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Neid: Die Kirschen in Nachbars Garten

Geld, Erfolg, Glück in der Liebe – wenn jemand besser dran ist als wir, werden wir schnell gelb vor Neid. Doch warum müssen wir unsere eigenen Leistungen immer an denen anderer messen?
Neid und Eifersucht

Reden wir übers Geld. Bitte nehmen Sie sich einen kurzen Moment Zeit, um über die folgende Frage nachzudenken: Wie viel Lohn würden Sie Ihrem Boss zugestehen – im Vergleich zu Ihrem eigenen Gehalt? Viele Menschen sind bereit, einen gewissen Lohnunterschied zu akzeptieren. Genauer: Der CEO eines Unternehmens solle das 4,6-Fache eines ungelernten Arbeiters erhalten. Auf diesen Wert kamen zumindest Michael Norton von der Harvard Business School und sein thailändischer Forscherkollege Sorapop Kiatpongsan, die die Antworten von mehr als 50 000 Befragten aus 40 verschiedenen Ländern sammelten.

Doch wie groß müsste das Gefälle sein, bevor Sie wütend werden und anfangen, dagegen zu protestieren? Das 10-Fache? Das 20-Fache? Das 100-Fache? Deutsche Geschäftsführer beziehen im Mittel etwa 150-mal mehr Gehalt als ein einfacher Arbeiter. In anderen Ländern ist dieses Verhältnis zum Teil sogar noch extremer. Im November 2017 brachten die so genannten »Paradise Papers« zwielichtige Steuertricks von zahlreichen Topverdienern ans Licht. Aber die öffentlichen Reaktionen blieben eher verhalten, von einem echten Aufschrei kann keine Rede sein.

Neid schlägt hingegen oft denen entgegen, die selbst nicht so viel haben. Wütende Kommentare und Hetzseiten in den sozialen Netzwerken zeugen davon, dass einige den Bedürftigen selbst die kleinsten Zuwendungen missgönnen. So würden Asylbewerber oder Hartz-IV-Empfänger angeblich auf Kosten der Allgemeinheit ein schönes Leben führen. Dass die entsprechenden Sozialleistungen nur ein Existenzminimum abdecken, scheint dabei unerheblich zu sein.

»Neidisch werden wir, wenn wir uns mit einer anderen Person vergleichen und dabei feststellen: Sie ist uns überlegen in dem, wie sie ist, was sie besitzt oder erreicht hat«(Jan Crusius, Sozialpsychologe an der Universität zu Köln)

Als menschliche Gefühlsregung ist Neid so verpönt wie verbreitet. Als »Schamteile der menschlichen Seele« betrachtete Friedrich Nietzsche (1844–1900) Neid und Eifersucht. Auch die Bibel verurteilt den Neid an mehreren Stellen. Das Buch Mose erzählt beispielsweise von Kain, der im Zorn seinen Bruder Abel erschlug, nachdem Gott dessen Opfergaben vorgezogen hatte. Und der römische Philosoph Seneca warnte vor knapp 2000 Jahren: »Nie wird einer glücklich sein, den das größere Glück eines anderen wurmt.«

Trotz seines schlechten Rufs ist der Neid offenbar eine ziemlich vertraute Gefühlsregung. Doch warum schlagen unsere Neiddetektoren in einigen Situationen sofort Alarm, während uns andere Ungleichheiten völlig kaltlassen? »Neidisch werden wir, wenn wir uns mit einer anderen Person vergleichen und dabei feststellen: Sie ist uns überlegen in dem, wie sie ist, was sie besitzt oder erreicht hat«, erklärt der Sozialpsychologe Jan Crusius von der Universität zu Köln. »Besonders schmerzhaft wird es dann, wenn wir unser Gegenüber als besonders ähnlich wahrnehmen und die entsprechenden Ziele eine hohe persönliche Relevanz für uns besitzen.« Entscheidend ist offenbar der Impuls: »Das könnte auch ich sein!«

So würde eine Amateursportlerin zum Beispiel eine Kollegin aus dem gleichen Verein viel eher beneiden als beispielsweise eine Olympiasiegerin, deren Leistungen in unerreichbarer Ferne liegen. Denkbar auch, dass die meisten Menschen zu einem Topmanager eine größere Distanz wahrnehmen als zu Personen aus ärmeren Gesellschaftsschichten – das zumindest würde das Neidgefälle im eingangs erwähnten Beispiel erklären.

