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Tierpsychologie: Ungeduld macht Tauben unvernünftig

Die Wahl kann ja bekanntlich eine Qual sein. Wer impulsiv entscheidet, hat die Qual zwar rasch hinter sich, aber oft nicht das Optimale gewählt. Das geht Menschen so - und auch Vögeln. Bei letzteren scheinen die für die spontane Entscheidung relevanten Argumente, natürlich in Hirnströme übersetzt, in wenigen Nervenzellen zusammenzulaufen.
Taube
"Die Zukunft flüstert, die Gegenwart brüllt", brachte es einmal der ehemalige US-Vizepräsident Al Gore auf den Punkt. Er bezog sich auf aktuelle politische Forderungen, die mit dem Anliegen kollidieren, unseren Heimatplaneten auf lange Sicht schonend zu behandeln. Globale Konsequenzen haben die Entscheidungen, die wir so während unseres alltäglichen Tuns fällen, zwar selten. Nicht so selten aber ist es, dass wir das unmittelbar Angenehme dem langfristig Vernünftigen vorziehen. Ob bei der allerletzten Zigarette, von der es meist etliche gibt, oder bei der Online-Auktion, wo für einen gebrauchten Artikel schon mal über den Ladenpreis hinaus geboten wird.

Nun sollte man meinen, dass Tiere, die auf eine so unökonomische Strategie setzen, von der natürlichen Selektion als strenger Richterin allmählich aussortiert werden. Doch der ungeduldige Mensch ist mit seiner kleinen Schwäche nicht allein. Auch die ziemlich cleveren Tauben stellen, wenn sie etwas sofort haben wollen, eine kritische Kosten-Nutzen-Analyse hintan.

Taube beim Wählen | Durch Picken auf die Scheibe erhält die Taube eine Belohnung.
Bereits seit mehr als vierzig Jahren arbeiten Verhaltensforscher mit Tauben, um die biologischen Grundlagen von Entscheidungsfindungen aufzuklären. Das Federvieh teilt eine getroffene Wahl dabei durch zielgerichtete Pickbewegungen mit. Bieten sich bei den Versuchen Alternativen – etwa die Belohnung durch einen entweder kleinen oder aber großen Happen – verstehen die Versuchstiere sehr schnell, wie sie sich die üppigere Mahlzeit verschaffen können. Wird die Aushändigung der größeren Belohnung aber immer weiter hinaus gezögert, entscheiden sich die Vögel ab einem gewissen Punkt, für die sofortige Essensausgabe – obwohl diese kleiner ausfällt.

Inzwischen wurden ähnliche Experimente auch bei menschlichen Versuchspersonen durchgeführt. Belohnung waren nicht Kalorien, sondern ein paar Dollar – oder eben ein paar Dollar mehr. Die Ergebnisse stimmten im Wesentlichen mit den Beobachtungen an den Tauben überein. Anhand bildgebender Verfahren konnte das Hirnareal, das bei der Entscheidungsfällung eine prominente Rolle spielt, ausfindig gemacht werden. Es liegt im präfrontalen Kortex, einer Region auf der Stirnseite des Gehirns, die für eine Reihe komplexer Aufgaben zuständig ist und dem Menschen etwa hilft, sich Übersicht über die momentane Situation zu verschaffen.

Der Biopsychologe Thomas Kalenscher untersucht mit seinen Kollegen von der Ruhr-Universität Bochum und einer neuseeländischen Arbeitsgruppe das funktionelle Gegenstück des präfrontalen Kortex bei Vögeln, das sogenannte Nidopallium caudolaterale oder NCL. In ihrer Verschaltung mit sensorischen Eingängen, motorischen Ausgängen und der Anbindung an emotionale Zentren entsprächen sich die beiden Regionen, so Kalenscher. Auch die Bochumer Forscher stellten eine Schar von Tauben auf die Geduldsprobe und beobachteten dabei, was im NLC vor sich ging.

Taube im Versuchsapparat | Die Taube hat gelernt, dass eine Scheibe eine große, die andere eine kleine Belohnung bringt.
Die lernfähigen Tiere verstanden wohl, dass es pro Versuchsdurchlauf nur eine Gewinnausschüttung gab, waren aber, wie ihre Laborahnen, schnell des Wartens müde. Die ersten Tauben wechselten beim Picken bereits nach zweieinhalb Sekunden zu der Scheibe, welche die kleinere Belohnung bedeutete. Nach 28 Sekunden hatten dann auch die Beharrlichsten die Warterei satt. Mit neurophysiologischen Ableitungen konnten die Wissenschaftler den Prozess von Abwägen und schließlichem Umentscheiden im NCL lokalisieren.

Aufgrund mehrerer Versuchsdurchläufe wussten die Tiere jeweils, mit welcher Verzögerung sie bei der großen Futterprämie rechnen mussten. Die Forscher registrierten mit ihren Elektroden bei bestimmten Nervenzellen immer dann Aktivität, wenn sich die Vögel durch Picken auf eine Scheibe entschieden. Die Feuerungsrate der Neuronen war dabei zunächst in Erwartung der großen Belohnung höher als bei der kleinen. Je länger aber die Wartezeit auf den dicken Happen wurde, umso mehr nahm die Frequenz der Nervenimpulse ab. "Die Tauben hatten gelernt, wie lange sie warten mussten und nahmen diese Wartezeit beim Picken vorweg", erklärt Tobias Kalenscher.

An dem Punkt, wo das Nervenfeuern für die große Belohnung schwächer wurde als das für die sofortige, kleine Belohnung, entschieden sich die Vögel um und wählten die Miniportion. Die Erregung der beobachteten Neuronen integriert demnach die beiden Aspekte Größe und Wartezeit, und spiegelt damit den Wert wider, den die Tauben der anstehenden Belohnung beimessen. Diese finden sie umso weniger attraktiv, je länger sie darauf warten müssen.

Die neuen Erkenntnisse seien gerade im Hinblick auf Erkrankungen wie Spielsucht, Drogenmissbrauch oder das Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom interessant, so Kalenscher. Diesen Betroffenen ist ein besonders impulsives Verhalten gemein – sie tolerieren weniger lange Wartezeiten als gesunde Menschen.

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