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GMO-Babys in China: Naiv, voreilig und vermutlich erfolglos

Die Erzeugung gentechnisch veränderter Menschen erntet heftige Kritik - der Forscher, so die einhellige Meinung, verletze alle ethischen Regeln. Er selbst ist »stolz« auf seine Arbeit.
3d version of artificial insemination cell under the microscope

Die Nachricht, in China seien zwei mit CRISPR/Cas9 genetisch veränderte Babys geboren worden, scheint sich zu bestätigen. Das jedenfalls ist das Urteil von Fachleuten, nachdem der chinesische Forscher Jankui He auf einer Konferenz weitere Details seiner umstrittenen Experimente veröffentlicht hat. Insbesondere deutete der Genetiker an, eine weitere an den Versuchen beteiligte Frau sei mit einem CRISPR-Baby schwanger geworden.

Kolleginnen und Kollegen zeigen sich entsetzt über das Vorgehen des chinesischen Forschers, weil er damit eine Vereinbarung führender Fachorganisationen gegen Keimbahnmanipulation ignorierte. Für Empörung sorgt dabei nicht nur, dass eine solche Veränderung an der menschlichen Keimbahn überhaupt durchgeführt wurde, sondern auch die Art und Weise, wie das geschah. Kritik entzündet sich unter anderem an der Geheimhaltung rund um die Experimente. Die wissenschaftliche Gemeinschaft hat erst nach der Geburt der Kinder von den Versuchen erfahren, und der Mangel an Transparenz sei ein Versagen der wissenschaftlichen Gemeinschaft, sagte David Baltimore, der Vorsitzende des Organisationskomitees der Konferenz, nach dem Vortrag.

Geheime Experimente an Embryos

He sieht das allerdings anders: 2017 habe er auf einer Konferenz von seinem Vorhaben berichtet und auch mit US-Ethikfachleuten gesprochen, verteidigt er sich auf dem derzeit stattfindenden zweiten internationalen Gipfeltreffen über Genom-Editing am Menschen in Hongkong. Die Mehrzahl seiner Kolleginnen und Kollegen halten das für eine Nebelkerze, ebenso wie seine Behauptung, die aktuelle Veröffentlichung gehe auf ein »Leak« zurück. Vielmehr erscheint das Vorgehen des Forschers als gezielte Täuschung. Womöglich wollte er verhindern, dass seine Experimente gestoppt werden, und hat sie deshalb im stillen Kämmerlein durchgeführt. Der einhellige Protest über das Vorgehen sogar in China selbst lässt vermuten, dass genau das passiert wäre.

Immerhin verspricht He nun – ziemlich verspätet – Transparenz: Er habe eine Fachpublikation über die Experimente bei einer Zeitschrift zur Begutachtung eingereicht. Zudem kamen durch seinen Vortrag neue Details zu der verwendeten Technik ans Licht: Vor den Experimenten an menschlichen Embryos testete und verbesserte das Team das Verfahren offenbar an mehreren Generationen von Mäusen und Makaken. Entscheidend sind demnach eine frühe Injektion des Cas9-Proteins und der RNA nach der Befruchtung, was sich mit früheren Ergebnissen deckt.

Wichtig scheint auch eine zweite Injektion zu sein, durch welche die Wahrscheinlichkeit sinken soll, dass der Embryo noch unveränderte Zellen enthält. Nach den auf der Konferenz präsentierten Daten hat das aber wohl nicht funktioniert: Beide Babys bilden den angeblich ausgeschalteten Rezeptor nach wie vor – eines wegen dieses Mosaikismus, das andere scheint ein intaktes Allel des Rezeptorgens zurückbehalten zu haben.

Wie präzise funktioniert CRISPR/Cas9 wirklich?

Dafür will Hes Team laut eigenen Angaben ein bedeutendes Problem des CRISPR-Verfahrens berücksichtigt haben: Man habe einzelne Zellen der Embryos vor dem Einpflanzen sowie Zellen aus Nabelschnurblut nach der Geburt auf mögliche genetische Veränderungen abseits des ins Fadenkreuz genommenen CCR5-Gens kontrolliert. In der Präsentation zeigte der Forscher erstmals genomische Daten; Sequenzierung gilt als sein Fachgebiet.

Demnach traten keine solchen »off-target«-Veränderungen auf. Andere mögliche negative Effekte, wie eine erhöhte Krebsneigung, schließt das Protokoll aber nicht aus. Wegen dieser bisher unbekannten Nebenwirkungen verurteilen Fachleute die Experimente weithin als unverantwortlich und voreilig; so bezeichnet der Stammzellenforscher Hans R. Schöler im Interview mit dem Deutschlandfunk die Experimente als »unausgegoren«. Er lehne es ab, solche Versuche ohne gesellschaftliche Diskussion und ohne genaue Erforschung der Grundlagen durchzuführen. Damit repräsentiert er die einhellige Meinung der Fachwelt; so veröffentlichte die American Association for the Advancement of Science ein nahezu wortgleiches Statement.

