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Klimawandel: Gletscher wälzt sich den Denali-Berg in Alaska hinab

Muldrow hat Fahrt aufgenommen: Der Gletscher bewegt sich 50- bis 100-mal schneller den Hang in der Alaskakette hinab als zuletzt üblich.
Der Mount Mckinley mit dem Muldrow-Gletscher im Denali Nationalpark, Alaska.

Der Muldrow-Gletscher, der an der Seite von Alaskas höchstem Gipfel thront, ist zum ersten Mal seit mehr als 60 Jahren in Bewegung. Wissenschaftler haben vergangenen Monat bemerkt, dass die rund 60 Kilometer lange Eisfläche begonnen hat, den Nordosthang des Denali hinunterzuwandern.

Ein »Surge« ist ein natürliches Ereignis, bei dem das Eis beginnt, immer schneller bergab zu fließen. Muldrow fließt mit einer Geschwindigkeit von etwa 9 bis 18 Metern pro Tag den Berg hinunter – das sei 50- bis 100-mal schneller als in den vergangenen 60 Jahren üblich, wie der National Park Service mitgeteilt hat. Seine Geschwindigkeit könnte der Gletscher noch eine Weile beibehalten. Solche Surge-Gletscher werden auch galoppierende Gletscher genannt.

Das Ereignis sei lang erwartet gewesen, sagen die Wissenschaftler. Muldrow bewegt sich normalerweise etwa alle 50 Jahre schneller, zuletzt im Jahr 1956. Gleichzeitig hatten einige Forscher den Verdacht, der Klimawandel könnte das Anschwellen des Gletschers verzögern. Das mag kontraintuitiv klingen. Es scheint, als ob eine Zunahme der Erwärmung und des Schmelzens den Eisfluss beschleunigen sollte. Aber das ist nicht immer der Fall.

Schmelzwasser schmiert den Gletscher

Laut Martin Truffer, einem Glaziologen an der University of Alaska, Fairbanks, gibt es nur eine kleine Anzahl von Gebirgsgletschern, die überhaupt anschwellen. Bei denjenigen, bei denen dies der Fall ist, werden die Schwankungen nach jetziger Kenntnis von zahlreichen Ereignissen ausgelöst.

»Mit der Zeit wird der Gletscher steiler und in den oberen Bereichen etwas dicker«
(Martin Truffer, Glaziologe)

Das Eis neigt dazu, sich in der Nähe der Gipfel von Berggletschern aufzubauen, wo die Temperaturen kälter sind. Dies geschieht im Lauf von Jahren oder Jahrzehnten, wenn Schnee fällt und auf der Eisoberfläche gefriert. Gleichzeitig fließt jedes Eis, das schmilzt, den Hang hinunter. Ein Teil dieses Schmelzwassers bleibt am Boden des Gletschers hängen und macht den Boden rutschig.

»Mit der Zeit wächst der Gletscher also in den oberen Bereichen und nimmt in den unteren Bereichen ab«, sagt Truffer. »Er wird also steiler und in den oberen Bereichen etwas dicker.« Schließlich gerät der Gletscher so sehr aus dem Gleichgewicht, dass das Eis vorwärtsstürmt.

Der Klimawandel kann diesen Prozess jedoch stören. Wenn die Temperaturen steigen und die Gletscher schneller schmelzen, kann es sein, dass sich das Eis nicht schnell genug ansammelt, um einen Anstieg auszulösen.

Truffer hat das schon an anderen Stellen beobachtet. Der Black Rapids Glacier ist ebenfalls einer der seltenen galoppierenden Gletscher in Alaska. Das letzte Anschwellen des Gletschers fand im Jahr 1937 statt, und seitdem ist es nicht mehr vorgekommen. Da sich das Klima erwärmt hat, ist der Teil des Bergs, an dem das Gefrieren schneller erfolgt als das Schmelzen, immer weiter nach oben gewandert. Dieser Punkt ist jetzt so weit oben, dass sich das Eis nicht mehr schnell genug ansammelt, um einen Anstieg auszulösen, erklärt Truffer. »Im Grunde sieht es so aus, als ob dieser Punkt nicht mehr anschwellen wird«, fügt er hinzu.

Manche Gletscher brechen, statt zu rutschen

Das bedeutet nicht, dass alle Gebirgsgletscher auf die Erwärmung in gleicher Weise reagieren. Es ist möglich, dass die Symptome des Klimawandels in einigen Teilen der Welt das Risiko eines Gletscherschwalls erhöhen – zum Beispiel, wenn vermehrte Regenfälle den Boden rutschiger machen.

Es gibt auch jüngste Berichte über katastrophale Zusammenbrüche von Gebirgsgletschern, die zumindest zum Teil auf die Erwärmung zurückzuführen sind. Südöstlich von Denali, im Wrangell-St.-Elias-Nationalpark, brach ein einzelner Gletscher sogar zweimal ab – einmal im Jahr 2013 und dann noch einmal im Jahr 2015. Die Autorinnen und Autoren einer Studie kamen später zu dem Schluss, dass ungewöhnlich warme Temperaturen, die zu einem Anstieg der Schmelze führten, dazu beigetragen haben.

Generell schrumpfen Gebirgsgletscher auf der ganzen Welt, während sie wegschmelzen. Eine Studie, die im Januar in der Zeitschrift »The Cryosphere« erschienen ist, deutet darauf hin, dass Berggletscher weltweit seit den 1990er Jahren mindestens sechs Milliarden Tonnen Eis verloren haben.

Der Muldrow-Gletscher ist einer von ihnen. Untersuchungen des National Park Service legen nahe, dass das Eis dort im Laufeder Zeit flacher geworden ist und zwischen 1979 und 2004 um mindestens 18 Meter abgenommen hat. Es scheint jedoch, dass der Gletscher immer noch in der Lage ist, anzusteigen. Derzeit zumindest.

Dieser Text ist im Original bei E&E News mit Genehmigung von POLITICO, LLC, erschienen. Copyright 2021. E&E News liefert wichtige Nachrichten für Energie- und Umweltexperten.

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