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Palmöl: Eine fragwürdige Allianz

Ölpalmen sind umstrittene Nutzpflanzen. Um Palmölgewinnung und Naturschutz unter einen Hut zu bringen, verbünden sich Forscher zunehmend mit Unternehmen. Das sehen nicht alle gern.
Palmölplantage in IndonesienLaden...

Die Grillen zirpen, als Anak Agung Aryawan an einem klaren Morgen im April unter dem Blätterdach einer rund 25 Jahre alten Ölpalmenplantage spazieren geht. Plötzlich bleibt der Agrarökologe stehen und zeigt auf ein schwarzes Insekt, das auf einem Farn im Unterholz sitzt: »Sehen Sie, das ist eine Sycanus!« Die Vertreter der Gattung gehören zur Familie der Raubwanzen, die mit ihrem Mundwerkzeug auf ihre Beute einstechen. Zu ihren Opfern gehören auch Feuerraupen, die zu den wichtigsten Schädlingen der Ölpalmen zählen. Kurze Zeit darauf findet Agung weitere Tiere, die unerwünschten Insekten im Palmenhain den Garaus machen: eine Spinne der Gattung Nephila, die für ihr großes, kunstvolles Netz bekannt ist, und eine leuchtend gelbe Cosmolestes, die ebenfalls zu den Raubwanzen zählt.

Agung arbeitet für SMARTRI, ein auf Ölpalmen spezialisiertes Forschungsinstitut, das Sinar Mas gehört, einem der größten indonesischen Konzerne. Die Versuchsfläche, die der Agrarökologe an diesem Tag besucht, wird ohne Herbizide und Insektizide bewirtschaftet. Das Unkraut zupfen Plantagenarbeiter von Hand, und zwar nur in einem kleinen Umkreis um jeden Baum herum. Infolgedessen wachsen unter den Palmenwedeln viele hohe Farne und Sträucher, die wiederum Insekten, Spinnen und Schlangen ein Zuhause geben.

Viele indonesische Plantagenbesitzer würden diese Halbwildnis verabscheuen, erzählt Agung. Sie befürchten, dass die Pflanzen mit den Ölpalmen um Wasser und Nährstoffe im Boden konkurrieren könnten. Er sieht das anders: Üppiges Unterholz in Plantagen kann Insekten und kleine Säugetiere wie die Bengalkatze schützen – und kommt so letztlich auch den Ölpalmen zugute. Sycanus und andere Räuber fressen zum Beispiel Schädlinge. Andere wirbellose Tiere verbessern den Boden und bestäuben die Palmen.

Umstrittene Nutzpflanze

Die Ölpalme (Elaeis guineensis) ist heute eine der umstrittensten Nutzpflanzen. Die Plantagen entstehen oft dort, wo früher tropische Regenwälder für biologische Vielfalt sorgten und unter anderem Arten wie der Orang-Utan lebten. Nun bleiben große Gebiete Indonesiens und Malaysias der Kulturpflanze vorbehalten. Dennoch sind immer mehr Wissenschaftler, darunter Agung, der Meinung, dass es an der Zeit ist, mit den Ölpalmenfirmen zusammenzuarbeiten, um das Beste aus einer schlechten Situation zu machen.

Die Forscher haben mittlerweile Fördergelder aus der Industrie angenommen, um die Fragmentierung von Lebensräumen genauer zu untersuchen, und den Firmen Tipps zu geben, wie sich mit dem verbliebenen bisschen Wildnis am besten umgehen lässt. Und am SMARTRI widmen sich Wissenschaftler im Zuge eines ökologischen Langzeitexperiments namens Biodiversity and Ecosystem Function in Tropical Agriculture (BEFTA) gerade der Frage, ob Plantagen auch mehr Biodiversität vertragen, ohne an Ertrag einzubüßen. Das Ziel: Arten schützen und gleichzeitlich die weltweite Nachfrage nach Palmöl befriedigen.

