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Römisches Imperium: Nordafrikas archäologischer Reichtum

Von der libyschen Kyrenaika bis nach Mauretania Tingitana entstanden einst Thermen, Tempel und Theater: In der Antike war der Küstensaum ein bedeutendes Wirtschaftszentrum.
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Mit der Evakuierung von zehn italienischen Forschern dürfte nunmehr auch der letzte ausländische Archäologe das krisengeschüttelte Libyen verlassen haben. Die Gruppe war Teil der italienisch-libyschen archäologischen Mission in Acacus und Messak und wurde bei ihren Ausgrabungen mitten in der Wüste – Hunderte von Kilometern vom nächsten Flughafen – von den Kämpfen überrascht.

Das Team um Savino di Lernia, dem die Flucht mit Hilfe eines zweimotorigen Flugzeugs von einem Ölbohrfeld aus gelang, widmete sich der Erforschung von prähistorischen Felsmalereien in der UNESCO-Weltkulturerbestätte der Acacus-Berge.
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Römische Provinzen zur Zeit Trajans | Beim Tod Kaiser Trajans im Jahr 117 n. Chr. war das römisch beherrschte Nordafrika in fünf Provinzen aufgeteilt. Grün unterlegte Flächen stellen kaiserliche Provinzen dar, bräunlich dargestellte Provinzen sind so genannte senatorische, d.h. sie unterstanden der Kontrolle des Senats.
Doch das nordafrikanische Land wartet darüber hinaus mit einem Reichtum an bedeutenden archäologischen Kulturgütern auf, von denen die meisten aus phönizischer und griechisch-römischer Zeit stammen.

Zentren antiker Kultur

Einige der eindrucksvollsten Überreste aus römischer Zeit haben sich im Stadtgebiet Kyrenes erhalten, das seit 1910 planmäßig archäologisch erforscht wird und seit Anfang der 1980er Jahre zu den fünf libyschen UNESCO-Weltkulturerbestätten zählt. Die ursprünglich griechische Kolonie bildete einst den Hauptort der Kyrenaika, die mit Kreta zusammen die römische Provinz Creta et Cyrene bildete.

Ins Auge fallen die großen Tempel für beinahe alle wichtigen Götter des römischen Pantheons. Doch das Hauptheiligtum bildete der Apollontempel, an dem mit Unterbrechungen vom 6. Jahrhundert v. Chr. bis zum 3. Jahrhundert n. Chr. gebaut wurde. Im Nordosten der Stadt erschufen hingegen bereits die griechischen Bewohner Kyrenes ein Heiligtum für ihren Gott Zeus – mit beachtlichen Ausmaßen: Der schon im 6. oder 5. Jahrhundert v. Chr. errichtete Komplex übertraf in seiner Größe den Zeustempel in Olympia und das Parthenon in Athen. Kyrene war auch der Geburtsort des griechischen Philosophen Eratosthenes, der Berühmtheit unter anderem durch die erstmalige Bestimmung des Erdumfangs erlangte.

20 000 Kilometer Straßennetz

Bei ihrer Eroberung Nordafrikas war es den Römern vor allem anderen auf die Produktion und den Export landwirtschaftlicher Erzeugnisse angekommen. Der Mangel an schiffbaren Flüssen stellte sie dabei vor Herausforderungen, die sie nur mit Hilfe eines großangelegten Straßennetzes überwinden konnten. Es durchzog mit einer Gesamtlänge von über 20 000 Kilometern ganz Nordafrika. Eine Hauptverkehrsader verlief entlang der Küste; eine zweite parallel dazu im Süden an der Grenze der von den Römern besetzten Gebiete.

So konnten die für den Export bestimmten Güter bis an die Mittelmeerküste transportiert werden. Von dort aus gelangten sie auf dem Seeweg an ihren Bestimmungsort. Mit der Anlage von Hafenmolen, Leuchttürmen und Signalmasten entlang der Küste erhöhte Rom zusätzlich die Sicherheit dieses Überseehandels.

Weil sich in Libyen Wüste und Steppe vielerorts fast bis zum Mittelmeer erstrecken, reihen sich antike Städte und Siedlungen wie Perlen auf einer Schnur aneinander an. Wer auf der römischen Küstenstraße die Kyrenaika, das östliche Zentrum auf dem Gebiet des heutigen Libyens, Richtung Westen verließ, erreichte etwa auf halbem Wege zwischen den beiden Flüssen Große Syrte und Kleine Syrte die Stadt Lepcis Magna. Sie war Teil jener drei Städte, die der Region Tripolitanien ("Dreistädteland") ihren Namen gaben.

