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Lobes Digitalfabrik: Eine Briefmarke für die Mail

Neuerdings gibt es bei der Deutschen Post mobile Briefmarken für Briefe. Braucht es auch ein Porto für E-Mails? Es könnte die elektronische Kommunikation grüner machen.
Ein Briefkasten im GrünenLaden...

Im Jahr 1972 schickte der Programmierer Ray Tomlinson die erste E-Mail (damals noch über das ARPANET, den Vorgänger des Internets). Seitdem ist daraus ein kommunikatives Massenphänomen geworden. 300 Milliarden Mails werden pro Tag verschickt, gut die Hälfte davon ist Spam. Und auch die andere Hälfte wird nicht unbedingt mit Freude gelesen oder gar beantwortet. Schon nach ein paar Tagen Abwesenheit quillt das Postfach über vor nicht enden wollenden Kommunikationsketten nach dem Muster »Re: AW: Re: AW: Re: AW«, in denen dutzende Adressaten in CC gesetzt werden.

Mails sind nicht nur Produktivitäts-, sondern auch Klimakiller. Aktuelle Daten zum CO2-Fußabdruck der elektronischen Post sind schwer zu bekommen. Eine gemeinsame Studie von McAfee und Klimaforschern des Beratungsinstituts ICF International kam 2008 jedenfalls zu dem Ergebnis, dass die jährlich weltweit für Spam verbrauchte Energie 33 Milliarden Kilowattstunden beträgt. Das entspreche dem Stromverbrauch von 2,4 Millionen Haushalten in den USA. Als in jenem Jahr der für Junk-Mails berüchtigte Web-Host-Provider McColo vom Netz ging, sank das Spamaufkommen auf einen Schlag um 70 Prozent. Das bekam auch das Klima zu spüren: Der Ausfall sei vergleichbar gewesen mit der Stilllegung von 2,2 Millionen Pkw.

»Spektrum«-Kolumnist Adrian Lobe kommentiert den digitalen Wandel. Wie gehen wir um mit fortschreitender Digitalisierung? Wie mit Bots und Meinungsmaschinen? Und welche Trends dominieren die Gesellschaft in Zukunft?
Alle Folgen von »Lobes Digitalfabrik« finden Sie hier.

Seitdem haben sich Energieeffizienz und Klimabilanz der Rechenzentren zwar verbessert, das Problem besteht jedoch weiterhin. Vor allem in Gestalt der unzähligen ungelöschten Mails, die auf den Servern in Rechenzentren herumdümpeln. Wer mal seinen eigenen Papierkorb anschaut, weiß, wie viel digitaler Müll in elektronischen Postfächern herumliegt. Das Löschen alter Mails könnte also durchaus auch einen Beitrag zum Klimaschutz leisten, zeigen überschlägige Rechnungen.

Ein anderer Weg, der digitalen Verschmutzung Einhalt zu gebieten, wäre eine Bepreisung von Mails nach dem Vorbild der Post. Wenn man einen Brief zur Post bringt, ist es ganz normal, dass man dafür Porto bezahlt. Seit Februar kann man bei der Deutschen Post Briefe auch mit einer »mobilen Briefmarke« frankieren, einem Code, den man per App geschickt bekommt und einfach auf den Umschlag schreibt. Und für SMS bezahlte man auch, bevor es Flatrates gab. Nicht so bei den Mails. Die waren immer gratis.

Ein Porto für E-Mails könnte Spam und CO2 reduzieren

Das ließe sich freilich ändern. Angenommen, jede Mail würde künftig einen Cent kosten. Dann kämen beim derzeitigen Volumen jeden Tag knapp drei Milliarden Dollar zusammen. Das Geld könnte in einen globalen Fonds fließen, um den Breitbandausbau in Schwellen- und Entwicklungsländern voranzutreiben. Noch immer ist gut die Hälfte der Weltbevölkerung ohne Internetanschluss. Hinzu kommt: Spammer würden weniger Postfächer zumüllen, die CO2-Emissionen würden sinken.

Die Idee eines digitalen Portos ist nicht neu. 2004 sagte Microsoft-Gründer Bill Gates auf dem Weltwirtschaftsgipfel in Davos, dass eine E-Mail-Gebühr das Geschäftsmodell der Spammer trockenlegen würde. »In zwei Jahren wird das Spamproblem gelöst sein«, prognostizierte er – und lag bekanntlich komplett daneben.

2006 wollten die E-Mail-Provider Yahoo und AOL eine virtuelle Briefmarke im Wert von einem Vierteldollar einführen. Elektronische Post, die mit einer solchen Briefmarke »frankiert« würde, würde direkt in die Mailbox des Empfängers zugestellt. Gratismails wären weiter möglich gewesen, hätten jedoch die algorithmischen Schleusen der Spamfilter passieren müssen. Time Warner, das Mutterunternehmen von Yahoo, erhoffte sich davon Einnahmen zwischen 250 und 350 Millionen Dollar pro Jahr. Doch das Management änderte seine Strategie: Statt eines digitalen Portos führte es eine Reihe kostenloser, werbefinanzierter Dienste ein. Das Konzept einer virtuellen Briefmarke war damit erstmal vom Tisch.

Trotzdem sollte man die Idee nicht einfach so verwerfen. Ein digitales Porto böte nämlich die Chance, das überwachungskapitalistische Geschäftsmodell der Digitalwirtschaft zu reformieren. Denn natürlich sind Mails nur vordergründig kostenlos. Wer einen Gmail-Account nutzt, zahlt den Dienst mit seinen Daten. Der Internetkritiker Evgeny Morozov hat Google einmal mit einem digitalen Postamt verglichen: Statt einen Brief mit Briefmarken zu frankieren und dafür zu bezahlen, überträgt man das Geschäft des Post- und Fernmeldewesens einem Werberiesen, der computerisiert Briefe öffnet, ihnen personalisierte Reklame beilegt und im Gegenzug kostenlos verschickt. Wäre man bereit, für mehr Privatsphäre einen Cent pro Mail zu bezahlen? Eine Überlegung ist es wert. Wenn E-Mails kostenpflichtig würden, könnte man nicht nur die Postfächer, sondern auch den Planeten sauber halten.

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