Direkt zum Inhalt

Naturschutz: Das würde die Rettung Amazoniens kosten

Der Amazonasregenwald gehört zu den wichtigsten Ökosystemen der Erde, doch er fällt dem Raubbau zum Opfer. Sein Erhalt wäre dagegen schon für wenig Geld machbar.
Brandrodung in Amazonien

Der Regenwald Amazoniens steht vor dem Kollaps. Bereits 2019 warnten die renommierten Amazonas- und Klimaforscher Carlos Nobre und der 2021 verstorbene Thomas Lovejoy vor den Folgen der rasant fortschreitenden Zerstörung. Die kritische Grenze, ab der die Region ihren irreversiblen Kipppunkt erreichen wird, läge bei 25 bis 30 Prozent Waldzerstörung. Schon jetzt sind 17 bis 20 Prozent den Kettensägen und Feuern zum Opfer gefallen. Die Abholzung hat sich in den letzten Jahren zudem wieder intensiviert und schreitet mit großer Geschwindigkeit voran. Momentan fallen zehn Fußballfelder Primärwald pro Minute.

Dabei bräuchte es wohl nicht viel, um das Ökosystem zu retten, und das käme auch noch nicht zu spät, wie die Studie einer Arbeitsgruppe der University of Miami, des Emílio-Goeldi-Museums, der Universität von Rio de Janeiro und von Conservation International Brazil zeigt. Das Team mahnt jedoch, dass sich das Zeitfenster für die Rettung schon bald für immer schließen könnte. Denn die Widerstandsfähigkeit des Ökosystems sinke rasch.

Kippt das riesige Ökosystem, wird sich der Amazonaswald aber nicht nur in eine Savanne verwandeln. Die Folgen beträfen die ganze Welt. Denn der Wald speichert 150 bis 200 Milliarden Tonnen des klimaschädlichen Treibhausgases Kohlendioxid und ist für die globale Wasser- und Klimaregulierung mitverantwortlich. Bricht das System zusammen, werden wir den Klimawandel kaum aufhalten können, sagte Carlos Nobre anlässlich des Naturschutzkongresses in Marseille im Herbst 2021.

Mehr noch: Seit dem Jahr 2000 haben mehr als drei Viertel des Amazonasregenwaldes deutlich an Widerstandsfähigkeit verloren, fanden Forscher der britischen Universität Exeter, des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung und der TU München kürzlich heraus. In diesen degradierten Teilen des Regenwaldes sind die Niederschläge bereits deutlich zurückgegangen und sie geben inzwischen mehr CO2 ab, als sie aufnehmen.

Bislang geht man von 4,3 Millionen Quadratkilometern Fläche Amazonasregenwald aus, so wie sie das brasilianische Institut für Geografie und Statistik misst. Davon steht gegenwärtig etwa die Hälfte offiziell unter Schutz. Die Gebiete bilden zwei große, fast zusammenhängende Korridore, die das Amazonasgebiet im Norden und im Süden durchziehen. Und dieses Schutzsystem sei von zentraler Bedeutung für die Eindämmung der Abholzung und der Degradierung des Waldes, heißt es in der Studie von José Maria Cardoso da Silva von der University of Miami und Co. Dennoch reichten jene Flächen bei Weitem nicht aus, um die biologische Vielfalt und die Ökosystemleistungen der Region zu bewahren, geschweige denn die Rechte der dort ansässigen indigenen und traditionell lebenden Bevölkerungsgruppen schützen zu können.

Wie viel von Amazonien muss geschützt werden?

Doch wie viel Schutzfläche wird nötig sein, um die lebenswichtigen Funktionen der Ökosysteme im Amazonasgebiet dauerhaft zu schützen? Um diese Frage zu beantworten, hatte die brasilianische Regierung 1999 in einem partizipativen Prozess mit Wissenschaftlern, Unternehmen und der lokalen Bevölkerung die dafür notwendigen Gebiete identifizieren und Karten erstellen lassen.

