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Berufswahl: Macht ein Katzenparasit Menschen mutiger?

Wer mit dem Erreger der Krankheit Toxoplasmose infiziert ist, sucht beruflich eher das Risiko.
Katz und Maus

Wohl mehr als zwei Milliarden Menschen sind weltweit mit Toxoplasma gondii infiziert, einem Erreger, der eigentlich Katzen befällt und nur unter ungünstigen Umständen auf uns umsteigt. Das geschieht etwa über den Verzehr von unzureichend erhitztem Fleisch, kontaminiertem Wasser oder den Kontakt zu Katzenkot. Schwere Symptome sind dann zwar nicht zu befürchten. Seit Langem aber berichten Forscher über Indizien für mögliche psychische Veränderungen bei Infizierten, bis hin zu psychischen Erkrankungen wie Depression und Schizophrenie. Eine neue Studie hat nun einer weitere Auffälligkeit entdeckt: Statistische Analysen im Fachblatt »Proceedings of the Royal Society B« zeigen, dass sich mit Toxoplasma infizierte Menschen häufiger selbstständig machen wollen.

Dies könne theoretisch eine Folge des Parasitenbefalls sein, erklären die Wissenschaftler um Stefanie K. Johnson von der Boulder's Leeds School of Business der University of Colorado. Denn tatsächlich löst der Parasit in Mäusen, seinem Zwischenwirt, auffällige Verhaltensänderungen aus: Er macht die Nager mutig – was am Ende der Verbreitung des Schmarotzers nützt: Katzen – die Endwirte des Schmarotzers – fressen die dank Parasiteneinfluss unvorsichtigen Mäuse häufiger, was den Wirtswechsel des Erregers erleichtert.

Für die Studie hatte Johnsons Team zunächst 1495 Studierende untersucht und festgestellt, dass die mit dem Erreger infizierten unter ihnen rund 1,5-mal so oft wie gesunde Studierende Wirtschaftswissenschaften im Hauptfach wählten und rund 1,7-mal so oft Kurse besuchten, die Unternehmensführung oder Selbstständigkeit im Fokus hatten. Daraufhin untersuchten die Forscher gezielt Teilnehmer von Berufsbörsen, die auf eine selbstständige Tätigkeit vorbereiten sollen – und fanden unter ihnen 1,8-mal häufiger infizierte Personen als im Durchschnitt der Bevölkerung.

Schließlich durchforsteten die Wissenschaftler medizinische und demografische Statistiken aus 42 Ländern der Erde, die über 25 Jahre hinweg allerlei Daten ihrer Bevölkerung gesammelt hatten, darunter zu Infektionen mit dem Parasiten. Dabei zeigt sich ein weiterer Zusammenhang: Offenbar korrelieren die Durchseuchungsrate mit Toxoplasma und der Prozentsatz an Selbstständigen in einem Land. Auch wenn man Faktoren wie das Bruttonationaleinkommen sowie Unterschiede bei Bildungs- und Berufschancen herausrechnet, machen sich in Ländern mit vielen Infizierten wie Brasilien deutlich mehr Menschen selbstständig.

Ihre Studie zeige nur einen statistischen, aber keinen kausalen Zusammenhang zwischen Toxoplasma-Infektion und beruflichen Vorlieben, erklärt die Studienleiterin Johnson. Schließlich sei es nach ihren Ergebnissen genauso möglich, dass weniger vorsichtige Menschen sich häufiger in Situationen bringen, in denen sie sich mit dem Katzenparasiten infizieren können – und erst später einen selbstständigen Beruf ergreifen, der mit größeren Risiken einhergeht.

Es sei aber ebenso gut möglich, dass eine Infektion mit dem Allerweltsparasiten doch einen Einfluss auf neuronale Prozesse hat. Dies müsse nicht grundsätzlich pathologisch sein – unterm Strich könne die Infektion Menschen insgesamt bei der Bewertung möglicher Gefahren optimistischer machen. Dies sei natürlich ein zweischneidiges Schwert: Viele mit Optimismus begonnene Karrieren als Selbstständige scheitern, so dass der Einfluss des Parasiten Menschen jedenfalls nicht zwangsläufig erfolgreicher macht, warnt die Ökonomieprofessorin.

4/2018 (Oktober/November)

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum Psychologie, 4/2018 (Oktober/November)

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