Fleischfressern gefunden, ist nach ein paar Tagen nicht mehr viel von ihm übrig. Bleibt der Kadaver unentdeckt, ist er in kürzester Zeit von tausenden Fliegen und Käfern und deren Larven bevölkert. Später setzt die Verwesung ein. Der Kadaver stinkt zum Himmel, bevor am Ende nicht mehr viel übrig bleibt als saubere Knochen und ein paar Haare.

Es ist der Kreislauf des Lebens, der ewige Wandel von Wachsen und Vergehen, wie er sich auf natürliche Weise überall auf der Welt vollzieht – wenn man ihn denn lässt. Anders als in den wenigen großen Wildnisgebieten, die es auf der Welt noch gibt, bleibt in Deutschland kaum ein Kadaver einfach liegen. Tierhalter, Jäger und Veterinäre sorgen dafür, dass die Tierkörper möglichst schnell beseitigt werden. Zur Seuchenprävention. Aber vermutlich auch, weil der Anblick der Kadaver in der Landschaft nicht erwünscht ist.

Studienobjekt Rothirschkadaver

Dabei kann der Tod jede Menge neues Leben hervorbringen. In einer Anfang 2020 veröffentlichen Studie hat der Niederländer Roel van Klink erforscht, wie viele und welche Arten von Rothirschkadavern profitieren können. In Oostvaardersplassen, einem der größten Naturschutzgebiet der Niederlande, haben er und seine Kollegen im Jahr 2013 fünf solche Kadaver über einen Zeitraum von mehreren Monaten untersucht. (Das Wildnisgebiet hatte Aufmerksamkeit erregt, weil im strengen Winter 2017/2018 mehr als 1000 Pferde, Rinder und Hirsche verhungert oder erfroren sind.)

»Wir wollten wissen, ob die Kadaver einen direkten positiven Effekt auf die Vielfalt und Häufigkeit verschiedener Insekten- und Spinnenarten und anderer Arthropoden haben«, sagt van Klink. Das Team ordnete den Orten, wo die etwa einen Monat alten Kadaver lagen, jeweils eine Vergleichsfläche mit ähnlichen Bedingungen zu, etwa hinsichtlich der Vegetation oder Bodenbeschaffenheit. An allen zehn Stellen wurden Fallen installiert, in denen die Arthropoden wöchentlich über sechs Wochen lang gezählt wurden. Das Ergebnis: Bei den Kadavern fanden die Forscher dreimal so viele Tiere wie auf den Vergleichsflächen; erwartungsgemäß war besonders die Zahl der Aas fressenden Arten deutlich höher.

Fünf Monate später untersuchten die Wissenschaftler die Flächen erneut. Die mittlerweile trockenen Kadaver waren hoch mit Disteln überwachsen. Die pflanzliche Biomasse war dort fünfmal so groß wie auf den Flächen ohne tote Tiere. Ein Teil der Mineralien und Nährstoffe der Kadaver war in den Boden gelangt und hatte als Dünger das Pflanzenwachstum beschleunigt. Das große Pflanzenwachstum im direkten Umfeld der toten Hirsche war auch für viele Insektenarten attraktiv: An den Kadaverplätzen wurden mehr als viermal so viele Arthropoden gefangen wie an den Kontrollflächen. Und die Kadaver hatten auch einen deutlich positiven Einfluss auf die Biodiversität: In ihrem Umfeld wurden rund zweieinhalbmal so viele Arten gezählt wie an der Vergleichsstellen. Der Anteil der Aasfresser war im Spätsommer stark zurückgegangen. Dafür fanden sich viele Pflanzen fressende Arten – und auch räuberische Arten, die es wiederum auf die Pflanzenfresser abgesehen hatten. »Die Studie zeigt, dass Kadaver die Biomasse von Pflanzen und Insekten und auch die Artenvielfalt positiv beeinflussen«, sagt Roel van Klink. Aas, das in der Landschaft liegen bleibt, könne also eine wichtige Rolle spielen, um dem Insektensterben entgegenzuwirken und die Artenvielfalt zu fördern.

