Direkt zum Inhalt

Vogelgrippe H5N1: Von Nerz zu Nerz und Mensch zu Mensch?

In Spanien hatte sich die Vogelgrippe kurzzeitig unter Nerzen ausgebreitet. Das ist eine neue Fähigkeit des Erregers, die womöglich noch in freier Wildbahn kursiert.
Nerz in einer Pelztierzucht
In Pelzfarmen leben Nerze dicht beisammen, hier könnte das Vogelgrippevirus H5N1 die Fähigkeit zur Übertragung von Mensch zu Mensch entwickeln.

Dass auf einer Nerzfarm in Spanien die Vogelgrippe ausgebrochen ist, werten Experten als bislang stärksten Beleg dafür, dass der H5N1-Grippestamm von Säugetier zu Säugetier übertragen werden kann.

Laut einem Bericht in »Eurosurveillance« vom 19. Januar ereignete sich der Ausbruch im Oktober 2022 auf einer Farm für amerikanische Nerze (Neovison vison) in Carral. Genanalysen ergaben, dass die Tiere mit einer neuen Variante von H5N1 infiziert waren. Sie enthält zum einen Erbmaterial eines Virenstamms, der häufig bei Möwen auftritt, und zum anderen eine einschlägig bekannte Mutation. Sie erhöht die Fähigkeit einiger Grippeviren, sich in Säugetieren zu vermehren.

Mit der neuen Variante verlasse die Vogelgrippe den Bereich des Bekannten, sagt Wendy Puryear, Virologin an der Tufts University in Medford, Massachusetts. Ohne entsprechende Vorsichtsmaßnahmen könnte die Krankheit eines Tages auch von Mensch zu Mensch übertragen werden, warnen Fachleute.

Sprung über die Artgrenze

Im vergangenen Jahr hat H5N1 wiederholt seine Fähigkeit unter Beweis gestellt, von Vögeln auf Säugetiere überzuspringen. In den Vereinigten Staaten wurden Infektionen bei etwa einem Dutzend Tierarten festgestellt, darunter Waschbären, Füchse, Robben und Grizzlybären.

Der entscheidende Unterschied: Bis zum Ausbruch in der Nerzfarm habe man alle Infektionen bei Säugetieren auf den direkten Kontakt mit virusverseuchtem Material zurückführen können, sagt Hualan Chen, Virologe am Harbin Veterinary Research Institute in China. Beispielsweise über Wildvogelkot oder das Erbeuten infizierter Tiere. Aber die Ausbreitung unter Säugetieren »deutet darauf hin, dass H5N1 ein größeres Risiko für die öffentliche Gesundheit darstellt«, sagt Chen.

Aufgefallen war der Ausbruch in der ersten Oktoberwoche 2022. Arbeiter der Nerzfarm bemerkten eine erhöhte Sterblichkeit ihrer Tiere: Im Mittel starben damals pro Woche 0,77 Prozent der Tiere statt wie zuvor nur 0,25 Prozent. Die Farm testete die betroffenen Tiere auf das H5N1- und das Sars-CoV-2-Virus und erhielt ein positives Ergebnis. In den folgenden Wochen gab es weitere Krankheitsfälle, die sich von Hotspots ausbreiteten – von Ställen mit zwei bis vier Käfigen, in denen alle Tiere innerhalb von ein bis zwei Tagen gestorben waren. Die Farmbetreiber waren gezwungen, sämtliche 51 986 Nerze des Betriebs zu keulen. Elf Mitarbeiter der Farm hatten Kontakt mit den infizierten Nerzen, wurden aber alle negativ auf H5N1 getestet.

Nerze könnten diejenige Spezies sein, in der das Virus die Fähigkeiten erwirbt, von Vögeln zu Säugetieren und zum Menschen zu springen, heißt es in dem Bericht in »Eurosurveillance«. Umso wichtiger sei es nun, eine »Kultur der Biosicherheit« in diesem Haltungssystem zu stärken und dafür Sorge zu tragen, dass entsprechende Virenüberwachungsprogramme umgesetzt würden.

Gegen die Ausbreitung

Dank »energischer, umfassender und erfolgreicher« Maßnahmen habe man offenbar verhindern können, dass sich die neue Variante über den Betrieb hinaus verbreitet, sagt William Schaffner, Spezialist für Infektionskrankheiten am Vanderbilt University Medical Center in Nashville, Tennessee. Da die neue Variante aber genetisches Material der Möwengrippe enthält, ist es nach Ansicht der Virologin Puryear wahrscheinlich, dass zumindest einige der genetischen Veränderungen in den Möwen entstanden sind, bevor sie in die Nerzfarm gelangten. Das bedeutet, dass ein Virenstamm, der diese Mutationen enthält, wahrscheinlich noch in der Vogelpopulation zirkuliert.

Für Menschen sind die Aussichten jedoch nach wie vor gut: Sollte der neue Stamm tatsächlich Menschen infizieren, könnten die Gesundheitsbehörden wahrscheinlich schnell einen Impfstoff herstellen. Mit dem antiviralen Medikament Tamiflu lässt sich zudem der Schweregrad der Krankheit verringern.

Ein größeres Risiko tragen die Wildtiere. Die Vogelgrippe hat im vergangenen Jahr bei Wildvögeln und Säugetieren durchweg hohe Krankheits- und Todesraten verursacht. Es bleibt abzuwarten, wie sich die neue Variante in dieser Hinsicht auswirken wird. »Wir wissen es einfach nicht«, sagt Puryear.

Schreiben Sie uns!

Wenn Sie inhaltliche Anmerkungen zu diesem Artikel haben, können Sie die Redaktion per E-Mail informieren. Wir lesen Ihre Zuschrift, bitten jedoch um Verständnis, dass wir nicht jede beantworten können.

Partnerinhalte