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Rewilding: Mehr Natur, weniger Feuer

Im Nordosten Portugals versucht ein so genanntes Rewilding-Projekt, mehr Wild und Raubtiere anzusiedeln. Das soll die Region auch vor verheerenden Feuern schützen.
Zwei Sorraia-Wildpferde auf einer kargen Ebene mit Olivenbäumen.
Die Sorraia-Pferde sind ein wichtiger Teil des Rewilding-Projekts. Die Wildpferde stammen aus dem portugiesischen Sorraia-Flusstal.

Pedro Ribeiro, Mitglied des Einsatzteams von »Rewilding Portugal«, kniet nieder, um auf Augenhöhe mit der Kamerafalle zu gelangen. Das Gerät nimmt Bilder auf, wenn es Bewegung wahrnimmt, und ist um einen Baum im Naturschutzgebiet Paúl de Toirões gebunden, in der Nähe von Vilar Maior im Nordosten Portugals. Er öffnet eine kleine Plastikklappe über dem Bildschirm der Kamera und beginnt durch die Aufnahmen zu scrollen. Erst ziehen sich seine Augenbrauen zusammen, dann hellt sich sein Gesicht freudig auf. »Ein Rothirsch!«, ruft Ribeiro mit einem Lächeln. Rotwild hat es in dieser Region zuletzt nicht mehr gegeben – ein echtes Ereignis und ein Meilenstein für die Rewilding-Gruppe.

Pedro Ribeiro von Rewilding Portugal untersucht die Aufnahmen einer Kamerafalle.

Nur wenige Minuten später hört Pedro Prata, Teamleiter von Rewilding Portugal, die guten Neuigkeiten. »Das ist der allererste Beweis für die Expansion des Rotwildes vom Osten her. Dieses Gebiet hier ist gewissermaßen ein Sprungbrett für Wildbewegung in unserem Korridor zwischen dem Hochplateau an der spanischen Grenze und dem Fluss Côa«, erläutert Prata. Es sind erste Anzeichen, dass die Tiere den Korridor akzeptieren. Über ihn gelangen sie sicher in Regionen, die sie zuvor vermieden haben.

Rewilding ist neu und herausfordernd

Solche Verbindungen zwischen zuvor fragmentierten Wildlebensräumen im Nordosten Portugals zu erschaffen oder zu stärken, ist eine Kernfunktion der Rewilding-Initiative. Der englische Begriff fasst ökologische Ideen wie Renaturierung von Brachland und Wiederansiedlung wilder Tiere zusammen. Die Dachorganisation Rewilding Europe wurde 2011 in den Niederlanden gegründet und betreut inzwischen neun regionale Projekte von Schweden bis Bulgarien unter privater und öffentlicher Förderung, zum Beispiel durch das European Union LIFE Programme für gefährdete Arten oder das Endangered Landscapes Programme (ELP). Die wichtigsten Werkzeuge für die Errichtung solcher Naturkorridore sind nach Einschätzung von Rewilding-Europe-Direktor Frans Schepers »der Kauf von Land, Verwaltungsabkommen mit Landbesitzern, natürliche Beweidung und die Unterstützung der Koexistenz von Mensch und Wild«.

»In Portugal ist Rewilding noch eine neue Erzählweise und ein innovatives Herangehen an den Artenschutz. Dies bietet Möglichkeiten, aber auch Herausforderungen«, so Schepers. Europäische und internationale Konventionen und Regelwerke wie die Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie der EU oder die Biodiversitätskonvention (CBD) schreiben solche Initiativen verbindlich vor. Laut CBD sollen gar 30 Prozent der Erde bis 2030 für Umwelt- und Artenschutz reserviert sein. Kritiker haben dazu Vorbehalte angemeldet, fürchten Ausgrenzung oder Vertreibung von Landbevölkerung oder indigener Gruppen. Doch gerade die Rewilding-Initiativen versuchen in ihren Konzepten, die Menschen vor Ort einzubinden und Landflucht sogar zu verhindern.