Manche der Kritiker halten das für naiv. Sie sagen: Indem sie die Finanzierung durch die Industrie akzeptieren – und deren riesige Plantagen als Labore nutzen – würden die Wissenschaftler Gefahr laufen, ihre Unabhängigkeit zu verlieren. Zudem würden sie das Geschäft mit dem Palmöl legitimieren, indem sie ihm einen Anstrich von Nachhaltigkeit verleihen. »Wenn die Finanzierung und das Prestige, das mit dem Zugang zu großen Datensätzen einhergeht, Wissenschaftler in eine bestimmte Richtung lenken, während sie den Elefanten nicht sehen, der mitten im Raum steht, ist das problematisch«, sagt Maria Brockhaus, Expertin für Forstpolitik an der Universität Helsinki.

Die Wissenschaftler, die mit Ölpalmenfirmen zusammenarbeiten, fühlen sich eigenen Aussagen zufolge in ihrer Forschungsfreiheit jedoch gar nicht eingeschränkt. Und das Geld nehmen sie gerne an. »Es ist schwierig, Forschung langfristig finanziert zu bekommen«, sagt Matthew Struebig, Experte für Naturschutz an der University of Kent in Großbritannien. Er war als Berater für zwei Plantagen des weltweit größten Palmölhändlers Wilmar International tätig. Die Nachfrage nach Pflanzenöl werde steigen, und Palmöl ließe sich am effizientesten produzieren, sagt Edgar Turner, Naturschutzforscher an der University of Cambridge und Leiter des Forschungsprojekts BEFTA. Der Verlust von biologischer Vielfalt sei eine Tragödie, aber man müsse nun mal die Welt ernähren, sagt Turner. »Wir müssen Nutzpflanzen anbauen, die sehr ergiebig sind – und das auf der kleinstmöglichen Fläche. Ölpalmen sind dafür am besten geeignet.«

Palmölplantagen auf einer Fläche von halb Deutschland

Palmöl ist in erstaunlich vielen Konsumgütern enthalten: von Fastfood, Schokoladenaufstrich und Müsli bis hin zu Zahnpasta und Hundefutter. Der Rohstoff ist auch ein Bestandteil von Biodiesel. Etwa 90 Prozent werden in Indonesien und Malaysia produziert. Dort erstrecken sich die Plantagen über 17 Millionen Hektar, das entspricht einer Fläche von beinahe der Hälfte Deutschlands. Die wachsende Nachfrage treibt die Industrie auch nach Afrika und Südamerika.

David Gaveau vom indonesischen Center for International Forestry Research hat die Ausbreitung der Plantagen auf Borneo verfolgt, wo Indonesiens größte Regenwälder liegen. Dazu hat Daten von Erdbeobachtungssatelliten der NASA mit solchen über die Genehmigungen für Palmölplantagen kombiniert. Das Ergebnis zeigt: In den vergangenen zwei Jahrzehnten haben große Ölpalmenfirmen 24 000 Quadratkilometer der Wälder Borneos gerodet – fast fünfmal so viel wie die Fläche Balis. (Weitere 36 000 Quadratkilometer sind anderen Wirtschaftszweigen wie der Zellstoffproduktion, Kleinbauern dem Berg- und Staudammbau zum Opfer gefallen.)

Ölpalmen (Elaeis guineensis)Laden...
Ölpalmen (Elaeis guineensis) | Wo sie gepflanzt wird, muss der Regelwald meist weichen: Die Ölpalme gehört zu den umstrittensten Nutzpflanzen.

Politische Maßnahmen, die die Abholzung bremsen sollten, waren nicht besonders erfolgreich. 2011 erließ die indonesische Regierung ein Moratorium für die Entwaldung, und seit 2016 dürfen keine Torfgebiete mehr trockengelegt und für Plantagen freigegeben werden. Im September 2018 legte Präsident Joko Widodo zudem neue Genehmigungen für Ölpalmen auf Eis, was die Vernichtung von Regenwald in der Provinz Papua vorerst beendet hat. Papua gilt als ein Mekka der Biodiversität; rund 1800 Quadratkilometer Wald wurden dort bislang gerodet.

