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Raketenprojekt »Skyfall«: Was hinter der russischen Nuklearexplosion stecken könnte

Tote, Radioaktivität, Verwirrung. Bei einem russischen Raketentest am Nordpolarmeer muss etwas gewaltig schiefgelaufen sein. Erprobte der Kreml einen nuklearen Wunderantrieb? Eine Spurensuche.
Marine-Anleger bei SewerodwinskLaden...

Mindestens fünf Menschen sind tot, so viel ist klar. Erhöhte Mengen an Radioaktivität wurden freigesetzt, auch das haben die russischen Behörden mittlerweile bestätigt. Davon abgesehen hüllt sich der Kreml in Schweigen, was genau am 8. August 2019 auf einem militärischen Versuchsgelände in der russischen Arktis passiert ist.

Kurz nach 9 Uhr Ortszeit registrierten Messgeräte der Organisation zur Überwachung des Stopps von Atomwaffentests dort eine verräterische Erschütterung. Seitdem gehen Russlands Behörden bloß scheibchenweise, oft mit widersprüchlichen Aussagen an die Öffentlichkeit – was die Gerüchteküche nur noch anheizt.

Wurde, so die offizielle Version, bei einem Triebwerkstest eine ungefährliche Atombatterie beschädigt? Oder hat Russland seine neueste Vernichtungswaffe, einen atomaren Marschflugkörper mit Nuklearantrieb, abgefeuert? Und ist solch eine Wunderwaffe technisch überhaupt möglich?

Nukleares Wettrüsten

Die ernüchternde Antwort: Möglich ist viel – insbesondere in Zeiten eines neuen nuklearen Wettrüstens zwischen den Supermächten. Und mit diesen Möglichkeiten wird von den Machthabern auf beiden Seiten auch gerne gespielt. Nicht zuletzt von Donald Trump: In Russland sei »Skyfall« explodiert, twitterte der US-Präsident wenige Tage nach dem Unglück. Dabei blieb – wie so oft bei Trump – allerdings unklar, ob er sich auf Geheimdienstinformationen bezog, gerade Fox News geschaut oder sonst wo ein Gerücht aufgeschnappt hatte.

Sicher ist: »Skyfall« existiert – und sei es nur als Instrument der Abschreckung. Unter dem Codenamen »SSC-X-9 Skyfall« listet die NATO ein experimentelles Rüstungsprogramm, das Russland seinerseits »9M730 Burewestnik« (Sturmvogel) nennt und das Präsident Wladimir Putin im Jahr 2018 in seiner Regierungserklärung unter großem Applaus vorgestellt hat.

Demnach handelt es sich bei »Skyfall« um einen neuartigen Marschflugkörper, bestückt mit Atomsprengköpfen, der dank eines Nuklearantriebs praktisch unbeschränkte Reichweite habe, so Putin. Eine Animation sollte dies unterstreichen. Sie zeigte einen Flugkörper, der nach dem Start im Nordpolarmeer feindliche Raketenschutzschirme umkurvt, einen weiten Bogen um Kap Horn macht und schließlich zwischen Hawaii und der amerikanischen Westküste einschlägt.

Das wäre wirklich neu. Heutige Marschflugkörper sind im Grunde nichts anderes als Atomsprengköpfe mit Jetantrieb. Ihr Einsatzradius ist beschränkt, vor allem durch das Gewicht des mitgeführten Treibstoffs. Amerikas »Tomahawk«, die bevorzugte Erstschlagwaffe des US-Militärs, hat zum Beispiel eine Reichweite von lediglich 2500 Kilometern. Ein nuklearer Antrieb würde – dank seiner immensen Energiedichte – dagegen viele zehntausend Kilometer durchhalten. Mit ihm könnten Marschflugkörper tagelang in den dichten Luftschichten nahe dem Erdboden unterwegs sein und so fürs feindliche Radar unsichtbar bleiben.

