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News: Manipulierte Schmarotzer

Gegen die tödliche Willkür einer schmarotzenden Schlupfwespe ist für ihre hilflosen Opfern kein Kraut gewachsen. Fast ausgleichende Gerechtigkeit der Natur, dass auch die Wespentäter offenbar von winzigen Mächten manipuliert werden.
Die Regeln der tierischen Miteinanders scheinen auf den ersten Blick recht schwarz-weiß: Friss oder stirb, kämpfe oder geh unter, pflanz dich fort oder stirb aus. Wirft man aber alle potenziellen Fresser, Kämpfer und Fortpflanzer zusammen und lässt sie gemeinsam in einer Welt begrenzter Ressourcen streiten, so wird aus dem schwarz-weißen schnell ein buntes Gemälde mit vielerlei Abhängig- und Möglichkeiten sowie einer Fülle sich gegenseitig beeinflussender, je nach Situation mehr oder weniger erfolgversprechender Strategien. Sinn und Hintergrund dieser wechselnden Taktiken interessiert auch Evolutionsforscher – und keineswegs immer gelingt es, eindeutige Sieger und Verlierer zu küren.

Ein Beispiel: der zunächst simpel zu nennende Lebensentwurf der parasitoiden Schlupfwespe Leptopilina boulardi. Weibliche Schlupfwespen legen ihre Eier in die jungen Larven der Taufliege Drosophila melanogaster und sorgen so für eine optimale Nährstoffversorgung des aus dem Ei schlüpfenden Nachwuchses: Dieser ernährt sich einfach von dem ihn umgebenden Taufliegengewebe, bis er selbst ausgewachsen und der unfreiwillige Wirt tot ist.

Nun aber kommen die begrenzten Ressourcen ins Spiel: Eine Taufliegenlarve macht gerade einmal eine Jungschlupfwespe satt, und so sollten Wespenmütter tunlichst vermeiden, ihren zukünftigen Nachwuchs in bereits mit anderen Leptopilina-Eier besetzte Taufliegenlarven abzulegen – in diesem Fall setzt sich nur eine Jungwespe gegen die überzählige innerartliche Konkurrenz durch, der Rest ist verloren. Viele weibliche Schlupfwespen unterscheiden auf der Suche nach einem Eiablage-Opfer daher schon parasitierte und noch unberührte Taufliegenlarven.

In einer Region mit sehr vielen Schlupfwespen und sehr wenigen Taufliegen ist diese Strategie für Schlupfwespenmütter allerdings kontraproduktiv, da sie hier fast nur auf bereits belegte Taufliegenlarven treffen und ihr Instinkt dann eine Eiablage ganz verhindert. In solchen Situationen nun sind von Konkurrenzfurcht völlig unbeirrbare Wespenstrategen im Vorteil, die auch schon parasitierte Taufliegenlarven "superparasitieren" – und ihrem schlüpfenden Nachwuchs damit zumindest überhaupt eine Chance einräumen, sich gegen die gesammelte, mitessende Jungschlupfwespen-Verwandtschaft in ihrer Taufliegen-Vorratskammer durchzubeißen.

Beide Strategien – die der wählerischen Wespe auf der Suche nach ungeteilter Larvennahrung sowie die der ineffizienten, aber in Zeiten des Taufliegenmangels einzig überlebensfähigen Superparasitierer – entwickelten sich, so dachten Evolutionstheoretiker bisher, weil beide zu bestimmten Zeiten ihren Sinn zu haben scheinen. Und so werden beide Strategien, genetisch in unterschiedlichen Wespen-Stämmen verdrahtet, von Generation zu Generation weitergegeben und bescheren je nach Umwelt-Konstellationen mehr oder weniger Verbreitungserfolg.

Etwas zu schwarz-weiß, offenbar: Tatsächlich scheint, wie ein Forscherteam um Julien Varaldi von der Universität Lyon I nun zeigte, ein bislang völlig unbekannter Faktor ein kräftiges Wörtchen über Erfolg und Misserfolg der Wespenstrategien mitzureden. Die Wissenschaftler isolierten zunächst je einen typischen Stamm "wählerischer" Wespen aus Frankreich sowie einen rein "superparasitierenden" Stamm aus Portugal und bestimmten deren genetische Profile. Zuchtexperimente zeigten dann, dass tatsächlich Kinder des wählerischen Stammes stets ebenso wieder die überlieferte Eiablagestrategie ihrer Eltern verfolgen, wie der Nachwuchs der superparasitierenden Gruppe die der ihren – alles deutete also darauf hin, dass die Strategien schlicht über mütterlicher Gene an die Nachfolgegeneration tradiert werden.

Bis die Forscher beide Stämme zugleich um Taufliegenlarven konkurrieren ließen. Zunächst legten die wählerischen Wespen Eier in unberührte Taufliegenjunge, dann superparasitierte der andere Stamm die bereits belegten Larven. Keiner der beiden Stämme erwies sich in dieser Situation eindeutig als stärker – genetisch belegt setzten sich in unterschiedlichen Larven mal ein Superparasitierer, mal auch eine wählerische Stammesnachwuchs-Wespe durch. Nur: Alle späteren Generationen folgten nun nur noch der superparasitierenden Strategie – auch jene Wespen, die nach Erbgutuntersuchung eindeutig aus der wählerischen Linie stammten.

Dieses Ergebnis "hat uns wirklich extrem überrascht", so Varaldi. Mikroskopische Untersuchungen der Superparasitierer lieferten dann erste Hinweise auf einen möglichen Verursacher: Offenbar sorgt ein Virus in superparasitierenden Stämmen dafür, dass die Wespen bereits parasitierte Taufliegen-Larven nicht mehr identifizieren können – vielleicht, indem es auf eine noch unbekannte Art wichtige Sinnesorgane der Wespe stört. Damit verschafft sich das Wespenvirus seinerseits lebenswichtige Verbreitungschancen, denn scheinbar kann es nur in einer mehrfach infizierten Taufliegenlarve von Schlupfwespe zu Schlupfwespe überspringen – und sich daher in einem Stamm wählerischer, nur auf Einzelinfektionen setzender Schlupfwespen nicht ausbreiten.

Jedenfalls aber überschattet die Strategie des bisher unbekannten Schlupfwespen-Virus die Verbreitungsstrategie des Parasitoiden. Ähnliche, bisher vernachlässigte Einflüsse erwarten die Forscher nun auch in anderen Szenarien zu finden, in denen scheinbar eindeutig evolutiv begründbare Konzepte aufeinander prallen.

Einzig eindeutiger Verlierer bleibt im Wettstreit der Strategien demnach wohl nur die Taufliege als hilf- und harmloses Opfer der Parasitoide – ob diese nun virusgesteuert sind oder nicht. Andererseits: Die globale Taufliegen-Gemeinschaft genießt, als Lieblings-Zuchtobjekt in unzähligen Laboren von Homo sapiens, ohnehin fast unfaire Vermehrungs-Vorteile.

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