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Lobes Digitalfabrik: Darf man dieses Hündchen treten?

Der Roboter als bester Freund des Menschen? Keine Frage, auch auf Automaten reagieren wir empathisch. Das hat jedoch denkwürdige ethische Folgen, meint unser Kolumnist Adrian Lobe.
Ein computeranimierter RoboterhundLaden...

Er hat vier Beine, kann neben seinem Besitzer herrennen und sogar bellen: gestatten, Spot, der Roboterhund. So recht possierlich sieht der mechanische Vierbeiner, den die Roboterfirma Boston Dynamics entwickelt hat, noch nicht aus – mehr wie ein Mutant aus einem Sciencefiction-Film. Auch das Bellen wirkt metallisch. Doch das künstliche Wesen besitzt alle Fähigkeiten eines Hunds. Vor allem ist er pflegeleicht. Er will kein Fressen, muss nicht Gassi gehen, macht kein Häufchen und verursacht keine Allergien. Geht es nach den Entwicklern, sind Roboter die menschlichen Begleiter von morgen.

Der praktische Grund, warum Roboter als Ersatz für Haustiere, deren Domestizierung schon vor 32 000 Jahren begann, erdacht werden, ist die rasant wachsende Weltbevölkerung. Bis 2050 werden nach Schätzungen der Vereinten Nationen rund 9,5 Milliarden Menschen auf dem Planeten leben. Und wenn angenommen wird, dass im Schnitt jeder Zweite – so wie heute schon – ein Haustier besitzt, wird der Platz eng für Mensch und Tier. Dagegen braucht ein Robo-Dog keinen Auslauf, man kann ihn einfach zusammenklappen und bei Bedarf ein- und ausschalten.

Die MIT-Forscherin Cynthia Breazeal hat einen Roboter namens Jibo entwickelt, den ersten "sozialen Roboter", wie es heißt. Jibo kann Gesichter erkennen, Gespräche führen und Fotos machen. Der Roboter, der aus zwei kugelartigen Modulen besteht und sich wie ein hyperaktiver Wackeldackel bewegt, ist mit zwei hochauflösenden Kameras, 360-Grad-Mikrofonen, Lernalgorithmen sowie einem Bildschirm ausgestattet, so dass man per Spracheingabe kommunizieren kann. Wenn man von der Arbeit nach Hause kommt, begrüßt einen Jibo und nimmt die Bestellung für das Abendessen auf. Oder unterhält uns in der Küche beim Zwiebelschälen. Jibo ist Entertainer, persönlicher Assistent und Seelenklempner in einem. Die Japanerin Tomomi Ota führt mit ihrem Roboter Pepper, der unter anderem auch in Filialen der Softbank steht, eine Art Liebesbeziehung: Sie schiebt ihn mit einem Buggy in die Tokioter U-Bahn, geht mit ihm zusammen vor einem Shinto-Schrein beten und musiziert mit ihm.

"Seelenlose Automaten" darf man malträtieren – fand schon Descartes

Beziehungen dieser Art aufzunehmen, scheint den meisten Menschen gar nicht so schwerzufallen, dank unserer Neigung, Roboter zu anthropomorphisieren, das heißt, ihnen menschliche Eigenschaften zuzuschreiben: Verhaltensforscher haben herausgefunden, dass Kinder mit dem Roboterhund Aibo ähnlich wie mit einem Haustier umgehen – und spielen.

Soziale Roboter beziehungsweise Tierroboter werfen jedoch eine Reihe ethischer Fragen auf: Darf man Aibo treten? Hat man Fürsorgepflichten? Dürfte man ihn in den Krieg schicken? Der Robotik- und KI-Forscher Noel Sharkey vertritt die Auffassung, dass es einzig unethisch wäre, wenn der Roboter ein Schmerzempfinden hätte. Allein, das Argument ist problematisch, weil es schon bei Tieren schwierig ist herauszufinden, ob sie Schmerzen empfinden. Wie will man das bei einer Maschine herausfinden, die kein Bewusstsein hat?

Descartes schrieb, Tiere seien "seelenlose Automaten". Folgte man dieser Einsicht, dürfte man guten Gewissens auf lebende Hunde eintreten. Was zeigt: Der Analogieschluss ist zirkulär. Zwar sind Tiere rechtlich gesehen Sachen, aber durch das Tierschutzgesetz in besonderem Maß geschützt. Die Tierschutzorganisation Peta argumentiert, dass das Malträtieren eines Roboterhunds letztlich genauso ein aggressives Verhalten darstelle, wie wenn man einen lebenden Hund trete. Die Aggression werde letztlich nur auf die Maschine projiziert, die zwar als Blitzableiter fungiert und das Lebewesen schont, was aber die Ursache der Aggression nicht behebe.

Der Tierforscher Jean-Loup Rault von der University of Melbourne weist in seinem Paper über Haustiere im digitalen Zeitalter ("Pets in the Digital Age: Live, Robot, or Virtual?") darauf hin, dass die Entwicklung von Robotervierbeinern aus ethischen Gesichtspunkten durchaus zu begrüßen sei. Man müsste keine Welpen in Massenzuchttierhaltungen töten und auch keine Tiere aussetzen, wenn der Besitzer keine Lust mehr darauf hat – die Maschine kann man einfach abschalten. Und der Mensch müsste auch keine Tiere mehr als Spionage-, Spür- und Waffentiere im Krieg einsetzen (wobei zu diskutieren wäre, ob Krieg überhaupt ethisch sein kann).

Dabei hat die Ethikdebatte noch einen weiteren interessanten Dreh – der Komplex des Tierschutzes lässt sich aus Sicht mancher Verfechter dazu heranziehen, um auch Rechte für Roboter abzuleiten. Wenn schon für Hasso und Bello ein Mindestmaß an Schutz gilt, dann auch für Aibo und Jibo. Schließlich sind aus rechtlicher Sicht beides Sachen, und für beides empfinden wir Empathie.

Die Frage, ob es erquickend ist, einen vom Band bellenden Roboter in seinem Vorgarten herumspringen zu sehen, muss jeder für sich selbst beantworten. Fakt ist, dass Roboter – vom Industrieroboter über soziale Roboter in Pflegeheimen bis hin zu Tierrobotern – eine zunehmend wichtige Rolle in unserer Gesellschaft spielen werden.

27/2017

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 27/2017

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