Freude über fremdes Missgeschick

Die psychologische Forschung bekräftigt zunächst das schlechte Image dieser Emotion: Neid geht oft mit missliebigen Charakterzügen einher, beispielsweise Machiavellismus – einer Tendenz zu unethischem Handeln, bei dem Mitmenschen nur als Mittel zum Zweck gesehen und nach Belieben getäuscht und manipuliert werden.

Eng verwandt ist der Neid mit einer ebenfalls geächteten Emotion, der Schadenfreude. Wenn einer beneideten Person ein Missgeschick widerfährt, spüren wir mitunter ein heimliches Entzücken über das Leid des anderen. Eine bildgebende Studie des japanischen Forschers Hidehiko Takahashi und seines Teams konnte diese Verknüpfung auch auf neuronaler Ebene zeigen. Die Arbeit erschien 2009 in der Fachzeitschrift »Science«. Während die (allesamt studentischen) Versuchsteilnehmer im MRT-Scanner lagen, lasen sie einen Text über einen fiktiven Kommilitonen, dessen Werdegang sie vor Neid erblassen lassen sollte: glänzende Noten an der Uni, herausragende sportliche Leistungen und Glück in der Liebe.

Wie von den Forschern vorhergesagt, spürten die Probanden vor allem dann Neid, wenn ihnen die Vergleichsdimension persönlich besonders wichtig war. Das spiegelte sich auch in den neuronalen Prozessen wider: Neid war verknüpft mit einer starken Aktivierung in einem Teilbereich des anterioren zingulären Kortex (ACC). Dabei handelt es sich um eine Region im vorderen Bereich der Hirnrinde, die häufig mit der Verarbeitung negativer Emotionen in Verbindung gebracht wird. Als die Teilnehmer dann erfuhren, dass der imaginäre Musterstudent in Schwierigkeiten steckte, reagierten sie prompt mit Schadenfreude. Diese ging einher mit einem erhöhten Blutfluss im Striatum der Versuchspersonen – einer Hirnregion, die eine wichtige Rolle bei der Verarbeitung von Belohnungsreizen spielt. Diese Aktivierung war umso ausgeprägter, je heftiger die Probanden zuvor auf den erfolgreichen Kommilitonen reagiert hatten: Die größten Neidhammel waren also besonders schadenfroh.

Selbst draufzahlen, damit andere Geld einbüßen

Mitunter kann der Neid auch bizarre Konsequenzen nach sich ziehen. In einem viel zitierten Experiment lud der britische Forscher Daniel Zizzo von der University of Oxford seine Versuchspersonen zu einer Lotterie ein (PDF): Jeweils vier Spieler gleichzeitig konnten verschieden hohe Geldbeträge auf das Ergebnis eines Zufallsgenerators bieten. Doch einige von ihnen wurden künstlich bevorteilt: Sie bekamen mehr Geld zugewiesen als die anderen, was sich dann in höheren Gewinnen niederschlug – offenkundig zum großen Ärger der übrigen Spieler.

Doch konnten diese sich anschließend rächen. Ein Knopfdruck genügte, um den Kontostand ihrer Mitspieler heimlich abzusenken. Dafür mussten sie allerdings eine Provision abtreten. Dennoch nutzten zwei Drittel der Versuchspersonen dieses Angebot – und das, obwohl sie dafür ihr ohnehin schon knapperes Budget schmälern mussten. Die Höhe der Gebühr spielte dabei kaum eine Rolle: Selbst wenn sie dafür 25 Prozent der abgezogenen Summe zahlten, enteigneten immer noch zwei Drittel der Testpersonen ihre privilegierten Mitspieler.

