Direkt zum Inhalt

Afrikanische Schweinepest: »Man braucht eine spezielle Ausbildung, um Wildschweine zu jagen«

Extremer Plan: In Polen sollen Soldaten und Polizisten künftig Wildschweine töten dürfen. Das soll die Afrikanische Schweinepest eindämmen. Jäger wie Torsten Reinwald sehen das kritisch.
Wildschwein im WaldLaden...

Spektrum.de: Polens Landwirtschaftsminister möchte eine Gesetzesänderung ins Parlament bringen, damit Soldaten und Polizisten auf Wildschweine schießen dürfen. Das soll die Ausbreitung der Afrikanischen Schweinepest (ASP) stoppen. Eine sinnvolle Maßnahme?

Torsten Reinwald: Nein. Das ist zu platt und klingt nach Aktionismus. Letztlich braucht man eine spezielle Ausbildung, um Wildschweine zu jagen. Man muss beispielsweise die Anatomie der Tiere und ihr Verhalten genau kennen. Außerdem ist nicht jedes Gewehr, nicht jede Munition, geeignet.

Inwiefern?

Jagdmunition unterscheidet sich grundsätzlich von Munition, die Soldaten und Polizisten normalerweise verwenden. Die Munition der Jäger ist ausgelegt, schnell zu töten. Die von Einsatzkräften hingegen soll vor allem außer Gefecht setzen. Jäger nutzen Teilzerlegungs- oder Deformationsgeschosse, die darauf ausgelegt sind, möglichst viele Gefäße zu zerfetzen, damit das Tier schnell stirbt. Die Polizei nutzt Vollmantelgeschosse.

Torsten Reinwald ist Jäger, Biologe und Pressesprecher des Deutschen Jagdverbands.Laden...
Torsten Reinwald | ist Jäger, Biologe und Pressesprecher des Deutschen Jagdverbands. Mit Dasko, seiner Schwarzwildbracke, jagt er unter anderem Wildschweine.

Ich stimme zu: Der Plan klingt extrem. Ein Teil der polnischen Regierungsvertreter scheint sehr aufgeregt – warum eigentlich?

Damit kein Missverständnis aufkommt: Für Menschen ist das Virus völlig ungefährlich.

»In geräucherter Salami überlebt es beispielsweise 30 Tage, in Schinken 399 Tage und auf Holz 190 Tage«(Torsten Reinwald)

Auch infiziertes Fleisch zu essen wäre unproblematisch, richtig?

Völlig. Das wird ja sogar gemacht. Der Mensch verdaut das Virus einfach. Auch für Kühe, Schafe oder Haustiere ist ASP ungefährlich. Der Erreger kann ausschließlich Wild- und Hausschweinen schaden.

Das Virus ist unfassbar robust. Das macht es so gefährlich. In geräucherter Salami überlebt es beispielsweise 30 Tage, in Schinken 399 Tage und auf Holz 190 Tage. Frisst ein Schwein die verseuchte Wurst, wird es krank und stirbt sehr schnell. Von Schwein zu Schwein gelangt das Virus über Körperflüssigkeiten, also über direkten Kontakt. Ist ein Schwein in einem Betrieb krank, müssen alle Tiere getötet werden.

Das ist ein enormer wirtschaftlicher Schaden für den betroffenen Landwirt.

Und nicht nur das: Sobald die Schweinepest in einem EU-Land auftaucht, darf es kein Fleisch mehr außerhalb der EU exportieren. Dann ist nicht nur einer, dann sind alle betroffen. Momentan haben deutsche Schweinebauern in Asien, vor allem in China, einen großen Absatzmarkt, weil die ASP dort wütet. Wenn die Pest Deutschland erreicht, wird China die Grenzen dichtmachen. In Belgien war genau das 2018 der Fall.

Schneller als erwartet kommt der hochansteckende Erreger Deutschlands Grenzen näher. Im November gab es einen Ausbruch nur 40 Kilometer entfernt. Wie will man sich schützen?

Wichtig ist die Früherkennung. Damit steht und fällt der Erfolg aller Maßnahmen. Der Deutsche Jagdverband hat bereits im Jahr 2017 mit dem Friedrich-Löffler-Institut einen Maßnahmenkatalog zusammengestellt. Im Notfall gibt es also Orientierung. Allerdings stellt der Föderalismus dabei ein ganz gravierendes Problem dar. Denn wenn die Seuche ausbricht, ist der Veterinär vor Ort zuständig – es gibt keine zentral koordinierte Vorgehensweise. Das halte ich für kritisch.

»Wenn die Pest in der Vegetationsphase ausbricht, kann es sinnvoll sein, ein Ernteverbot für Getreide auszusprechen«(Torsten Reinwald)

Was ist denn vorgesehen?

Im Falle eines Ausbruchs definiert die Kreisveterinärbehörde einen Gefahrenbereich mit Kernzone und eine Pufferzone. Welche Maßnahmen dort dann sinnvoll sind, hängt von den Faktoren vor Ort ab. Unser Katalog ist eine Art Werkzeugkiste. Ein Beispiel: Wenn die Pest in der Vegetationsphase ausbricht, kann es sinnvoll sein, ein Ernteverbot für Getreide auszusprechen, damit die Wildschweine in der Region bleiben. Im Winter könnte es von Vorteil sein, Wildschweine zu füttern, damit sie nicht auf Wanderung gehen. Grundsätzlich aber ist es ratsam, die Gefahrenzone zu zäunen. Und dann müssen mit allen Mitteln die Schweine in diesem Bereich getötet und verbrannt werden, damit das Virus nicht weiter verbreitet wird.

