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Evolution der Religion

Wie und warum sind Religionen entstanden? Warum verändern sie sich? Welche Faktoren sind dabei von Bedeutung? Diesen Fragen nähert sich Ina Wunn, indem sie ein Evolutionsmodell für Religionen entwirft. Dabei greift sie auf ihr umfangreiches interdisziplinäres Fachwissen zurück: Bevor sie Professorin für Religionswissenschaft wurde, hat sie Biologie, Geologie und Paläontologie studiert und in letzterem Bereich promoviert. Wunns Überzeugung nach ist die Entwicklung der Religionen den gleichen Gesetzen unterworfen wie die Evolution des Lebens und lässt sich ebenso wissenschaftlich erfassen.

Bereits früher gab es Versuche, eine Evolutionstheorie der Religionen aufzustellen. Stammesreligionen früherer oder heutiger nichtindustrialisierter Kulturen wurden dabei oft als niedrige Entwicklungsstufe klassifiziert und mit frühmenschlichen Formen der Religiosität gleichgesetzt. Für Wunn zeugen diese Ansätze von mangelndem Verständnis der biologischen Evolution. Diese sei eben kein gerichteter Prozess, der zur Vervollkommnung strebe, sondern stetige Variabilität und Anpassung an sich wandelnde Umweltbedingungen.

Analogie zur biologischen Evolution

Um ihre eigene Evolutionstheorie der Religionen auf eine solide Basis zu stellen, widmet sich die Autorin zunächst ausführlich den biologischen Grundlagen. Sie beschreibt im Detail, wie sich die heute anerkannte Evolutionstheorie entwickelt hat, welche Wissenschaftler dazu beigetragen haben und wie frühere Vorstellungen immer wieder neuen Erkenntnissen wichen. Dieser Teil nimmt mehr als die Hälfte des Buchs ein und stellt damit Leser(innen), die endlich zum Themenkomplex Religionen vorstoßen wollen, auf eine Geduldsprobe. Die entsprechenden Kapitel lassen sich aber problemlos überspringen, zumal Wunn die Kerngedanken wiederholt, wenn sie daran anschließend ihr religionswissenschaftliches Evolutionsmodell herleitet.

Einer dieser Kerngedanken ist für die Autorin, dass es eine natürliche "evolvierende Einheit" brauche – in der Biologie sei das die Art (verstanden als Fortpflanzungsgemeinschaft). Kann eine bestimmte Religion eine solche Einheit sein, fragt Wunn. Solange man Religionen nur über die Ähnlichkeit von Merkmalen definiere, sei das nicht möglich. Schließlich könnten sich die kultischen Handlungen unterschiedlicher Religionen durchaus ähneln, wogegen sie sich innerhalb einer Religion stark unterscheiden können. Einem protestantischen Christen etwa dürfte ein jüdisch-reformierter Gottesdienst vertrauter vorkommen als die Messe einer äthiopisch-orthodoxen Gemeinde.

Wunn orientiert sich daher am biologischen Artbegriff. Hier sind es nicht die äußeren Merkmale, die eine Spezies ausmachen, sondern die Tatsache, dass sich die Individuen miteinander fortpflanzen können. Analog dazu definiert die Autorin eine Religion nicht über Auffassungen oder Handlungen ihrer Anhänger, sondern legt die Abgrenzung zu anderen Glaubensrichtungen als Definitionskriterium fest. Solange sich Menschen gegenseitig als Mitglieder der gleichen Glaubensgemeinschaft anerkennen, gehören sie demnach der gleichen Religion an. Ist dies nicht (mehr) der Fall, handelt es sich um verschiedene Religionen. An Beispielen aus der heutigen Welt legt Wunn das schlüssig dar. Unklar bleibt allerdings, inwieweit das auf Religionen übertragbar ist, die heute nicht mehr existieren.

Reproduktive Fitness nicht entscheidend

Nachdem sie die evolvierende Einheit derart festgelegt hat, begibt sich Wunn auf die Suche nach Evolutionsfaktoren. Sie kommt zu dem Schluss, dass sowohl die biologische als auch politische und soziale Umwelt eine Religion gravierend prägen und Wandlungsprozesse in ihr anstoßen können. Dies untermauert die Autorin anhand mehrerer Beispiele. Dabei hebt sie hervor, dass sich Religionen gezielt an veränderte Umweltbedingungen anpassen und Nischen ausnutzen können. Anders als Objekte der biologischen Evolution sind sie also nicht auf ungerichtete Variabilität angewiesen.

Auch auf die Rolle der Vererbung geht die Autorin ein. Demnach wird Religion einerseits von Generation zu Generation weitergegeben, andererseits unter Gleichaltrigen – in beiden Fällen mittels Kommunikation. Für den Fortbestand einer bestimmten Religion sei daher nicht die reproduktive Fitness ihrer Mitglieder entscheidend, sondern die Überzeugungskraft ihres Weltbilds und ihrer Anhänger. Diese kann sogar zunehmen, wenn Vertreter der Glaubensgemeinschaft beispielsweise als Märtyrer sterben.

Auf wenigen Seiten widmet sich Wunn abschließend dem Weg von steinzeitlichen zu modernen Formen der Religion und beschreibt, wie noch heute neue entstehen. Der Buchtitel suggeriert irreführend, dies sei das eigentliche Thema des Werks. Doch der Autorin geht es eher darum, ein wissenschaftlich fundiertes Modell religiöser Evolution herzuleiten. Das gelingt ihr durchaus. Inhaltliche Erläuterungen kommen daneben aber zu kurz. Überdies setzt sie viele Fachausdrücke voraus. Der Band bietet daher fachlich interessante Anregungen und eröffnet neue Perspektiven. Für ein Laienpublikum ist er allerdings weniger geeignet.

50/2017

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 50/2017

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