Marschflugkörper mit Kernreaktor

Die Idee hatten schon andere. Sowohl Amerikaner als auch Sowjets experimentierten in den 1950er Jahren mit nuklearen Jettriebwerken, allerdings ohne großen Erfolg. In den USA sollte unter dem Codenamen Pluto sogar ein Marschflugkörper mit Atomantrieb entstehen. Dort, wo in herkömmlichen Triebwerken die Brennkammer fürs Kerosin sitzt, montierten die US-Ingenieure einen kleinen Atomreaktor. Im Flug sollte die Luft wie bei einem herkömmlichen Staustrahltriebwerk, einem so genannten Ramjet, mit hohem Druck ins Triebwerk gepresst werden. Bei bis zu 1400 Grad Celsius sollte sie direkt am heißen Reaktorkern vorbeiströmen, über eine Schubdüse entweichen und so den nötigen Vortrieb erzeugen.

Etwa 1,6 Meter lang war allein der Reaktor, 60 Kilogramm Uran sollten das nukleare Feuer entfachen. Das Ganze funktionierte tatsächlich, zumindest auf dem Teststand: Fast fünf Minuten lang erzeugte das Triebwerk, nahezu so groß wie eine Dampflok, im Mai 1964 eine Leistung von knapp 500 Megawatt.

Wenige Monate später wurde Projekt Pluto dennoch eingestellt. Der schnelle heiße Luftstrom riss ständig Partikel aus den Brennstäben heraus; eine radioaktive Abgasspur war die Folge. Zudem wurden die Risiken eines Unfalls beim Start und bei Tests im eigenen Land als zu hoch angesehen. Auch der Versuch, ein geschlossenes Reaktorsystem zu entwickeln, bei dem die Luft lediglich an einem Wärmetauscher vorbeiströmt, der die Brennstäbe hermetisch abriegelt, brachte keine Abhilfe. Es war zu schwer, zu komplex, zu heiß.

Welche Technik – falls überhaupt – bei »Skyfall« zum Einsatz kommt, ist unklar. Sowohl Russen als auch Amerikaner befeuern allerdings Gerüchte über regelmäßige Tests. Mehr als ein Dutzend Mal soll die Waffe schon erprobt worden sein, meist erfolglos, berichtet der US-Sender CNBC mit Bezug auf Geheimdienstquellen. Weiter als 35 Kilometer sei sie dabei nie gekommen.

Vieles spricht für einen Skyfall-Test

Vieles spricht dafür, dass es sich auch beim aktuellen Unfall um einen fehlgeschlagenen »Skyfall«-Test handeln könnte. Jeffrey Lewis, Sicherheitsexperte am Middlebury Institute of International Studies im kalifornischen Monterey, hat auf Satellitenbildern entdeckt, dass dieselben Teststände, die bislang auf der russischen Insel Nowaja Semlja für »Skyfall«-Starts benutzt wurden, nun in Njonoksa an der Weißmeerküste stehen.

Auch das russische Spezialschiff »Serebrjanka«, das für den Transport sowie die Bergung von Nuklearbrennstoff ausgerüstet ist und bereits bei früheren »Skyfall«-Tests zugegen war, konnte in der Sperrzone vor Njonoksa geortet werden – anhand seines Transpondersignals.

Unter westlichen Experten ist dennoch umstritten, ob Russland tatsächlich einen Nuklearantrieb entwickelt hat. Zwar sind Atomreaktoren zuletzt immer kleiner geworden – die US-Raumfahrtbehörde NASA zum Beispiel hat unlängst einen Reaktorkern von der Größe einer Küchenrolle mit zehn Kilowatt Leistung erfolgreich getestet. Die extreme thermische Belastung und der Luftdruck im Flug gelten aber als große Hindernisse.