Verbote verlagern das Problem nur

Doch ein Verbot von Palmöl würde den Verlust von Biodiversität laut einem Bericht der International Union for Conservation of Nature (IUCN) aus dem Jahr 2018 nicht stoppen: Es würde ihn nur in andere Regionen der Erde verlagern und womöglich sogar noch verstärken. Auf einem Hektar Land können in den Tropen jährlich vier Tonnen Öl produziert werden. Das entspricht mindestens der vierfachen Menge, die in gemäßigten Klimazonen mit Raps, Sonnenblumen oder Sojabohnen auf einem Hektar gewonnen werden kann. Und im Unterschied zu diesen Nutzpflanzen kann die Ölpalme bis zu 25 Jahre alt werden – alt genug, damit ein vielfältiges Ökosystem in einer Plantage gedeihen kann, wenn die Palmöl-Produzenten es denn zulassen. »Eigentlich ist der Anbau dieser Kulturpflanze gut mit dem Naturschutz vereinbar«, sagt Turner. »Sie wächst nur leider ausgerechnet in den artenreichsten Teilen der Welt.«

Statt auf ein Verbot zu drängen, ruft die IUCN in ihrem Bericht dazu auf, die Abholzung der Wälder einzudämmen und von der Nutzung nicht nachhaltigen Palmöls abzuraten. (Etwa 19 Prozent der weltweiten Produktion werden vom Roundtable on Sustainable Palm Oil als »nachhaltig« zertifiziert. Der Organisation, die auf Initiative des WWF gegründet wurde, gehören neben Umweltschützern Tausende von Plantagenbesitzern, Händlern und Produktionsunternehmen an. Aufgenommen werden nur Unternehmen, die unter anderem nachweisen können, dass sie nicht zur Entwaldung beitragen und ihre Beschäftigten gut behandeln.)

»Meine Erfahrung in Indonesien zeigt aber, dass Wälder, die nicht bewirtschaftet werden, letztlich abgeholzt werden. Legal oder illegal«
(Erik Meijaard, Ökologe)

Einer der Hauptautoren des IUCN-Berichts ist der niederländische Ökologe Erik Meijaard, der von Brunei aus sein eigenes Beratungsunternehmen betreibt. Meijaard ist eine prominente Persönlichkeit unter den Wissenschaftlern, die sich mit dem Naturschutz in Indonesien befassen. 1997 entdeckte er eine Orang-Utan-Population in einem kleinen Waldstück im Norden Sumatras; ein Jahrzehnt später fanden er und andere Wissenschaftler heraus, dass diese Orang-Utans auf Grund genetischer und morphologischer Charakteristika eine eigenständige Art bilden. Sie wurden nach dem Ort benannt, an dem sie leben, und sind heute als Tapanuli-Orang-Utans bekannt. Meijaard ist der Ansicht, dass Palmöl zu Unrecht verunglimpft wird. Es gebe viele andere Bedrohungen für die Biodiversität Indonesiens. »Wir gehen immer davon aus, dass dort, wo heute Ölpalmenplantagen sind, ansonsten noch Wald wäre. Meine Erfahrung in Indonesien zeigt aber, dass Wälder, die nicht bewirtschaftet werden, letztlich abgeholzt werden. Legal oder illegal.«

Wenn es um die Zusammenarbeit mit Palmölunternehmen geht, ist Meijaard pragmatisch. 2011 nahm er das Angebot an, ANJ Agri bei der Bewirtschaftung eines Waldstücks in der Provinz West-Kalimantan auf Borneo zu beraten, für das das Unternehmen eine Nutzungserlaubnis hat. Dort leben 150 Orang-Utans. Andere Naturschützer beäugten die Aktion kritisch. Laut Gaveaus »Borneo-Atlas« rodete das Unternehmen 2012, ein Jahr nach Beginn des indonesischen Moratoriums, in West-Kalimantan 38 Quadratkilometer Wald, der unter anderem als Lebensraum für Orang-Utans diente. Greenpeace setzte ANJ Agri ebenfalls auf die schwarze Liste. Der Grund: Der Palmölproduzent hätte in West-Papua ohne Erlaubnis der indigenen Bevölkerung Wälder abgeholzt. Zudem stehen Sicherheitskräfte des Unternehmens in Verdacht, 2017 bei einer Demonstration einen Mann geschlagen zu haben.

