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Leib-Seele-Problem: »Wir überschätzen die Rolle des Bewusstseins systematisch«

Ein Gespräch über Geist, Gehirn und ihre Beziehung zueinander mit der Neurowissenschaftlerin Melanie Wilke und dem Philosophen Michael Pauen.
Trianguliertes 3d-Gehirn

In den vergangenen 20 Jahren haben Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler vieles über das Bewusstsein gelernt. Einer der größten Fortschritte: Das Bewusstsein ist inzwischen ein etablierter Gegenstand der empirischen Forschung, sagen die Neurowissenschaftlerin Melanie Wilke und der Philosoph Michael Pauen. Im Interview erklären Sie, vor welchen Hürden Forscherinnen und Forscher immer noch stehen und wie sie die »harte Nuss« des Leib-Seele-Problems endlich knacken wollen.

Frau Wilke, Herr Pauen, Bewusstsein ist ein ziemlich abstraktes Thema für ein Interview. Ich würde daher gern mit einem Spiel beginnen. Beantworten Sie die folgenden Fragen bitte möglichst kurz. Bereit? Die erste Frage lautet: Sind Sie Ihr Gehirn?

Melanie Wilke: Ja – und noch etwas mehr. Mein restlicher Körper gehört auch dazu.

Michael Pauen: Ich würde aus dem gleichen Grund eher Nein sagen. Ich kann zum Beispiel Rad fahren, mein Gehirn allein kann das nicht.

Bringt Hirnaktivität Bewusstsein hervor?

Pauen: Sie bringt es nicht hervor, sondern bestimmte neuronale Aktivitätsmuster sind mit bestimmten Bewusstseinszuständen identisch.

Wilke: Bewusstseinszustände und -inhalte korrelieren mit messbaren Mustern der Hirnaktivität, auf mehr würde ich mich nicht festlegen.

Ist Bewusstsein ein Zustand oder ein Kontinuum?

Pauen: Letzteres, es gibt zahlreiche Abstufungen.

Wilke: Das Bewusstsein gibt es nicht, sondern man muss nach verschiedenen Formen und Inhalten differenzieren. So unterschieden wir unter anderem den Zustand der Wachheit, bewusste Wahrnehmungsinhalte, Metakognition und Ich-Bewusstsein.

Melanie Wilke | (geboren 1976 in Eilenburg) ist Direktorin des Instituts für Kognitive Neurologie an der Universitätsmedizin Göttingen. Sie studierte Psycholinguistik, Neuropsychologie und Neurobiologie in München und promovierte am Max-Planck-Institut für biologische Kybernetik in Tübingen zu elektro-physiologischen Korrelaten visuellen Bewusstseins. Nach Forschungsstationen an den National Institutes of Health in Bethesda sowie am Caltech in Pasadena (beides USA) wurde sie 2011 auf eine Schilling-Professur nach Göttingen berufen. In ihrer Forschung beschäftigt sie sich mit den neuronalen Mechanismen, die normalen und gestörten Bewusstseinsprozessen zu Grunde liegen.

Denken und handeln wir weniger bewusst, als wir glauben?

Wilke: Phänomene wie die »inattentional blindness« (siehe »Kurz erklärt«, Anm. d. Red.) zeigen: Wir nehmen Objekte in unserer Umgebung oft weniger bewusst wahr, als es uns scheint – insofern ja.

Pauen:Ja, wir überschätzen die Rolle des Bewusstseins systematisch, weil all das, was uns nicht bewusst ist, in unseren Erklärungen für das eigene Handeln gar nicht auftaucht.

Wird es jemals bewusste Maschinen geben?

Wilke: Das halte ich nicht für ausgeschlossen. Allerdings wissen wir bislang noch gar nicht, was die physikalische Grundlage von Bewusstsein ist. Folglich kann man auch nicht sagen, ob sich das in technischen Systemen realisieren lässt. Dennoch wird diese Frage gerade heiß diskutiert, und einige Forscher, die Bewusstsein über das Verhalten definieren, würden sie klar mit Ja beantworten.

Pauen: Ich glaube, es wird eines Tages Maschinen mit Bewusstsein geben, aber diese Maschinen werden nur sehr wenig mit denen zu tun haben, die wir heute kennen. Im Übrigen sind Philosophen traditionell sehr schlechte Prognostiker.

Gibt es einen freien Willen, oder sind alle unsere Entscheidungen neurophysiologisch determiniert?

