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Ökologie: Zerbrechliche Paradiese

Sie gelten als Inbegriff paradiesischer Vollkommenheit: die pazifischen Südseeinseln. Doch manche dieser Paradiese, wie die Osterinsel, hat der Mensch fast vollständig zerstört, andere Inseln reagierten auf menschliche Eingriffe wesentlich robuster. Woher kommen diese Unterschiede?
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Der holländische Admiral Jakob Roggeveen traute seinen Augen kaum, als er durch sein Fernrohr blickte. Riesige Steinfiguren begrüßten die Seefahrer aus dem fernen Europa, die nach einer vierwöchigen Reise die kleine vulkanische Insel im Pazifik entdeckt hatten. Roggeveen nannte das Eiland mit den merkwürdigen Statuen, das er am Ostersonntag, den 5. April 1722 betrat: Osterinsel.

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Osterinsel | Die Osterinsel, einst üppig bewaldet, hat der Mensch durch rücksichtslose Abholzung in ein baumloses Ödland verwandelt.
Die Osterinsel entpuppte sich jedoch als wenig gastlicher Ort. Sie war karg, es gab fast kein Brennholz, und die wenigen tausend Einwohner lebten in ärmlichen Verhältnissen, wobei sie damit beschäftigt waren, sich gegenseitig zu massakrieren und dabei auch vor Kannibalismus nicht zurückschreckten.

Als der englische Seefahrer James Cook 52 Jahre später die Insel besuchte, war die Bevölkerung auf knapp 700 Menschen zurückgegangen, die durch Sklaverei und eingeschleppte Krankheiten weiter dezimiert werden sollten. Im Jahr 1877 – also nur 150 Jahre später – lebten gerade noch 111 halbverhungerte Menschen auf der Insel.

Dabei muss die Osterinsel einst ein wahres Paradies gewesen sein, als die ersten Menschen vermutlich um das Jahr 400 hier landeten. Pollenfunde zeugen von einer reichen Bewaldung, Vogelknochen deuten auf riesige Kolonien von Seevögeln hin. In der Blütezeit im 13. und 14. Jahrhundert, in der die riesigen Statuen aufgerichtet worden sind, lebten hier schätzungsweise bis zu 20 000 Insulaner. Doch die Bewohner gingen wenig pfleglich mit ihrer Heimat um, sie holzten die Wälder radikal ab, in wenigen Jahrhunderten wandelte sich die fruchtbare Insel zum Ödland.

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Marquesas | Die Marquesas-Inseln zeigen heute immer noch eine reichhaltige tropische Vegetation – trotz Einfluss des Menschen.
Ganz anders dagegen die Marquesas-Inseln, die James Cook ebenfalls im Jahr 1774 anlief. Wie die Osterinsel können sie auf eine lange Besiedlungsgeschichte zurückblicken, die vermutlich sogar bis zur Zeitenwende zurückreicht. Trotz menschlichen Eingriffs zeigen sie immer noch eine üppige tropische Vegetation; der aus europäischer Hektik geflüchtete französische Maler Paul Gauguin fand hier sein Paradies und auf der Insel Hiva Oa seine letzte Ruhestätte.

Warum traf es die Polynesier auf den Marquesas besser als die Osterinsulaner? Waren sie die klügeren Ökologen? Klüger als ihre entfernten Verwandten auf der Osterinsel, die durch primitiven Raubbau ihre eigene Lebensgrundlage vernichtet hatten?

Jared Diamond, Geograf an der Universität von Kalifornien in Los Angeles, wollte es genauer wissen. Darum reiste er nach Hawaii, um dort den Archäologen und Anthropologen Barry Rolett zu fragen, der sich mit Polynesien, insbesondere mit den Marquesas, intensiv beschäftigte.

Doch Rolett wusste zunächst auch keinen Rat, und daher suchten die beiden Wissenschaftler gemeinsam nach einer Antwort. Sie studierten 81 unterschiedliche ökologische Biotope von insgesamt 69 polynesischen Inseln, die sich über den ganzen Pazifik erstreckte – von der Insel Yap im Westen zur Osterinsel im Osten, von Hawaii im Norden zu Neuseeland im Süden. Hier werteten sie historische Aufzeichnungen europäischer Seefahrer, vor allem von James Cook, über die Bewaldung aus und verglichen klimatische und geografische Faktoren wie Lage, Größe und Beschaffenheit der Inseln.

Es zeigte sich, dass die ersten Menschen, welche die Paradiese der Südsee für sich entdeckt hatten, mit unterschiedlichen Startbedingungen konfrontiert waren. Je wärmer und feuchter das Klima war, desto robuster reagierten die Ökosysteme auf die Neuankömmlinge. Als günstig erwies sich auch eine nahe Lage zum Äquator sowie eine regelmäßige Versorgung mit vulkanischer Asche und Stäuben, die vom asiatischen Festland herüberwehten. Kleine, flache und leicht zugängliche Inseln hatten schlechte Karten, während große, steile, zerklüftete Inseln dem menschlichen Eingriff besser trotzten. Eiländer, die isoliert von Nachbarinseln lagen, sodass die Menschen nur schwer ausweichen konnten, boten verschärfte Bedingungen.

Damit können die Bewohner der Osterinsel zumindest teilweise entlastet werden. Offensichtlich hatten sie besonderes Pech: Ihre Heimat liegt isoliert und weit entfernt vom Äquator, fruchtbare Stäube verirren sich hierher nur selten, die Insel ist flach und klein, das Klima verhältnismäßig trocken. "Das Ökosystem der Osterinsel ist nicht zusammengebrochen, weil ihre Bewohner besonders unfähig waren", betonen die Forscher, "sondern weil sie mit der zerbrechlichsten Umwelt des Pazifiks konfrontiert worden sind."
24.09.2004

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 24.09.2004

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