Meijaard entgegnet, das Unternehmen hätte in Kalimantan nur Sekundärwälder gerodet, in denen die Artenvielfalt deutlich geringer ist. Zu den anderen Anschuldigungen will er sich nicht äußern. (Einem Sprecher von ANJ Agri in Jakarta zufolge habe eine eingehende Untersuchung aber ergeben, dass die Schläge nie stattgefunden hätten.) In jedem Fall, sagt Meijaard, sei es ANJ Agri ernst mit dem Schutz der Orang-Utans in seinen Wäldern. »Sie haben hart daran gearbeitet, illegale Abholzung und Jagdaktivitäten zu unterbinden und viel in die Prävention von Waldbränden investiert. Ohne ANJ Agri wäre dieses Stück Wald inzwischen verschwunden, genau wie das Waldstück nebenan.«

Die Unternehmensinteressen zu durchschauen, ist schwierig

Es gebe viele Unternehmen, von denen er kein Geld nehmen würde, betont Meijaard. Ein Beispiel ist PT North Sumatera Hydro Energy, das einen Staudamm für ein Wasserkraftwerk baut, der die Heimat des Tapanuli-Orang-Utans bedroht. Eine Einladung zu einem Gespräch wies der Wissenschaftler 2018 entschieden zurück. David Gaveau zufolge ist es für Forscher dennoch oft schwer zu wissen, was die Unternehmen, mit denen sie zusammenarbeiten, tatsächlich tun. 2018 beschuldigte Greenpeace zum Beispiel Wilmar International, die Firma würde ihr Eigentum an Plantagen verschleiern, um sich Rechenschaftspflichten zu entziehen. Zudem soll der Konzern Palmöl von 18 Unternehmen gekauft haben, die Wälder gerodet hätten, obwohl sich Wilmar seit 2013 offiziell gegen Abholzung ausspricht. (In einer Pressemitteilung dementierte das Unternehmen einige der Vorwürfe, verabschiedete aber drei Monate später einen Plan zur besseren Überwachung seiner Lieferanten). »Wir können den Unternehmen nicht blind vertrauen«, sagt Gaveau. »Sie werden wann immer möglich nach Schlupflöchern suchen, um das System zu ihrem Vorteil zu nutzen.«

»Ohne ANJ Agri wäre dieses Stück Wald inzwischen verschwunden, genau wie das Waldstück nebenan«
(Erik Meijaard)

Das Forschungsinstitut SMARTRI wird von Jean-Pierre Caliman geleitet, einem französischen Agrarwissenschaftler, der 1993 aus Afrika nach Indonesien zog und ein leidenschaftlicher Fan von Ölpalmen ist. Im Auftrag von Sinar Mas führt er ein Team von 81 indonesischen Forschern und verfügt über ein Jahresbudget von zehn Millionen Dollar. Bis vor Kurzem konzentrierte sich die Forschung des Instituts auf Ertragssteigerung oder Kostensenkung, Biodiversität hatte es nicht wirklich auf dem Radar. Jetzt untersuchen die SMARTRI-Wissenschaftler die Kohlenstoffdynamik in den Plantagen und bewerten Hunderte von Arten, die unter den Ölpalmen leben, hinsichtlich ihres Beitrags zum Ökosystem. »Wie viel Geld wir ausgeben müssen, wenn eine Art verschwindet, ist eine der Schlussfragen«, sagt Caliman.

Die Schleiereule (Tyto alba) spart den Plantagenverwaltern beispielweise viel Geld. Sie ist ein Fressfeind der Ratten, die sich gern über die Früchte der Ölpalme hermachen und damit den Ertrag mindern. Ohne die Eulen, so Caliman, würden jährlich Kosten von bis zu vier Dollar pro Hektar für Rattengift entstehen. Um die Vögel anzulocken, hat Sinar Mas 26 000 künstliche Nistkästen auf Sumatra installiert.

Plantagenarbeiter mit geernteten FrüchtenLaden...
Plantagenarbeiter mit geernteten Früchten | Auf einem Hektar Land können in den Tropen jährlich vier Tonnen Öl produziert werden. Das entspricht mindestens der vierfachen Menge, die in gemäßigten Klimazonen mit Raps, Sonnenblumen oder Sojabohnen auf einem Hektar gewonnen werden kann.