Zahlreiche Arten profitieren von Kadavern

Von diesen Möglichkeiten wird in Deutschland und in anderen Ländern allerdings kaum Gebrauch gemacht: »Bis heute sind große Kadaver in freier Wildbahn extrem rar«, sagt René Krawczynski. Nur wenn Hirsche, Rehe oder Wildschweine zufällig an einem unzugänglichen Ort verenden, besteht eine Chance, dass die Kadaver in der Landschaft verbleiben. Krawczynski ist der Pionier der Kadaverforschung in Deutschland. Im Necros-Projekt der Technischen Universität Cottbus hat er viele Jahre untersucht, welche Wirbeltiere große Kadaver direkt oder indirekt nutzen, und dafür gemeinsam mit Kollegen Versuchsflächen in Brandenburg, Baden-Württemberg und den Niederlanden eingerichtet.

Neben klassischen Aasfressern wie Rotmilan, Seeadler, Wolf, Fuchs, Rabe und Krähe wurden regelmäßig auch Arten beobachtet, bei denen die Nutzung von Kadavern zuvor noch nicht nachgewiesen war: Kohlmeisen zum Beispiel, Amseln, Stare, Lerchen, Wildschweine, Igel, Buntspechte und Kleiber. »Insgesamt konnten wir 106 Wirbeltierarten nachweisen, die die Kadaver nutzten. Sogar Teichfrösche und Zauneidechsen gehören dazu«, sagt Krawczynski.

Wie bei den Insekten profitieren auch bei den Wirbeltieren viele Arten indirekt von den Kadavern: Eichhörnchen, Kohlmeisen und Bachstelzen zum Beispiel wurden dabei beobachtet, wie sie Haare der toten Tiere einsammelten, um damit ihre Nester auszupolstern. Viele Vögel suchen die Nähe der Kadaver, weil die Aas fressenden Insekten und deren Larven eine wichtige Nahrungsquelle für sie sind. Dazu zählen seltene Arten wie Wiedehopf, Grünspecht, Wendehals, Ziegenmelker, Steinschmätzer, Blaukehlchen und Braunkehlchen.

»Rechtlich ist es eigentlich kein Problem, Kadaver in der Landschaft liegen zu lassen«
(Björn Schulz, Stiftung Naturschutz Schleswig-Holstein)

Für eine möglichst naturnahe, artenreiche Landschaft wäre es also sinnvoll, große tote Tier nicht aus der Umwelt zu entfernen. Die Gesetzgebung würde dem zumindest nicht im Weg stehen: »Rechtlich ist es eigentlich kein Problem, Kadaver in der Landschaft liegen zu lassen«, sagt Björn Schulz von der Stiftung Naturschutz Schleswig-Holstein, der auf den großen Stiftungsflächen für die größeren Säugetiere zuständig ist. Aktuell beantragt er eine EU-Förderung für ein Projekt, in dem die positiven Effekte von Kadavern auf die Biodiversität auch in Norddeutschland genutzt werden sollen.

Aus Angst vor dem Rinderwahn BSE wurde im Jahr 2002 eine EU-Verordnung erlassen, nach der alle toten Weidetiere sofort beseitigt werden mussten. Die Verordnung wirkte sich jedoch sehr schnell negativ auf den Geierbestand in Spanien aus, weil die Vögel sich nicht mehr wie bisher von den toten Nutztieren ernähren konnten. Daher wurde im Jahr 2009 eine neue Verordnung ausgearbeitet und zwei Jahre später noch einmal ergänzt. Seitdem ist das Auslegen beziehungsweise Liegenlassen von Kadavern in der Landschaft wieder erlaubt – solange kein Gesundheitsrisiko von ihnen ausgeht. In der Praxis müssen in Deutschland die Veterinärämter der Landkreise solche Kadaverstellen genehmigen.