Wilke: Da enthalte ich mich, weil ich nicht genau weiß, was »frei« bedeutet. Das kann der Philosoph besser beurteilen.

Pauen: Zumindest gibt es gute Gründe dafür anzunehmen, dass Determination und Willensfreiheit sich nicht gegenseitig ausschließen, auch wenn uns das intuitiv so erscheint.

Letzte Frage in dieser Blitzrunde: Ist Bewusstsein wissenschaftlich erklärbar?

Pauen: Ja, aber wir sind noch weit davon entfernt.

Wilke: Wir arbeiten daran.

Michael Pauen | (geboren 1956 in Krefeld) ist Professor für Philosophie des Geistes an der Humboldt-Universität zu Berlin. Nach dem Studium in Marburg, Frankfurt am Main und Hamburg war er Research Fellow unter anderem an der Cornell University sowie am Hanse-Wissenschaftskolleg in Delmenhorst. Pauen ist Gründungsdirektor der Berlin School of Mind and Brain. In der allerersten Ausgabe von »Gehirn&Geist« 2002 schrieb er einen Überblicksartikel zu den größten Problemen der Bewusstseinstheorie. Zum 20. Geburtstag des Magazins wollten wir wissen, was seitdem erreicht wurde.

Bleiben wir beim letzten Punkt: Was hieße es eigentlich, Bewusstsein zu erklären? Wann könnte man sagen: »So, jetzt haben wir es verstanden!«?

Pauen: Meist ergibt sich aus der richtigen Antwort ein völlig neues Verständnis der Frage. Anders gesagt: Ich glaube, Bewusstsein wird dann erklärt sein, wenn wir es auf eine ganz andere Art begreifen. Würde man uns hier und jetzt die Erklärung geben, könnten wir wahrscheinlich nichts damit anfangen. Etwas Ähnliches war etwa beim Begriff der Wärme der Fall. Jahrhundertelang glaubte man an die Existenz eines mysteriösen Wärmestoffs, der prinzipiell jeden Gegenstand durchdringe. Um unsere heutige Erklärung zu verstehen, musste sich erst eine ganz andere Vorstellung von Wärme durchsetzen: kein Stoff, sondern eine Form molekularer Bewegung. Bewusstseinsforschung besteht nicht darin, nur immer mehr Daten zu einem altbekannten Problem zu sammeln, sondern sie versucht, das Problem selbst besser und anders zu verstehen. Erstaunlicherweise lösen sich viele vermeintliche Rätsel, an denen man sich lange Zeit die Zähne ausbiss, plötzlich in Luft auf.

Wilke: Aus meiner Erfahrung würde ich auch sagen, wir müssen vor allem die richtigen Fragen stellen. Wie bei jedem naturwissenschaftlichen Phänomen können wir nur das Wie beantworten – wie kommt es zu diesem oder jenem Phänomen –, aber nicht, warum etwas so ist. Wenn wir zu allgemein nach dem Bewusstsein fragen, können wir darüber nicht viel Sinnvolles aussagen.

Aber in welche Richtung könnte so eine neuartige Formulierung des Bewusstseinsproblems gehen?

Pauen: Wenn man sich die Wissenschaftsgeschichte ansieht, so ging man bei sehr vielen Dingen zunächst davon aus, es müsse eine Substanz dahinterstecken. Man hatte also ein naiv-materialistisches, dinghaftes Verständnis. Schon in der Steinzeit glaubten die Menschen vermutlich, die Seele sei eine Art Stoff, der beim Tod aus dem Körper entweicht. Und selbst noch bei Descartes begegnen wir der »res cogitans«, der »denkenden Sache«. Zuerst müssen wir besser differenzieren, was wir mit dem großen Wort Bewusstsein genau meinen – und dann zeigen, was neurophysiologisch dahintersteckt.

Frau Wilke, bleibt bei alledem nicht die Kluft zwischen subjektivem Erleben und physiologischen Vorgängen bestehen? Das, was der Philosoph David Chalmers einst das »harte Problem« nannte: Wie kann aus elektrochemischen Vorgängen Denken und Fühlen werden?