Die allgemeine Ablehnung kommt auch kaum überraschend, denn der chinesische Forscher scheint alle nur möglichen ethischen Grundlagen gentechnischer Arbeit ignoriert zu haben. Offenbar holte er auch die Einwilligung der beteiligten Paare in einer Weise ein, die nicht einmal entfernt den grundlegenden Regeln des »Informed Consent« entsprechen, dem Standard für Studien an Menschen. So kritisieren Experten, dass es keine dringende medizinische Notwendigkeit für die Veränderung des Erbguts der betroffenen Babys gab, was als Grundbedingung für derartige Versuche gilt. Erbliche Veränderungen in der Keimbahn gelten allenfalls dann als statthaft, wenn damit eine anderenfalls unheilbare Erbkrankheit kuriert wird. Entsprechend kritisch fiel auch die Diskussion auf der Konferenz in Hongkong aus, die sich an den Vortrag anschloss: He sah sich einem Ansturm kritischer Nachfragen zu Ethik und Transparenz der Versuche ausgesetzt.

Jankui He verteidigt seine Experimente allerdings standhaft und widerspricht der Kritik an seinem Vorgehen sowie der Befürchtung, der Skandal könne der Forschungsrichtung insgesamt schaden. Er sei stolz auf seine Arbeit. Vor seinem Vortrag entschuldigte er sich zwar pflichtschuldig für die voreilige Veröffentlichung, die erwies sich aber schnell als von langer Hand geplant – zusammen mit der Presseagentur AP, die den Durchbruch zuerst meldete. Dass die genetische Veränderung unnötig sei, bestreitet er ebenfalls – und verweist auf die dramatischen Folgen der globalen AIDS-Epidemie. Die Heilung des so genannten Berlin-Patienten durch eine Übertragung von Stammzellen mit defektem CCR5 habe ihn inspiriert. Millionen Kinder brauchten den Schutz, den sein Verfahren gewähren könne, erklärte er in der Diskussion nach seinem Vortrag.

Bodenlos naiv ins ethische Minenfeld

Überzeugen kann er andere Fachleute damit nicht. »Seine Antworten zeigen eine zutiefst verstörende Naivität über die Probleme, mit denen man es zu tun hat«, kommentiert der Genetiker David Liu von der Harvard University den Auftritt von He. Andere Fachleute bemängeln seinen Vortrag als unvollständig, seine Antworten als ausweichend. Vor allem der Vorwurf der bodenlosen Naivität in ethischen Fragen wird den Forscher wohl länger umtreiben: Gleichzeitig mit der Nachricht von der Geburt der Zwillinge erschien in der Zeitschrift »The CRISPR Journal« ein Artikel von einer Gruppe um Jankui He, in dem das Team fünf ethische Prinzipien für derartige Versuche aufstellt. Der kurze Text wirkt, diplomatisch ausgedrückt, vor allem gut gemeint.

Doch die von He veröffentlichte Ethik der Keimbahnmanipulation berührt einen wichtigen Aspekt: Ob CRISPR-Babys grundsätzlich erzeugt werden dürfen, wird kontrovers diskutiert, und viele Fachleute lehnen künstliche Veränderungen der menschlichen Keimbahn – genetische Veränderungen, die an zukünftige Generationen weitergegeben werden – nicht grundsätzlich als unethisch ab.

So hält beispielsweise der Ethiker Guido de Wert von der Maastricht University die grundsätzlichen Einwände gegen Keimbahnmanipulation, zum Beispiel unter Berufung auf Natürlichkeit oder Menschenwürde, für unzureichend. Damit ist er nicht allein, auch der Genetiker Hans Schöler lehnt die Technik nicht grundsätzlich ab. Eine Heilung schwerer genetischer Defekte durch CRISPR-Technologie könnte vermutlich langfristig auf breite Akzeptanz hoffen.

Doch eine andere, eher kulturelle Furcht bleibt. Was passiert, wenn solche Verfahren irgendwann so weit ausgereift sind, dass sie nicht nur Krankheiten heilen können, sondern auch gezielt andere Eigenschaften des Nachwuchses steuern? Solche »Designerbabys« könnten unwägbare Konsequenzen für die Gesellschaft haben, befürchten Kritiker. »Für mich persönlich gibt es keine Indikation, die einen genetischen Eingriff in die Keimbahn rechtfertigt«, sagt deswegen Toni Cathomen, Direktor des Instituts für Transfusionsmedizin und Gentherapie am Universitätsklinikum Freiburg. Es gebe für potenzielle Eltern mit Erbkrankheiten andere Verfahren, um Kinder vor schweren Erbkrankheiten zu schützen.

48/2018

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 48/2018

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