Sieben Kerngebiete sollen ökologische Funktionen wiedergewinnen

Das trifft auch auf das Côa-Tal in Portugal zu. Hier möchte Rewilding Portugal einen 120 000-Hektar-Korridor erschaffen, der dem Fluss Côa und dessen Nebenarmen folgt und damit den Fluss Douro im Norden mit dem Naturschutzgebiet Serra da Malcata im Süden verbinden soll. Das Flusstal soll so seine ökologischen Funktionen der Vergangenheit wiedergewinnen, zum Beispiel als Streifgebiet für Rothirsch, Europäisches Reh und später auch Steinbock, Luchs und den Iberischen Wolf. »Der Korridor verbindet mehrere Naturschutzgebiete. Nun wollen wir die Renaturierung darin verstärken und mehr Wildbewegung erzeugen. Dafür haben wir sieben so genannte Kerngebiete identifiziert«, sagt Pedro Prata.

Ein Kerngebiet des Côa-Tals | Rewilding Portugal erwirbt Flächen aus sieben Kerngebieten, in denen Natur und Wildtiere im Vordergrund stehen sollen.

Vier dieser Kerngebiete, wie Paúl de Toirões, haben die Umweltschützer bereits erworben oder besitzen an ihnen Nutzungsrechte. In solchen Kerngebieten stehen Natur und Wild im Vordergrund – in den anderen Gebieten des Korridors soll hingegen eine naturbasierte Wirtschaft angeschoben werden. »Die Kerngebiete sind Grenzertragsflächen, die für Landwirtschaft keinen Wert haben. Wenn Land hingegen bearbeitet wird, versuchen wir nicht, es zu erwerben. Stattdessen unterstützen wir die Land- und Viehwirtschaft dort und bieten Hilfe und Rat zu umweltfreundlichen Bearbeitungsmethoden«, sagt der Teamleiter.

Arten wie der Rothirsch werden voraussichtlich von selbst in die Kerngebiete zurückfinden. Doch für andere Weidetiere ist eine aktive Wiederansiedlung im Gang.

Pferde zurück im Côa-Tal

Das Geräusch von weichem Galopp schallt von der überwucherten Erde im Vale Carapito, einem weiteren der vier bereits existierenden Kerngebiete. Etwas muss die braun-weißen Wildpferde aufgeschreckt haben. Am Ende der Herde wacht eine aufmerksame Stute argwöhnisch über ihr Fohlen. Der erst einen Monat alte Seixo, wie Prata und seine Kollegen den Hengst getauft haben, ist das erste Sorraia-Pferd, das im Côa-Tal zur Welt kam. Er stellt einen weiteren wichtigen Meilenstein für das Rewilding-Konzept dar, denn auch diese Pferde sollen den Korridor wieder besiedeln.

Ein Sorraia-Pferd schnuppert an der Kamera.

»Es gibt nur noch rund 200 gebärfähige Sorraia-Stuten auf der Welt. Wir beteiligen uns nun auch an dem Zuchtprogramm, um das Überleben diese Rasse zu sichern«, sagt Prata. Die Wildpferde stammen aus dem Sorraia-Flusstal und haben noch die recht seltenen Merkmale uralter zebraartiger Pferderassen, die oft in der Felskunst aus der Altsteinzeit auf der Iberischen Halbinsel zu sehen sind. Wissenschaftler und Enthusiasten versuchen auch deswegen, diese Rasse zu erhalten, weil die Pferde hervorragend geeignet wären, ihre alte ökologische Funktion in Nordportugal oder auch anderen Regionen wieder aufzunehmen.

Deswegen siedelten die Fachleute im Mai 2021 zehn Sorraia-Pferde ins Vale Carapito um. Im 60 Hektar großen Schutzgebiet sollen mehr Weidetiere leben. Europäische Rehe sollen bald folgen, auch in den anderen Kerngebieten des Flusstals. »Dies ist unser Pilotprojekt, um mehr große Weidetiere zurückzubringen«, erläutert Prata. Diese sollen vor allem eine ökologische Rolle einnehmen, die zuvor im Tal schmerzlich vermisst wurde: »Pflanzenfresser wie die Sorraia können zu einer biologischen Feuerwehr werden – die wichtigste naturbasierte Lösung (Nature-based Solutions NbS) für unsere Region«, so Prata.

