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Primatenevolution: Uraltes Primatenfossil ist weder Lemur noch echter Affe

Urzeit-Primate
Ein in der Ölschiefergrube Messel bei Darmstadt entdecktes Fossil darf sich jetzt als derzeit ältester und bestdokumentierter Ur-Primat bezeichnen lassen. Der von einer Forschergruppe um Jörn Hurum von der Universität Oslo unter gehörigem Presserummel vorgestellte, 47 Millionen Jahre alte Fund gehört zu einer bislang nicht bekannten Art, die den Namen Darwinius masillae erhielt. Die Forscher, zu denen auch Jens Lorenz Franzen vom Forschungsinstitut Senckenberg in Frankfurt am Main und Kollegen gehören, beschreiben das versteinerte Exemplar als bislang unbekannte Übergangs-Ahnform zwischen den heute lebenden Lemurenartigen und den echten Affen, zu denen auch der Mensch zählt.

Urzeit-Primate
Urzeit-Primat | Das schon 1983 in der Ölschiefergrube Messel bei Darmstadt gefundene Fossil ist nun als das derzeit wohl weltweit älteste komplett dokumentierte Fossil eines Primaten anerkannt. Forscher halten es für ein hochinteressantes Bindeglied aus jener Zeit, in der sich Primaten-Entwicklungslinien trennten, die zu Lemuren einerseits und den "echten Affen" – inklusive des Menschen – andererseits führten. Vor einer genauen Einordnung von Darwinius masillae seien aber noch viele weitere Untersuchungen nötig, geben die Wissenschaftler zu bedenken.
Das aus zwei Abdruckhälften bestehende Fossil war bereits 1983 gefunden worden, erst jetzt aber konnten beide Hälften zusammen in Norwegen im Computertomografen detailliert untersucht werden. Der mit Schwanz 58 Zentimeter lange, weibliche Ur-Primat starb in seinem ersten Lebensjahr und wurde durch glückliche Umstände extrem gut konserviert, so dass sogar der Inhalt des Verdauungstraktes und Fellreste fossil erhalten blieben. Darwinius masillae lebte einst wohl als vierbeiniger, vielleicht nachtaktiver Baumbewohner im tropischen Regenwald des Eozäns.

Derzeit ist nicht klar, wie das Tier genau einzuordnen ist: Es vereint verschiedene Merkmale der heute existierenden Großgruppen der Feuchtnasenaffen, zu denen etwa Lemuren zählen, und Trockennasenaffen, zu denen zum Beispiel Menschen, Schimpansen und Gibbons gehören. Anatomische Besonderheiten wie die charakteristischen, zur Fellpflege dienenden Krallen und unteren Schneidezähne der Feuchtnasenaffen fehlen Darwinius masillae. Gleichzeitig aber sind einige Merkmale des Tieres eher typisch für Lemuren als für die Trockennasenaffen. Die Forscher um Hurum sortieren den Affen in die ausgestorbene Untergruppe der Adapidae, zu der viele der ältesten bislang gefundenen Primaten zählen, merken aber an, dass die Adapidaegruppe selbst, anders als bisher, eher den Trockennasenaffen zugeordnet werden sollte.

Damit seien auch einige andere frühe Adapidae-Primaten wohl etwas näher mit den Trockenasenaffen – und damit Menschen – als mit Feuchtnasenaffen – also etwa Lemuren verwandt, schlussfolgern die Forscher. Darwinius masillae selbst allerdings "interpretieren wir nicht als menschenähnlich", schreiben die Wissenschaftler abschließend.

Die Vorstellung des seit gut zwanzig Jahren bekannten Fossils erfolgte parallel zur Fachpublikation der neuen Untersuchungsergebnisse als gezieltes Medienereignis im American Museum of Natural History in New York vor geladenen Gästen. Die Geschichte des Urprimaten – er wurde nach der Tocher des Studienleiters Hurum "Ida" getauft – wird in einer Gemeinschaftsproduktion des ZDF zusammen mit der englischen BBC und dem US-amerikanischen History-Channel präsentiert. (jo)
21. Woche 2009

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 21. Woche 2009

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