Den bedeutendsten Sohn der Stadt und gleichzeitig einen ihrer wichtigsten Förderer feiert ein – heute rekonstruierter – Triumphbogen, der am Anfang des 3. Jahrhunderts zu Ehren des 146 in Lepcis Magna geborenen Kaisers Septimius Severus errichtet wurde. Der Vater von Caracalla begründete die severische Kaiserdynastie, die bis ins Jahr 235 Rom beherrschen sollte. Ein ausgedehntes Forum mit dreischiffiger Markt- und Gerichtshalle gehören zu den aufwändigen Neubauten, mit denen Septimius Severus und seine Nachfolger die Geburtsstadt ihres Stammvaters schmückten.

Dicht gedrängt am Küstensaum

Von Lepcis Magna führte die Küstenstraße über Oea, das heutige Tripolis, nach Sabratha, der am weitesten westlich gelegenen Stadt Tripolitaniens. Hier stand einst das größte römische Theater auf afrikanischem Boden. Italienische Archäologen haben das vermutlich gegen Ende des 2. Jahrhunderts n. Chr. errichtete Gebäude in den Jahren zwischen den beiden Weltkriegen unter Verwendung antiker Bauteile teilweise rekonstruiert. Die Stadt selbst geht auf eine punische Gründung aus dem späten 5. Jahrhundert v. Chr. zurück. Seine größte Blüte erlebte Sabratha aber unter Kaiser Antoninus Pius (138-161 n. Chr.), der es prachtvoll ausbaute.

Milderes Klima als im heutigen Libyen begünstigte das Leben in den noch weiter westlich gelegenen Provinzen. Die Ruinenstädte Tunesiens, Marokkos und Algeriens finden sich daher auch in größerer Entfernung von der Küste.

Dort wo heute die Grenze zwischen Tunesien und Algerien verläuft, lag auch einst die Grenze zwischen den römischen Provinzen Africa vetus und Africa nova ("Alt-" und "Neu-Afrika"). Das "alte" Afrika wurde schließlich mit weiteren Landstrichen zur Provinz Africa proconsularis zusammengefasst.

Planstädte in der Wüste

Im angenehmeren Klima von Africa proconsularis entstanden Verwaltungszentren wie das Legionshauptquartier von Lambaesis oder die öffentliche Bibliothek von Thamugadi (Timgad), der am besten erhaltenen römischen Stadt Algeriens. Hier lag aber beispielsweise auch in der ursprünglich phönizischen Stadt Hippo Regius (heute Annaba) die Wirkungsstätte des Kirchenvaters Augustinus. Mitten in der zentraltunesischen Steppe finden sich hingegen die Ruinen der Stadt Sufetula (heute Sbeitla).

In der zweiten Hälfte des 1. Jahrhunderts an einem wichtigen Verkehrsknotenpunkt gegründet, offenbart Sufetulas regelmäßiger Grundriss, dass die Stadt keineswegs organisch gewachsen war, sondern einheitlich geplant und angelegt wurde. Jede der drei Gottheiten der "kapitolinischen Trias" (Jupiter, Juno und Minerva) bekam ihr eigenes Heiligtum auf dem Forum.

In Thugga (heute Dougga), dem Mittelpunkt der landwirtschaftlich bedeutenden Medjerda-Region, fanden sich neben Triumphbögen und Tempeln mehrere Thermen auch ein gut erhaltenes Theater mit Sitzplätzen für 3000-4000 Zuschauer, das noch heute die Bedeutung dieses städtischen Zentrums im 2. und 3. Jahrhundert n. Chr. untermauert.

Noch weiter westlich lagen die beiden Provinzen Mauretania Caesariensis, benannt nach ihrer Hauptstadt Caesarea (heute Cherchell), und Mauretania Tingitana mit der Hauptstadt Tingis (heute Tanger).