»Pflanzenfresser wie die Sorraia können zu einer biologischen Feuerwehr werden«(Pedro Prata, Teamleiter Rewilding Portugal)

Immer häufiger wird auch das Côa-Tal von verheerenden Waldbränden heimgesucht. Jeder hier hat eine düstere Geschichte im Zusammenhang mit diesen Feuern zu erzählen. Für Pedro Prata ist eine seiner frühesten Kindheitserinnerungen das blutüberströmte Gesicht seines Onkels, nachdem er sich beim Kampf gegen ein solches Feuer verletzte. Während der katastrophalen Brände 2017 in Portugal starben 106 Menschen, und auch das Tal stand in Flammen. Falsche Agrarpolitik und Landflucht hatten eine gefährliche Mischung entstehen lassen.

Monokulturen und trockene Pflanzen erhöhen das Risiko für Brände

Vor mehr als 60 Jahren versuchte Portugal seiner Wirtschaft einen Schub zu verleihen, indem es gewaltige Monokulturen in ländlichen Regionen anpflanzte. Die Plantagen nicht einheimischer Bäume wie Eukalyptus oder Kiefer wuchsen in gewaltigen Ausmaßen – und mit ihnen das Brandrisiko, da diese Arten leicht zu entflammen sind. Mit der Landflucht verschwanden zudem die Herden von Kühen oder Schafen, die mit ihrem Fressverhalten die Vegetation kurz gehalten hatten.

Landschaft ums Côa-Tal | Die Region um das Rewilding-Gebiet ist saisonal warm und trocken, immer wieder brennt die Vegetation. Die Wildtiere sollen auch helfen, die Brandgefahr einzudämmen.

Stattdessen blieben Gras und andere Pflanzen hoch, trockneten aus und erhöhten das Feuerrisiko. Für ein weiteres Gebiet in der Côa-Region namens Vale de Madeira hat das Rewilding-Team errechnet, dass dort im Schnitt alle 2,7 Jahre ein schwerer Waldbrand stattfindet. »Es gibt kein Ökosystem, das eine solch hohe Feuerfrequenz verkraften kann. Drei- bis viermal in einem Jahrhundert wäre normal. Dies ist zehnmal so oft«, erklärt Prata. Wird die brennbare Vegetation zum Feuerschutz mechanisch entfernt, verliert der Boden an Nährstoffen und klimaschädigender Bodenkohlenstoff wird freigesetzt.

Hier kommen die Sorraia-Pferde ins Spiel – und wenn es nach Rewilding Portugal geht, später auch Rehe, Steinböcke und sogar der Tauros, das Resultat eines Rückzüchtungsprojekts, das den ausgestorbenen Auerochsen ökologisch ersetzen soll. »Diese Tiere weiden, verarbeiten so organische Substanz und führen Nährstoffe in den Boden zurück«, so Prata. Zur Illustration des Unterschieds präsentiert der Biologe ein kleines eingezäuntes Areal im Vale Carapito. Auf rund 20 mal 20 Metern haben die Sorraia-Pferde hier keinen Zugang. Der Pflanzenwuchs unterscheidet sich von der anderen Seite des Zauns deutlich. Die Äste der Bäume wachsen in unterschiedliche Richtungen und sind ineinander verwunden. Ein Feuer könnte einfacher von Baum zu Baum springen. Die gesamte Vegetation ist im Durchschnitt höher, viele Pflanzen wachsen hoch bis zu den Knien, während die Pferde außerhalb alles niedriger halten.

Richtlinien der EU wirken hier nicht so, wie sie sollen

An den Seiten der Landstraßen, die vom Vale Carapito gen Norden in Richtung des Douro mit seinen Weingütern führen, beginnt sich die Landschaft zu verändern. Karge Terrassen an steilen Hängen sind für Obstplantagen angelegt worden, auf denen Äpfel, Birnen, Quitten oder Mandeln wachsen sollen. Hier sind die Effekte der Verordnungen der zuletzt 2018 überarbeiteten Gemeinsamen Agrarpolitik der EU (GAP) mit bloßem Auge erkennbar. Nach Einschätzung von Experten und Aktivisten wurden Ziele der GAP massiv verfehlt, nämlich der Landflucht entgegenzuwirken und gleichzeitig einer beschädigten Natur zu helfen. EU-Subventionen standen beispielsweise zur Verfügung, um »Sektoren zu unterstützen, die vor der Aufgabe standen oder die keine Alternativen beim Anbau besaßen«.

