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Storks Spezialfutter: Erst kommt das Fresschen, dann die Moral?

Ein Hundeleben belastet das Klima wie ein Dutzend Flugreisen. Trotzdem ist der Kauf unter gewissen Umständen vertretbar, findet, nicht ganz uneigennützig, unser Kolumnist Ralf Stork.
Bin ich überhaupt vertretbar?Laden...

Wenn man es vorher gewusst hätte – das mit dem Coronavirus, den Lockdowns und sämtlichen Begleiterscheinungen –, man hätte handeln können. Ein spontanes Investment in Hundeaktien oder einen Katzenfonds, eine kleine Beteiligung an einer Zootierhandlung, der Einstieg bei einem Hersteller von Leckerlis. Man hätte sehr reich werden können. Weil alle so viel Zeit zu Hause im Homeoffice verbringen und sich in diesen schwierigen Tagen einen Seelentröster an ihrer Seite wünschen, steigt die Nachfrage nach Haustieren, und die Preise ziehen an. Für manche Hundewelpen werden Preise bis zu 4000 Euro aufgerufen! Ich weiß das so genau, weil wir in der Familie auch überlegen, uns einen Hund zu kaufen.

Wenn ich in einem Debattierwettbewerb für die Anschaffung eines Hundes argumentieren sollte, würde ich Folgendes sagen: Jedes Haustier, aber insbesondere der Hund mit seinem ausgeprägten Kommunikationsverhalten, ist gut für Kinder, weil es sie lehrt, Verantwortung zu übernehmen und auf die Bedürfnisse anderer zu achten. Ein eigener Hund ist der Türöffner zur belebten Welt. Der beste Freund des Menschen wird gleichsam zum Anwalt aller anderen Arten. Allein schon, weil man durchs viele Gassigehen viel häufiger draußen ist und ein ganz anderes Verständnis für die Natur entwickelt. Klarer Fall. Von der Anschaffung eines einzelnen Hundes profitiert also im Grunde genommen die ganze Welt.

Okay, wenn man sucht, finden sich auch ein paar Gründe, die vielleicht gegen einen Hund sprechen: Mit dem Geld, das man in einen Hund und seinen Unterhalt steckt, könnte man natürlich ebenso soziale Projekte fördern. Gerade in der Stadt schädigt der viele Hundeurin die Straßenbäume. Und kann man als Vegetarier die Ernährungsgewohnheiten der Caniden überhaupt gutheißen? Das Problem mit dem Fleisch führt direkt zum Problem mit dem Klima. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des Fachgebiets »Sustainable Engineering« der Technischen Universität Berlin haben in einer Studie den ökologischen Pfotenabdruck eines mittelgroßen Hundes untersucht und dabei festgestellt, dass der eine ordentliche Größe hat: Etwa 8,2 Tonnen CO2-Äquivalente stößt ein 15 Kilogramm schwerer Hund im Laufe von 13 Lebensjahren aus. Das entspricht 13 Flugreisen nach Barcelona und zurück oder fast der Menge, die bei der Produktion eines Luxusautos anfällt, veranschaulicht das Wissenschaftlerteam in einer Mitteilung. Dazu kommen an Umweltbelastungen noch etwa eine Tonne Kot und 2000 Liter Urin. Besonders klimafreundlich ist so ein Hund also nicht unbedingt.

Was sagt die Moralphilosophie?

Kann es da moralisch überhaupt vertretbar sein, sich einen Vierbeiner ins Haus zu holen, regelmäßig in den Urlaub zu fliegen oder ein schweres Auto zu fahren? Die Philosophin Anna Luisa Lippold hat sich in ihrer Dissertation über den Klimawandel und die Individualmoral mit dem Thema beschäftigt und landet als Antwort zunächst bei einem Jein: Da der Beitrag jedes Einzelnen den Klimawandel weder verursacht noch ihn aufhält, sieht sie die moralische Pflicht nicht in erster Linie und vor allem nicht ausschließlich in der Verringerung des CO2-Ausstoßes des Individuums. »So betrachtet darf man mit dem Flugzeug in den Urlaub reisen«, sagt sie im Gespräch mit dem Wissenschaftsmagazin der Ruhruniversität Bochum.

