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Weibliche Anatomie: Lässt sich medizinisch feststellen, ob jemand noch Jungfrau ist?

Das Jungfernhäutchen soll angeblich beim ersten Sex reißen. Doch dieser »Beweis« einer Entjungferung ist vor allem eines: ein anatomisches Missverständnis.
Ein Vorhängeschloss in Herzform
Im Jahr 2018 erklärte sogar die Weltgesundheitsorganisation, dass so genannte Jungfräulichkeitstests keine wissenschaftliche Grundlage haben. Es gibt keine Untersuchung, die beweist, dass ein Mensch Sex hatte.

Das Jungfernhäutchen ist als eine Art Keuschheitssiegel bekannt, das beim ersten Geschlechtsverkehr reißen und bluten soll. Davon erzählen literarische Werke, mittelalterliche Kunstwerke und sogar moderne Aufklärungsbücher. In manchen Kulturkreisen hängt das Leben vieler Frauen davon ab, ob das Häutchen vor der Eheschließung intakt ist. Wenn in der Hochzeitsnacht kein Blut auf dem Laken zu sehen ist, war die Braut keine Jungfrau.

Doch die anatomische Realität sieht völlig anders aus. Das Jungfernhäutchen (fachsprachlich Hymen genannt) ist keine verschließende Hautschicht, sondern ein elastischer Kranz aus Schleimhaut, der den Eingang der Vagina umrandet. Von Spagat über Menstruationstassen, Tampons und Sexspielzeug bis hin zur vaginalen Entbindung: Nichts davon lässt sich dem Hymen eindeutig ansehen. Auch, ob ein Mensch bereits Sex hatte, verrät der flexible Schleimhautkranz nicht. Selbst bluten kann er kaum. Aber der Reihe nach.

Dass das Jungfernhäutchen nicht als Keuschheitsindiz taugt, entdeckte die Ärztin Marie Kjølseth bereits im Jahr 1906. Kjølseth, die zu Norwegens erster Generation studierter Medizinerinnen zählte, untersuchte in der Pathologie des Osloer Geburtshilfestifts den Unterleib einer Sexarbeiterin und stellte fest, dass deren Hymen dem einer Jungfrau glich. Als die norwegische Fachzeitschrift für Medizin »Norsk Magazin for Lægevidenskaben« diese Entdeckung veröffentlichte, sorgte nicht nur der Inhalt, sondern auch der Artikel selbst für Aufsehen – denn Kjølseth publizierte als erste Frau in diesem Fachblatt. Allem Trubel zum Trotz geriet die Pionierin später in Vergessenheit, genauso wie das, was sie entdeckt hatte.

Mehr Stoffhaargummi als Vorhängeschloss

Mehr als 100 Jahre später erinnerten Nina Brochmann und Ellen Støkken Dahl in einem populärwissenschaftlichen Vortrag an Kjølseths Pionierarbeit. Die beiden Medizinstudentinnen hielten 2017 einen TED-Talk über das Jungfernhäutchen und das Missverständnis, das ihm noch immer anhaftet. Mit auf die Bühne brachten sie – zu Demonstrationszwecken – einen Hula-Hoop-Reifen, der mit Frischhaltefolie bespannt war. Dahl durchstach die Folie und erklärte dann: »Es ist leicht zu sagen, dass dieser Reifen keine Jungfrau mehr ist.« Brochmann ergänzte: »Aber das Jungfernhäutchen ist eben kein Stück Folie. Tatsächlich ähnelt es vielmehr so etwas.« Dann präsentierten sie ein mit Stoff bezogenes Haargummi, ein Scrunchie.

Das Hymen – mehr Saum als Siegel
2017 nutzten die beiden Medizinstudentinnen Nina Brochmann und Ellen Støkken Dahl einen TED-Talk, um über das Hymen aufzuklären. Mehr als zehn Millionen Mal wurde das Video inzwischen aufgerufen.

Der Vergleich des Hymens mit einem solchen Stoffhaargummi ist nicht weit hergeholt. Es gleicht anatomisch einer gerafften Hautgirlande. Der Gewebesaum ist ein Überbleibsel aus dem Embryonalstadium. Während der Entwicklung im Mutterleib formt sich die röhrenförmige Struktur der Vagina, wobei das Hymen zunächst als verschließende Membran zurückbleibt.