Wilke: In der Hirnforschung geht es zunächst einmal darum, Dinge verlässlich zu beschreiben, zu operationalisieren und zu messen. Man nutzte dafür beispielsweise experimentelle Methoden, bei denen Probanden mehrdeutige visuelle Reize betrachten – also Bilder, die mal so und mal so gesehen werden. Ein bekanntes Beispiel sind Kippfiguren. Diese können, obwohl der physikalische Input jeweils identisch ist, auf verschiedene Weise wahrgenommen werden. Was dabei im Gehirn geschieht, betrachtete man als das neuronale Korrelat von Bewusstsein. Später zeigte sich jedoch, dass die Korrelate ganz anders aussehen, wenn die Probanden keine Auskunft darüber geben, was sie sehen, sondern wenn man ihre Wahrnehmung durch gewisse experimentelle Bedingungen steuert (siehe »Das No-Report-Paradigma«). Wir müssen also zwischen einer bewussten Wahrnehmung und dem Bericht über diese Wahrnehmung unterscheiden. So verfeinern wir einerseits unser Instrumentarium, andererseits aber auch das, was wir eigentlich untersuchen. Eine Theorie von Bewusstsein ist immer nur so gut wie die Vorannahmen und Methoden, auf denen sie fußt. Übrigens betrifft das die gesamte kognitive Neurowissenschaft. Die eine Sache ist der Prozess, den man vielleicht mit Testverfahren und Fragebogen beschreiben kann und der klinisch-therapeutisch sinnvoll ist; doch die Neurobiologie ist eine völlig andere Beschreibungsebene.

Das No-Report-Paradigma | Bei Studien zur visuellen Wahrnehmung zeigte sich: Das Auskunftgeben (englisch: report) über Seheindrücke ist vom Erleben neuronal zu unterscheiden. Wissenschaftler um Stefan Frässle untersuchten dies am Beispiel der binokularen Rivalität: Präsentiert man Probanden im Labor auf jedem Auge ein anderes Streifenmuster (oben schematisch dargestellt), so wechselt das wahrgenommene Bild meist in kurzen Abständen von wenigen Sekunden zwischen beiden hin und her. An bestimmten Blickfolgebewegungen lässt sich ablesen, ob etwa gerade das nach links wandernde grün-schwarze oder das nach rechts laufende rot-schwarze Muster gesehen wird. Personen, die aktiv über ihren momentanen Eindruck berichten, zeigen großflächige Aktivierungen im präfrontalen Kortex (linkes Hirn), ohne die Mitteilung hingegen nicht (rechts). Das neuronale Korrelat hängt also von der Untersuchungsmethode ab.

Pauen: Noch kurz zu der vermeintlichen Kluft zwischen Geist und Materie: Seit den 1990er Jahren suchen Forscher nach den neuronalen Korrelaten des Bewusstseins, in der Fachsprache NCC (neural correlates of consciousness) genannt. Jetzt ist ein Korrelat allein noch keine Erklärung, völlig klar. Aber solche Korrelate sind immer eingebettet in Modellannahmen. Nehmen wir ein einfaches Beispiel: Wasser. Was ist das und wie lassen sich seine unterschiedlichen Zustände erklären? Nun, gemäß dem Atommodell wissen wir, dass Wasser ein Molekül bestehend aus zwei Wasserstoff- und einem Sauerstoffatom ist. Und die jeweilige Art, wie diese Atome miteinander verbunden sind, bestimmt darüber, ob das Wasser fest, flüssig oder gasförmig ist. Im übertragenen Sinn heißt das: Was uns derzeit noch fehlt, ist eine Art Atommodell für Bewusstsein.

Wenn ich Sie richtig verstehe, Frau Wilke, gibt es einen grundlegenden Unterschied zwischen dem Auskunftgeben und dem bewussten Erleben selbst. Das erinnert mich an ein Gespräch, das ich einmal mit dem britischen Philosophen Peter Carruthers führte, der glaubt, bewusste Prozesse gebe es eigentlich gar nicht, sondern es würden uns nur die Resultate gewisser mentaler Prozesse bewusst. Wie sehen Sie das?

Wilke: Nach der Global-Workspace-Theorie (GWT, siehe »Die vier wichtigsten Bewusstseinstheorien«) ist es ein zentrales Kennzeichen von bewussten Inhalten, dass sie anderen kognitiven Funktionen wie Entscheiden, Urteilen und Berichten zur Verfügung stehen. Nach diesem Ansatz ist alles, was nicht berichtet werden kann, auch nicht bewusst – folglich zeigen sich bei Experimenten deutlich andere Korrelate, nämlich zum Beispiel eine stärkere Aktivierung präfrontaler Hirnbereiche. Sie könnte jedoch genauso gut ein Korrelat der Introspektion, also der höheren kognitiven Verarbeitung, sein und nicht der bewussten Wahrnehmung selbst.