Der Welt steht ein Umbruch bevor – ob die Menschheit will oder nicht: Die Landwirtschaft muss nachhaltig und fit für den Klimawandel werden, gleichzeitig gilt es, eine wachsende Weltbevölkerung mit wachsenden Ansprüchen zu versorgen. Was bedeutet das für unsere eigenen Ansprüche? Und was für Umwelt und die Lebewesen darin?
In »Storks Spezialfutter« geht der Umweltjournalist Ralf Stork diesen Fragen einmal im Monat auf den Grund.

Trotzdem gebe es auch die moralische Pflicht, die Rechte der zukünftigen Generationen zu wahren. Danach müssen wir also doch alles tun, um die Auswirkungen des Klimawandels so gering wie möglich zu halten. Konkret sieht Lippold eine individuelle Pflicht, das kollektive Handeln voranzubringen, etwa durch das Organisieren von Demonstrationen, die Unterstützung von Parteien, die sich für den Klimaschutz einsetzen, und auch durch das Einwirken auf das eigene soziale Umfeld.

Wenn man aber nun die Pflicht zum Handeln ernst nimmt, macht man sich unglaubwürdig, wenn man im dicken Auto vorfährt oder eine Kreuzfahrt bucht. »Man sollte nicht Wasser predigen und Wein trinken. Deswegen sehe ich – wenn auch eindeutig nachgelagert – auch die Pflicht, sich selbst zu beschränken«, sagt Anna Luisa Lippold.

Damit sieht es für einen Hund erst mal nicht so gut aus. Aber nicht unmöglich, wenn der ökologische Fußabdruck des Hundes an anderer Stelle aufgefangen würde.

Die Rechnung geht nicht auf

2018 lag der Pro-Kopf-Verbrauch an CO2-Äquivalenten in Deutschland bei 10,4 Tonnen. Bis 2050 soll der Verbrauch auf etwa eine Tonne pro Einwohner reduziert werden! Wie das gelingen soll, kann man anhand von CO2-Verbrauchsrechnern realitätsnah durchspielen. Ein Verzicht auf Flugreisen, eine vorwiegend vegetarische und regionale Ernährung, der Bezug von Ökostrom und der Verzicht auf vermeidbare Autofahrten können die eigene Bilanz erheblich verbessern. Wenn man an ein paar Stellschrauben dreht, könnte man sich einen Hund also klimatechnisch »leisten«. Die bewusste Auseinandersetzung mit dem eigenen CO2-Verbrauch ist schon ohne Haustierwunsch unerlässlich. Zur moralischen Pflicht des Handelns gehört eben, sich das Ausmaß des Problems und die eigene Verantwortung dafür genau bewusst zu machen.

Wenn man die Sache richtig zu Ende denkt, geht leider auch die Hunderechnung nicht auf: Falls durch ein paar Einschränkungen der persönliche CO2-Verbrauch so weit gesenkt werden kann, dass er nach Kauf eines Hundes nicht steigt, ist nichts gewonnen. Wir brauchen ja eine dramatische Reduzierung des Wertes! Das zu schaffen, wird durch ein großes Haustier oder eine andere große Begehrlichkeit, die wir uns unbedingt leisten wollen, erheblich erschwert.

Wahrscheinlich müssen wir akzeptieren, dass das Begehren zur menschlichen Natur gehört. Das heißt trotzdem nicht, dass wir uns jeden Wunsch sofort erfüllen müssen, nur weil wir uns das leisten können. Im Gegenteil. Der Wert des sehnlich Erwünschten steigt mit den »Entbehrungen«, die mit dem Erwerb verbunden sind. Ein Fahrrad wurde früher inbrünstig geputzt und gepflegt, geschützt und gehegt, weil man vielleicht jahrelang darauf gespart hatte. Wenn man sich in Zeiten des Klimawandels einen Herzenswunsch erfüllt, dann muss er mehr kosten als nur ein paar Scheine. Die Anschaffung eines Familienhundes wäre für mich vertretbar, wenn sie einhergeht mit einem nachhaltigen klimafreundlicheren Lebenswandel. Bei meiner Familie und mir ist die Frage mit dem Hund tatsächlich immer noch offen. Wenn, dann kommt er nur, wenn wir unser Konsumverhalten noch mehr Richtung vegan und bio verschieben. Das wäre für mich dann moralisch vertretbar. Wie man die Anschaffung eines fetten SUV verargumentieren könnte, bleibt mir allerdings ein Rätsel.

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