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Wirkung ohne Wirkstoff

Auch Scheinbehandlungen können den Heilungsprozess unterstützen – nicht weil sie selbst wirken, sondern weil die Patienten von ihnen Besserung erwarten.

Der heilende Effekt von Scheinbehandlungen ist mittlerweile wohlbekannt. In diesem Buch schildern führende Experten den neuesten Stand der Forschung und diskutieren in Essays und Interviews deren Chancen und Grenzen. Was wirkt, seien nicht die Placebos selbst, betonen die Herausgeber Ulrike Bingel und Manfred Schedlowski vom Universitätsklinikum Essen und die Wissenschaftsjournalistin Helga Kessler. Entscheidend sei vielmehr die Erwartung, die der Patient an die Behandlung knüpft. Daher beeinflussten Placeboeffekte auch jede Form der Therapie. Der Zusatz »2.0« im Titel spielt darauf an: Geschickt genutzt, könnten Placeboeffekte in Zukunft wirksame Behandlungen optimieren.

In zehn Kapiteln erläutern Forscher wie der Psychologe Winfried Rief von der Philipps-Universität Marburg, die Medizinethikerin Bettina Schöne-Seifert von der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster und der bekannte Placebo-Forscher Ted Kaptchuk von der Harvard Medical School, welche psychologischen und biochemischen Mechanismen zum Placeboeffekt beitragen. Neben Hoffnung und Zuversicht sind nämlich auch körperliche Lernprozesse am Werk.

Die Macht der Erwartung

Auch ethische Fragen thematisiert das Buch: Ist eine absichtliche Täuschung des Patienten bei der Verordnung von Placebos vertretbar? Ist diese überhaupt nötig, damit die Heilwirkung einsetzt? Und wie ergeht es Patienten, die in klinischen Studien lediglich eine Zuckerpille statt des wirksamen Medikaments erhalten?

Dem bösen Zwilling des Placeboeffekts – dem Noceboeffekt – ist ebenfalls ein Kapitel gewidmet. Er tritt auf, wenn negative Erwartungen Symptome auslösen. Italienische Forscher luden beispielsweise Versuchspersonen in ein Berglabor in 3500 Meter Höhe ein und erklärten einem Teil von ihnen, dass die dünne Höhenluft Kopfschmerzen auslösen kann. Im Bus, in dem die informierten Teilnehmer anreisten, klagten 31 von 36 Personen über Kopfschmerzen. Im Bus mit den unbedarften Probanden waren es nur 20. Im Speichel der ersten Gruppe fanden die Wissenschaftler zudem vermehrt schmerzauslösende Stoffe. Die Befürchtung hatte offenbar biochemische Prozesse angestoßen. Wie sich solche erwartungsinduzierten Nebenwirkungen bei der Behandlung vermeiden lassen, schildern Experten im Buch und verraten, ob sie selbst die Beipackzettel ihrer Medikamente studieren.

Am Ende wird noch einmal über den Tellerrand der Medizin geblickt: Forscher anderer Fachgebiete besprechen hier etwa, welche Rolle der Placeboeffekt im Sport und in der Pädagogik spielt. Der gelungene Band ist somit gleichermaßen für Ärzte, Psychologen, Patienten und andere interessierte Laien geeignet. Die klare Sprache und die in Pastellfarben gestalteten Illustrationen und Grafiken geben dem Leser nie das Gefühl, ein dröges Fachbuch zu lesen.

11/2020

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 11/2020

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