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News: Musikalische Versprecher

Musik ist die Sprache der Engel, meinte der schottische Schriftsteller Thomas Carlyle. Vielleicht sind Musik und Sprache viel enger miteinander verwandt als der Dichter ahnen konnte. Deutsche Neurobiologen entdeckten jetzt, dass das Gehirn musikalische Misstöne im Sprachzentrum - dem so genannten Broca-Areal - verarbeitet.
Andächtig lauschen wir der Musik. Harmonisch reihen sich die Akkorde aneinander. Doch plötzlich: Was war das? Ein falscher Ton stört das Klangerlebnis, die Harmonie ist verdorben.

Was geht in unserem Kopf vor, wenn wir Musik hören. Das wollten Burkhard Maeß und seine Kollegen vom Max-Planck-Institut für neuropsychologische Forschung in Leipzig wissen. Ihre Versuchspersonen lauschten drei verschiedenen Tonfolgen aus jeweils fünf Akkorden. Die erste – in C-Dur – verbarg keine unangenehmen Misstöne. Anders jedoch bei den beiden anderen: Sie enthielten einen so genannten Neapolitanischen Sextakkord, der für unsere Ohren gewöhnungsbedürftig ist. Erscheint er an dritter Position, empfinden wir ihn als unangebracht, schließt die Tonfolge gar mit ihm, dann klingt das Ganze völlig unpassend.

Während die Testhörer ihr Ohr den Akkorden schenkten, maßen die Neurowissenschaftler deren Hirnaktivitäten mit Hilfe der Magnetencephalografie. Dabei zeigten sich keine Besonderheiten, wenn alles mit rechten Dingen zuging. War die Harmonie jedoch durch den Sextakkord gestört, wurde das so genannte Broca-Areal rege. Diese Hirnregion im linken Frontallappen stellt unser Sprachzentrum dar, das die Syntax der Sprache kontrolliert und sich meldet, sobald ein Wort an der falschen Stelle im Satz erscheint. Und genau wie beim falschen Satzbau maßen die Forscher ein vertärktes Magnetfeld im Broca-Areal sowie in der äquivalenten Hirnregion der rechten Hemisphäre, wenn der Störakkord zum Schluss der Tonfolge erklang. Bei der Störung auf Position drei war der Effekt auch nachweisbar, trat allerdings deutlich schwächer auf. Offensichtlich, so vermutet Maeß, hatten die Versuchspersonen hierbei noch zu wenig Akkorde gehört, um den Misston sicher zu erkennen.

Die Hirnaktivität im Sprachzentrum hatte nichts mit der musikalischen Begabung der Versuchspersonen zu tun. Auch die Broca-Areale der musikalisch Unbedarften meldeten sich bei Missklängen. "Wir fanden einen Prozess, der automatisch und unbewusst abläuft", erklärt Maeß. Es stellt sich damit die Frage, ob die Fähigkeit zur Sprache und zur Musikalität gleichzeitig in der menschlichen Evolution entstand. "Ich glaube, sie entwickelten sich zusammen", spekuliert der Forscher, "obwohl ich nicht behaupten möchte, dass unser Experiment der Beweis dafür ist."

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