Doch schnell entdeckten findige Landwirte, wie solche Subventionen am einfachsten maximiert werden können, ohne dabei dem dahinterstehenden Sinn der Direktiven aus Brüssel zu folgen. »Schau, hier ist eine Obstplantage. Die kann eine Zahlung aus dem Programm für Bestäuber erhalten. Da wächst gerade keine einzige Blüte«, ruft ein aufgebrachter Prata, während er aus dem Autofenster deutet. »Dafür gibt es bis zu 900 Euro pro Hektar und Jahr. Und hier drüben«, fährt Prata fort und wendet sich zur anderen Straßenseite, »Buschland mit vielen Blüten, nicht qualifiziert für Subvention.«

»Obwohl es auch ein Ziel der GAP ist, die Natur und Landschaften Europas zu regenerieren, erfüllt sie ihren Zweck nicht«(Pedro Prata, Teamleiter Rewilding Portugal)

Das portugiesische Programm für ländliche Entwicklung (ProDeR) ist für die nationale Auslegung der GAP-Richtlinien zuständig und zahlt den Landwirten des Landes gegenwärtig Subventionen in Höhe von acht Milliarden Euro. Um an diese Geldtöpfe zu gelangen, brennen sie oft unliebsames Buschland nieder, um es so für Obstplantagen vorzubereiten. Anschließend wird das Land gepflügt, wobei schädliche Kohlendioxidemissionen freigesetzt werden. Dann blühen diese Plantagen einmal im Jahr und bieten Bestäubern wie Bienen daher nur selten Lebensraum oder Nahrung. »Obwohl es auch ein Ziel der GAP ist, die Natur und Landschaften Europas zu regenerieren, erfüllt sie ihren Zweck nicht. Ihre Richtlinien funktionieren hier nicht«, klagt Prata.

Pedro Prata, der Teamleiter von Rewilding Portugal

Agrarexperten der Europäischen Kommission (EC), die für GAP zuständig sind, räumen zwar ein, dass es bei der Auslegung Probleme geben kann, bestreiten jedoch, dass die Richtlinien nicht zweckmäßig seien. »Wir haben in den vergangenen Jahren einen Trend ausgemacht, der eine Simplifizierung landwirtschaftlicher Flächen beinhaltet. Die Flächennutzung hat weniger Komponenten, und auch die Anzahl verschiedener Anbaukulturen geht zurück zu Gunsten der profitablen Nutzpflanzen. Jedoch ist die GAP nicht die einzige Ursache für diesen Trend«, sagt eine Kommissionssprecherin.

Die EC beharrt darauf, die Gewährung von CAP-Subventionen sei durchaus an die Bedingung geknüpft, dass »eine biologische Diversität vorhanden ist, indem eine Minimalzahl verschiedener Kulturen angebaut wird«. Prata verweist allerdings darauf, dass auf »Grenzertragsflächen in der Côa-Region eine starke Zunahme von Rinderwirtschaft für Subventionszahlungen« stattgefunden habe. »Demgegenüber befinden sich fruchtbare Böden wie Gemüsegärten seit Ewigkeiten auf dem Rückzug. GAP erreicht nicht einmal sein Hauptziel, nämlich verlässliche und nahrhafte Lebensmittelproduktion zu niedrigen Preisen zu sichern«, so Prata.

Bringt die Raubtiere zurück

Mariano Recio, ein Experte für Biodiversität und Artenschutz an der Universität König Juan Carlos in Madrid, sieht das ähnlich: »Ein Großteil der Landwirtschaft auf der Iberischen Halbinsel richtet sich danach aus, welches Erntegut oder welche Art der Flächennutzung Subventionen in der jeweiligen GAP-Förderungsperiode erhalten und welche nicht. Die Folgen davon sind dann zum Beispiel, dass manche Feldfrüchte nicht einmal geerntet werden, oder sie werden überpflanzt, um das Maximum aus den Subventionen herauszuholen.«

In einem wissenschaftlichen Paper, das er 2020 gemeinsam mit seinem Kollegen Emilio Virgos publiziert hat, kommen die beiden Autoren zu der Überzeugung, dass die GAP und Rewilding-Initiativen überall in Europa im Gegensatz zueinander stünden, obwohl »diese sich ergänzen könnten und sollten, besonders weil beide von der EU unterstützt werden«. Sie sehen besonders hohes Konfliktpotenzial in dem Fakt, dass die Rewilding-Gruppen nicht nur große Pflanzenfresser in diese europäischen Landschaften zurückbringen möchten, sondern auch die stark schwindenden Zahlen von Raubtieren dort stabilisieren wollen.