»Eine einfache Überlegung ist, Tiere, die im Straßenverkehr zu Tode kommen, gezielt an geeigneten Stellen in Wildnisgebieten auszulegen«, sagt Schulz. Weil Rehe, Hasen und Hirsche Wildtiere sind und man sie in den Stiftungsflächen weitab von Nutztierhaltungen platzieren könnte, wäre das Risiko der möglichen Übertragung einer Tierseuche auf Nutztierbestände nahezu ausgeschlossen. Schulz kann sich auch vorstellen, dass die Jagd in den Kernzonen einiger Schutzgebiete in Zukunft minimiert wird. Damit stiege auch die Wahrscheinlichkeit, dass einzelne Tiere an Krankheiten oder Altersschwäche sterben und vor Ort liegen blieben.

In Deutschland sieht Schulz jedoch noch eine Mentalität, die sehr stark von Sicherheitsgedanken geprägt ist: »In unserer Kulturlandschaft ist es selbstverständlich geworden, alles zu kontrollieren«, meint er. »Daher fällt es uns schwer, uns mal zurückzunehmen und den Dingen ihren natürlichen Lauf zu lassen.« Genau das möchte er in den kommenden Jahren gerne ausprobieren – auf ausgewählten Flächen und natürlich mit regelmäßigen Kontrollen, dass von den Kadavern auch wirklich keine Gefahr ausgeht.

In den Niederlanden hat man diesen Zustand bereits erreicht: Im Jahr 2005 hat die Ark-Stiftung zusammen mit mehreren Naturschutzorganisation die Kampagne »Dood doet leven« (in etwa: Tod bringt Leben) gestartet, mit dem Ziel, das Wissen über Kadaver in der Landschaft zu erhöhen und die Akzeptanz dafür zu stärken. Es gibt sogar eine Hochglanzbroschüre mit großformatigen Bildern von Kadavern und Aasfressern. Im Jahr 2007 wurden die ersten Rotwildkadaver ausgelegt und Webkameras aufgestellt.

Anders als in Deutschland hat es das Thema dank der öffentlichen Aufklärungsarbeit mittlerweile aus der wissenschaftlichen Nische herausgeschafft. »Wir arbeiten mit den staatlichen Forstbehörden zusammen, die inzwischen an vielen Stellen Kadaver auslegen«, sagt Bart Beekers, der das Projekt bei der Ark-Stiftung betreut. In einigen Schutzgebieten, um die sich Naturschutzorganisationen kümmern, lassen Jäger die Hälfte, manchmal auch 80 oder 100 Prozent der erlegten Tiere auf der Fläche liegen. Seit einigen Jahren gibt es sogar Vorträge und Exkursionen zu Kadavern. Die Reaktionen darauf sind meistens positiv. »Wenn man den Leuten erklärt, warum die Kadaver in der Landschaft liegen und wie viele Arten davon profitieren können, finden die meisten das gut und gar nicht eklig«, sagt Beekers. Bei trockenen Kadavern würden Kinder sogar manchmal fragen, ob sie nicht einen Knochen mitnehmen dürfen. »Förster und Umweltorganisationen bieten auch selbst Vorträge oder Exkursionen zu Kadavern an, von denen wir gar nichts wissen«, sagt Beekers. Die Kadaverökologie ist also in den Niederlanden mittlerweile weit verbreitet.

Wenn Tiere in großen Schutzgebieten unbehelligt leben, sterben und verwesen dürfen, kommt das einer echten Wildnis so nahe, wie es in einer dicht besiedelten Industrienation eben möglich ist. Ähnlich wie in den großen afrikanischen Nationalparks helfen dann auch Geier dabei, die Kadaver auf natürliche Weise zu entsorgen. Naturschützer gehen davon aus, dass Geier in Deutschland problemlos wieder heimisch werden können, wenn sie nur genügend Aas – ohne Bleimunition – finden. In Bayern, Baden-Württemberg und in den Niederlanden sind in den letzten Jahren bereits Mönchs- und Gänsegeier beim Fressen an ausgelegten Kadavern beobachtet worden. Und in Norddeutschland würde der seltene Rotmilan profitieren, für den Deutschland eine besondere Verantwortung hat. Es sprechen also genügend Gründe dafür, tote Wildtiere wieder vermehrt der Natur zu überlassen – und damit den Tod seine vielen Gesichter zeigen zu lassen.

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