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Soziobiologie: Kontaktscheue Bienen und Menschen ticken ähnlich

Manche Forscher glauben, dass uralte genetische Routinen auch das Sozialverhalten vorausbestimmen. Tatsächlich finden sich erstaunliche Gemeinsamkeiten zwischen ungeselligen Menschen und Bienen.
Mit Pollen beladene Bienen am Bienenstock

Steuern Gene unser Verhalten und das aller anderen Lebewesen? Die Frage umreißt eine der umstrittensten Kernthesen des ohnehin kontroversen Fachgebiets der Soziobiologie: jene über eine möglicherweise fest vorgegebene biologische Grundlage, die dem Sozialverhalten von Mensch, Maus und allen ihren Vorfahren einen festen Rahmen vorgibt. Umstritten bleibt dies aus allerlei Gründen, unter anderem technischen: Ob die Hypothese stimmt, ist mit Experimenten chronisch schwer nachzuweisen oder zu widerlegen. Ein Soziobiologenteam um Gene Robinson von der University of Illinois hat sich davon nicht schrecken lassen: Es präsentiert nun in "PNAS" den Versuch nachzuweisen, dass die Verhaltensmerkmale von sozial auffälligen Bienen im Stock und von autistischen Menschen womöglich durch verblüffend ähnliche genetische Routinen bestimmt werden. Dies lege zumindest nahe, so die Autoren, dass komplexe soziale Verhaltensprogramme wirklich auf der Basis von evolutionsbiologisch uralten genetischen Prozessen arbeiten, die man in Zukunft womöglich sogar identifizieren und diagnostisch einsetzen kann.

Die Forscher hatten zunächst mit Verhaltensforschung an Honigbienen begonnen und waren auf eine Untergruppe der Tiere gestoßen, die sich in bestimmten sozialen Alltagssituationen im Bienenschwarm auffällig anders als der Durchschnitt benahmen. Das zeigte sich etwa in Experimenten, bei denen einzelne Bienen-Arbeiterinnen entweder mit der Königinnenlarve ihres Nestes oder mit einer fremden Biene aus einem anderen Stock interagieren sollten: Im Normalfall löst die Larve sofort Nestpflegereaktionen aus, die Fremde dagegen Aggression. Einige wenige Bienen reagierten im Experiment allerdings regelmäßig kaum.

Robinson und Co suchten nun im zentralen Nervensystem, dem "Gehirn" dieser im Sozialverhalten gestörten Insekten, nach Auffälligkeiten. Fündig wurden sie in den Pilzkörpern, einer Region, in der unter anderem der sensorische Input aus der Außenwelt integriert wird und wahrscheinlich auch höhere Verhaltensroutinen ihren Ausgang nehmen. Tatsächlich unterscheidet sich das RNA-Profil aktiver Neurone bei "normalen" und verhaltensauffälligen Bienen hier deutlich, stellten die Forscher fest – in bestimmten sozialen Situationen werden also bei beiden Gruppen unterschiedliche Genprogramme aktiviert. Die Forscher charakterisierten auf diesem Weg versuchsweise ein typisches Set von rund 50 Genen, die bei sozialen Interaktionen in der Durchschnittsbiene deutlich anders arbeiten als in den verhaltensauffälligen Exemplaren.

Unter den Genen dieses Sets finden sich nun alte Bekannte, so die Forscher: Einige Gene haben entsprechende molekularbiologische Vettern beim Menschen, die in der Autismusforschung eine Rolle spielen. Dagegen findet sich keine ähnliche Überlappung zu anderen Genen des Menschen, die etwa bei Depressionen oder Schizophrenie typischerweise auffällig sind. Die Forscher um Robinson spekulieren nun, dass sie ein Gen-Set des Sozialverhaltens definiert haben könnten – und somit eine Spur dafür gefunden haben, dass auch sehr unterschiedliche Lebewesen wie Mensch und Biene auf ähnliche Genroutinen zurückgreifen, um komplexes Verhalten zu regeln. Dies wäre eine Grundvoraussetzung für die alte soziobiologische These einer gemeinsamen genetischen Grundlage des Sozialverhaltens von Organismen.

Spannend finden die Forscher nebenbei, dass dies auch bedeutet, dass selbst in oft als bis zur Brutalität sozialdarwinistisch effizient beschriebenen Gemeinschaften wie dem Bienenstaat durchaus Raum genug für sozial inaktive Individuen ist: Solche Bienen übernehmen zwar offensichtlich keine besonderen Aufgaben im Nest, sind deswegen aber dennoch nicht von Evolutionsprozessen abgeschafft worden. Auch im Insektenstaat scheinen die Vorteile eines sehr breiten Spektrums von Verhaltensausprägungen stets mögliche Effizienznachteile zu überwiegen, die eine extreme Ausprägung in Einzelfällen vielleicht nach sich zieht.

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