»Im Moment subventioniert GAP groß angelegte Viehzucht in vielen Randgebieten in mittleren oder hohen Berglagen. Diese Strategie führt dazu, dass die Herden hier wesentlich größer wurden, als sie das in der Vergangenheit unter traditioneller Viehhaltung waren«, betont Recio. Obgleich solche GAP-Anreize zu höheren Profiten führen und die Landbevölkerung zum Verbleib motivieren, bringen sie auch einen Konflikt mit sich: »Es stößt sich mit der angestrebten Rückkehr großer Raubtiere wie dem Wolf, dem Braunbären oder dem Eurasischen Luchs«, warnt Recio.

Sowohl europäische Gesetze wie auch internationale Abkommen stellen diese bedrohten Arten unter Schutz, und Regierungen arbeiten aktiv an Programmen, um deren Populationen überlebensfähig zu machen. »Wir sind überzeugt, dass GAP-Vertreter sich genau überlegen sollten, was sie wo subventionieren, wenn man sich vor Augen führt, dass große Viehzuchtbetriebe in diesen Ökosystemen eine Koexistenz mit Raubtieren entwickeln müssen«, erläutern Virgos und Recio.

Wolfsrudel in Gefahr

Dieser Balanceakt zwischen Artenschutz und Viehwirtschaft ist eine weitere Herausforderung für Rewilding Portugal. Vor allem bestimmte Populationen des Iberischen Wolfs in Portugal sind dermaßen isoliert, dass ihr Überleben in Frage steht. Im nördlichen Portugal ist etwa der Douro ein wichtiger Faktor für jede Erhebung, die sich mit der Zukunft des Iberischen Wolfs befasst. Nördlich des Flusses halten Forscher die Zahlen und Sozialstrukturen der Rudel für relativ stabil. Die Resultate einer neuen Wolfszählung aus den Jahren 2020 und 2021 sind bisher noch nicht publiziert. 2016 kam jedoch eine Studie zu dem Ergebnis, dass mehr als 50 Wolfsrudel in einem Gebiet leben, das nördlich vom Douro, südlich und westlich von Spanien und östlich vom Atlantik liegt.

Südlich des Douro sieht es aber nicht so gut aus, und das gilt damit auch für den Rewilding-Korridor im Côa-Tal. »Hier existieren vermutlich nur rund sechs Rudel. Der Douro stellt eine massive Barriere dar. Speziell seine Weingüter sind ein Teil einer sehr modifizierten und stark vom Menschen geprägten Landschaft, der sich ein Wolf nur selten nähern will«, erläutert Sara Aliácar, Artenschutz-Direktorin bei Rewilding Portugal. Eine DNA-Studie, die 2018 in »Nature« veröffentlicht wurde, warnt vor einer hohen Inzuchtgefahr für die Wölfe südlich des Douro.

Der Artikel beweist die hohe genetische Isolation dieser Tiere von den übrigen Rudeln in Portugal. »Demnach liegt die Gefahr der Ausrottung hier viel höher. Diese Rudel müssen expandieren und sich mit anderen Rudeln vermischen, um zu überleben«, betont Aliácar. Die Rudel südlich des Flusses seien sehr klein, im Durchschnitt haben sie nur 4,2 erwachsene Tiere und 2,3 Welpen. »Denn Fortpflanzung ist hier sehr instabil, die Raten liegen bei unter 50 Prozent in mehr als der Hälfte der Rudel«, ergänzt die Biologin. Einen dokumentierten Beweis für Fortpflanzung habe es im Côa-Tal seit 1995 nicht mehr gegeben.

Während Weingüter und Obstplantagen die Landwirtschaft um den Douro dominieren, hat GAP südlich des Flusses genau zu jener Vergrößerung der Rinderherden geführt, wie es von Mariano Recio beschrieben wird. Zu Beginn wurden diese Tiere nicht einmal hinter Zäunen gehalten – für opportunistische Wölfe ein geradezu gedeckter Tisch. Dies führte zwischen 2012 und 2016 zu einem massiven Anstieg von Wolfsangriffen auf Vieh in der Gegend.

