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Covid-19: Corona und die Kunst, ein Flugzeug zu belüften

Wie gefährlich ist das Fliegen in Corona-Zeiten? Dianna Cowern alias »Physics Girl« befasst sich in ihrem Video mit der Frage, wie eine sinnvolle Belüftung der Verbreitung des Virus entgegenwirken kann. Leider gerät ihr dabei einiges durcheinander.
Corona und die Kunst, ein Flugzeug zu belüften

Veröffentlicht am: 29.07.2020

Laufzeit: 0:13:17

Sprache: englisch

Auf dem YouTube-Kanal Physics Girl präsentiert die Wissenschaftskommunikatorin Dianna Leilani Cowern physikalische Themen. Der Kanal gehört zu den PBS Digital Studios.

Viele Menschen würden gerne in Urlaub fliegen, wie das vor der Corona-Pandemie selbstverständlich war, aber sie trauen sich nicht. Bei einer Umfrage des Redaktionsnetzwerks Deutschland (RND) gaben nur neun Prozent von 1630 Lesern an, dass sie im Sommer mit dem Flugzeug an ihren Urlaubsort gereist sind. Kein Wunder, dass den Fluggesellschaften der Schweiß auf der Stirn steht.

Dianna Cowern alias »Physics Girl« tut zunächst wenig, um die Befürchtungen zu zerstreuen. Sie beginnt ihr Video mit einem Bericht über ein weit zurückliegendes Superspreader-Ereignis. Im Jahr 1977 musste eine Boeing 737 der Alaska Air ihren Start in Homer abbrechen, weil das linke Triebwerk versagte. Eine Reparatur erwies sich als unmöglich. Erst nach viereinhalb Stunden brachte ein anderes Flugzeug einen Großteil der Passagiere an ihr Ziel. Die meisten blieben während der Wartezeit an Bord. Binnen 60 Stunden entwickelten 38 der 53 Menschen an Bord Symptome wie schweren Husten, Fieber, Glieder- oder Kopfschmerzen. Nach gründlicher Ursachenforschung stellte sich heraus, dass eine einzige kranke Passagierin 37 weitere Menschen mit einem Grippevirus angesteckt hatte. Weil die Lüftung an Bord die meiste Zeit abgestellt war und die Passagiere sich während der Standzeit frei im Flugzeug bewegen konnten, fand das Virus fast ideale Ausbreitungsbedingungen vor.

Hätte eine dauerhaft eingeschaltete Lüftung den Vorfall verhindern können? Das Video behauptet, dass ein infizierter Passagier im Flugzeug bei einem störungsfrei ablaufenden Flug nur etwa 0,7 weitere Personen ansteckt. Es bezieht sich dabei auf eine wissenschaftliche Veröffentlichung, deren Autoren diese Zahl zwar angeben, aber ausdrücklich darauf hinweisen, dass sie nicht verallgemeinert werden sollte. Es handelt sich um das Ergebnis einer Simulationsrechnung für Flüge mit einer Dauer von 3,5 bis 5 Stunden. Es erfasst auch bloß jene Krankheiten, die hauptsächlich durch Tröpfchen und nicht durch Aerosole übertragen werden – was auf Sars-CoV-2, den Erreger der aktuellen Pandemie, nicht zutrifft. Er nutzt beide Wege und kann sich auch über Kontakt mit infizierten Oberflächen verbreiten.

Als Aerosole (Schwebeteilchen) bezeichnet man winzige Staub- oder Nebelteilchen, die lange in der Luft hängen und sich in geschlossenen Räumen bis in die letzte Ecke verteilen. Tröpfchen sind größer, fallen schnell auf den Boden und gelangen vorwiegend beim Husten und Niesen in die Luft. Sie kommen aber nur etwa ein bis zwei Meter weit. Aerosole hingegen entstehen schon beim lauten Sprechen und Singen. Anders als im Video behauptet, gibt es für die Teilchengröße keine feste Grenze von fünf Mikrometern (µm), was etwa einem Zehntel des Durchmessers eines menschlichen Haars entspricht, um zwischen Tröpfchen und Aerosol zu differenzieren. Roggenpollen fliegen beispielsweise im Frühsommer kilometerweit, wie geplagte Pollenallergiker bestätigen können. Sie gelten deshalb als Aerosole, ihr Durchmesser liegt aber zwischen 52 und 65 µm. Fairerweise muss man sagen, dass die unsinnige Grenze von fünf µm auch in wissenschaftlichen Publikationen immer wieder auftaucht.

Den Coronaviren ist das sowieso ziemlich egal. Sie messen nur ein achtel µm und können auch auf kleinen Aerosolen bequem zu Dutzenden mitreisen. Schon rund 1000 Viren reichen aus, um die Hälfte der exponierten Menschen anzustecken. Das hat natürlich niemand nachgezählt, doch es lässt sich nach der Auswertung vieler Superspreader-Ereignisse abschätzen. Als Faustregel kann gelten, dass eine Infektion umso wahrscheinlicher ist, je näher man einem Kranken kommt und je länger man den infizierten Tropfen oder Aerosolen ausgesetzt ist. Mund-Nasen-Schutz und Abstand sind also notwendig, aber eine intelligente Lüftungsstrategie hilft natürlich ebenfalls. Leider kommt das Video zu diesem Thema nicht über zusammenhanglose Einzelbeschreibungen hinaus.

So stellt die schwedische Wissenschaftlerin Malin Alsved ihre Arbeit in einem Kurzinterview vor. Sie hat drei Lüftungsverfahren für Operationssäle verglichen. Dabei ging es jedoch eher um den Schutz vor bakterieller Infektion der Operationswunden. Wie man im Video weiter erfährt, gelten auch für die begehbaren Tresorräume von Banken bestimmte Lüftungsvorschriften. Das ist sicher gut zu wissen, andererseits sind diese Lokalitäten bisher nicht als Virenschleudern aufgefallen.

Schließlich kommt das Physics Girl doch wieder auf Flugzeuge zu sprechen: Die Luft in der Kabine, so erfahren wir, wird alle drei Minuten komplett ausgetauscht. Das ist allerdings nicht der Grund, warum Fluggesellschaften immer wieder das geringe Risiko einer Infektion betonen. Entscheidend ist vielmehr die Luftführung. Jeder Passagier erhält seine Zuluft aus der Düse über seinem Kopf. Sie fließt weiter in den Fußraum und wird dort abgesaugt. Dann läuft sie durch ein so genanntes HEPA-Filter, wird mit Außenluft vermischt und wieder in die Kabine geblasen. HEPA steht für »high efficiency particulate air«. Solche Filter halten selbst virengroße Partikel fast vollständig zurück. Im Video fehlt die genaue Beschreibung der Luftführung, das animierte Schaubild ist falsch und der gesprochene Text missverständlich.

Das Video von Dianna Cowern, deren YouTube-Kanal »Physics Girl« gut 1,7 Millionen Abonnenten hat, ist unterhaltsam und vermittelt Partywissen der Sorte »echt jetzt?«. Es trägt aber nicht dazu bei, die komplexen Zusammenhänge zwischen Lüftung und Infektion besser zu verstehen. Wer mehr über Aerosole erfahren möchte, wird beim Deutschen Wetterdienst fündig. Zuverlässige aktuelle Informationen über die Ausbreitung des Coronavirus gibt es beim Robert Koch-Institut.

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