Unter dem Einfluss mütterlicher Östrogene schwillt das Hymen an, wird weich und öffnet sich kurz vor der Geburt oder kurz danach, innerhalb der ersten Lebenstage. Das verbleibende Gewebe ist meist ringförmig, oft mit glatten Rändern, die aber genauso gefranst sein können.

Während der Pubertät verändert sich das Hymen deutlich. Unter dem Einfluss von Hormonen wird der Schleimhautkranz dicker, faltiger und zugleich elastischer. Dabei kann das Hymen ein halbmondförmiges Aussehen annehmen, so dass nur der zum Gesäß hin gelegene Teil des ursprünglich ringförmigen Saums übrig bleibt. Diese Form ist allerdings nur eine von vielen, denn der Saum um die Vaginalöffnung ist in seinem Aussehen extrem variabel.

Fifty Shades of Hymen

Auch wenn das Hymen zumeist die Form eines Rings, Halbmonds oder auch eine fransenartige Struktur aufweist, unterscheidet sich der Schleimhautkranz von Mensch zu Mensch und verändert sich zudem individuell im Lauf des Lebens. In seiner Beschaffenheit unterliegt das Hymen also einer Art kontinuierlichem Anpassungsprozess, der vor allem von hormonellen Veränderungen abhängt.

Das Hymen sieht nicht nur so aus, es ist auch sehr flexibel und dehnbar – ganz so wie ein Gummiband. Selbst eine extreme Ausdehnung wie die während der Geburt eines Kindes kann das Hymen unbeschadet überstehen. Kommt es zu Rissen oder Verletzungen, heilt der Schleimhautkranz normalerweise wieder schnell und narbenlos. Ist eine Naht notwendig, wie zum Beispiel bei einem Dammriss, orientieren sich Ärztinnen und Ärzte sogar an den bestehenden vaginalen Schleimhautfalten. Woher etwa eine Delle oder Falte im Hymen kommt und ob es sich dabei um die ursprüngliche anatomische Variante handelt, lässt sich nicht zweifelsfrei feststellen.

Auch vor und nach dem (ersten) Sex lässt sich am Hymen kein Unterschied erkennen. Im Jahr 2018 erklärte die Weltgesundheitsorganisation WHO entsprechend, so genannte Jungfräulichkeitstests hätten keine wissenschaftliche Grundlage. Es gäbe keine Untersuchung, die beweise, dass ein Mensch Sex hatte. Auch das Hymen verrate nicht, ob eine Person sexuell aktiv sei. Diese Richtigstellung von oberster Stelle ist wichtig – aber kommt sie nicht reichlich spät?

Blutiger Irrglaube

Der Glaube an Blut auf dem Laken als Beweis der »Entjungferung« hält sich hartnäckig. Dabei ist es unwahrscheinlich, dass das Hymen eine solche Blutung überhaupt verursachen kann. Nicht nur weil es sich mit der restlichen Scheide dehnt, sondern auch weil der Schleimhautkranz verhältnismäßig wenig Blutgefäße besitzt. Selbst wenn das Hymen verletzt wird oder reißt, blutet es nur wenig.

Kommt es während des vaginalen Geschlechtsverkehrs zu einer Blutung, sind viel wahrscheinlicher kleine Verletzungen der Vaginalwand die Ursache. Die entstehen zum Beispiel durch (zu) starke mechanische Reibung in Kombination mit (zu) wenig Feuchtigkeit in der Vagina oder einer verkrampften Scheidenmuskulatur.

Es gibt bis heute keine belastbare Statistik, die aussagt, wie häufig es beim ersten und einvernehmlichen Geschlechtsverkehr überhaupt zu einer Blutung kommt. Mit Sicherheit lässt sich jedoch sagen, dass das erste Mal nicht unbedingt blutig sein muss. Auch ist noch immer unklar, welche Funktion das Hymen übernimmt – ob ein Mensch bereits Geschlechtsverkehr hatte oder nicht, verrät das Jungfernhäutchen allerdings in keinem Fall.

Nicht ganz unschuldig daran, dass man ihm das auch heute noch nachsagt, ist sein irreführender Name. Um mit dem Begriff auch das Missverständnis darum ein für alle Mal auszuräumen, hat die Schwedische Vereinigung für Sexualerziehung das schwedische Pendant des Wortes Jungfernhäutchen »mödomshinna« schon 2009 abgeschafft und durch »slidkrans« ersetzt, was so viel bedeutet wie vaginale Krone. Ob sich diese treffende wie poetische Bezeichnung auch im deutschen Sprachgebrauch durchsetzt, bleibt abzuwarten.

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