»Die Menschen haben schlicht vergessen, wie sie mit Wölfen zusammenleben können«(Sara Aliácar, Artenschutzdirektorin bei Rewilding Portugal)

Die Viehhalter klagten, die gesetzlich vorgesehene Kompensationen für ihre Verluste seien nicht adäquat und die Regierung böte auch sonst keinerlei Lösungen an, wie eine Koexistenz mit dem Raubtier aussehen könnte. Sie nahmen das Recht in die eigene Hand, und die Rudel im Côa-Tal wurden immer seltener gesehen. »Wir haben das letzte stabile Rudel hier im Tal 2016 aus den Augen verloren. Es wurde vermutlich getötet«, sagt Aliácar. Gemeinsam mit Kollegen hat sie Einstellung und Akzeptanz der Menschen hier gegenüber Wölfen genau erfasst. »Die Akzeptanz für Wölfe hier gehört zu den niedrigsten von allen Wolfsgebieten, die wir untersucht haben. Die Menschen haben schlicht vergessen, wie sie mit Wölfen zusammenleben können«, berichtet die Forscherin. Aus diesem Grund arbeite Rewilding Portugal an Strategien, wie dieser »Kreislauf aus Schaden und Verfolgung als Reaktion« zu durchbrechen ist.

Rinderzüchter Rui Matos erlebte die erste Wolfsattacke auf seiner Farm Quinta do Tabalião in der Nähe von Guarda 2014 zur Hochzeit der Angriffe. »Ein kleines Kalb kam ums Leben. Es war rund 500 Euro wert, aber ich musste über ein Jahr auf die Entschädigung warten, die dann etwa die Hälfte des Werts ausmachte«, erzählt Matos und schüttelt den Kopf. Der Präsident der örtlichen Rinderzüchtervereinigung sagt, ihm sei zu diesem Zeitpunkt klar geworden, dass er in besseren Schutz investieren musste. »Nachdem Rewilding Portugal 2019 gegründet wurde, war ich einer der Ersten, den sie kontaktierten, um eine Zusammenarbeit zu gründen«, sagt Matos. Nach seiner Einschätzung haben die Vorschläge und Konzepte der Gruppe die Lage verbessert.

Hirtenhund Hati beschützt die Rinder

Nach einem heißen Maitag von fast 30 Grad verschwindet die Sonne am Horizont hinter Quinta do Tabalião. Einige der Angus-Kälber verharren noch im Schatten der großen Felsblöcke, die über den grünen Rasen verteilt sind. Als Matos aus seinen Wagen steigt, löst sich eine Figur aus der Rinderherde, die fast größer als einige der Kälber ist – Hati, ein 19 Monate alter Cão da Serra da Estrela. Diese Hirtenhundrasse wurde speziell zum Schutz vor Raubtieren gezüchtet.

Hirtenhunde wie Hati beschützen die Rinderherden

Obwohl sich Hati und Rui Matos wie alte Freunde begrüßen und der riesige Hund seine Pfoten auf die Schultern des Landwirts legt, erläutert dieser, dass die allererste Loyalität des Hundes den Rindern und nicht den Menschen gelte. »Daran haben wir mit einer Trainerin von Rewilding Portugal gearbeitet. Für einen Hundeliebhaber wie mich war es schwer, Hati immer draußen bei der Herde zu lassen. Aber nur so konnte die Verbindung zwischen Hund und Rindern entstehen, und das ist sehr wichtig, wenn diese effektiv geschützt werden sollen«, erklärt Matos.

Hati ist einer von inzwischen 52 Hirtenhunden, die von Rewilding Portugal mit Unterstützung durch das LIFE-WolFlux-Programm auf den Farmen des Côa-Tals integriert wurden. »Die Farmer erhalten die Hunde umsonst, außerdem bezahlen wir für zwei Jahre den Tierarzt, Versicherung und Futter. Vor allem aber leisten wir Hilfe mit der Integration und Training für den Umgang mit der Herde«, erklärt Sara Aliácar.

Neben diesem Hundeprojekt bietet Rewilding weitere Hilfen zur Reduzierung des Mensch-Wolf-Konflikts – zum Beispiel auch Unterstützung und Finanzierung bei der Errichtung von mechanischen und elektrischen Zäunen. Außerdem wollen die Artenschützer die bevorzugte Nahrung des Wolfs ändern.