Die vier wichtigsten Bewusstseinstheorien

In der theoretischen Bewusstseinsforschung werden heute folgende Ansätze am intensivsten diskutiert. Sie schließen sich nicht in jeder Hinsicht gegenseitig aus, stellen aber unterschiedliche Aspekte in den Vordergrund.

Global-Workspace-Theorie

Bewusst sind jene mentalen Inhalte, die der Informationsverarbeitung in verschiedenen Hirnarealen zur Verfügung stehen. Eine zentral gelegene Region unterhalb der Großhirnrinde (Kortex), der Thalamus, fungiert hierbei wie eine Art Schaltstelle, als »Tor zum Bewusstsein«. Vom Thalamus generierte Signale können den Informationsstrom von einzelnen Arealen ausgehend auf weite Hirnbereiche verteilen.

Aufmerksamkeitsschema

Das Gehirn verfügt über ein Modell seiner selbst. Gemäß dieser von Michael Graziano und anderen entwickelten Idee bringen Hirnprozesse unterschiedliche Signale aus der Außenwelt sowie aus dem Körperinneren wie auf einer Art Radarschirm zusammen. Was nicht auf diesem erscheint, bleibt unbewusst.

Predictive processing

Was wir bewusst erfahren, ist laut diesem Ansatz die Diskrepanz zwischen vom Gehirn generierten Vorhersagen und dem registrierten Input. Nur was den neuronalen Prognosen widerspricht, wird durch Bewusstseinsprozesse neu angepasst. Folglich hängt die neuronale Informationsverarbeitung weit stärker davon ab, was wir erwarten, als von dem, was physikalisch gegeben ist.

Integrierte Informationsverarbeitung

Bewusste Zustände gehen mit stark erhöhter funktioneller Konnektivität einher, das heißt, verschiedene Hirnbereiche kommunizieren dann viel intensiver miteinander als bei unbewussten Wahrnehmungen. Wie sehr Signale unterschiedlicher Kanäle verknüpft werden, bestimmt über den Bewusstseinsgrad.

Können wir bewusste Wahrnehmungen haben, von denen wir nichts wissen? Ist das nicht eine Art »Bewusstsein ohne Bewusstsein«?

Pauen: Das Wort Bewusstsein entstand im 17. und 18. Jahrhundert aus dem lateinischen »con sciencia«, zu Deutsch: »mit Wissen«. Dem ursprünglichen Verständnis nach gibt es tatsächlich keine bewusste Erfahrung ohne die kognitive Komponente des Wissens über diese Erfahrung. Jetzt nehmen wir aber zum Beispiel Babys oder auch höher entwickelte Tiere. Die empfinden sicherlich Schmerzen, doch sie wissen nicht um diese eigene Erfahrung. Es gibt also Schmerz ohne ausgereiftes Ich-Konzept, ohne Reflexion. Das Wissen über eine Erfahrung ist etwas anderes als die Erfahrung selbst, nur leider setzen wir beides intuitiv gleich. Die Differenzierung ist ein entscheidender Fortschritt, wir schärfen unsere begrifflichen Werkzeuge, um Bewusstsein erfassen und untersuchen zu können. Und diese Entwicklung hat tatsächlich erst in den letzten Jahren richtig Fahrt aufgenommen.

Wilke: Wir müssen beachten, dass Bewusstsein auf unterschiedlichen Niveaus oder Komplexitätsgraden auftritt. Schmerz hat sowohl einen unmittelbaren Erfahrungsaspekt als auch eine Ebene der emotionalen Bewertung. Laut einigen Theoretikern bedarf es der neuronalen Repräsentation eines Ichs, gespeist aus Signalen des eigenen Körpers, um Schmerz bewusst zu empfinden. Ich bin ehrlich gesagt unsicher, inwieweit es sinnvoll ist, nur das eine oder das andere als Bewusstsein zu bezeichnen. Fest steht, dass wir unterschiedliche Grade unterscheiden müssen.