John Pike, Gründer des Informationsdienstes GlobalSecurity.org, glaubt sogar, dass es sich bei »Skyfall« um ein strategisches Ablenkungsmanöver handeln könnte, ein Blendwerk, ein potemkinsches Dorf der Lüfte. »Während des Kalten Kriegs waren sowjetische Schwindelwaffen und Falschinformationen an der Tagesordnung«, schreibt Pike in einer Analyse. »Jetzt scheint Moskau die alten Tricks wiederentdeckt zu haben.«

Die Explosion am 8. August 2019 war allerdings kein Schwindel – und auch die freigesetzte Radioaktivität war es nicht: Nach Informationen des russischen Wetterdienstes Roshydromet stieg die Strahlenbelastung in der Hafenstadt Sewerodwinsk, etwa 30 Kilometer östlich des Testgeländes, kurzzeitig auf das knapp 20-Fache des natürlichen Werts.

Bis zu zwei Mikrosievert pro Stunde wurden gemessen, ein für Menschen noch immer unbedenklicher Wert. Wie es direkt in Njonoksa aussah und in welche Richtung der Wind wehte, ist nicht bekannt. Aufgebrachte Ärzte aus der Provinzhauptstadt Archangelsk berichteten der unabhängigen »Moscow Times« jedoch, dass sie ohne Vorwarnung Unfallopfer behandeln mussten, die unbekleidet und in Plastikfolie gewickelt eingeliefert wurden. Das Behandlungsteam soll anschließend nach Moskau für Untersuchungen geflogen worden sein. Bei mindestens einem Arzt wurde angeblich Zäsium-137 entdeckt, ein typisches Isotop aus der Kernspaltung. Es deutet somit viel auf einen Nuklearunfall hin.

Die offizielle Lesart ist eine andere. »Skyfall« sei an dem Unfall nicht beteiligt gewesen, beteuert »Sputnik«, der internationale Propaganda-Kanal des Kremls. Stattdessen sei ein neuer Raketenantrieb mit flüssigem Treibstoff getestet worden, zu dem auch eine »Atombatterie« gehöre.

Solche Radionuklidbatterien sind seit Langem bekannt; Russland setzt sie unter anderem bei Raumfahrtmissionen, abgelegenen Leuchttürmen und Messstationen in den Polargebieten ein. Sie erzeugen Strom aus der Wärme, die beim Zerfall eines radioaktiven Elements entsteht. Eine Kernspaltung findet nicht statt. Die Batterien sind vor allem deshalb beliebt, weil sie über einen langen Zeitraum eine zuverlässige, vergleichsweise geringe Leistung abgeben können.

Nur: Warum sollten sie in einem Raketentriebwerk zum Einsatz kommen, wo es um viel Leistung in kurzer Zeit geht und wo es auch andere konventionelle Alternativen gäbe? Und warum sterben fünf Nukleartechniker vom legendären Sarow-Institut, der Wiege der sowjetischen Atomwaffentechnik, bei einem angeblich simplen Triebwerkstest?

Moskau steckt in der Klemme. Sechs vermeintliche Wunderwaffen – darunter »Skyfall« – hatte Putin bei seiner Regierungserklärung vorgestellt. Sie sollten vor allem der Abschreckung dienen. Der Eindruck, dass diese Waffen entwickelt und getestet werden, muss daher unter allen Umständen aufrechterhalten werden. Schwächen oder gar Fehlschläge will man trotzdem nicht eingestehen.

Doch auch die Trump-Regierung, die Abrüstungsverträge kündigt und das eigene Atomwaffenarsenal ausbauen will, braucht Bedrohungen wie »Skyfall« – als abschreckendes Beispiel, als Rechtfertigung für das eigene Tun und nicht zuletzt als Ego-Booster. »Wir haben ähnliche, allerdings weiter fortgeschrittene Technologien«, behauptete Trump in seinem »Skyfall«-Tweet. Sicherheitsexperten haben davon noch nie etwas gehört. Es wäre nicht das Schlechteste, würde es dabei bleiben. Wie tödlich solche Waffenspielereien sein können, haben fünf Nukleartechniker gerade erst erfahren müssen.

34/2019

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 34/2019

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