So entstand eine Lose-lose-Situation: Lieber gingen die Teilnehmer mit weniger Geld in der Tasche aus dem Versuchslabor, als den anderen einen höheren Gewinn zu gönnen. Das passt schlecht zu der herkömmlichen Ansicht, dass Menschen stets ihren eigenen Gewinn maximieren. Man könnte das mit einem ausgeprägten Gerechtigkeitssinn der Versuchspersonen erklären. Oder aber mit blankem Neid.

»Neid treibt uns dazu an, die Distanz zum überlegenen Vergleichsstandard abzubauen«(Jan Crusius)

Doch was ist der Daseinszweck eines Gefühls, das uns zu solchen scheinbar irrationalen Entscheidungen drängt? »Man kann es als Alarmsignal verstehen: Da läuft etwas falsch, da muss ich reagieren. Das kann ein starker Motivator sein«, erklärt Jan Crusius. »Neid treibt uns dazu an, die Distanz zum überlegenen Vergleichsstandard abzubauen.« Das kann auf zwei verschiedene Arten geschehen: Entweder man versucht, selbst erfolgreicher zu werden. Eine Hobbysportlerin könnte also den Wunsch verspüren, noch härter zu trainieren, um ihre Rivalen zu übertrumpfen. Das ist, was Crusius und seine Kollegen als »gutartigen Neid« bezeichnen.

Verschmäht ist sein Gegenpart, der »bösartige Neid«. Dieser treibt Menschen dazu, anderen ihren Erfolg zu missgönnen und ihnen den Status streitig zu machen. Die Sportlerin könnte beispielsweise versuchen, die Leistungen ihrer Konkurrenten im Geist herunterzuspielen (»Die hatten doch bloß Glück!«) – oder ihnen gar absichtlich zu schaden, um fortan als Nummer eins auf dem Siegertreppchen zu stehen. Auch die Ergebnisse von Zizzos Lotterie-Experiment liefern ein treffendes Beispiel für bösartigen Neid.

Eine Prise Neid kann anspornen

Allerdings sind nicht alle von Crusius' Forscherkollegen mit dieser Unterscheidung einverstanden. Manche halten gutartigen und bösartigen Neid für zwei Seiten derselben Medaille, die letztlich nur im Grad ihrer sozialen Erwünschtheit variieren. In einigen empirischen Untersuchungen zeigen sich aber durchaus Unterschiede zwischen den beiden Neidarten. »Für eine Studie besuchten wir den Kölner Marathon. Als sich die Läufer gerade ihre Startnummer abholten, ließen wir sie noch schnell einen Fragebogen ausfüllen, der ihre überdauernde Neigung zu den beiden Arten des Neids erfassen sollte«, erzählt Crusius.

Serie »Die sieben Todsünden«

Stolz, Geiz, Wollust, Zorn, Völlerei, Neid, Trägheit – das sind in der christlichen Glaubenslehre die sieben Todsünden. Dabei ist der Begriff »Todsünde« im Grunde irreführend, denn gemeint sind eigentlich sieben Laster, die Menschen erst zu Sündern werden lassen. Auf »Spektrum.de« stellen wir alle sieben Todsünden unter wissenschaftlichen Gesichtspunkten vor.