Für die Studie verwendete die Arbeitsgruppe die aktualisierten Karten von 2018. Sie zeigen: Um die ökologische, soziale, kulturelle und wirtschaftliche Erosion der gesamten Region abzuwenden, müssen mindestens 80 Prozent des Ökosystems Amazonas geschützt werden. Das hatte auch die Klimastudie von Nobre und Lovejoy nahegelegt. Der Forderung nach einem derart umfassenden Schutz hatte zudem eine Abordnung Indigener auf dem Weltnaturschutzkongress der IUCN in Marseille vehement Nachdruck verliehen.

Um dies zu erreichen, müssten weitere 1,3 Millionen Quadratkilometer in das bestehende regionale Schutzsystem einbezogen werden. Das würde die Schutzflächen im Amazonaswald auf insgesamt 3,5 Millionen Quadratkilometer erhöhen und 83 Prozent des Regenwalds wären damit – zunächst einmal auf dem Papier – gesichert. Dafür bräuchte es eine Anfangsinvestition von 1,0 bis 1,6 Milliarden Dollar. Und dazu kämen die jährlichen wiederkehrenden Kosten zur Erhaltung der Flächen von 1,7 bis 2,8 Milliarden Dollar. Denn die Gebiete müssen bewirtschaftet und geschützt werden, auch Gehälter und Kosten für die notwendige biologische Bestandsaufnahme und Demarkierung sowie für regionale und nationale Koordinierungsmaßnahmen wurden eingerechnet.

Das wäre mehr als doppelt so viel, wie die brasilianische Regierung bisher für den Erhalt des Waldes in der Region ausgibt. Doch Cardoso da Silva und Co zufolge bewegt sich die Investition bei einem brasilianischen Bundeshaushalt von 910 Milliarden Dollar durchaus im Rahmen des Möglichen.

Was der Regenwald für den Planeten tut

Auf der anderen Seite sind diese so genannten Ökosystemleistungen auch für das Wohlergehen von Gesellschaften außerhalb der Grenzen Brasiliens essenziell. Das Amazonasgebiet beherbergt das größte Flusssystem der Erde und den größten zusammenhängenden Regenwald mit bis zu einem Drittel aller auf dem Planeten vorkommenden Tier- und Pflanzenarten. Bisher hat man mindestens 40 000 verschiedene Pflanzenarten, mehrere tausend Wirbeltier- und eine Million unterschiedliche Insektenarten gezählt. Das System reguliert das Klima, speichert Kohlenstoff, zirkuliert und filtert Wasser und Luft – und bildet die direkte Lebensgrundlage für 1,7 Millionen Menschen.

»Wenn man bedenkt, dass die Erhaltung des brasilianischen Amazonasgebiets für die Bewältigung von zwei unserer größten globalen Probleme – Klimaschutz und Erhalt der Biodiversität – von entscheidender Bedeutung ist, dann ist es unserer Meinung nach nur fair, dass die brasilianische Gesellschaft diese Kosten nicht allein tragen sollte«, sagt José Maria Cardoso da Silva, Forscher an der University of Miami und Hauptautor der Studie. »Vor allem die Industrieländer sollten sich an den Kosten beteiligen, da sie für den Großteil der globalen Umweltzerstörung verantwortlich sind.«

Die Rettung von Amazonien liegt noch in weiter Ferne

»Trotz der guten Absichten wurden bislang alle Schutzanstrengungen nie in einen effektiven und vorhersehbaren Transfer von Ressourcen in der Größenordnung umgesetzt, die zur Lösung des Problems erforderlich sind«, sagt da Silva. Auf der COP 26, der Konferenz der Vereinten Nationen zum Klimawandel im vergangenen Herbst 2021 in Glasgow, etwa hatten sich die Industriestaaten erneut dazu verpflichtet, ab 2020 jedes Jahr bis 2025 rund 100 Milliarden Dollar für Klimaschutz und Anpassung zur Verfügung zu stellen. Zusagen während der Konferenz, Geld in zwei Hilfsfonds zu überweisen, beliefen sich auf eine knappe Milliarde Dollar – 150 Millionen davon aus Deutschland.

