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Storks Spezialfutter: Lieber Insekten essen?

Insekten gelten als Nahrungsmittel der Zukunft. Dass sie es bei uns auf dem Markt immer noch so schwer haben, liegt nicht nur an den hohen Preisen, sondern auch an unserer erlernten kulturellen Abscheu. Die gute Nachricht: Wir können diesen Ekel überwinden.
Heuschrecken - sie bereichern zunehmend die KücheLaden...

Vor wenigen Wochen im März 2019 war ich auf dem Weg zu einer Veranstaltung, vor der ich mindestens genauso viel Angst hatte, wie ich mich darauf freute: Es war ein Kochkurs, bei dem jedes einzelne Gericht mit Insekten zubereitet wird. Dass man Gemüsestreifen in einen Teig aus Grillenmehl einbacken oder gesüßte Buffalo-Würmer als Dessert servieren kann, finde ich grundsätzlich nicht schlecht. Allein schon, weil wir dringend Alternativen brauchen für all das Fleisch, das wir in allen Ecken der Welt für uns produzieren lassen. Weil es toll wäre, wenn wir den ganzen Transport- und Flächenverbrauchswahn sein lassen würden, weil wir gute, saubere Eiweißquellen direkt vor der Haustür nutzen. Die Vorstellung aber, dass ich selbst die Heuschrecken und Würmer am Ende tatsächlich auch essen sollte, bereitete mir schon Unwohlsein.

Aber warum? Wenn ich am Meer bin, bestelle ich gerne Muscheln. Ich habe schon Weinbergschnecken, Tintenfische, Krabben und rohen Fisch in Algenblättern gegessen. Alles Sachen, bei denen ich erst lernen musste, sie lecker zu finden. Denn sehen gepulte Krabben nicht eigentlich aus wie kleine Engerlinge – und Fangarme von Tintenfischen wie die Gliedmaßen eines Aliens? Und ist es nicht merkwürdig, dass viele Leute viel Geld dafür bezahlen, glitschige Austern lebend zu zerkauen und runterzuschlürfen? Warum finden wir dann Würmer und Heuschrecken ekelig?

Bei den Dingen, die wir essen, geht es nicht nur um Geschmack, Kalorien und Inhaltsstoffe. Nahrungsmittel können mit Bedeutung vollgesogen sein wie ein Schwamm, können auf unseren sozialen Status und unsere kulturelle Zugehörigkeit verweisen. Man ist, was man isst: Pferdefleisch ist bei uns auch deshalb verpönt, weil es früher nur gegessen hat, wer sich kein »anständiges« Stück Fleisch leisten konnte. Es riecht nach Armut und ist deshalb vermeintlich ekelig – weil in unserer Wohlstandsgesellschaft die Pferde als Haus- und Streicheltiere emotional ganz dicht an uns herangerückt sind, ist der Verzehr ihres Fleisches heute ebenfalls unvorstellbar.

Auch bei den Insekten wirkt das Armutsstigma. Bis vor etwa 100 Jahren war Maikäfersuppe in manchen Gegenden Deutschlands noch als Arme-Leute-Essen verbreitet. Erschwerend kommt hinzu, dass sie auf die vorbäuerliche, unzivilisierte menschliche Frühzeit verweisen, auf Jäger und Sammler, die beim Essen nicht besonders wählerisch sein konnten. Diese Sichtweise bleibt auch von dem Wissen unerschüttert, dass heute rund zwei Milliarden Menschen vor allem in Asien, Afrika, Mittel- und Südamerika ganz alltäglich Insekten essen.

Im Kochstudio begann Kursleiterin Nicole Sartirani dann mit der praktischen Umsetzung der Insektenküche: In vier großen Metallschüsseln standen wie selbstverständlich Heuschrecken, Grillen, Mehl- und Buffalo-Würmer auf dem Tisch. In dieser Umgebung, mit all den anderen neugierigen Kursteilnehmern war es plötzlich fast normal, dass die Insekten nicht wie in einer Mutprobe bloß möglichst schnell runtergewürgt, sondern ausgiebig gekostet werden. Die Konsistenz war immer gleich: knusprig, ähnlich wie Kartoffelchips. Das liegt daran, dass alle Insekten, die auf den Markt kommen, gefriergetrocknet werden. Auch der Geschmack ist ähnlich: nussig, ein bisschen ölig manchmal, nicht besonders intensiv, gar nicht mal so schlecht.

Die Kursleiterin schwärmte davon, wie Heuschrecken mit Kokosfett, Chili und Koriander ein ganz besonderes Aroma entfalten. Damit machte sie intuitiv genau das Richtige, um die Akzeptanz von Insekten als Nahrungsmittel zu steigern: Wissenschaftler in Köln haben in einer Studie untersucht, wie wir unseren angelernten Ekel vor den Krabbeltieren am leichtesten überwinden können. Den Teilnehmern wurde unterschiedliche Werbung für den Verzehr von Insekten vorgelegt. Diejenigen, die zuvor gelesen hatten, wie delikat, besonders oder angesagt eine Insektenpraline ist, waren anschließend viel eher bereit, die Mehlwürmer in Schokolade tatsächlich auch zu probieren, als diejenigen, die nur von den Vorzügen des Insektenverzehrs für die Gesundheit und die Umwelt allgemein gelesen hatten.

Bis sich Insekten in Deutschland als normale Alternative zu Fleisch durchsetzen werden, dauert es aber wohl noch eine Weile. Die Avantgarde der Insektenesser ist noch ziemlich überschaubar. Das hat auch mit dem Preis zu tun: Ein Kilogramm Trockeninsekten ist für 100 bis 300 Euro zu haben. Denn noch gibt es in Europa ein Monopol mit nur wenigen großen Produzenten. Für den Preis würden sich viele wahrscheinlich lieber ein zartes Filetstück vom Wagyu-Rind einverleiben. Immerhin gibt es seit 2018 einen (tiefgekühlten) Insektenburger, der auch ganz unverblümt mit seinen Zutaten wirbt.

In der Geschichte war es immer wieder so, dass die Europäer großen Teilen der Welt ihren Geschmack aufdrückten: Als die Spanier Südamerika eroberten, brachten sie bald auch die ersten Rinder und Schweine mit. Die Kolonialherren sollten gutes spanisches Essen essen – auf keinen Fall aber Meerschweinchen oder andere Nahrungsmittel der Ureinwohner. Sonst, so die Befürchtung, könnten sie ihre – vermeintliche – Überlegenheit einbüßen.

Die Rinder vermehrten sich prächtig und verursachten nebenbei einige Hungersnöte, weil sie die Mais- und Bohnenpflanzen der Ureinwohner auffraßen oder niedertrampelten. So begann Südamerikas Aufstieg zum wichtigen Rindfleischproduzenten – Abholzung des Regenwaldes und andere negative Auswirkungen inklusive. Unter ökologischen und auch sozialen Gesichtspunkten wäre die Zucht von Meerschweinchen deutlich besser gewesen, weil sie weniger Ressourcen verbrauchen und sogar in der Wohnung oder im Hinterhof gezüchtet werden können.

Gleiches gilt für Insekten. Allein die Möglichkeit, überall Mikrofarmen für Insekten errichten zu können, setzt der nach wie vor gültigen Praxis, dass weltweit riesige Flächen für die landwirtschaftliche Produktion nach westlichem Gusto reserviert sind, eine schlüssige Alternative entgegen.

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