Teil 1: Dürfen wir stolz sein?
Teil 2: Bloß nicht ausrasten!
Teil 3: Die Kirschen in Nachbars Garten

Fast 500 Probanden konnten sein Kollege Jens Lange und er für ihre Studie gewinnen. Diejenigen Läufer, die zu gutartigem Neid tendierten, setzten sich ambitioniertere Ziele – und liefen auch schneller als die übrigen Läufer, wie die beiden Forscher anhand der Startnummern rekonstruieren konnten. Bösartiger Neid hing hingegen nicht mit der Laufgeschwindigkeit zusammen. Allerdings vermieden es Läufer mit einer Neigung zu diesem häufiger, konkrete Zielvorgaben für den Marathon zu benennen. Bei einer korrelativen Studie wie dieser lassen sich freilich Ursache und Wirkung schlecht trennen: War es wirklich der gutartige Neid, der die Läufer so anspornte? Oder waren letztlich doch andere Faktoren für den Sieg entscheidend?

In besser kontrollierten Laborexperimenten zeigen sich aber durchaus ähnliche Effekte. Der niederländische Sozialpsychologe Niels van de Ven von der Universität Tilburg setzte seinen Versuchspersonen einen komplizierten Kreativitätstest vor, der ihnen einiges an Durchhaltevermögen abverlangte. Zuvor sollten die studentischen Teilnehmer aber noch einen fiktiven Zeitungsartikel über Hans, einen herausragenden Absolventen ihrer Universität, lesen – ganz ähnlich wie bereits in Takahashis fMRT-Studie. Je nach Versuchsgruppe wurden die Teilnehmer so instruiert, dass der Text verschiedene Gefühle in ihnen hervorrufen sollte – zum Teil gutartigen, zum Teil bösartigen Neid, zum Teil Bewunderung. Diejenigen, die auf gutartigen Neid geeicht wurden, schnitten im Test merklich besser ab als die Teilnehmer aus den anderen beiden Gruppen.

Wie wir unseren Neid in Schach halten können

Anscheinend kann schon eine kleine Prise Neid mitunter zu herausragenden Leistungen anspornen – weit mehr, als es beispielsweise Bewunderung vermag. Legendär ist der Sportsgeist des österreichischen Rennfahrers Niki Lauda, der 1976 hartnäckig um den Weltmeistertitel kämpfte. Obwohl er sich bei einem Rennen auf dem Nürburgring bei einem Unfall schwerste Verletzungen zugezogen hatte, fuhr er bereits sechs Wochen später sein nächstes Rennen – sein Erzrivale James Hunt sollte ihm auf keinen Fall den Weltmeistertitel streitig machen. Am Ende der Saison siegte Hunt dennoch, mit einem hauchdünnen Vorsprung vor Lauda. Jahre später würdigte Lauda seinen ehemaligen Konkurrenten in einem Interview: »Er bleibt der einzige Mensch, den ich je beneidet habe.«

Die Betitelung als »gutartiger« Neid sollte nicht darüber hinwegtäuschen, dass auch diese Emotion unschöne Folgen haben kann. Es gibt Wichtigeres im Leben, als verbissen den Leistungen anderer nachzueifern. Anstatt sich ständig mit seinen Mitmenschen zu vergleichen, ist es oftmals hilfreicher, sich ganz eigene Ziele zu setzen. Um ihren Neid in Schach zu halten, ändern viele Menschen die Vergleichsstandards, sprich: Sie backen kleinere Brötchen. Um Freude am Musizieren zu haben, muss man schließlich kein Saxofonist von Weltrang sein.

Andere behelfen sich damit, die Errungenschaften ihrer Konkurrenten herunterzuspielen: »Was wir als bösartigen Neid bezeichnen, kann dazu beitragen, eine Situation kognitiv neu zu bewerten«, so Crusius. »Eine fremde Leistung im Geist madig zu machen – manchmal ist das eine sinnvolle Strategie, um mit den Erfolgen anderer umzugehen.« Zu erleben, wie ein Konkurrent Lorbeeren erntet, während man selbst leer ausgeht: Das kann eine schmerzhafte Erfahrung sein. »Doch auch aus dem Neid können wir Kraft schöpfen. Der Kölner würde sagen: Man muss auch gönnen können.«

3/2018 (August/September)

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum Psychologie, 3/2018 (August/September)

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