Direkt zum Inhalt

Astrophysik: Schwarzes Loch könnte Rekordexplosion ausgelöst haben

Bilder eines 390 Millionen Lichtjahre entfernten Galaxienhaufens elektrisieren Forscher: Hat dort einst ein Schwarzes Loch eine gewaltige Blase geschaffen?
Simulation eines supermassereichen schwarzen LochsLaden...

Schwarze Löcher im Zentrum von Galaxien sind berühmt für ihren unersättlichen Hunger. Alles, was ihnen zu nahe kommt, verschwindet auf kurz über lang in ihrem Inneren. Weniger bekannt ist eine andere Eigenart der dunklen Giganten: Während üppiger Mahlzeiten schleudern sie polwärts extrem energiereiche Bündel aus Strahlung und Materie ins All. Diese Jets können sich viele Lichtjahre weit ausbreiten – und ober- und unterhalb einer Galaxie riesige Blasen leuchtender Materie hinterlassen.

Nun wollen Astronomen Indizien für ein besonders mächtiges Ereignis dieser Art aufgespürt haben. Die Europäische Weltraumagentur ESA spricht gar von »der mächtigsten Explosion im bekannten Universum«. Sie soll etwa 390 Millionen Lichtjahre von der Erde entfernt stattgefunden haben, in einem Supercluster namens Ophiuchus. Er besteht aus tausenden Galaxien, zwischen denen sich dünn verteiltes Gas befindet.

Bereits 2016 hatten Astronomen dort mit dem Röntgenteleskop Chandra eine sonderbare Struktur entdeckt: Am Rand einer ausgedehnten Wolke warmen Gases gibt es eine ungewöhnlich scharfe Grenze, die eine Delle in die Wolke zu schneiden scheint. Jetzt ist klar, was sich auf der anderen Seite der Grenze befindet. Offenbar handelt es sich um eine riesige Blase kälteren Gases, wie Beobachtungen mit Radioteleskopen zeigen.

Sie erinnert die Forscher stark an jene »Radioblasen«, die sich oberhalb und unterhalb von manchen Galaxienkernen bilden, wenn darin ein Schwarzes Loch immer wieder Materie ins All schleudert. Etwas Vergleichbares könnte vor langer Zeit auch im Ophiuchus-Galaxienhaufen passiert sein, spekuliert das Team um Simona Giacintucci vom Naval Research Laboratory in Washington, D. C.

Ophiuchus-GalaxienhaufenLaden...
Ophiuchus-Galaxienhaufen | Aus der 390 Millionen Lichtjahre entfernten Region dringen unter anderem Röntgen- (pink) und Radiostrahlung (blau) zur Erde. Erstere geht auf vergleichsweise warmes, letztere auf kälteres Gas zurück. Klar zu sehen ist eine bogenförmige Struktur an der Grenze zwischen kaltem und warmem Gas. Möglicherweise handelt es sich um den Rand einer gigantischen Blase (»cavity«), die einst die Jets eines Schwarzen Lochs ins All gepustet hat.

Um eine so große Blase hervorzubringen, müsste ein Schwarzes Loch jedoch eine unvorstellbar große Menge an Energie freigesetzt haben, nötig wären 5 * 1054 Joule. Das wäre das Fünffache des bisherigen Rekordhalters – und 50 Milliarden Mal so viel Energie, wie die Sonne während ihrer gesamten Lebenszeit erbrütet.

Ob die Interpretation der Forscher wirklich stimmt, ist allerdings noch offen: Sollte es im Ophiuchus-Galaxienhaufen einst tatsächlich eine so große Explosion gegeben haben, sollte es eigentlich noch eine zweite Radioblase geben. Von ihr ist auf Teleskopbildern jedoch nichts zu sehen, wie die Forscher selbst einräumen.

10/2020

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 10/2020

Lesermeinung

Wenn Sie inhaltliche Anmerkungen zu diesem Artikel haben, können Sie die Redaktion per E-Mail informieren. Wir lesen Ihre Zuschrift, bitten jedoch um Verständnis, dass wir nicht jede beantworten können.

Partnervideos