»Es sieht so aus, als ob alle diese Verpflichtungen die Region retten würden. Doch das ist weit von der Realitität entfernt«, sagt da Silva. »Wenn man alles zusammenzählt, decken solche langfristigen Verpflichtungen nur einen kleinen Teil der jährlichen Erhaltungskosten der Region  ab.«

Die von der Studie errechneten Kosten für Erhaltung des größten Teils des brasilianischen Amazonasgebiets pro Hektar sei »recht bescheiden verglichen mit den potenziellen Werten der Umweltleistungen, die die Ökosysteme des brasilianischen Amazonasgebiets für Brasilien und die Welt erbringen«, betont da Silva. Außerdem sei die Erhaltung sehr kosteneffizient. Der Schutz der afrikanischen Löwen, für die 1,2 Millionen Quadratkilometer Schutzfläche erhalten bleiben müssen, sei immerhin zweieinhalb Mal so teuer.

Stattdessen Schäden an Menschen und Natur

Vergleicht man die Kosten zur Erhaltung des Waldes und das Ausmaß der Schäden an Mensch und Natur, die beispielsweise der illegale Goldabbau in den indigenen Gebieten verursacht, wird die Dringlichkeit effektiver Schutzmaßnahmen noch deutlicher: Um das Ausmaß der Verwüstung des Regenwaldes durch den illegalen Bergbau beziffern zu können, hatte die brasilianische Staatsanwaltschaft von Pará (MPF) zusammen mit der Nichtregierungsorganisation Conservation Strategy (CSF-Brazil) den Illegal Gold Mining Impact Calculator erstellt. Dieser Rechner kalkuliert die fatalen Folgen des illegalen Goldabbaus und soll den Behörden helfen, Bußgelder und Entschädigungen für immaterielle Schäden zu berechnen. Erstmals werden auch die Degradation des Ökosystems und die Gesundheitsfolgen für die betroffene Bevölkerung miteinbezogen.

Das Reservat der Yanomami im Norden Brasiliens an der Grenze zu Venezuela zum Beispiel ist seit Jahren das Ziel illegaler Goldschürfer. Die Folgekosten für Wiederaufforstung, Renaturierung der Flüsse und Abmilderung der weiteren Umweltfolgen sowie für die gesundheitlichen Schäden durch Quecksilbervergiftung beziffert der Rechner auf 180 Millionen Euro im günstigsten Fall – und auf knapp eine Milliarde Euro im ungünstigsten Szenario.

Die Folgekosten allein würden also schon fast ein Jahr die Verwaltung für den Schutz von 80 Prozent Amazoniens decken. Selbst wenn beides nicht direkt vergleichbar ist, so machen sie doch die Dimensionen der Zerstörung deutlich. Neben der Einrichtung von Schutzgebieten ist vor allem politischer Wille nötig, um diese zu erhalten, denn der Druck auf Amazonien durch das regionale und internationale Bergbau- und Agrarbusiness ist enorm.

Rettungspläne nehmen die Industriestaaten in die Pflicht

Bisher gibt es noch keinen konkreten Plan dafür, wie die Finanzierung des geplanten Schutzes gemanagt werden sollte. Dieser müsse von unten nach oben entwickelt werden, sagt da Silva. Die Studie lege nur das Minimum an Investitionskosten fest, die erforderlich sind, um gute Arbeit zu leisten. Nach da Silva sollten die Industrieländer fairerweise für die Einrichtung der neuen Schutzgebiete in Höhe von 1,0 bis 1,6 Milliarden US-Dollar aufkommen und für die Hälfte der 1,3 Milliarden US-Dollar Verwaltungskosten pro Jahr. »Die von der brasilianischen Gesellschaft für den Naturschutz bereitgestellten Flächen sollten als Gegenwert für diese Investitionen betrachtet werden«, so der Forscher und er fügt hinzu: »Das sieht nach einer riesigen Investition aus, ist aber fast nichts im Vergleich zu den Milliarden Dollar, die Europa an Subventionen für fossile Brennstoffe ausgibt.«

Schreiben Sie uns!

Wenn Sie inhaltliche Anmerkungen zu diesem Artikel haben, können Sie die Redaktion per E-Mail informieren. Wir lesen Ihre Zuschrift, bitten jedoch um Verständnis, dass wir nicht jede beantworten können.

Partnerinhalte