SMARTRIs Bemühungen um Biodiversität in den Palmenplantagen begannen 2011. Damals fragte William Foster, Ökologe in Cambridge und Doktorvater von Turner, Jean-Pierre Caliman, ob er an einer ökologischen Langzeitstudie mitwirken wolle. Caliman gefiel der Vorschlag und so entstand BEFTA. Turner kam auf einige seiner Ideen für BEFTA, als er in Sabah in Malaysia forschte. »Wer sich dort auf Plantagen umsieht, erkennt schnell, dass Plantagen mit viel Unterwuchs auch einen hohen Grad an Biodiversität aufweisen. Wir würden gerne herausfinden, welche Auswirkungen das auf den Anbau und den Ertrag hat«, sagt er.

Sinar Mas stellt der BEFTA Gelder zur Verfügung, über die genaue Summe wollten Turner und Caliman keine Auskunft geben. Turner erhielt außerdem 18 Forschungsparzellen in der Größe von je 150 mal 150 Metern. Auf sechs von ihnen setzten die Forscher Herbizide ein, was viele Plantagenbesitzer tun, um den gesamten Unterwuchs ebenso wie die Farne, die auf den Palmen wachsen, zu entfernen. Bei sechs anderen verfuhren sie nach der Standardpraxis von Sinar Mas, das heißt, sie sprühten Herbizide nur auf Wegen und im Umkreis jedes Baums, um den Zugang zu den Bäumen sicherzustellen; der größte Teil des Unterholzes blieb dabei unbehandelt. Auf den letzten sechs Parzellen – einschließlich der, auf der Agung seinen Raubwanzen fand – setzten sie überhaupt keine Herbizide ein; die Arbeiter entfernten die Pflanzen um die Baumstämme und auf den Wegen per Hand.

Eine Strategie für die Zukunft?

In einer Dezember 2018 veröffentlichten Studie berichten die Forscher, dass der Verzicht auf Herbizide die Qualität des Bodens verbesserte und dessen Makrofauna vervielfachte. Zur Makrofauna gehören beispielsweise Ohrwürmer (Dermaptera) und Doppelfüßer (Diplopoda), die Laubstreu zersetzen und so Nährstoffe für andere Arten zugänglich machen. In einer anderen Untersuchung heißt es, auf der Plantage würden 69 Libellenarten leben, darunter fünf, die bis dahin auf Sumatra noch nie gesichtet wurden. Der Boden in den herbizidfreien Parzellen wiese einen ebenso hohen Nährstoffgehalt auf wie der in den chemisch behandelten Bereichen. Die Sorge, das Unterholz würde mit den Ölpalmen um Nährstoffe konkurriert, scheint also unbegründet. Laut Jean-Pierre Caliman deuten auch bislang unveröffentlichten Daten darauf hin, dass selbst die umweltfreundlichste Behandlung einen vernachlässigbaren Einfluss auf die Erträge hat. Caliman und Turner sind deshalb optimistisch, dass sie das Management von Sinar Mas davon überzeugen können, ihre Strategie entsprechend anzupassen.

Agus Eko Prasetyo, Experte für Pflanzenschutz am Indonesian Oil Palm Research Institute in Medan, beeindrucken die Ergebnisse weit weniger. Er erklärt, Wissenschaftler wüssten bereits seit den 1980er Jahren, dass die meisten Farne und Sträucher die Palmölerträge nicht mindern. Bestimmte Arten müssten jedoch kontrolliert werden, vor allem Holzgewächse, deren Wurzeln mehr Wasser und Nährstoffe aufnehmen. Wenn dies manuell statt mit Herbiziden geschehe, treibe es die Kosten in die Höhe. Er wette, Sinar Mas werde das umweltfreundliche Vorgehen nicht übernehmen, sagt Prasetyo.