Pauen: Der Witz an der Sache und eine Quelle vieler Irrtümer ist, dass wir Bewusstsein immer nur mit solchen Gelegenheiten identifizieren, wo wir etwas als bewusst erkannt haben. Das Surren eine Klimaanlage etwa kann mir erst zu einem bestimmten Zeitpunkt auffallen. Möglicherweise habe ich es aber schon längere Zeit wahrgenommen und es hat mich beeinflusst, ohne dass ich die kategoriale Zuordnung vorgenommen habe, ohne dass ich meine Erfahrung in die Schublade einsortierte »Du hörst gerade das Surren einer Klimaanlage«.

Gibt es, wie man oft von Meditationsgurus hört, »reines Bewusstsein« ohne Inhalt? Oder ist Bewusstsein stets auf einen Gegenstand bezogen?

Pauen: Knifflige Frage. Sicherlich gibt es verschiedene Grade und Intensitäten von Bewusstsein, doch wie sollte man sich so eine inhaltslose, leere Hülle von Bewusstsein vorstellen? Ich glaube, es handelt sich dabei eher um Flow-Zustände, in denen wir unsere Aufmerksamkeit nicht aktiv steuern und die wir mit einer Metapher wie »geistige Leere« beschreiben. Wir sollten besser gar nicht von dem Bewusstsein sprechen, sondern von Erfahrungen, Schmerzerfahrungen etwa. Die übliche Verdinglichung von Bewusstsein ist meines Erachtens irreführend.

Kurz erklärt

Inattentional blindness

Fachbegriff dafür, dass uns bei erhöhter Aufmerksamkeit für einen Wahrnehmungsaspekt selbst starke Veränderungen eines Bildes oder einer Szene oft entgehen. Beispiel: Zählen Probanden die Pässe eines Basketballteams mit, fällt ein quer durchs Bild laufender Mensch im Gorillakostüm kaum auf.

Perturbational complexity index (PCI)

Neurowissenschaftliches Verfahren, bei dem man mittels elektrophysiologischer Messungen die Stärke und Dauer einer Erregungswelle im Gehirn bestimmt. Ein von außen etwa über Magnetspulen verabreichter Impuls kann so Auskunft geben über bewusste Träume oder Komazustände.

Manche Kritiker glauben, Bewusstsein könne nicht bloß im Gehirn verortet sein, weil es sonst eine Art inneren Agenten geben müsste, der die Bilder und Repräsentationen im Kopf liest oder wahrnimmt. Was halten Sie von diesem Argument?

Pauen: Das halte ich für Unsinn. Da wird die Hirnforschung zu einer Art Vogelscheuche gemacht, die man anschließend mit viel Tamtam abbrennt. Kein ernst zu nehmender Forscher glaubt mehr an einen Homunkulus im Kopf.

Wilke: Ich habe dazu auch keinen Bezug. Wir Neurowissenschaftler betrachten geistige Leistungen und Bewusstsein als dynamisch verteilte Hirnaktivität, dafür braucht es keine innere Instanz und keinen Homunkulus-Agenten.

»Gehirn&Geist« begleitet die Bewusstseinsforschung mittlerweile seit 20 Jahren. Was war für Sie in dieser Zeit der größte Fortschritt?

Wilke: Zunächst einmal, dass Bewusstsein als Gegenstand naturwissenschaftlicher Forschung anerkannt wurde. Es gibt inzwischen viele reproduzierbare Ergebnisse, die auch Vorhersagen erlauben. In dieser Hinsicht war die Entwicklung des »perturbational complexity index« (PCI, siehe »Kurz erklärt«) vielleicht der größte Fortschritt. Man kann einen Wert dafür berechnen, wie stabil und weiträumig sich elektrische Signale, zum Beispiel induziert durch eine Magnetspule, im Nervengewebe ausbreiten. So lässt sich beispielsweise bei Schlafenden gut unterscheiden, ob jemand gerade träumt oder nicht.

Pauen: Wir haben sowohl empirisch als auch theoretisch viele Unterscheidungen klarer fassen können. Etwa die, dass phänomenale Erfahrung und kognitiver Zugang, also Wissen, verschiedene Dinge sind. Doch ich glaube, die Vielfalt der Bewusstseinstheorien beruht darauf, dass wir diese Dinge noch nicht gut experimentell erfassen können. Viele Ansätze beschreiben lediglich unterschiedliche Aspekte, reden aber sonst aneinander vorbei.

Wilke: Das ist aus meiner Sicht auch ein ganz wesentlicher Fortschritt: Bewusstsein ist heute ein völlig etablierter Gegenstand empirischer Forschung. Es gibt gar keine Zweifel mehr daran, dass man es neurowissenschaftlich untersuchen und zumindest ansatzweise verstehen kann.