Dänemark hat einen Zaun entlang der Grenze gebaut…

Das hilft vielleicht, die Gemüter zu beruhigen, ist aber auch reiner Aktionismus. Ich kann ja keine Autobahnen zäunen beispielsweise. Das funktioniert also nicht. Bei einem lokalen Ausbruch ist das was anderes. Tschechien gilt hier als Paradebeispiel. Dort hat man im Fall von Ausbrüchen Kerngebiete von 20 Quadratkilometern festgelegt und umzäunt, die Gefahrenzone auf 1000 Quadratkilometer ausgelegt und die Pufferzone auf 12 000 Quadratkilometer. Heute ist das Land wieder frei von ASP.

In Deutschland sind Wildschweine schon jetzt ganzjährig zum Abschuss freigegeben. Schonzeiten gibt es nicht mehr. Soll das so bleiben?

Die wurden im vergangenen Jahr aufgehoben, richtig. Was hierbei aber wichtig ist: Das heißt nicht, dass Jäger jetzt auf alles feuern, was Borsten hat. Es gibt weiterhin den Elterntierschutz: Als Jäger bin ich verpflichtet darauf zu achten, ob das Tier Junge hat, also gestreifte Frischlinge. Dann darf ich nicht schießen. Das wird gesetzlich sanktioniert.

Wie darf man sich die Jagd vorstellen, was passiert da genau?

Es ist wichtig, zwischen Alltag und Seuchenfall zu schützen. In Letzterem macht man alles, um möglichst viele Tiere in kurzer Zeit zu töten: aushungern, vergiften, erschießen. Jäger werden zwar gebeten mitzumachen, weil sie ausgebildet sind, Tiere möglichst sorgsam zu töten, aber das hat nichts mehr mit regulärer Jagd zu tun. Die reguläre Jagd ist wichtig, um die Bestände zu reduzieren. Denn weniger Tiere sorgen für eine geringere Ausbreitung des Virus.

Debattiert worden ist auch die Keulung wilder Tiere. Was halten Sie davon?

Nicht viel. Wenn man ein Kerngebiet abgezäunt hat, dann ginge das theoretisch. Aber es sind ja Wildtiere, die vor dem Menschen flüchten. Die Keulung wäre, wenn dann, eine Maßnahme für einen Mastbetrieb, in dem Tiere infiziert sind. Wenn überhaupt, würde das dann der Veterinär verordnen.

»Aufklärung, Aufklärung, Aufklärung«(Torsten Reinwald)

Kritiker haben zu Bedenken gegeben, dass die massive Jagd auf Wildschweine dafür sorgen könnte, dass Populationen noch anfälliger für die Schweinepest werden. Weil der Genpool geringer ist etwa. Was sagen Sie dazu?

Die Bedenken teile ich nicht. Die natürliche Wachstumsrate von Wildschweinen beträgt in Deutschland 230 Prozent pro Jahr. Die Zahl stammt von der Tierärztlichen Hochschule Hannover. Die Tiere werden in Deutschland mit drei Monaten geschlechtsreif, das heißt mit vier, fünf Monaten können sie Junge haben. Deshalb ist es so wichtig, möglichst viele Schweine im Alter von ein bis zwei Jahren zu erlegen. Da sehe ich als Biologe nun aber keine Gefahr, dass wir den Genpool zu stark dezimieren, als dass es noch viele gesunde, starke Tiere geben wird.

Andere Untersuchungen haben gezeigt, dass die Tiere das Virus gar nicht so weit tragen. Nur 25 Kilometer jährlich etwa. Es sei der Mensch, der für die Verbreitung sorge – vor allem verseuchte Essensreste gelten als problematisch. Wäre es da nicht sinnvoller, Grenzkontrollen für Fleischprodukte oder Zäune um Autobahnparkplätze zu ziehen, statt Tiere zu töten?

Ja. Unsere enorme Mobilität wird uns zum Verhängnis. Das Zauberwort ist “Biosicherheit”. Entlang der Transitstrecken – an Parkplätzen, Flughäfen, Bahnhöfen – muss man dafür sorgen, dass die Mülleimer mit einem Deckel geschlossen und eingezäunt sind. Das ist das, was wir fordern. Und dann natürlich: Aufklärung, Aufklärung, Aufklärung. Reisende – LKW-Fahrer, Erntehelfer oder Touristen – aus den Risikogebieten müssten realisieren, wie gefährlich es ist, eine Schweinewurst aus der Hausschlachtung mitzunehmen. Brandenburg hat gemeinsam mit Polen seit Kurzem seine Bemühungen dahingehend intensiviert.

51/2019

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 51/2019

Lesermeinung

Wenn Sie inhaltliche Anmerkungen zu diesem Artikel haben, können Sie die Redaktion per E-Mail informieren. Wir lesen Ihre Zuschrift, bitten jedoch um Verständnis, dass wir nicht jede beantworten können.

Partnervideos