Blinde Flecke

Andere sagen, dass Ökologen bei der Zusammenarbeit mit großen Unternehmen womöglich schlimmere Übeltäter übersehen: Rund 40 Prozent der indonesischen Ölpalmenplantagen sind in den Händen von Kleinbauern, die unter Umständen weniger gut über Biodiversität und nachhaltigen Anbau Bescheid wissen. Wenn sich Forscher auf große Unternehmen konzentrieren, um ihnen dabei zu helfen, die Natur etwas zu schädigen, wer wird dann die unökologischen Anbaumethoden untersuchen, fragt Maria Brockhaus. Die indonesische Regierung, nicht die Industrie sollte die Forschung an Ölpalmen finanzieren, sagt die Expertin: »Das Land hat die Verantwortung, unabhängige und kritische Forschung sicherzustellen, die dem Interesse eines Großteils der Bevölkerung dient und nicht bloß Partikularinteressen.« Die Regierung könnte sich auch den sozialen und wirtschaftlichen Aspekten des Palmölanbaus widmen, sagt Hariadi Kartodihardjo von der Bogor Agricultural University. Bisher kämen die Einnahmen in erster Linie der herrschenden Elite und einigen wenigen Großindustriellen zugute. Millionen von Plantagenarbeitern würden unterdessen oft zu Niedriglöhnen schuften, an abgelegenen Orten, mit wenig Zugang zu Bildung. »Das ist ein Problem, das gelöst werden muss.«

Aber die staatlichen Mittel für Forschung sind knapp. Viele indonesische Wissenschaftler können von einem Budget wie dem von SMARTRI nur träumen. Der Indonesian Oil Palm Estate Fund, eine Regierungsbehörde, die Steuern auf Palmölexporte erhebt, finanziert ebenfalls Forschungsprojekte. Der größte Teil davon fällt jedoch auf den Bereich der Agrarwissenschaften und auf die Verarbeitungsprozesse nach der Ernte. Projekte zu Biodiversität oder sozialen und wirtschaftlichen Themen werden weniger gefördert.

»Wir können den Unternehmen nicht blind vertrauen. Sie werden wann immer möglich nach Schlupflöchern suchen, um das System zu ihrem Vorteil zu nutzen«
(David Gaveau, Center for International Forestry Research)

Turner hat keine Skrupel wegen seiner Zusammenarbeit mit Sinar Mas: »Für groß angelegte, experimentelle Studien braucht man eine Menge Ressourcen«, sagt er. Auch Matthew Struebig sieht die Gesamtbilanz positiv. Die Zusammenarbeit mit Unternehmen verschaffe Forschern Zugang zu den Plantagen, zu Daten und trage dazu bei, Vertrauen zwischen Wissenschaft und Industrie aufzubauen. »In meinen Augen wird die Zusammenarbeit mit der Industrie zu mehr Fortschritten im Punkt Nachhaltigkeit führen, als wenn wir ohne sie arbeiten würden.«

Nach einer langen Fahrt durch die Plantage steigt Agung aus seinem Land Cruiser und läuft auf einen schmalen Fluss zu. Die Gegend sieht hier ganz anders aus: Palmen sind nicht in Sicht, nur junge Regenwaldbäume und wilde Sträucher. Sie gehörten zu einer Langzeitstudie, welche das Cambridge-Team 2018 begann. Auf Grund eines im Jahr 2015 gefassten Regierungsbeschlusses dürfen Unternehmen auf ihren Plantagen innerhalb von 50 Meter breiten Bändern entlang von Flüssen keine neuen Ölpalmen anpflanzen. Die Idee dahinter ist, diese Zonen allmählich der Natur zurückzugeben. Die Frage, wie das am besten gelingen kann, ist noch offen. Das Team testet deshalb vier Strategien. Auf einer Parzelle wurden alle Palmen gerodet und durch sechs einheimische Arten ersetzt. Einige von ihnen gedeihen nicht besonders gut. Ein junger roter Meranti (Shorea leprosula) ist praktisch tot.

Als er sich einer anderen Parzelle nähert, hellt sich Agungs Gesicht auf. Die Forscher hatten dort die Ölpalmen stehen lassen und dazwischen einheimische Bäume gepflanzt. Hier wächst und gedeiht ein Meranti. Vielleicht müssen die Bäume zu Anfang von den alternden Palmen beschattet werden, mutmaßt Agung. Ein anderer typischer Vertreter des einheimischen Waldes, Peronema canescens, den das Team im vergangenen Jahr gepflanzt hatte, ist bereits größer als Agung. Dieser stellt sich daneben und macht ein Selfie. Dabei ignoriert er eine Weberameise, die seinen Hals entlang krabbelte. »Ich kann es kaum erwarten, das Gebiet in ein paar Jahren zu sehen. Es wird wie ein Wald aussehen.«

Dyna Rochmyaningsih via The Story Market; erstmals erschienen in »Science«.

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