Machte die Hirnforschung vor allem deshalb Fortschritte, weil man heute mit viel größeren Datenmengen umgehen kann und so der Komplexität des Gehirns eher gerecht wird?

Wilke: Mit großen Datenmengen zu operieren, ist sicher hilfreich, aber nein, das ist nicht in erster Linie eine Frage des Berechnens oder der Verarbeitungskapazität unserer Computer. Wir müssen vielmehr die richtigen Fragen stellen. Vor allem müssen wir geeignete experimentelle Prozeduren entwickeln, die uns helfen, verschiedene Grade und Komponenten von Bewusstsein verlässlich und trennscharf zu erfassen. Dann erst können wir Hypothesen über die zu Grunde liegenden Mechanismen testen.

»Selbst wenn wir ein spezifisches, verlässliches Maß für Bewusstsein hätten, wäre damit noch nicht gesagt, was Bewusstsein ist und wie es entsteht«(Michael Pauen, Philosoph)

Lassen sich unterschiedliche Grade von Bewusstsein mit der von Ihnen erwähnten PCI-Methode unterschieden?

Wilke: Ja, man verwendet das beispielsweise zur Unterscheidung bewusster und unbewusster Schlafphasen, aber auch zur Prognose bei Komapatienten.

Pauen: Allerdings muss man sagen: Selbst wenn wir ein spezifisches, verlässliches Maß für Bewusstsein hätten, wäre damit noch nicht gesagt, was Bewusstsein ist und wie es entsteht. Beispiel: Bestimmte Atemmuster könnten einem ebenfalls Auskunft über Bewusstseinszustände geben, dennoch hat die Atmung selbst nicht direkt mit Bewusstsein zu tun.

Schrumpft die Zahl derjenigen, die der Hirnforschung »Neuroreduktionismus« vorwerfen?

Pauen: Das kann ich nicht genau sagen. Ich glaube, solange es kein tragfähiges wissenschaftliches Modell von Bewusstsein gibt, bleibt immer ein Markt für »alternative Sichtweisen« bestehen. Und wer da besonders schrill oder rhetorisch geschickt auftritt, findet eben Gehör in der Öffentlichkeit. Hier klaffen populäre Vorstellungen von Wissenschaft und das, was Wissenschaftler eigentlich tun und denken, teils weit auseinander.

Und das »hard problem«, die Kluft zwischen Neuronen und Erleben – sehen Sie das persönlich nach wie vor als Problem an?

Pauen: Natürlich, intuitiv kommt mir das auch rätselhaft vor. Solche Intuitionen werden jahrhundertelang als unüberwindbar angesehen, doch kaum hat man einen Ansatzpunkt für Erklärungen gefunden, vergessen die Leute das einfach. Für Descartes zum Beispiel war die Sprache, die prinzipiell unerklärbar sei, ein Argument dafür, warum Geist einer immateriellen Sphäre angehöre. Und kaum hatte man die neuronalen Grundlagen der Sprachverarbeitung erkannt, war diese Intuition einfach weg. Ich bin guter Dinge, dass sich das Rätsel des Bewusstseins auf ähnliche Weise auflösen wird, vielleicht nicht in diesem Jahrhundert, aber irgendwann.

Wilke: Ich denke, wir haben genug Probleme, die wir zumindest theoretisch neurowissenschaftlich lösen können, also konzentriere ich mich darauf.

In Bezug auf das Impfen oder den Mobilfunk existieren hartnäckige Mythen, die manchen Fortschritt hemmen. Hat die Idee, Bewusstsein könne nicht bloß im Gehirn stattfinden, ähnlich negative Folgen?

Pauen: Nein, dafür ist die Bewusstseinsforschung vermutlich einfach zu abstrakt, zu weit entfernt vom Lebensalltag der Menschen. Natürlich hält sich bei einigen der Glaube an eine unsterbliche Seele oder an ein Leben nach dem Tod. Aber die Forschung tangiert das nicht.

Wilke: Wir haben in der Forschung eher das Problem, dass Bewusstsein mit Entscheidungen und Verhalten verwechselt wird. Die Hoffnung, dass wir Bewusstsein »unsterblich« machen und unabhängig vom Gehirn irgendwo hochladen können, scheint jedoch viele junge Leute zu motivieren, dieses Problem wissenschaftlich anzupacken. Das ist gut.

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