Mit dem Wolf leben

Rita Torres, eine Biologin von der Universität von Aveiro, hat den Iberischen Wolf intensiv erforscht, vor allem die Rudel im nördlichen Portugal. Eine Studie von ihr aus dem Jahr 2020 zeigt, wie der Konflikt zwischen Farmern und Wölfen auch im Côa-Tal reduziert werden könnte – nämlich einfach dadurch, dass dem Wolf mehr wilde Beute geboten wird. Torres hatte mit ihren Kollegen Wolfskot aus dem Montesinho-Naturpark nördlich des Douro analysiert.

Dort hat das Vorkommen wilder Pflanzenfresser, vor allem von Rehen, in den vergangenen Jahren stark zugenommen. »Wilde Huftiere sind die natürliche Beute des Wolfs. Für Montesinho haben wir bewiesen, dass mit deren Zunahme sich auch die Diät des Wolfs änderte – weg vom Vieh und hin zu mehr Wild«, erklärt Torres. Die Biologin ist zuversichtlich, dass eine Verstärkung der wilden Pflanzenfresser in der Côa-Region einen ähnlichen Effekt hätte: »Vor allem die Wiederansiedlung des Europäischen Rehs kann Attacken auf Zuchtvieh deutlich reduzieren.«

Die Forscherin betont, dass eine solche Wiedereinführung von Beutearten genau mit anderen Präventionsstrategien koordiniert werden muss. »Aber die Rewilding-Mitglieder sind da auf einem sehr guten Weg, vor allem erreichen sie die Menschen dort wieder, wenn es um Artenschutz für den Wolf geht«, sagt die Expertin. Züchter Rui Matos stimmt zu. »Es ist gut, dass sie das Vorkommen von Wild hier verstärken. Das wird manche der Schäden verringern, die schlechte Landwirtschaft hier in der Vergangenheit verursacht hat. Mehr Wild bedeutet mehr Vielfalt – und das ist gut.«

Dennoch betonen das Rewilding-Team, Matos und auch andere Landwirte, dass die Politik die Menschen in der Region mit solchen Bemühungen nicht alleinlassen darf. Auf die Frage, ob er sich noch wohlfühlen würde, wenn sich ein Wolfsrudel in der Nähe seiner Farm etablieren würde, presst Matos seine Lippen zusammen, zögert und sagt dann: »Wenn es faire und schnelle Entschädigung für Angriffe gäbe, dann ja. Doch so, wie die Dinge stehen, hätten die Züchter hier Probleme damit, weil sie wohl auf Schäden und Kosten sitzen bleiben.« Trotzdem gibt sich Matos zuversichtlich. »Wenn wir eine Balance zwischen wilden Beutetieren und Raubtieren finden können«, werde es keine Probleme mit der Koexistenz geben.

Lernen von der Vergangenheit

Die Sonne ist inzwischen im Tal untergegangen. Ein wenig weiter im Norden hält Marco Ferraz seine Lampe über die Felsgravuren im archäologischen Park von Côa. Der Reiseführer bringt seine Gäste lieber im Dunkeln hierher, weil das künstliche Licht bessere Kontraste bietet, um die feinen Linien zu erkennen, welche Jäger und Sammler vor Tausenden von Jahren in den Fels gemeißelt hatten. »Seht ihr die Hörner des Steinbocks? Und schaut euch den großen Bauch an – diese Wildpferdstute muss trächtig gewesen sein«, sagt Ferraz, während er sein Licht über die Abbildungen wandern lässt.

Felsgravuren im archäologischen Park | Die Felsbildnisse sind zwischen 12 000 und 24 000 Jahre alt und zeigen eine Reihe verschiedener Tierarten. Womöglich leben bald viele von ihnen wieder in der Gegend.

Diese Bildnisse von Auerochsen, Wildpferden oder Steinböcken sind zwischen 12 000 und 24 000 Jahre alt. Ohne ihre Entdeckung im Jahr 1994 wäre ein Staudammprojekt verwirklicht worden, welches das gesamte Côa-Tal unter Wasser gesetzt hätte. Der heutige Korridor wäre unmöglich gewesen. Und fast so genau wie die hochmodernen Kamerafallen, die Rewilding im Tal installiert hat, vermitteln auch die paläolithischen Kunstwerke den Forschern eine Idee davon, welche Tierarten hier zu Hause sind oder es wieder sein können. Wenn der Plan aufgeht, könnten die Felsgravuren wie auch digitale Bilder vielleicht bald die gleichen Arten zeigen.

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