Die wohl eindrucksvollsten Zeugen städtischer Kultur in diesem westlichsten Teil des römischen Nordafrika sind die Überreste der Stadt Volubilis auf einer Hochebene unmittelbar westlich des heutigen Ortes Moulay Idriss. Zur Zeit ihrer größten Ausdehnung bedeckte die Stadt eine Fläche von 40 Hektar, die durch eine über zwei Kilometer lange Mauer mit acht Toren geschützt wurde.

Bis ins 8. Jahrhundert bewohnt und in späterer Zeit nie überbaut, lassen ihre Ruinen – darunter ein Tempel der kapitolinischen Trias, eine Markt- und Gerichtshalle, Thermen und zahlreiche mosaikgeschmückte Wohnhäuser – noch heute etwas von dem Wohlstand ahnen, der weite Bereiche der städtischen Kultur Nordafrikas in der Spätantike prägte.

Reichtum durch Landwirtschaft

Wie aber muss man sich die Gesellschaft vorstellen, deren Mittelpunkt diese Städte bildeten? Ihre wirtschaftliche Grundlage bildete allenthalben die Landwirtschaft, wobei umfängliche Ländereien im Besitz vergleichsweise weniger Großgrundbesitzer oder auch des Kaisers waren. Ursprünglich auf Regionen mit ausreichender Niederschlagsmenge beschränkt, dehnten sich die bewirtschafteten Felder im Laufe der römischen Herrschaft immer weiter auf jene Gegenden aus, die nur infolge künstlicher Bewässerung ausreichende Erträge erbringen konnten.

Als eine unmittelbare Folge davon wurden die nomadischen und halbnomadischen Stämme des Landesinneren in zunehmendem Maße aus ihren ursprünglichen Weidegründen in wirtschaftlich weniger attraktive Gebiete abgedrängt.

Wichtig war den Römern vor allem ein funktionierender, ertragreicher Getreideanbau – Nordafrika deckte einen Großteil des Bedarfs der fernen Hauptstadt. Daneben legten sie insbesondere in den niederschlagsärmeren Regionen ausgedehnte Olivenhaine an, die der Ölgewinnung dienten. Da Olivenöl als Nahrungsmittel, Lichtquelle und Mittel zur Körperpflege sehr gefragt war, wurde Nordafrika im Laufe der Zeit zu einem der wichtigsten Öllieferanten all jener Regionen des Römischen Reichs, die sich auf Grund ihrer kalten Witterung nicht selbst damit versorgen konnten.

Das Handwerk spielte in dieser vorwiegend auf den Export ausgelegten Wirtschaft eine eher untergeordnete Rolle, auch wenn Inschriften, archäologische Überreste und literarische Quellen die Existenz einer Vielzahl spezialisierter Arbeiter bezeugen: Neben Baumeistern, Zimmerleuten und Schmieden begegnen uns Textilarbeiter, Walker, Gerber, Färber und immer wieder Töpfer, deren Keramik auch außerhalb Nordafrikas Abnehmer fand.

Weithin berühmt war auch der gelbe numidische Marmor, der in den kaiserlichen Steinbrüchen von Simitthus am heutigen Djebel Chemtou in Südtunesien gebrochen wurde und in der Spätantike fast die Wertschätzung und den Preis des kostbaren kaiserlichen Porphyrs aus Ägypten erreichte.

Ungewisse Zukunft

Wem es gelang, das römische Reich aus den fruchtbaren Ländereien seiner Heimat zu beliefern, dem winkten beträchtliche Gewinne. Nicht von ungefähr konzentrierte sich daher der Wohlstand der Bevölkerung auf die verkehrstechnisch gut erschlossenen küstennahen Städte. Ihre Überreste bezeugen vielerorts noch heute die eindrucksvolle Höhe ihrer römisch geprägten Kultur.

Rund 20 Archäologenteams sollen laut Informationen des Onlinemagazins "Nature News" bis zum Ausbruch der Kämpfe im Land gearbeitet haben. Sie plagt nun die Ungewissheit, wann sie ihre Arbeit wieder aufnehmen können – oder ob deren Fortsetzung sogar grundsätzlich in Gefahr ist. Die Lage ist jedoch alles andere als hoffnungslos für die Archäologen: Mit dem wachsenden Selbstbewusstsein der nordafrikanischen Bevölkerung, wie es in den Aufständen und Revolutionen zum Ausdruck kommt, ist auch das Interesse an ihrem reichhaltigen kulturellen Erbe gewachsen.
10. KW 2011

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 10. KW 2011

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