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Landschaft: Wenn das Gebirge Kopf steht

Unten breit und oben eine Spitze - das ist unser typisches Bild von Bergen. Doch bezogen auf komplette Gebirge ist es ziemlich falsch: Es gibt vier typische Formen.
Das Idealbild eines Berges: Matterhorn in der SchweizLaden...

Die Alpen prägen hier zu Lande sehr wahrscheinlich das ideale Bild eines Gebirges: Unten eine breite Basis, und nach oben hin werden die Berge immer schroffer und spitzer. Doch diese pyramidenförmige Verteilung trifft offensichtlich nur auf wenige Gebirgszüge zu – in der Natur stellen sie tatsächlich sogar eine Minderheit dar, wie eine globale Bestandsaufnahme der beiden Geowissenschaftler Paul R. Elsen von der Princeton University und Morgan W. Tingley von der University of Connecticut in "Storrs aktuell" zeigt. Nur ein Drittel der wichtigsten Gebirge weltweit weist demnach eine sich nach oben zuspitzende Form auf, bei der entsprechend auch die vorhandene Fläche pro Höhenstufe linear abnimmt. Insgesamt lassen sich die 182 untersuchten Höhenzüge aller Kontinente außerhalb der nicht berücksichtigten Antarktis in vier Grundtypen einteilen: Je nach Erscheinungsbild bauen sie sich wie ein Diamant, eine klassische Pyramide, eine auf der Spitze stehende Pyramide oder in der Form einer Sanduhr auf. Entsprechend nehme vielerorts die Fläche mit der Höhe erst einmal deutlich zu, bevor sie zu den Gipfeln hin wieder schrumpft, schreiben die beiden Forscher.

Für ihre Studie analysierten sie hoch aufgelöste topografische Karten, um die Landfläche pro Höhenstufe zu ermitteln. Dabei konzentrierten sie sich auf den unmittelbaren Gebirgsraum selbst und setzten diesen nicht in Bezug zum gesamten Umland. Diese Betrachtung verzerre sonst die tatsächliche Form der Gebirgsstöcke, da Ebenen weltweit eine sehr viel größere Fläche einnehmen als Hochgebirge, so Tingley. Fast 40 Prozent aller Gebirge ähnelten daher einem Diamanten, wie die Wissenschaftler am Beispiel der Rocky Mountains erläutern: Vom Gebirgsfuß bis zu den mittleren Höhenlagen nimmt die Fläche zu, dann schwindet sie rasch wieder bis zu den Gipfeln. Etwas weniger als ein Fünftel aller Gebirge gleicht wiederum einer Sanduhr, wofür die Autoren den Himalaja heranziehen: Mit der Höhe nimmt das Flächenausmaß erst zu, in den mittleren Lagen schwindet es dann wieder, um nach oben hin zum tibetanischen Hochplateau wieder stark zuzunehmen – das Hochland selbst wurde von den Forschern dabei nicht einmal berücksichtigt. Nur sechs Prozent fallen dagegen unter die Kategorie "umgekehrte Pyramide" wie die Kunlun-Berge in China: Geringen Flächenanteilen unten stehen ausgedehnte Hochebenen gegenüber.

Die meisten Gebirge der Erde lassen sich je nach der Flächenverteilung pro Höhenstufe in vier Grundtypen einteilen: Sie entsprechend dann dem Bild eines Diamanten, einer Pyramide, einer auf dem Kopf stehenden Pyramide oder einer Sanduhr.Laden...
Die vier Formen der Gebirge | Die meisten Gebirge der Erde lassen sich je nach der Flächenverteilung pro Höhenstufe in vier Grundtypen einteilen: Sie entsprechend dann dem Bild eines Diamanten, einer Pyramide, einer auf dem Kopf stehenden Pyramide oder einer Sanduhr.

Spiegelbild der Gebirgsbildung

Die jeweilige Form ist dabei eng mit der regionalen geologischen Entwicklungsgeschichte verknüpft: Die Alpen beispielsweise stellen ein relativ junges Gebirge dar, das sich durch die Kollision der kleinen Adriatischen mit der großen Eurasischen Platte auffaltete. Während der Eiszeiten wurden sie stark vergletschert, wobei die Eiszungen Täler ausräumten und vertieften, was wiederum Hänge übersteilte und so eine sehr aktive Modellierung der Berge etwa durch Felsstürze ermöglicht. Folglich verjüngt sich die breite Basis nach oben hin zunehmend, weil die Flanken permanent abgetragen werden. Dafür fehlen den Alpen Hochebenen und ausgedehnte Hochtäler, wie sie in den Anden oder Rocky Mountains weiträumig vorkommen.

Ziel der Arbeit war allerdings nicht nur eine Kategorisierung von Gebirgen, sondern sie soll auch Ökologen ansprechen, die sich um die Zukunft von Tier- und Pflanzenarten im Hochgebirge sorgen. Bislang kreisen die Sorgen darum, dass der Klimawandel die Spezies in die Höhe treibt, wo sie mit stetig kleineren Verbreitungsgebieten kämpfen müssen – bis sie mangels Platz aussterben könnten. Doch diese Gefahr bestünde in vielen Gebirgen eben nicht, so Elsen und Tingley. Mit entsprechend angepassten Ausbreitungsgeschwindigkeiten könnten sich viele Arten sogar auf größere Zufluchtsareale zurückziehen – zumindest zwischenzeitlich und wenn man weitere Einflussfaktoren wie Lebensraumzerstörungen oder stärkere Sonneneinstrahlung nicht berücksichtigt. In Gebirgen wie dem Himalaja drohen "unterwegs" Engpässe in mittleren Höhenlagen, die relativ wenig Raum einnehmen. Dort könnten sich Tiere und Pflanzen also während der nach oben gerichteten Auswanderung verhängnisvoll ballen. Die meisten Gebirge gelten als Zentren der Biodiversität, da sie auf kleinem Raum sehr viele spezialisierte Arten beherbergen und ihr bewegtes Relief die Evolution antreibt.

20/2015

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 20/2015

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